selbst zu finden, und manchmal müssen wir gewaltsamabschneiden, was uns zu leicht sättigt, was uns Inhalt zu gebenverspricht und doch nicht erfüllt. Wir sind nicht unser Tun. DieseWahrheit ist so trivial und doch so schwer zu begreifen. Wir müssenuns völlig von uns selbst entäußern, um geboren zu werden. Nichtsan uns darf uns etwas wert sein, nicht unsere Erkenntnis, aber auchnicht unser Verzicht darauf, nicht der Gehorsam oder der Mut zurRebellion, nicht die Bescheidenheit oder das Selbstbewusstsein.Wann immer wir glauben, durch unser eigenes Tun näher ans Lichtzu kommen, geraten wir in tiefe Verwirrung und verstricken uns in Täuschung und Selbstbetrug. Diese Täuschung kann auch eintreten,wenn wir eifrig für unser persönliches Glaubenssystem kämpfen. Wirglauben, auf unseren eigenen Weg zu verzichten und einen Höherenzu gehen, und schon machen wir den Weg zu unserem Eigenen, zuunserer Leistung und verpassen den Kern. So können wir glauben,Gott zu dienen und dienen doch nur uns selbst, oder einer Gruppevon Menschen, oder einem System von Lehren. Nur wirklicheErlösung kann uns befreien, Erlösung von unserer Sicherheit undSelbstzufriedenheit. Wir müssen in den Abgrund schauen, freiwilligund ausdauernd, immer wieder an die Klippe treten und versuchen,auf den Grund zu blicken. Das ist gefährlich, und manch einerzerschellt an den Felsen. Aber viel schlimmer ist es, das Meer nie zusehen und die zu verhöhnen, die es suchen. Dieser Mensch istwirklich verloren, und weiß es nicht.Schmerz ist Hunger, Hunger nach Erlösung, nach dem Absoluten,nach der vollkommenen Transzendenz. Der Hunger wird zumVerlangen, wenn wir zulassen, dass er unseren Alltag durcheinanderbringt, uns aufrüttelt und unsere Selbstgewissheit zertrümmert.Wenn unser Verlangen uns durchströmt wie klares Wasser, spült esden Staub unserer Gewohnheiten und Kompromisse hinweg,unserer falschen Gewissheiten und Halbwahrheiten. Dann erwachenunsere Sinne und wir erkennen, dass wir Menschen sind, Menschen,die zu Höherem berufen sind, Menschen mit einer Ahnung derEwigkeit. „Auferstehen, ja auferstehen wirst du mein Staub nachkurzer Ruh! Unsterblich Leben! Unsterblich Leben wird der dich rief,dir geben.“ So schreibt Klopstock, so vertont es Mahler. „Wiederaufzublühn, wirst du gesät! Der Herr der Ernte geht und sammeltGarben uns ein, die starben!“ Wann immer wir einen Lebenshauchempfangen, wird unser Schmerz klarer und tiefer, weil wir spüren,dass wir nicht in unserer Bestimmung leben. Die Welt ist im Argen,der Mensch tief entfremdet von seinem Ursprung und Gott schweigt.Er schweigt. Ich höre den Widerspruch derer, die sicher sind, dass erspricht. Doch ist es wirklich seine Stimme? Ist es nicht vielmehrunsere Stimme? Erzeugen wir unsere Gotteserfahrungen nichthäufig selbst, getrieben von unseren Wünschen und Vorstellungenüber ihn? Ich sage nicht, dass er uns nicht begegnen kann und will,doch ich möchte sicher sein, dass er es ist, der zu mir spricht, nichtein Produkt meiner religiösen Sozialisation. Ein tiefes
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