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Grüne Stromflut

Grüne Stromflut

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12/04/2012

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Süciae_utscneZeitunq
Nr.
254, Samstag/Sonntag, 3./4. November 2012
POLITIK
9
BG
Grüne
Stromflut
~
Wenn
der
Sturm
an
der
Nordsee
zu
heftig
bläst,wird Osteuropa
mit Elektrizität
aus
deutschen
~·
Windkraftanlagen
Oberschwemmt
Das
kanh
im
w~ter
dazu
führen
,
dass die
Netze
zusammenbrechen.
Peshalb bauen
Tschechien
und
Polen
nun
Abwehrbollwerke
gegen die
Überlast.
· -
Auf
Dauer
aber helfen
nur neue
Leitungstrassen
VON KLAUS
BRILL
D
s Projekt steht, die Planungen laufen,
und
gerade werden für denBau der großen Verteidigungsanlage die Grundstücke gekauft. Sie liegen
im
Norden Tschechiens, nicht weit von derGrenze zu Sachsen entfernt. In einer grünen Ebene steht dort bei dem DörfchenHradec u J(adane, südlich von Chomutov
(~omotau),
ein Umspannwerk der tschechischen Netzbetreibergesellschaft
CEPS.
Dutzende gewaltiger Strommasten ragenin den Himmel. Hier soll
nun
auch nocheine Anlage Platz finden, mit der die Tschechen sich gegen Bundeskanzlerin AngelaMerkel und ihre Energiewende wehren.Denn, bildlich gesprochen: Sie ersaufen in"grünem Strom" aus·Deutschland.Aus der Sicht der CEPS-Ingenieure warder rabiate deutsche Verzicht auf die Atomkraft eine
Art
politischer Vorgabe, wie sieExperten immer wieder zugemutet werden. "Das passiert ohne Überlegung, dieEntscheider verstehen nicht, dass es technische Grenzen gibt für das, was wir tun",sagt Zbynek Boldis, Vorstandsmitglied von
CEPS.
"Sie glauben, es ist alles möglich,aber es gibt physikalische Gesetze, die
man
respektieren muss.''
Der deutsche Verzicht
auf
die Atomkraft war für dieTschechen
ein
rabiater Akt
Eine dieser Regeln ist, dass es keinenSinn ergibt, die Erzeugung von Windenergie
an
der Küste a-uszuweiten, wenn
man
nicht die Stromtrassen hat,
Um
die Energienach Bayern
und
Baden-Württemberg zubringen. Dort wird der Strom besonders benötigt, da im Süden die meisten Atomkraftwerke abgeschaltet wurden. Mangels deutscher Leitungen aber sucht sich die Elekttizität im europäischen Verbundsystem ihren
Weg
-über Tschechien
und
Polen.
So
kommt es dort leicht zur Überlastung. Will
man
gegensteuern, etwa durchdas Ab-
und
Anfahren eigener Kraftwerkeoder andere Maßnahmen, so fallen dafürhohe Kosten an, genau wie vorher schonauf deutscher Seite. Der NetzbetreiberSOHertz zum Beispiel, der den deutschenNordosten versorgt, musste nach den Wor
ten
seines für Märkte
und
Systembetriebzuständigen Geschäftsführers Dirk Bier
mann
im Jahr
2011
nicht weniger als
100
Millionen Euro zusätzlich aufwenden,
um
der Überlastung Herr zu werden
und
dieStabilität der Netze zu gewährleisten. ImJahr zuvor waren es 36 Millionen Euro.Ganz so teuer ist die Sache für Tschechi
en
und
Polen zwar noch nicht, aber ihnenist jeder einzelne
~uro
ein Ärgernis, weilsie für die entstandene Situation nichtskönnen. "Wir zahlen für etwas, das wir garnicht bestellt haben", sagt in Prag der gelernte Energie-Makler Zbynek Boldis, derim CEPS-Vorstand für das internationaleGeschäft zuständig ist
und
·auch dem Vorstand des europäischen Netzbetreiber-Verbandes
{ENTSO-
E)
angehört.Auflange Sicht ist den Engpässen sowieso
nur
durch den Bau neuer Stromtrassenabzuhelfen, für die auch in Tschechien
und
Polen hohe Investitionen nötig werden.Schlimmer aber ist, dass eine Überlastungdie Gefahr des Zusammenbruchs birgt,und zwar dann, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen. Gerade im Winter drohtder Blackout, der sich im Stromverbundblitzschnell von einem Land aufhalb Euro
pa
ausbreiten
und
gigantische volkswirt-.schaftliehe Schäden verursachen würde.
Die
Gefahr ist nicht aus der Luft gegriffen. Laut
CEPS
ist Mitteleuropa vor einemJahr schon mehrmals knapp
am
Kollapsvorbeigeschrammt, es gab eine ganze Reihe kritischer Tage.
Vor
allem der 3. Dezember
2011
ist in Erinnerung, als
an
den deutschen Küsten der Wind raste
und
eine große Energiemenge von Norddeutschlandnach Österreich zu transferieren war.Nicht
nur
in Tschechien
una
Polen, sondern auch in Ungarn
und
der Slowakeisprangen in
den
Netzzentralen die Alarmleuchten an.
So
auch beim deutschen Netzbetreiber SOHertz.Eine ähnlich brenzlige Situation entstand
am
19.
Februar dieses Jahres: Nurnoch
um
die relativ geringe Marge von
100
Megawatt waren Teile Europas vom Zusammenbruch.der Elektrizitätsversorgung entfernt -ein Albtraum für die Verantwortlichen in den betroffenen Ländern.
Von
polnischer Seite wurde deshalb schonvor einiger Zeit der Bau besonderer Vorrichtungen angekündigt, die den ungebremsten Abfluss des deutschen Stromsins Nachbarland verhindern sollen.In Belgien
und
den Niederlanden gibt essolche Bollwerke schon, dasselbe bereitenjetzt die Tschechen vor,
und
zwar
am
·Umspannwerk
in
Hradec u Kadane: ein sogenannter Phasen-Schieber wird projektiert, ein riesiger, teurer Transformator.Mit seiner Hilfe lässt sich der Durchflussregeln
und
auf gewisse Mengen beschränken -für die Übermenge würde er wie eineSperre wirken.Gerade
hat
das Kabinett in Prag sich mit
den
Plänen befasst, obwohl der tschechische Ministerpräsident Petr Necas noch imFrühjahr erklärt hatte,
unter
guten
Nach
barn
wäre eine solche Gegenwehr nicht adäquat. "Das ist für uns nicht die bevorzugteLösung", erklärt auch Vaclav Bartuska, derSonderbotschafter der tschechischenRegierung für Energiesicherheit, der mitdeutschen Partnern
auf
Bundes-
und
Landesebene über diese Fragen redet. "Wir helfen Ihnen, so lange wir das können, ohneunser Netz zu verbrennen", sagt
er
beimGespräch
im
Prager Regierungssitz. Nurfürchtet er, dass alle Verständigungsbereitschaft nicht weiterführt, sollten wirklicheinmal die Lichter ausgehen
und
ein Aufschrei der Empörung sich erheben, zumBeispiel in diesem Winter.
Die
EU
erkenntDurchflussregler alsÜbergangslösung
an
Den Politikern sind die Gefahren wohlbewusst, Merkel und Necas haben die Netzsicherheit längst zur Chefsache gemacht.In Warschau war jüngst Bundesumweltminister Peter Altmaier zu Gast,
um
dieseFragen mit seinem polnischen KollegenMarcin Karolee zu erörtern. Und
unter
dem
Schirm des
EU-
Kommissars für Energie, Günther Oettinger, trafen sich
am
Mittwoch in Brüssel Vertreter der Netzgesellschaften der betroffenen Länder. Dabei
er-
kannte die EU-Kommission den Einbauvon Phasen-Schiebern als praktikableÜbergangslösung an. Im Falle Tschechienswäre ein solcher Trafo allerdings frühestens im Jahr
2017
betriebsbereit.
so
Hertz-Manager Dirk Biermann
hat
nichts gegen diese Durchflussregler einzuwenden, da eine Stabilisierung in den Nach
badändern
auch
im
deutschen Interesse. sei. Allerdings müsse der Einsatz koordiniert werden.Zugleich will seine Firmakurzfristig anbieten, die Leitungsflüsse selber auf ein ungefährliches Maximum zubegrenzen. Ansonsten gilt: "Die Energie-. wende
kann nur dann
funktionieren,wenn wir innerhalb Deutschlands das Netzausbauen." Gelingt das nicht, dann müssen in bestimmten Situationen die schö
nen
neuen Windkraftwerke
an
der Küstewieder abgeschaltet werden.·

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