wie die Krays die berühmtesten britischen Gangster des 20. Jahrhunderts werdenkonnten. Sehr vielsagend ist das Erinnerungsalbum, das die Mutter, Violet Kray,über ihre Söhne anlegte. Dort klebte sie zuerst Zeitungsberichte über dieBoxkarriere ihrer Söhne ein, dann über ihre Strafprozesse, als wäre das keinUnterschied. Violet belog regelmäßig die Polizei und hatte den Ruf einergrundehrlichen Person, die immer die Wahrheit sagte. Im East End war auch das keinWiderspruch.Die Londoner Unterwelt war heterogener als beispielsweise die amerikanischerStädte mit zentralistischen Mafiastrukturen. Soweit sie organisiert war, lässt siesich am besten mit einem Feudalsystem vergleichen. Feudalherren waren dieVillains. Ein Villain ist nicht einfach nur, wie das Lexikon behauptet, einSchurke oder ein Verbrecher. Es handelt sich um eine Berufsbezeichnung. EinVillain ist einer, der einen Anteil an der Beute anderer Gauner fordert, der vonder Einschüchterung lebt und von dem Ruf, dass er zu allem bereit ist, unabhängigvon den Konsequenzen. Villains waren bekannt, man sprach über sie, und sieerfreuten sich eines gewissen Prestiges. Für Reggie und Ronnie Kray, selbst indieser Berufssparte tätig, waren sie die "Aristokraten des Verbrechens". JohnMcVicar, vom Räuber zum Unterwelt-Soziologen für den Hausgebrauch geworden, nenntsie "Diebe und Zuhälter, die von Verbrechen lebten, die sie selber nicht begehenkonnten". Man kann es auch mit dem Vokabular des Kapitalismus sagen: Für einenVillain ist die Gewalt eine Ware wie jede andere. Sie ist das Produkt, das erverkauft und mit dem er sein Geld verdient. Der Prototyp des Villain ist BillSykes in Oliver Twist.Reggie und Ronnie Kray wuchsen in der Vallance Road in Bethnal Green auf, gleichum die Ecke von dem Haus, wo Jack the Ripper Annie Chapman getötet hatte. AlteLeute erzählten noch gern die Geschichte, wie sie dem Ripper auf der Straßebegegnet waren, so wie man später erzählte, dass man die Krays persönlich kannteund wie man heute, wenn man dafür zu jung ist, sein Cockneytum dadurchuntermauert, dass man angeblich auf der Beerdigung von Violet oder eines ihrerSöhne war. Das Haus Nummer 178, in dem die Krays wohnten, war das zweite von vierwinzigen Reihenhäusern. Dieses viktorianische "Cottage" (so die offizielleBezeichnung) hatte vier Zimmer und kein Bad. Das WC stand in einem kleinenHinterhof, der meistens voller Gerümpel war. Ronnie und Reggie gaben später an,dass dieses "Cottage" die einzige echte Heimat gewesen sei, die sie je gehabthätten. Der Rest der Familie mütterlicherseits wohnte ebenfalls in der VallanceRoad oder in unmittelbarer Nachbarschaft. Jeder kannte jeden, man sperrte nurselten die Haustür ab. Die Straße endete an einem rußgeschwärzten Viadukt, überden die Hauptverbindungslinie zum fünf Minuten entfernten Bahnhof Liverpool Streetführte. Wenn die Züge vorbeiratterten, erzitterten die Reihenhäuser in derVallance Road. In den späten 1960ern wurden die Cottages, weil als menschlicheBehausung ungeeignet, abgerissen.Zwillinge und SchizophrenieDie wichtigste Bezugsperson der Krays war ihre Mutter Violet. Für Violet warenRonnie und Reggie schon deshalb etwas ganz Besonderes, weil sie eineiige Zwillingewaren. Sie waren ihr ein und alles - zum Nachteil ihres ein paar Jahre älterenSohnes Charlie, der immer und in jeder Hinsicht zu kurz kam. Violet nannte sie nur"Twins" und nicht bei ihren Namen, zog sie identisch an und behandelte sie wieeine Einheit, statt als eigenständige Personen. Das kann auch für die Zwillingeselbst nicht ganz einfach gewesen sein. Weil sie gelernt hatten, gleich sein zumüssen, beobachtete der eine den anderen ständig. Alles, was der eine tat, wurdevom anderen beurteilt und kommentiert. Oft scheint der Druck so groß geworden zusein, dass er sich in Prügeleien entlud. Die Twins schlugen sich dann entwedergegenseitig, oder sie verprügelten andere.
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