Rossini als Stellvertreter der italienischen Oper wird Unfähigkeit zur musikalischen Tiefe oder gedanklichen Strukur vorgeworfen, Beethoven als Vertreter der deutschen Musik ein Mangel anLeichtigkeit und Genuß.Eine symbolische Kulmination erfuhr diese Debatte im Jahr 1882, als Rossini Beethoven in Wien besuchte. Wagner schreibt von
„jenem Tage, als der von Europa vergötterte, im üppigsten Schooßedes Luxus dahinlächelnde Rossini es für geziemend hielt, dem weltscheuen, bei sich versteckten,mürrischen, für halbverrückt gehaltenen Beethoven einen – Ehrenbesuch abzustatten, den dieser – nicht erwiderte. Was mochte wohl das lüstern schweifende Auge des wollüstigen Sohnes Italia’s gewahren, als es in den unheimlichen Glanz des schmerzlich gebrochenen, sehnsuchtsiechen – und doch todesmuthigen Blickes seines unbegreiflichen Gegners unwillkürlich sich versenkte? Schüttelte sich ihm das furchtbar wilde Kopfhaar des Medusenhauptes, das Niemand erschaute, ohne zu sterben? – So viel ist gewiss, mit Rossini starb die Oper.“ (Wagner, Gesammelte Schriften und Dichtungen, III, S.255)
Dabei bekommt das Bild des Schmetterlings bald einen pejorativenBeigeschmack als flattender Schmetterling, dem kein bleibender Erinnerungswert beschieden sei.Als Pendant zum Schmetterling wurde auch das Bild der Lerche benutzt, mit dessen Hilfe Hegel denitalienischen Stil hinsichtlich einer Priorität des Melodischen charakterisiert:„
Wie der Vogel in den Zweigen, die Lerche in der Luft heiter, rührend singt, um zu singen, als reine Naturproduktion, ohne weiteren Zweck und bestimmten Inhalt, so ist es mit dem menschlichen Gesang und dem Melodischen des Ausdrucks. Daher geht auch die italienische Musik, in welcher dies Prinzipinsbesondere vorwaltet, ... häufig in das melodische Klingen als solches über ... weil sie eben auf denGenuß der Kunst als Kunst, auf den Wohllaut der Seele in ihrer Selbstbefriedigung geht. Mehr oder weniger ist dies aber der Charakter des recht eigentlichen Melodischen überhaupt“
. (Hegel, Ästhetik II, S.309)Hegel sieht eine prinzipielle Priorität des Melodischen, sein Anschauungsmodell dafür ist Rossini. Er verbindet dies mit der Vorstellung einer „unbefangenen Selbstzweckhaftigkeit“ (zit. nach Sponheuer,Musik als Kunst und Nicht-Kunst, S.16), mit dem Genuß der Kunst als Kunst, vergleichbar der vonkeinem Zweifel getrübten Selbstverständlichkeit, mit der ein Schmetterling oder eine Blume ihr Rechtauf Existenz in Anspruch nehmen.Viele Zeitgenossen nehmen eine weniger wohlwollende Position als Hegel ein. Franz Liszt bescheinigt dem italienischen Publikum, es wolle
„den Gesang der Lerche und nicht den Schrei des Adlers“
(Liszt, GS II, S.187). Goethe konstatiert, „
Melodien, Gänge und Läufe ohne Worte und Sinn scheinen mir Schmetterlingen oder schönen bunten Vögeln ähnlich zu sein, die in der Luft vor unseren Augen herumschweben“
(aus Wilhelm Meisters Lehrjahren).2) Programmmusik vs. absolute Musik
„Die Sprache des gesungenen Drama’s hatte damals das Verdienst, vollkommen homogen zu sein; -da sie aber zugleich das Unglück hatte, vollkommen
unwahr
zu sein, so war jene Kontinuität des Rezitativ’s nur eine fortdauernde Langeweile der unerträglichsten Art.“„Von Tag zu Tag gewinnen die Arien dem Recitativ mehr Boden ab; fortan sind sie das Einzige, wasman in der Oper hören will; doch das Recitativ, ob immer es auch die, durch die lyrischen Momenteherbeigeführten Auflösungen stätiger Fortdauer zu erleiden hat, verschanzt sich in die Handlung wiein eine uneinnehmbare Festung.“„Da endlich tritt Mozart auf, der das Axiom umkehrt, der die Ausnahme zur Regel macht und uns, alseine praktische Veranschaulichung dieser neuen Lehre zuvörderst Figaro’s Hochzeit und darauf Don Juan giebt. Also wurde nach zweihundertjährigen Schwankungen und Fehlgriffen das lyrische Drama
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