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Versuch über den SchmerzSchmerz macht uns wach. Gewohnheit schläfert ein. UnsereGesellschaft versucht uns zu konformen Gliedern zu machen. Wirsollen arbeiten, essen, schlafen, konsumieren. So werden vieleunterschiedliche Intentionen und Bestrebungen zu einemharmonischen Strom von Handlungen geformt. Diesen Zwängenfreiwillig zuzustimmen nennt man Reife. Es ist das, was vonErwachsenen gefordert wird, und als Belohnung wird Glückversprochen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer einmal Teil dieserErwachsenenwelt geworden ist, erschlafft innerlich, er hört auf nachHöherem zu streben und prostituiert sich für die Ziele, die man ihmals seine eigenen untergejubelt hat.Doch es gibt auch die, die sich verweigern, die festhalten an ihreminneren Kind, die sich weigern groß zu werden. Wenn sie genug Talent haben, können sie Künstler werden, die stellvertretend fürden Rest der Gesellschaft nach Authentizität und Unwillkürlichkeitstreben. Dafür werden sie vom Rest entlohnt, doch nur, wenn siediesem Kompromiss nicht zu brutal widersprechen. Die Gesellschaftmöchte sich bestätigt fühlen. Der Künstler soll ihr vermitteln, dasses nötig ist, nach Höherem zu streben, aber nicht für die breiteMasse, den Durchschnittsbürger. Dadurch wird sie entlastet, indemletztendlich eine Arbeitsteilung stattfindet. Der Bürger verdrängtseine eigenen Leidenschaften und Urängste, erwirtschaftet seinAuskommen, und mit einem kleinen Teil dieses Auskommensbezahlt er dafür, ein Teil des Prozesses eines anderen zu werden,der die Fragen stellt, die zu stellen die meisten nicht wagen unddoch nur von jedem selbst gestellt werden können. Wenn derKünstler diesem Kompromiss zustimmt, bestätigt er dieGesellschaftsordnung, die seine eigene Suche nach Erkenntnisunterminiert, weil sie die Antwort mit der Frage vertauscht, um amEnde ganz zu verstummen.In dieser Erwachsenenwelt ist alles darauf angelegt, Schmerz zuvermeiden. Wer einmal sein sicheres Auskommen gefunden hat,gewöhnt sich schnell an seine kleinen Freuden. Der Rotwein amAbend wird dann zum schalen Ritual der Selbstbeweihräucherung,fern von wirklichem Genuss und doch wichtig für das Selbstbild. Sichund andere spüren zu lassen, dass man etwas geschafft hat, wirddann immer anstrengender, doch all die Qual muss sich schließlichgelohnt haben, die Mühen des Studiums, die Entbehrungen derersten Karriereschritte. All das hat man geschafft, weil man sofleißig war, weil man härter gearbeitet hat als die anderen. Nun istes Zeit für die Belohung, und diese führt zur Betäubung, Tag für Tag.Doch nur der Schmerz zeigt uns, wer wir sind und führt uns denWeg zur Wahrheit. Wir müssen um unser Leben kämpfen, um zu uns
 
selbst zu finden, und manchmal müssen wir gewaltsamabschneiden, was uns zu leicht sättigt, was uns Inhalt zu gebenverspricht und doch nicht erfüllt. Wir sind nicht unser Tun. DieseWahrheit ist so trivial und doch so schwer zu begreifen. Wir müssenuns völlig von uns selbst entäußern, um geboren zu werden. Nichtsan uns darf uns etwas wert sein, nicht unsere Erkenntnis, aber auchnicht unser Verzicht darauf, nicht der Gehorsam oder der Mut zurRebellion, nicht die Bescheidenheit oder das Selbstbewusstsein.Wann immer wir glauben, durch unser eigenes Tun näher ans Lichtzu kommen, geraten wir in tiefe Verwirrung und verstricken uns in Täuschung und Selbstbetrug. Diese Täuschung kann auch eintreten,wenn wir eifrig für unser persönliches Glaubenssystem kämpfen. Wirglauben, auf unseren eigenen Weg zu verzichten und einen Höherenzu gehen, und schon machen wir den Weg zu unserem Eigenen, zuunserer Leistung und verpassen den Kern. So können wir glauben,Gott zu dienen und dienen doch nur uns selbst, oder einer Gruppevon Menschen, oder einem System von Lehren. Nur wirklicheErlösung kann uns befreien, Erlösung von unserer Sicherheit undSelbstzufriedenheit. Wir müssen in den Abgrund schauen, freiwilligund ausdauernd, immer wieder an die Klippe treten und versuchen,auf den Grund zu blicken. Das ist gefährlich, und manch einerzerschellt an den Felsen. Aber viel schlimmer ist es, das Meer nie zusehen und die zu verhöhnen, die es suchen. Dieser Mensch istwirklich verloren, und weiß es nicht.Schmerz ist Hunger, Hunger nach Erlösung, nach dem Absoluten,nach der vollkommenen Transzendenz. Der Hunger wird zumVerlangen, wenn wir zulassen, dass er unseren Alltag durcheinanderbringt, uns aufrüttelt und unsere Selbstgewissheit zertrümmert.Wenn unser Verlangen uns durchströmt wie klares Wasser, spült esden Staub unserer Gewohnheiten und Kompromisse hinweg,unserer falschen Gewissheiten und Halbwahrheiten. Dann erwachenunsere Sinne und wir erkennen, dass wir Menschen sind, Menschen,die zu Höherem berufen sind, Menschen mit einer Ahnung derEwigkeit. „Auferstehen, ja auferstehen wirst du mein Staub nachkurzer Ruh! Unsterblich Leben! Unsterblich Leben wird der dich rief,dir geben.“ So schreibt Klopstock, so vertont es Mahler. „Wiederaufzublühn, wirst du gesät! Der Herr der Ernte geht und sammeltGarben uns ein, die starben!“ Wann immer wir einen Lebenshauchempfangen, wird unser Schmerz klarer und tiefer, weil wir spüren,dass wir nicht in unserer Bestimmung leben. Die Welt ist im Argen,der Mensch tief entfremdet von seinem Ursprung und Gott schweigt.Er schweigt. Ich höre den Widerspruch derer, die sicher sind, dass erspricht. Doch ist es wirklich seine Stimme? Ist es nicht vielmehrunsere Stimme? Erzeugen wir unsere Gotteserfahrungen nichthäufig selbst, getrieben von unseren Wünschen und Vorstellungenüber ihn? Ich sage nicht, dass er uns nicht begegnen kann und will,doch ich möchte sicher sein, dass er es ist, der zu mir spricht, nichtein Produkt meiner religiösen Sozialisation. Ein tiefes
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