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Zeit.de Kultur Musik 2012-08 Navid-kermani-bayreuth

Zeit.de Kultur Musik 2012-08 Navid-kermani-bayreuth

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MUSIK
1
NAVID KERMANI
Befreit Bayreuth!
Damit die Festspiele das Versprechen einlösen, das dieMusik Wagners gibt, genügt es nicht, an dieser oder jenerInszenierungsschraube zu drehen. Die Aufführungspraxis musssich ändern.
VON
Navid Kermani
|
16. August 2012 - 18:31 Uhr
Um meinen Eindruck von den Festspielen zu schildern, muss ich mit der Vorgeschichtemeines Besuchs beginnen. Zu nichts Geringerem ruft der vorliegende Text nämlich auf, alsBayreuth von den Ketten zu befreien, in die Richard Wagner sein Werk zugegeben selbstgelegt hat. Für die Vermessenheit, mit Dogmen der Aufführungspraxis zu brechen, dieüber alle Zeitläufe und inszenatorischen Revolutionen hinweg seit mehr als hundert Jahrenheilig gehalten werden, kann es zusätzlich zur Liebe, die für jede Häresie vorausgesetztwerden mus, nur zwei Rechtfertigungen geben: die intimste Kennerschaft oder die äußersteNaivität.So häufig ich klassische Konzerte besuche, von der Oper hielt ich immer Abstand, dengrößten vor Richard Wagner. Die wenigen Bilder, die ich von Wagneropern vor Augen,genauso wie die Musikfetzen, die ich im Ohr hatte, stießen mich in ihrem schwülstigenBombast ab. Das angebliche Wort von Roger Waters , dass Wagner heute mit Pink Floydarbeiten würde, erschien mir überaus einleuchtend, nur interessierte mich Pink Floyd nichtmehr, seit Waters mit den vergleichsweise beschränkten Mitteln der Rockmusik totaleKunst herzustellen versucht hatte. Wagners Germanenglorie, Wagners Judenfeindschaftund Wagners Rezeptionsgeschichte, dieser ganze deutsche Schmu, den ich mit Bayreuthassoziierte, taten ein Übriges, um mich in meiner Ignoranz zu bestärken.Dann erhielt ich im vergangenen Jahr Karten für zwei Aufführungen in Bayreuth. Ichweiß schon nicht mehr genau, mit welchen Erwartungen ich mich auf den Weg machte,es war sicher Neugier dabei und auch so etwas wie Pflichtgefühl, einen wichtigen Ort derdeutschen Kultur kennenzulernen. Begeisterte Vorfreude war es jedenfalls nicht oder wennüberhaupt nur darauf, nebenher das Bayreuther Wohnhaus von Jean Paul zu besichtigen.
 © Gerald von Foris für DIE ZEIT
KERMANI IN BAYREUTH
Nach Jonathan Meese, Michel Houellebecq und PattiSmith hat der Schriftstller Navid Kermani für DIE ZEIT dieBayreuther Festspiele besucht. Auf ZEIT ONLINE lesenSie die ungekürzte Fassung seines Textes. Kermani lebt inKöln. Zuletzt erschien sein großer Roman
Dein Name 
(CarlHanser Verlag).
 
MUSIK
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Als ich jedoch auf einem der berüchtigten Holzstühle des Festspielhauses saß, geschahbereits im Laufe des ersten Aktes etwas Merkwürdiges: Ich flippte regelrecht aus. Ja, wenndie Sitzreihen nicht so eng gewesen wären, hätte ich wahrscheinlich den Kopf nach untenund nach oben gerissen wie auf einem Rockkonzert, so elementar physisch durchdrangmich die Musik des
Tannhäuser 
, so sehr rissen mich vor allem die finalen Passagen mit,wenn Orchester, Sänger und Chor sich in einen orgiastisch wirkenden, jedoch bis in diezierlichsten Einzelklänge wundersam austarierten Orkan steigerten. Das war, um nocheinmal den angeblichen Satz aufzunehmen, das war, wie Pink Floyd klänge, wenn RogerWaters annähernd so gut komponieren würde wie Richard Wagner.
Warum passen Bild und Musik bei Wagner-Aufführungen nie zusammen?
Allein, das Gefühl, vom Höreindruck überwältigt zu werden, war nicht alles – überwältigtmit all der Ambivalenz, die im Wortsinn liegt, durchaus auch irritiert, ja mitunterabgestoßen von der Perfektion der Klangbilder, von der Verführungskraft, die mir sofortverständlich wurde. Zugleich war ich konsterniert von der Afferei, die sich meinen Augenbot. Als passionierter Theatergänger bin ich wohlgemerkt kein Gegner entschiedener,extrem persönlicher oder auch vermessener Regiezugriffe und scheint mir Werktreue einsehr verdächtiger Begriff zu sein.Es war also nicht die "Modernität" der Aufführung, die mich entnervte. Im Gegenteilwar es das völlige Miss- oder besser gesagt Nicht-Verhältnis zwischen demhochphilosophischen Konzept, über das man immerhin hätte streiten wollen, und demtatsächlichen Geschehen auf der Bühne; es war die Beziehungslosigkeit von Bild undMusik. Einerseits war da eine Inszenierung, die extrem up to date sein wollte, mit einerFabrikanlage als Bühnenarchitektur, den obligatorischen Videos, allen Kniffen derTheatertechnik und einem gedanklichen Überbau wie aus einem dekonstruktivistischenOberseminar; andererseits führten aber Sänger und Chor ein billiges Einfühlungstheaterauf, mit dem im Sprechtheater keine Provinzbühne mehr zu reüssieren wagt: Wenn eineAussage besonders gefühlig wurde, fuhr wie von einer mechanischen Feder gesteuert dierechte Hand an die linke Brust, und jeder, der Entschlossenheit anzeigen wollte, ballte ersteinmal die Faust. Natürlich wurde bei Verliebtheit augenblicklich auf die Knie gesunken,und wie oft die Blicke der Protagonisten bedeutungsbeladen in den Horizont schweiften,der in Wahrheit aus den Oberrängen bestand, ließ sich schon gar nicht mehr zählen.Am schmerzlichsten allerdings waren die Statisten anzusehen, denen der Regisseuroffenbar das Stichwort gegeben hatte, sie sollen möglichst animalisch sich gebärden;im Ergebnis krümmten und krochen zehn oder vielleicht waren es auch zwanzigausgewachsene Menschen in Affenkostümen mit hochgezogenen Schultern, angewinkeltenOberarmen und fuchtelnden Fingern ständig um den Hauptdarsteller herum, der so tunmusste, als könne er der dionysischen Versuchung kaum widerstehen.Beständig fragte ich mich, wie die unerhörte Diskrepanz zwischen dem akustischenund dem optischen Erlebnis zu erklären sei: hier die atemberaubende Komplexität
 
MUSIK
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der Komposition, die metaphysische Tiefgründigkeit und existentielle Bedeutung derinhaltlichen Motive sowie die stupende Brillanz der instrumentalen wie gesanglichenLeistung; dort die kunstgewerbliche Penetranz der Kostüme, die Plattheit und Erwartbarkeitder inszenatorischen Entscheidungen sowie die Altbackenheit der schauspielerischenVorgänge.Dies irritierte um so mehr, als der Regisseur Sebastian Baumgarten nach allem, was ichvon seinen früheren Arbeiten gehört oder gesehen hatte, nicht nur unter den MöglichkeitenWagners blieb, sondern auch sich selbst grotesk unterbot. Gegenwärtig waren nur Dekorund Programmheft, während alles andere und vor allem das Wesentliche im Theater, dieMenschendarstellung, so bieder psychologisierend daherkam, als hätten die SchauspielerAufführungsfotos aus den fünfziger Jahren zu persiflieren versucht. Ich ahnte noch nicht,dass es auch die Fotos von der vorangegangen Inszenierung hätten sein können – dassWagner offenbar grundsätzlich wie Schultheater gespielt wird.Am zweiten Tag sah ich Stefan Herheims umjubelten
Parsifal
, eine konzeptionellweniger ambitionierte, aber unterhaltsame Inszenierung, die man ihm Rahmen ihrereigenen Ansprüche nur als gelungen bezeichnen kann. Indes, das Hauptproblemdes Vorabends, das abgestandene Einfühlungstheater der Darsteller, hatte auchHerheim nicht gelöst, sondern durch geschickt angeordnete Standplätze der Sänger,die der Psychologisierung zuwiderliefen, allenfalls entschärft. Und sein Einfall,den Erlösungsmythos ins Bonner Wasserwerk zu verlegen und den Chor auf Abgeordnetenbänken zu plazieren, war mit Blick auf die Rezeptionsgeschichte zweifellosoriginell und überaus ansprechend umgesetzt; aber der eigentlichen, der religiösenThematik war Herheim ebenfalls ausgewichen, indem er eine vieltausendjährigeGeschichte der Metaphysik, die sich durch den Parzival zieht, clever auf eine neudeutscheMentalitätsgeschichte enggeführt hatte.Das ist auch einmal erzählenswert. Aber es ist so viel weniger, als Wagner uns zu erzählenhat. Vergleichbar nur mit Shakespeare, den antiken Dramen und in gewisser WeiseOberammergau , gibt es im deutschsprachigen Raum keinen anderen Werkzyklus als seinegroßen Opern, aus dem sich ebenso unaufhörlich wie wandelbar die historische Erfahrungund Erlösungssehnsucht einer Gesellschaft schöpfen ließe. Ich verließ Bayreuth mit demzwiespältigen Gefühl, um etwas Wesentliches in meinem Leben bereichert und gleichzeitiggebracht worden zu sein.
Diesmal sollte Bayreuth sein Versprechen einlösen
Als ich mich diesen Sommer zum zweiten Mal auf den Weg machte, war ich deshalb vielmehr als nur neugierig oder bildungsbeflissen. Ich wollte, dass Bayreuth sein Versprecheneinlöst und endlich mehr als nur musikalisch berückt, ich wollte auch im Sinne einertheaterästhetischen und intellektuellen Zeitgenossenschaft ernst genommen werden – wie

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