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50KOMPETENZENTWICKLUNG IN VERNETZTEN KONTEXTEN –HERAUSFORDERUNGEN
 
FÜR
 
DIE
 
BILDUNGSPOLITIK  Anja C. Wagner
FRAGESTELLUNG MIT THESE
Die Welt ist umspannt von digitalen Datennetzen, die alle ökonomischen Aktivitäten in einen internationalen Kontext und Menschen, Personen undPraktiken der verschiedenen Informations-, Produktions- und Distributi-onskanäle in Beziehung setzen. Zugang zu und Umgang mit der digitalenund globalen Facette dieser Entwicklung entscheidet wesentlich mit darü-ber, ob die einzelne Person grundsätzlich zu einer »strukturell relevanten«oder »irrelevanten« Kategorie in der neuen Arbeitsteilung der Netzwerkge-sellschaft (nach Castells 2001) zu zählen ist. Welcher Kompetenzen bedarf es, um zu den »relevanten« Personen zu zählen? Wie arbeitet dieses globaleScharnierwerk? Welche Bedeutung kommt darin der Wissensökonomie zu?Und wo könnte man gesellschaftlich ansetzen, um möglichst vielen Exklu-dierten eine gleichberechtigte Chance zur Teilhabe zu bieten?Die zentrale These, der in diesem Artikel nachgegangen werden soll, lautet:In der Netzwerkgesellschaft ist die Definition des erforderlichen Kompetenz-aufbaus nicht von einer bestimmten, vorzugsweise national begründeten Ziel-setzung abzuleiten, sondern es gilt, die Kompetenz-Potenziale einer bereitsvernetzten Menschheit zu heben. Damit die Bevölkerung selbstbestimmt alssoziales Kollektiv auf globaler Ebene wirken kann, bedarf es eines breiterenZugangs zur Netzwerkgesellschaft, einiger individueller Basis-Fähigkeitenund der sozialen Anerkennung kollektiv erarbeiteter Ergebnisse.
 ARBEITSTEILUNG IN DER NETZWERKGESELLSCHAFT
Der Soziologe Manuell Castells zeichnet in seiner Meta-Analyse zur Netz- werkgesellschaft den Strukturwandel von einer Welt der Entitäten hin zueiner dynamischen Netzwerkstruktur auf. Demnach existieren verschiedeneglobale Netzwerke (Finanzmarkt, Bildungsmarkt, Schattenökonomie etc.)im
space of flows 
, die auf den modernen Kommunikationstechnologien auf-setzen. Bestimmte sozio-kulturelle Mechanismen und Infrastrukturen am
space of places 
entscheiden darüber, welche Personen und Institutionen als
* IN: Gritschke et al. (2011): Erkennen - Bewerten – (Fair-)Handeln.Kompetenzentwicklung im globalen Wandel. Kassel, S. 50-68 (im Druck)
*
 
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aktive Netzwerkknoten in den
space 
 
of 
 
 flows 
einsteigen können (Castells2001). Nach Castells lassen sich drei arbeitsteilige Schichten in der heutigenNetzwerkgesellschaft – neben den Rohstoffanbietern – unterscheiden (vgl.u.a. Stalder 2006: 49):1.
Producers of high value 
, die mittels wissensbasierter Produktion undDienstleistung als Entscheidungsträger an der Quelle für Innovationund Wertbestimmung sitzen.2.
Producers of high-volume 
, die ihre Arbeitskraft nutzen, um Instrukti-onen auszuführen.3.
Redundant producers 
, die austauschbare Arbeiterinnen umfassenund auch Konsumierende, die nicht am offiziellen Markt teilnehmenund ggf. eine systemisch »perverse Koppelung« zur globalen Kriminal-Ökonomie aufbauen
1
.In dieser von Castells beschriebenen internationalen Arbeitsorganisationentlang der neuen räumlichen Flows entscheidet der Zugang zu den globalverbindenden Technologien, ob die Person zu den »strukturell relevanten«oder »irrelevanten« Personen zählt. In diesem »informationellen Paradigmader Arbeit« (Castells 2001: 275) kann sich gewünschten Netzwerken nuranschließen und diese mit gestalten, wer Zugang findet in den
space of  flows 
. Weltweit verteilt sitzen die beteiligten Personen, die in den vernetztenDatenfluss eingreifen, neue Allianzen bilden und die Realwirtschaft amLaufen halten (Farrell; Fenwick 2007a). Selbst in den von der Weltwirtschaftvernachlässigten Weltregionen arbeitet eine kleine Elite, die Zugang zumNetz und damit zur Weltgesellschaft hat. Viele von ihnen sind Absolvierendeder Kaderschmieden der Weltökonomie (Harvard, M.I.T., London Schoolof Economics o.ä.) (Dirlik 2006: 5). Andere nutzen die vorhandenenDatenbahnen in den Internet-Cafés, Hochschulen oder auch BusinessCentern, um sich z.B. als Start-up
2
oder zivilgesellschaftliche Kraft
3
mitglobaler Ausstrahlung aufzubauen – zumeist unter kreativer Ausnutzung derzur sozialen Vernetzung geeigneten mobilen Endgeräte.
1
Neben dem offiziellen Weltwirtschaftssystem hat sich in enger struktureller Verflechtungeine global vernetzte, kriminelle Schattenökonomie informell entwickelt, die von weltwirt-schaftlich ausgeschlossenen Staaten teilweise als einzige Chance für das eigene Überlebengebilligt wird. Es ist eine »perverse Koppelung« zwischen Schattenökonomie und staatlicherHandlungsmacht entstanden (Castells 2003: 175ff.).
2
z.B. http://ushahidi.com/
3
z.B. http://kabissa.org
 
52
Trotz dieser vielfältigen, nationale Grenzen überschreitenden Aktivitäteneinzelner Personen oder Initiativen ist die staatliche Organisation der Welt-gesellschaft auf dem politischen Parkett ein kaum hinterfragtes Paradigma
– 
und dient damit als Grundlage der gängigen bildungspolitischen Diskus-sionen
4
. So sind z.B. die Analysen des World Economic Forums (WEF) einguter Gradmesser für die kulturelle Hegemonie im herrschenden Weltwirt-schaftssystem (Graz 2003). Das WEF, bekannt für seine alljährlichen Tref-fen der Wirtschafts-, Kultur- und Politikelite zur Diskussion der Weltpro-bleme in Davos, ist selbst als Non-Profit-NGO aufgestellt. In seinen Ana-lysen aber konzentriert man sich auf staatliche Akteure, die einem entwick-lungslogischen Weg von einer »factor driven« über eine »efficiency driven«hin zu einer »innovation driven« Ökonomie folgen, um miteinander auf dem Weltmarkt zu konkurrieren (Schwab et.al.. 2009: 21). Dabei entscheidetdas Zusammenspiel zwischen zwölf Säulen der staatlichen Entwicklung
– 
 verteilt über drei Subindizes
– 
über die Wettbewerbsfähigkeit einzelnerNationen (siehe die linke Spalte in Tabelle 1). Je nach Entwicklungsstufe des Staates (2. bis 4. Spalte) ist die vertikaleGewichtung zwischen den Grundvoraussetzungen (
Basic requirements 
),Effizienzverstärkern (
Efficiency enhancers 
) und Innovationsfaktoren(
Innovation
 
and 
 
sophistication
 
 factors 
) unterschiedlich. Nach Ansicht des WEF bauen die drei Subindizes aufeinander auf und definieren mittelsihres Mischungsverhältnisses den Grad der staatlichen Weiterentwicklung.So kommt in der
 factor-driven
Entwicklungsstufe zunächst demnationalstaatlichen Auf- und Ausbau der Grundvoraussetzungen eine sehrgroße Bedeutung zu, auf der erste Effizienzverstärker aufsetzen können/müssen und nur wenige Aktivitäten auf der Innovationsebene gefordert sind.Im Zuge der vom WEF idealtypisch verkürzten Entwicklung eines Staateskommt dem Auf- und Ausbau der Effizienzverstärker und Innovationsfaktoreneine immer größere Bedeutung zu. Entsprechend sind die Bildungsaktivitätenauch auf die neuen Herausforderungen auszurichten, weil Bildung in allenhorizontalen Entwicklungsstufen eine wesentliche, funktionale Rolle spielt.Denn das Ausmaß der Grundbildung, der höheren Bildung und der kreativenInnovationsdynamiken entscheidet mit darüber, auf welchem Rang ein
4
Zwar gerät in den politikwissenschaftlichen Internationalen Beziehungen die klassische(Neo-)Realismus-Theorie, die primär machtpolitische Staaten als Akteure der Weltpolitik an-sieht, zusehends unter Druck seitens verschiedener Theorien, die vielschichtigere Akteurskon-stellationen am Werk sehen (vgl. Meyers 2008; Filzmaier u. a. 2006). Im politischen Alltags-diskurs aber wird die kulturelle Hegemonie weiterhin von einer engen nationalstaatlichenFokussierung dominiert.
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