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Historische Literatur - Baron Galéra - Deutsche unter Fremdherrschaft, Band IEINLEITUNGEpochen des Kampfes im deutschen Osten bis zum Beginn des Weltkrieges 8Seit den ältesten Zeiten ist das Land zwischen Oder und Memel zum Träger desdeutschen Schicksals geworden. Es ist dies gewissermaßen die Bestimmung diesesLandes, dieser Ebene der südbaltischen Ströme, auf welcher seit nahezu zweitausendJahren die Macht- und Kulturkämpfe zweier starker Rassen ausgefochten werden, dergermanischen und der slawischen; es hat in den letzten zwei Jahrtausenden kaumeine Epoche gegeben, wo nicht Deutsche und Polen mit Erbitterung um die Herrschaftim Gebiete zwischen Oder und Memel, dessen Mittelpunkt der Weichselstrom bildet,gerungen hätten.Ursprünglich, seit etwa 800 v. Chr. Geburt, war das Gebiet westlich der Weichselund ihres östlichen Nebenflusses, der Wieperz, von germanischen Völkerstämmenbewohnt. Unterhalb der Bugmündung, nach dem baltischen Meere hin, reichte dasgermanische Volkstum sogar noch bis in die Königsberger Gegend. An der Weichselfindet sich zur Zeit der Völkerwanderung das Kerngebiet der Ostgermanen. Damalsberührten die Wenden nur zwischen Bug und Wieperz die mittlere Weichsel.An der südöstlichen Küste des Baltischen Meeres, östlich von den Germanen,nördlich von den Wenden, hinaufreichend bis an den Finnischen Meerbusen, waren diebaltischen Volksstämme ansässig. Sie gehörten weder zur germanischen, noch zurslawischen, noch zur finnischen Völkergruppe. Von den Germanen wurden sie, wieTacitus berichtet, die Aestii, die Aisti, die Esten, d. h. die im Osten Wohnenden,genannt. Später wanderte der Name der Esten auf ein Volk, das wir heute noch sonennen. Dies hat aber mit den ehemaligen baltischen Esten nichts zu tun, es gehörtzur finnischen Völkergruppe.Schon im Altertum gab es Handelswege der Phönizier, Griechen und Römer zu Landeund zu Wasser in das Land der alten Esten, denn dort bezog man eine Kostbarkeit,welche die Griechen Elektron und die Germanen Glessum (- Glas) nannten und die wirheute als Bernstein bezeichnen.8Einleitung: Germanen in Osteuropa 9Die Schiffe der griechischen Kaufleute gelangten in der Ostsee bis an die Mündungeines großen und glänzenden Flusses, den die Germanen Eridanus nannten. Es mag dieWeichsel gewesen sein. Die alten Esten standen in inniger Handelsverbindung mitden germanischen Nachbarvölkern des Westens. So kam es, daß man auf beiden Seitenauch sprachliches und kultisches Gut entlehnte, wie ja schon im Altertum derHandel das Bindeglied zwischen den Kulturen der Völker war.In Schlesien hatten um 500 v. Chr. Geburt bereits Völkerstämme, die der späterengermanischen Völkerfamilie angehörten, Lugier und Vandalen, die ureingesessenenThraker oder Illyrer zum Verlassen des Landes gezwungen. Etwa im zweitennachchristlichen Jahrhundert saßen die germanischen Silingen im Lande der oberenOder, wovon dies den Namen Schlesien erhielt (späterhin durch die Polen).Etwa um die Wende des vierten und fünften nachchristlichen Jahrhunderts verließendie Weichselgermanen, die man auch als Ostgermanen bezeichnete, ihre Wohnsitze.Über die mittlere Weichsel brachen die Wenden nach Westen vor und ergossen sich indas menschenleere Land, welches von den kriegerischen und beweglichen, vielfachnoch herumschweifenden, ein Nomadenleben führenden Germanen verlassen worden war.Ohne Widerstand zu finden, schoben sich die Slawen nach Norden, an die Ostsee, undnach Westen, an die Elbe vor. Die letzte große Epoche der mitteleuropäischenVölkerwanderung war angebrochen mit dem slawischen Vorstoß über die Weichsel.Die Wenden nahmen alsbald die ganze Ostseeküste von der Weichselmündung bis zur
 
Travemündung, von Danzig bis Lübeck, ein. Pommerellen, Pommern, Mecklenburg, dieinneren Landgebiete bis an die Elbe machten sie sich untertan.Um das Jahr 400 verlassen auch die Silingen ihre schlesische Heimat. In dieverödeten Sitze des Oderlandes rückten nun auch die Slawen von Osten her ein. Um600 überschritten sie die Saale. Ihre Scharen drangen bis aufs Eichsfeld und bisan den Main, bis ins Braunschweigische und bis ins nördliche Bayern vor.9Deutsche unter Fremdherrschaft 10Zwischen Ostsee, Elbe, Saale und böhmisch-sächsischen Grenzgebiete warengermanisches Volkstum und germanische Kultur vernichtet.Nur die alten Esten am Glänzenden Meere - Baltas juras (Weißes Meer) heißt in derlitauischen Sprache die Ostsee - behaupteten sich gegen den Ansturm der Slawen.Sie waren zähe Bauern, seßhaft und fest in der Scholle verwurzelt, sie ließen sichnicht verdrängen und überstanden die Stürme der Völkerwanderung.Zwei Jahrhunderte lange, ernste und zähe Kultur- und Kolonisationsarbeit mußtendie Deutschen an Saale und Elbe leisten, viel Rückschläge und Enttäuschungenmußten sie erleben, bis sie wieder Schritt für Schritt deutsches Volkstum unddeutsche Kultur nach Osten vortrugen. Es gehört zu den gewaltigsten und stolzestenLeistungen des deutschen Volkes in der Weltgeschichte, wie in elf Jahrhunderten,von 800-1914, mehr als vierzig deutsche Generationen an der Verdeutschung desweiten Raumes zwischen Elbe und Memelfluß und darüber hinaus zäh und unablässiggearbeitet haben.Herrliche Namen leuchten aus den fernsten Zeiten bis in unsere Tage: Otto derGroße und seine Helfer, Hermann Billung, Markgraf Gero und Rikdag. Dann,zweihundert Jahre später, im zwölften Jahrhundert, setzte die erste großegeschlossene Kolonisationspolitik im Gebiete zwischen Ostsee und sächsischemGebirge ein: Graf Adolf von Schauenburg in Holstein, Heinrich der Löwe, ErzbischofWichmann von Magdeburg, Graf Albrecht der Bär von Ascarien, Markgraf Konrad derGroße von Wettin und Kaiser Friedrich Barbarossa teilweise selbst waren dieMänner, die eine großzügige, weitschauende und ganz modern anmutendeKolonisationspolitik trieben. Sie beschränkten sich nicht nur auf Kreuzzüge gegendie heidnischen Slawen, sondern sie zogen deutschblütige Menschen ins Land. Ausden übervölkerten Niederlanden, wo damals eine empfindliche Wirtschaftskrisisausgebrochen war, kamen die Siedler, die nun zwischen die slawische Bevölkerungverpflanzt wurden. Damals sang man in den Handelsstädten Flanderns jenes Lied, dasder Sehnsucht nach einer besseren, schöneren Heimat im Osten beredten Ausdruckgibt:10Einleitung: Mittelalterliche Kolonisation 11„Nach Ostland woll'n wir reiten,Nach Ostland woll'n wir fort,Wohl über die grünen Heiden,Ja, frisch hin über die Heiden,Dort ist ein bess'rer Ort.“Noch heute deuten im mittleren Deutschland östlich der Saale und Elbe zahlreicheOrtsnamen auf die Flamen, die Friesen, die Holländer. So hat der Fläming beiWittenberg seinen Namen aus dieser Zeit. Seit jener Zeit auch datiert dieeigentümliche deutsch-/slawische Volksmischung, die man heute noch inMitteldeutschland feststellen kann. Lange hielt sich das slawische Volkstum. Nochim 14. Jahrhundert mußten landesherrliche Verfügungen erlassen werden, welche dieslawische Sprache im Amtsverkehr abschafften! In den wasserreichen Gebieten des
 
Spreewaldes und der Lausitz hat sich bis zum heutigen Tage eine Insel wendischenVolkstums erhalten.Das Königreich Polen, das im frühen Mittelalter gewissermaßen sich als Rückgratfür die tief im deutschen Lande sitzenden Slawen entwickelt hatte und dessenGrenze westlich der Oder verlief - nur das Stück Oder zwischen Krossen und Küstrinfloß durch Gebiete der Brandenburger Mark - erlitt im 12. Jahrhundert empfindlicheSchicksalsschläge durch die erste große deutsche Welle gegen Osten. Das HerzogtumPommern wurde unter die Lehnshoheit des Deutschen Reiches gestellt. So ward dasGebiet der unteren Oder dem deutschen Einfluß erschlossen. Da sich aber schondamals Polen in inneren Streitigkeiten zerfleischte, griff Kaiser FriedrichBarbarossa in diese Wirren ein und setzte die vertriebenen schlesischen Herzögewieder ein. Nun begann seit 1159 die systematische Eindeutschung Schlesiens. Dieschlesischen Herzöge, die zwar dem polnischen Königreiche angehörten, aber Schutzund Anlehnung am Deutschen Reiche suchten, zogen zur gleichen Zeit, da das Gebietzwischen Oder, Elbe und Saale von Flamen kolonisiert wurde, auch nach Schlesienstarke deutsche Volksteile. So ward auch das Gebiet der oberen Oder, wenn auchnicht polnisch, so doch kulturell und völkisch schon recht früh dem deutschenKulturkreis angegliedert.11Deutsche unter Fremdherrschaft 12Drei wichtige Ereignisse dienten im 13. und 14. Jahrhundert der Befestigung desdeutschen Volkstums im Gebiet der Oder und im Lande östlich von diesem Strome: DieAusbreitung der Mark Brandenburg unter den Askariern, die deutsche Kolonisation imKönigreich Polen und die Festsetzung des Deutschritterordens in den BaltischenGebieten. Das jedoch blieb gleichsam ein historisches Gesetz für alle kommendenJahrhunderte: die ruhige Ausbreitung oder die Heimsuchung der Deutschen im Ostenwurde stets bedingt je durch die Stärke oder Schwäche der deutschen oderpolnischen Reichsgewalt.—Die Nachfolger Albrechts des Bären hatten, wenn sie ihre Macht erweitern wollten,die einzige Möglichkeit, dies nach Osten hin zu tun. Sie erwarben also Barnim undTeltow, eroberten von den Pommernherzögen die Uckermark, kauften das Land Lebuswestlich und die Neumark östlich der Oder. Die Askarier gründeten zahlreicheStädte, beziehungsweise verliehen sie schon vorhandenen Siedlungen Stadtrechte,ein Beweis dafür, daß in diesen Orten das deutsche Element bereits das wendischein den Hintergrund gedrängt hatte. Nur einige dieser jungen deutschen Städte seienhier genannt: Spandau, Berlin, Köpenick, Kölln, Schöneberg, Prenzlau, Frankfurt ander Oder, Landsberg an der Warthe. Der Umstand, daß die pommerschen undschlesischen Herzöge, die eigentlich slawischem Geblüt entstammten, sich ganzdeutschem Wesen erschlossen, bewirkte, daß auch in diesen Gebieten der deutscheEinfluß alsbald zum herrschenden wurde.In den weiten Gebieten Polens war bereits seit der Mitte des 12. Jahrhundertsdeutscher Einfluß zu spüren. Deutsche Mönche kamen, von den pommerschen Herzögengerufen, ins Land und gründeten Klöster, so Oliva um 1180, Zuckau an der Radaune1209, Zarnowitz bei Putzig um 1235, Pelplin bei Dirschau um 1260. Deutsche Städteentwickelten sich, schon 1178 bestand bei der Burg Danzig eine deutscheMarktsiedlung, die 1223 von Herzog Swantopulk deutsches Stadtrecht erhielt.Dirschau bekam 1263 lübisches Recht. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts war dieBevölkerung Danzigs zu 96 Prozent deutsch und nur zu 1,5 Prozent slawisch.12Einleitung: Deutsche im Königreich Polen 13Deutsche Bauern wurden von den Klöstern, später von den Landesherren ins Landgezogen, brachten deutsche Sprache und deutsche Kultur mit.
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