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www.awis-Islamforschung.org
Warum der Waffenstillstand scheitern musste
Über die Hintergründe des Krieges im Gazastreifen
Ivesa Lübben
Ivesa Lübbenist Politikwissenschaftlerinund freie Journalistin,Bremen/Kairo
 
 
Ich bin sicher, wir werden irgendwann in der Lage sein, in all den anderen Teilendieses Landes zu siedeln, sei es durch gegenseitiges Einverständnis mit unserenNachbarn, sei es durch Gewalt. Errichtet jetzt einen jüdischen Staat, selbst wenn esnicht im ganzen Land ist. Der Rest wird im Laufe der Zeit noch kommen. Er musskommen
.David Ben Gurion 1937 in einem Brief an seinen Sohn Amos
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Diskurse über politische Ereignisse haben oft die Tendenz, sich zu verselbstständigen. Ir- gendwann setzen sie sich in den Köpfen fest und werden als wahr angenommen. Auf der Basis dieser "Wahrheit" werden dann Wertungen vorgenommen und politische Entschei-dungen getroffen, ohne dass diese "Wahrheit" mit empirischen Tatsachen abgeglichenwird. Diskurse werden dann selber zu gesellschaftlicher Realität und zu einem politischenMachtfaktor. Die Wahrnehmung lässt sich geradezu archetypisch an der Rezeption der Ereignisse im Gazastreifen nachvollziehen. Problematisch werden solche "diskursivenWahrheiten" jedoch, wenn sie in Realitäten eingreifen, die eben nicht deckungsgleich mit denen des Diskurses sind, der über diese Realitäten zirkuliert – vor allem, wenn es wie imGaza um das Leben tausender Menschen geht.
 
Die gängige Grundhypothese über den Krieg in Gaza besagt, die HAMAS
habe den Kriegdurch die Aufkündigung des Waffenstillstandes mit Israel, der am 19. Juni 008 in Kraft getreten war, provoziert. Die Begründung: Die HAMAS habe israelische Orte ständig mit Qassam-Raketen beschossen. Deswegen hätte Israel sich wehren müssen. Die Ausschal-tung des militärischen Potentials der HAMAS sei eine Voraussetzung für den Frieden inder Region. Alle anderen Hypothesen, wie die, dass die HAMAS bewusst Zivilisten alsmenschliches Schild benutze, dass sie den Tod von Zivilisten bewusst einkalkuliere, er-scheinen dann ganz logisch als Konsequenz ihrer Friedensunwilligkeit und fanatischenMilitanz.Die Dämonisierung der HAMAS, die Konstruktion einer vermeintlichen Dichotomiezwischen der ("bösen") "radikal-islamistischen" HAMAS und der ("guten") "moderaten"al-Fatah oder die vor allem in den USA verbreitete These einer strategischen "Achse des
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Zitiert nach Avi Shlaim, The Iron Wall – Israel and the Arab World. London (Allen Lane The Pinguin Press)000. S.1
 
 
HAMAS ist die Abkürzung für
harakat al-muqawama al-islamiya
(Islamische Widerstandsbewegung)
 
 Bösen" aus Iran,
Hizbu Allah
und HAMAS sind weder hilfreich für eine politische Ana-lyse, da sie die Kontexte des Handelns unberücksichtigt lassen, noch entsprechen sie denempirischen Tatsachen.
Erstens:
Die HAMAS ist eine konservative islamistische Organisation, die ihre Basis vorallem ihrer Sozialarbeit zu verdanken hat und die bereit ist, sich in den politischen Pro-zess zu integrieren, wie sie bei den Wahlen im Januar 006 gezeigt hat, aus denen sie alsSieger hervorgegangen ist. Sie hat nichts zu tun mit terroristischen Organisationen wie
al-Qaida
oder der ägyptischen
 Jama`at al-Islamiya
, wie die verbreitete Kategorisierung"radikal-islamistisch" evoziert.
Im Gegenteil wurde die HAMAS immer wieder von der
al-Qaida
auf deren Websites angegriffen, weil sie angeblich durch ihre Kompromissbe-reitschaft, ihren Pragmatismus und vor allem die Beteiligung an der Wahl zum palästi-nensischen Legislativrat die Prinzipien des Islam hintergangen hätte. Die de-facto-HAMAS-Regierung im Gazastreifen soll den ägyptischen Behörden sogar
Qaida
-Mitglieder, die von Ägypten nach Gaza geflohen waren, ausgeliefert haben – einer derGründe, warum die Ägypter in der Tunnelfrage immer wieder die Augen zudrückten.
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 Zweitens:
Aufgrund regionalpolitischer Konstellationen, vor allem im Verhältnis zuIsrael, gibt es sicherlich gemeinsame Interessen zwischen
Hizbu Allah
und HAMAS. Voneiner von Iran gesteuerten Achse zu sprechen, ist jedoch völlig überspannt. HAMAS steht moderaten sunnitischen Kräften ideologisch und politisch sehr viel näher als dem schii-tischen Islamismus iranischer Prägung. In anderen Regionalkonflikten – zum Beispiel inder Irakfrage – haben HAMAS und
Hizbu Allah
große Differenzen und sind in völlig ver-schiedene regionale Allianzen eingebunden. HAMAS ist aus der Muslimbruderschaft hervorgegangen – wie übrigens die
Fatah
in den 50er Jahren auch. Die Muslimbruder-schaft lehnt außer als Form des Widerstandes gegen Besatzung und Fremdherrschaft Gewalt als Mittel der Politik ab und ist in vielen arabischen Parlamenten (Ägypten, Je-men, Sudan, Kuwait, Bahrain, Irak, Algerien) und einigen arabischen Regierungen (Irak,Algerien, die somalische Übergangsregierung) vertreten, im Irak stellt sie mit Tariq al-Hashimi sogar den stellvertretenden Präsidenten.
 
Siehe zur Geschichte der HAMAS u.a. Helga Baumgarten: HAMAS – Der politische Islam in Palästina. Mün-chen (Heinrich Hugendubel Verlag) 006; Beverly Milton-Edwards: Islamic Politics in Palestine. New York(I.B.Tauris) 1999; Joseph Croituru: Hamas – Der islamische Kampf um Palästina. München (C.H.Beck) 007;Azzam Tamimi: Hamas – Unwritten Chapters. Lond (C.Hurst & Co.) 007.
4
 
Jeremy M.Sharp: The Egypt-Gaza Border and its Effect on Israeli-Egyptian Relations. Congressional Re-search Service. February 1, 008.
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