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--------------------------------Könige der UnterweltHans Schmid 17.01.2009Die Krays - Teil 1Vor vierzig Jahren begann der bis dahin längste und teuerste Prozess derbritischen Kriminalgeschichte. Der Prozess markiert das Ende einer Ära und denBeginn eines Mythos, der seither den britischen Gangsterfilm prägt. Es geht dabeiauch um ein Stück britische Sozialgeschichte.Am Morgen des 7. Januar 1969, kurz vor 9 Uhr, wurden auf der Strecke zwischen demGefängnis in Brixton und dem Gerichtsgebäude Old Bailey plötzlich die Ampeln aufRot geschaltet. Dann raste ein Polizeikonvoi, bestehend aus zwei gepanzertenWagen, mehreren Begleitfahrzeugen mit bis an die Zähne bewaffneten Elitepolizistenund einer Motorradeskorte mit Blaulicht durch die britische Hauptstadt. DieVerantwortlichen hatten zuvor sechs verschiedene Routen ausgearbeitet. Diegewählte Strecke wurde den Fahrern erst mitgeteilt, als sich der Konvoi inBewegung setzte. Solche Sicherheitsvorkehrungen kannte man aus Palermo, wo damalsgerade ein spektakulärer Mafiaprozess endete. Für London waren sie völlig neu. Sostellte sich in dem Moment, in dem eigentlich demonstriert werden sollte, dassRecht und Gesetz die Oberhand über eine Gangsterbande behalten hatten, das Gefühleiner allgemeinen Bedrohung ein. Wenn solche Maßnahmen getroffen werden mussten,um die Sicherheit zu garantieren, war das vor allem eins: beunruhigend.Beim Prozess selbst ging es nicht nur um Schuld und Sühne. Im Court No. 1 des OldBailey, dem berühmtesten Gerichtssaal der Welt, trafen zwei Teile der britischenGesellschaft aufeinander, zwei Kulturen, die zeitweise so wirkten, als kämen sieaus verschiedenen Ländern. Deutlich wurde das bereits durch die Sprache. Dieeinen, die Angeklagten und die Zeugen, sprachen mit dem Akzent der Cockneys; dieanderen, der Richter und die Anwälte, mit dem Akzent der britischen Oberschicht.Im Court No. 1 trafen die Vertreter des Rechts auf eine Welt, über die sie nichtswussten und die sie nicht verstanden. Abgeurteilt wurden zehn Kriminelle, aberauch das alte East End, das im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Bomben schwerbeschädigt worden war und bald, durch die Bulldozer des Thatcherismus, weitgehendausradiert werden würde, so dass es heute nur noch in Romanen und in Filmen, innostalgischen Erinnerungen und in den Anekdoten der Fremdenführer existiert.Leben am Abgrund: Das East EndDas East End gilt als eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der Begriff, "EastEnd", wurde in den 1880ern geprägt, als es bei den Reichen Mode wurde, zumwohligen Gruseln die Slums rund um die Docks zu besuchen. Aber der Osten Londonsexistierte schon lange vorher als ein vom Rest der Metropole getrennter Bereich.Zum Schutz vor Hochwasser bauten die Römer auf dem Gebiet des damaligen LondiniumMauern, die den Westen bevorzugten und den Osten benachteiligten. Das war einebedeutende Kulturleistung und schuf zugleich die dunkle, von denUnterprivilegierten bevölkerte Seite Londons. Die sächsischen Eroberer des fünftenund sechsten Jahrhunderts ließen sich im Westen nieder, die kelto-romanischenVerlierer wurden in den Osten abgedrängt. Bei dieser Einteilung blieb es. DieReichen und Mächtigen wohnten im Westen; die Armen, die auf der Flucht vorreligiöser Verfolgung (französische Hugenotten, osteuropäische Juden) oderHungersnöten (die Iren) nach London gekommen waren, im Osten.Eine wichtige Rolle spielte der entlang der Themse vorherrschende Westwind.Seinetwegen wurde alles, was stank, im Osten angesiedelt: Fabriken, die Farben undLösungsmittel, Dünger, Knochenmehl, Klebstoff, Paraffin oder Streichhölzerherstellten, Schlachthöfe, Gerbereien und Fischzuchtanlagen. Die Fabriken wurden
 
ständig mehr, und auch die Docks, ursprünglich auf das Gebiet zwischen dem Towerund der London Bridge beschränkt, breiteten sich immer weiter aus. Man brauchtebillige Arbeitskräfte, die mit ihren Familien in menschenunwürdige Behausungengepfercht wurden, errichtet in ehemaligen Themsedörfern, von denen imviktorianischen Zeitalter nur noch die Namen übrig waren: Whitechapel, BethnalGreen, Stepney. Das East End - so das allgemeine Gefühl - war topographisch,kulturell, spirituell und ökonomisch vom Rest Londons abgeschnitten. Die wenigenJournalisten und Soziologen, die sich überhaupt für diese Slumgebieteinteressierten, verglichen die Bewohner mit afrikanischen Pygmäen und mitpolynesischen Wilden. Eine sehr eindringliche Beschreibung des Elends gibt JackLondon (Autor von Der Seewolf) in seiner 1902 erschienenen Sozialreportage Peopleof the Abyss.Für die Mittelschicht war das East End ein Albtraum (gleichzeitig lebten vieleder braven Bürger - vom Fabrikbesitzer über den Geschäftsmann zum Slumlord - nichtschlecht von der Ausbeutung des Ostens). Dieser Albtraum war umso bedrohlicher, dader von Jack London geschilderte Abgrund gleich hinter dem Tower begann. Die City,das reichste Finanzzentrum der Welt, lag in unmittelbarer Nähe des ärmsten Teilsder Stadt. Wie schnell Grenzen überwunden werden konnten, zeigte sich in den1860ern, als 20 000 kurz vor dem Verhungern stehende Bewohner des East End durchdie City zum Trafalgar Square zogen, um für höhere Löhne zu demonstrieren (ohneErfolg). Die meisten Londoner aus dem Westen sahen in den Protestierern einengesetzlosen Mob, der darauf aus war, ihre Sicherheit und ihren Wohlstand zuzerstören. Das hatte bleibende Folgen. In den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts wurde das East End zum Synonym für die kriminelle Unterwelt. InOliver Twist von Charles Dickens treiben Fagin und Bill Sykes ihr Unwesen von denElendsquartieren des East End aus (bei Dickens allerdings noch vorsozialkritischem Hintergrund), Limehouse ist das Rückzugsgebiet von Sax RohmersSuperverbrecher Fu Manchu, und die meisten der Bösewichter bei Edgar Wallace sindCockneys (der Begriff bezeichnete ursprünglich die Londoner insgesamt, dann aberspeziell die Bewohner des East End).Natürlich waren das nicht nur Klischees. "Das East End", schreibt der KriminologeDick Hobbs in Doing the Business, "war ein Land der lebenden Toten, ein Symbol fürall die Konsequenzen, die jene zu tragen hatten, die nicht an den normalenAktivitäten des Kapitalismus teilhaben konnten." Das East End war ein Land desSchreckens, aber auch so etwas wie der Wilde Westen von London. Auf den großenStraßenmärkten, etwa dem in der Middlesex Street (Petticoat Lane), wurde billigesDiebesgut verkauft. Wer mit dem Vergnügungsangebot im West End nicht zufriedenwar, machte sich auf den kurzen Weg in den Osten. Dort gab es Prostitution,Glücksspiel und Drogen - und Banden, die darauf warteten, den Besuchern ihr Geldabzunehmen. Jack the Ripper schlitzte in Whitechapel und Bethnal Green Huren auf,was die Aufmerksamkeit auf das dortige Elend lenkte, aber auch alte Klischeesbestätigte. Im East End, einem Labyrinth aus engen, nachts kaum beleuchtetenStraßen und Gassen, lebte man nach eigenen Regeln. Es gab einZusammengehörigkeitsgefühl, das Historiker gern mit der Stammessolidarität beiEingeborenen vergleichen.Heroes and VillainsDie Kooperation mit der Polizei, das Verpfeifen von anderen Cockneys war verpönt.Polizisten, die oft als Streikbrecher eingesetzt wurden oder Demonstrantenniederknüppelten, wurden als Eindringlinge wahrgenommen und als Instrumente derMächtigen. In diese über Jahrhunderte gewachsene Kultur wurden 1934 die ZwillingeReginald und Ronald Kray hineingeboren (am 17. Oktober dieses Jahres werden dieEast-End-Nostalgiker ihren 75. Geburtstag feiern). Das Verbrechen war damals nochein integraler Bestandteil dieser Kultur, eine Karriere als Krimineller nichtetwas, wofür man sich unbedingt schämen musste. Das ist wichtig, um zu verstehen,
 
wie die Krays die berühmtesten britischen Gangster des 20. Jahrhunderts werdenkonnten. Sehr vielsagend ist das Erinnerungsalbum, das die Mutter, Violet Kray,über ihre Söhne anlegte. Dort klebte sie zuerst Zeitungsberichte über dieBoxkarriere ihrer Söhne ein, dann über ihre Strafprozesse, als wäre das keinUnterschied. Violet belog regelmäßig die Polizei und hatte den Ruf einergrundehrlichen Person, die immer die Wahrheit sagte. Im East End war auch das keinWiderspruch.Die Londoner Unterwelt war heterogener als beispielsweise die amerikanischerStädte mit zentralistischen Mafiastrukturen. Soweit sie organisiert war, lässt siesich am besten mit einem Feudalsystem vergleichen. Feudalherren waren dieVillains. Ein Villain ist nicht einfach nur, wie das Lexikon behauptet, einSchurke oder ein Verbrecher. Es handelt sich um eine Berufsbezeichnung. EinVillain ist einer, der einen Anteil an der Beute anderer Gauner fordert, der vonder Einschüchterung lebt und von dem Ruf, dass er zu allem bereit ist, unabhängigvon den Konsequenzen. Villains waren bekannt, man sprach über sie, und sieerfreuten sich eines gewissen Prestiges. Für Reggie und Ronnie Kray, selbst indieser Berufssparte tätig, waren sie die "Aristokraten des Verbrechens". JohnMcVicar, vom Räuber zum Unterwelt-Soziologen für den Hausgebrauch geworden, nenntsie "Diebe und Zuhälter, die von Verbrechen lebten, die sie selber nicht begehenkonnten". Man kann es auch mit dem Vokabular des Kapitalismus sagen: Für einenVillain ist die Gewalt eine Ware wie jede andere. Sie ist das Produkt, das erverkauft und mit dem er sein Geld verdient. Der Prototyp des Villain ist BillSykes in Oliver Twist.Reggie und Ronnie Kray wuchsen in der Vallance Road in Bethnal Green auf, gleichum die Ecke von dem Haus, wo Jack the Ripper Annie Chapman getötet hatte. AlteLeute erzählten noch gern die Geschichte, wie sie dem Ripper auf der Straßebegegnet waren, so wie man später erzählte, dass man die Krays persönlich kannteund wie man heute, wenn man dafür zu jung ist, sein Cockneytum dadurchuntermauert, dass man angeblich auf der Beerdigung von Violet oder eines ihrerSöhne war. Das Haus Nummer 178, in dem die Krays wohnten, war das zweite von vierwinzigen Reihenhäusern. Dieses viktorianische "Cottage" (so die offizielleBezeichnung) hatte vier Zimmer und kein Bad. Das WC stand in einem kleinenHinterhof, der meistens voller Gerümpel war. Ronnie und Reggie gaben später an,dass dieses "Cottage" die einzige echte Heimat gewesen sei, die sie je gehabthätten. Der Rest der Familie mütterlicherseits wohnte ebenfalls in der VallanceRoad oder in unmittelbarer Nachbarschaft. Jeder kannte jeden, man sperrte nurselten die Haustür ab. Die Straße endete an einem rußgeschwärzten Viadukt, überden die Hauptverbindungslinie zum fünf Minuten entfernten Bahnhof Liverpool Streetführte. Wenn die Züge vorbeiratterten, erzitterten die Reihenhäuser in derVallance Road. In den späten 1960ern wurden die Cottages, weil als menschlicheBehausung ungeeignet, abgerissen.Zwillinge und SchizophrenieDie wichtigste Bezugsperson der Krays war ihre Mutter Violet. Für Violet warenRonnie und Reggie schon deshalb etwas ganz Besonderes, weil sie eineiige Zwillingewaren. Sie waren ihr ein und alles - zum Nachteil ihres ein paar Jahre älterenSohnes Charlie, der immer und in jeder Hinsicht zu kurz kam. Violet nannte sie nur"Twins" und nicht bei ihren Namen, zog sie identisch an und behandelte sie wieeine Einheit, statt als eigenständige Personen. Das kann auch für die Zwillingeselbst nicht ganz einfach gewesen sein. Weil sie gelernt hatten, gleich sein zumüssen, beobachtete der eine den anderen ständig. Alles, was der eine tat, wurdevom anderen beurteilt und kommentiert. Oft scheint der Druck so groß geworden zusein, dass er sich in Prügeleien entlud. Die Twins schlugen sich dann entwedergegenseitig, oder sie verprügelten andere.
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