SCHWERPUNKT
Seite 30 Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis Nr. 3, 17. Jg., Dezember 2008
Das Mobilfunk-Risiko ausärztlicher Sicht
von Andreas D. Kappos,Bundesärztekammer
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Auch die Ergebnisse des Deutschen Mobil-funk-Forschungsprogramms räumen nichtalle Bedenken bezüglich der gesundheitli-chen Unbedenklichkeit elektromagnetischer Felder aus. Dies betrifft insbesondere dieLangzeitwirkungen, deren Bedeutung für die Gesundheit des Menschen aus metho-dischen Gründen zurzeit epidemiologischnicht abzuklären ist. Aus präventivmedizi-nischer Sicht ist deshalb eine Minimierungder Exposition zu fordern. Das dabei zubeachtende Risikokommunikationsproblemwird aufgezeigt. Klinisch ist die Frage einer Existenz des Phänomens „Elektrosensibili-tät“ bisher ungelöst. Dies wird anhand ei-nes Beispiels aufgezeigt. Unbestritten ist,dass in der klinischen Praxis tätige Ärztemit schwer leidenden Patienten konfrontiertwerden, die ihre Beschwerden auf die Ex-position mit EMF zurückführen. ÄrztlicheAufgabe ist es, diesen Patienten die best-mögliche Hilfe zu gewähren.1 Einleitung
Ärzte beschäftigen sich seit mehr als einemJahrhundert mit den gesundheitlichen Wir-kungen elektromagnetischer Strahlung auf menschliches Gewebe. Ausgangspunkt warenaber nicht die „schädlichen“, sondern die the-rapeutischen Wirkungen, die 1909 besondersdurch Karl Franz Nagelschmidt unter dem Namen Diathermie in die Medizin eingeführtwurden (Nagelschmidt 1909). Dabei wurdedie Eigenschaft hochfrequenter elektromagne-tischer Strahlung genutzt, um in der Tiefe desOrganismus liegendes Gewebe selektiv zuerwärmen. Auch heute noch werden in der Naturheilkunde und der physikalischen The-rapie Bestrahlungen mit Kurzwellen (27,12MHz), Dezimeterwellen (434 MHz) und Mik-rowellen (2,45 GHz) eingesetzt. Dabei kom-men Leistungen von mehreren hundert Wattzur Anwendung.Die der medizinischen Anwendungzugrunde liegenden biophysikalischen Wir-kungsmechanismen wurden in den 30er und40er Jahren des letzten Jahrhunderts am Kai-ser-Wilhelm-Institut (dem späteren Max-Planck-Institut) für Biophysik in Frankfurta. M. unter anderen von Herman Paul Schwanund Mitarbeitern erforscht (Schwan, Piersol1954; Schwan, Piersol 1955; Schwan 1957).Bereits zu dieser Zeit bestand eine heftigewissenschaftliche Kontroverse, ob neben deneindeutig nachweisbaren thermischen Wir-kungen auch „athermische Wirkungen“ auftre-ten und gegebenenfalls bei einer Risikobewer-tung berücksichtigt werden müssen. Die ü- berwiegende wissenschaftliche Meinung war und ist eigentlich bis heute, dass schädlicheWirkungen, die z. B. zur Ableitung vonGrenzwerten zum Schutze der Gesundheit der Bevölkerung herangezogen werden müssen,ausschließlich auf thermische Effekte zurück-geführt werden können. Im Niedrigdosisbe-reich, d. h. unterhalb der thermisch definiertenGrenzwerte, sollen athermische Effekte, wennsie denn überhaupt existieren, keine gesund-heitliche Relevanz haben.Als athermische Wirkungen wären beihochfrequenten elektromagnetischen FeldernEinflüsse zu betrachten, die ohne Erwärmungdes Gewebes effektiv sind. Über solche Wir-kungen ist häufig in der Literatur berichtetworden.
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Dabei handelte es sich beispielswei-se um Befindlichkeitsstörungen, Beeinflus-sungen der kognitiven Leistungen, Schlafstö-rungen, Veränderungen des Elektroenzepha-logramms (EEG), Induktion oder Promotionvon Tumorerkrankungen, Beeinflussung desintrazellulären Kalziumhaushalts oder Verän-derungen der Blut-Hirn-Schranke, gentoxischeoder reproduktionstoxische Effekte. Die wis-senschaftlichen Publikationen, in denen über solche Befunde berichtet wurde, sind meistEinzelarbeiten. In der Regel fehlt die Repro-duktion dieser Befunde durch Arbeiten ande-rer Forschergruppen. Sie können also nicht alswissenschaftlich gesichert angesehen werden.Man kann sie bestenfalls als Hinweise für gesundheitsschädliche Risiken ansehen, dieeiner weiteren Überprüfung bedürfen.
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