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Historische Literatur - Baron Galéra - Deutsche unter Fremdherrschaft, Band IIEINLEITUNGDie Entwicklung des Kaisertumes ÖsterreichÖsterreich ist die östliche Fortsetzung von Bayern. Der Donaustrom, der zwischenLinz und Melk beim Einfluß des Ybbs das kaum zwei Meilen breite Tor zwischen dendeutschen Mittelgebirgen und den Alpen durchfließt, ist das Lebensband, das diebeiden Hochebenen westlich und östlich vom Böhmerwald und bayrischen Waldverbindet. Österreich ist die Brücke zwischen Deutschland und dem Morgenlande. DieWest-Ostrichtung des Gebietes wird vom Donaustrom herrisch betont. Fächerartigverzweigen sich nach Norden und Süden die Verbindungslinien in das norddeutscheTiefland und in die Poebene. Die Flußtäler der Oder, Neiße, Bober, Elbe, Mulde,Elster, Eger stellen zahlreiche Kanäle aus dem böhmisch-mährischen Hochland in dienorddeutsche Tiefebene dar, wie andererseits die Flußtäler der östlichen Alpen,vor allem das Tal der Drau, der Save und des Isonzo die Verbindung mit der Poebeneermöglichen.Das Gebiet des Kaisertums Österreich, das geographisch und historisch-politischeine Dreiteilung aufweist: das Kernstück Österreich zu beiden Seiten desDonaustromes, ein nördlicher Flügel im böhmisch-mährisch-schlesischenGebirgsviereck und ein südlicher Flügel im östlichen Alpenlande, Steiermark,Kärnten, Tirol und Krain umsäumend, - dieses Kaisertum Österreich ist seit denTagen der Völkerwanderung ein wahrhaft brodelnder Hexenkessel von Völkerbewegunggewesen. Die Nord-Südzüge der wandernden Germanen wurden von den Ost-Westzügen derSlawen, Hunnen, Awaren und Magyaren abgelöst, den von Weiten kommendenKreuzfahrerscharen im 11. bis 13. Jahrhundert folgten die von Osten her sichentwickelnden Einfälle der Mongolen und Türken vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. —Schon früh fingen die Verwirrungen an. Die ersten nachweisbaren Bewohner derGebiete zwischen Jablunkagebirge, Erzgebirge und Adria waren die Kelten. Durch dieKelten im heutigen Süddeutschland standen sie mit den gallischen Kelten inunmittelbarer Verbindung.5Deutsche unter Fremdherrschaft 6Im letzten Jahrhundert vor Christi Geburt noch waren die Donauländer eingeschlossenes, in westöstlicher Richtung verlaufendes Siedlungsgebiet der Kelten.Im österreichischen Schlesien, wo man die älteste menschliche Siedlung inKreuzendorf bei Troppau gefunden zu haben glaubt, lebten neben den keltischenBojern die sagenhaften Volksstämme der Codieren, Ombronen und Tektosagen.In dieses keltische Siedlungsgebiet, das schon im 5. Jahrhundert vor der GeburtChristi bestanden hat, und von dem aus bereits im dritten vorchristlichenJahrhundert Ausstrahlungen in Form von Wanderungen bis nach Kleinasien (Galiläa,Gallipolis, Galater!) erfolgten, brachen um 115 vor Christi Geburt die Kimbernein. Dieser germanische Volksstamm war aus der jütischen Halbinsel aufgebrochen,hatte sich nach Osten gewandt und war dann, dem Laufe der Oder folgend, in dasGebiet der Bojer eingebrochen, etwa in der Gegend von Teschen. Nach einermörderischen Schlacht bei Noreja setzten die Kimbern ihre Wanderung fort,streiften donauaufwärts, gelangten nach Gallien und von da nach Italien.Die eigentliche Verdrängung der Kelten durch die von Norden über die Gebirgspässehereinbrechenden Germanen erfolgte um die Zeit von Christi Geburt. Bereits um 60vor Christi Geburt mußten die keltischen Bojer nach langen Kämpfen den siegreichensuebischen Markomannen weichen. Diese siedelten sich zunächst am Rande der Gebirgean in dem Lande, das sie nach seinen ehemaligen Bewohnern Bojer - Heim, Böhmen,nannten (Tacitus spricht im 28. Kapitel seiner „Germania“ von Boihaemum). ErstMarbod, der ums Jahr 8 vor Christi Geburt aus der Gegend südlich vom Main nach
 
Böhmen kam, bewirkte, daß sowohl Böhmen wie Mähren systematisch undzusammenhängend von Germanen besiedelt wurden. Allerdings unterlag dieserMarkomannenfürst zwanzig Jahre später in einer Schlacht, wohl bei Leipzig, demCheruskerfürsten Arminius.Viele heute noch in Böhmen und Mähren gebrauchte Fluß- und Ortsnamen sindgermanischer Herkunft.6Einleitung: Frühgeschichte Österreichs 7Die Bezeichnung Mährens wird vom Flusse March abgeleitet, dessen ältesteNamensform Mar-ahwa, soviel wie Sumpfwasser lautet. Die Marhari also waren dieMarchanwohner, wie die Bojuvari die Leute in Böhmen waren. —Die Oderstraße und die Elbestraße waren in den kommenden Jahrhunderten zweiHauptstraßen der germanischen Einwanderer. Da kamen zunächst die Quaden in dasmährisch- schlesische Gebiet, ihnen folgten die vandalischen Lugier und dieHeruler. Ums Jahr 100 nach Christi war das ganze Land nördlich der Donau vonGermanen bevölkert. Die Kelten waren auf das südliche Ufer zurückgedrängt. Hier ander Donau prallten nun die germanischen Völkerschaften mit den römischen Heerenzusammen, und zwei Jahrhunderte lang wurde von den Römern um die Erhaltung derDonaugrenze gerungen. Mark Aurel führte von 166 bis 180 langwierige Kriege gegendie Markomannen. Er starb auf einem solchen Feldzug 180 in Wien.Die Germanen brachen jetzt auch in die römischen Provinzen ein; den Herulerngelingt es, im Jahre 267 bis nach Athen zu kommen, und ein Jahrhundert späterbesiegen die Westgoten das Heer des Kaisers Valens bei Adrianopel, der Kaiserselbst fällt in der Schlacht.Während sich so die germanischen Völkerschaften am mittleren Lauf der Donau hin-und herschieben wie gewaltige Eisschollen auf einem Flusse zur Frühlingszeit,stößt von Osten, aus den Steppen Asiens hervor, ein mongolisches Volk gegen diesenbrodelnden Völkerkessel vor: die Hunnen. Sie brechen von der Wolga her vor, bahnensich unter schrecklichen Kriegsgreueln einen Weg in die römische ProvinzPannonien, die etwa von der Leitha im Westen, von der Save im Süden, von der Donauim Osten und Norden begrenzt wird. Die Ostgoten und Gepiden müssen sich derhunnischen Herrschaft fügen, allmählich entsteht ein gewaltiges Reich, und derHerr dieses Reiches, Attila, bricht, verbündet mit den germanischen Völkerschaftenan der Donau, Elbe und Saale, um die Mitte des 5. Jahrhunderts nach Gallien auf.Auf den katalanischen Feldern bei Troyes ereilt ihn sein Schicksal, er zieht nachItalien, stirbt 453.7Deutsche unter Fremdherrschaft 8Sein mächtiges Reich zerfällt, und den Ostgoten und Gepiden gelingt es, die Hunnenin der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts bis ans Schwarze Meer zurückzudrängen.Südlich der Donau lagen die drei römischen Provinzen Pannonien, westlichanschließend Noricum, das Gebiet Kärntens und der Steiermark von den Karawankenbis zur Donau umfassend, und Rätien, welches das Gebiet von Tirol, Vorarlberg undAlgäu bis an die Donau im Norden reichend einnahm. Diese drei Provinzen wurden im5. Jahrhundert eine Beute der Germanen.Ursprünglich wohnten veneto-illyrische Völkerschaften in Rätien und Noricum. ImNoricum wurden diese Urbewohner im Jahre 225 vor Christi Geburt von den gallischenTauriskern überrannt, 112 Jahre später durchzogen die germanischen Kimbern dasLand und trafen bei Noreja mit den Römern zusammen. In den Felsentälern und aufden Schuttkegeln der rätischen Alpen aber erhielten sich nördlich und südlich vomBrenner die veneto-illyrischen Ureinwohner und vermischten sich mit Etruskern undLiguren. Im Jahre 15 vor Christi Geburt wurde dieses Land römisch, wobei aber nur
 
das Etschtal bis zur Passermündung und das Eisaktal bis Klauten zu Italiengerechnet wurden. Die Grenze Italiens bildete nicht der Alpenkamm. Das übrigeaber, das sich nördlich vom Avisiofluß und der Adda zum Fuße der Alpen bis an denBodenfee und Inn hinzog, wurde zur Provinz Rätien zusammengefaßt. Um die gleicheZeit wie Rätien unter Kaiser Augustus wurde auch Noricum römische Provinz (15 v.Chr.). Straßen und Kanäle wurden gebaut, Provinzstädte entstanden: Solva, Cilli,Pettau.Im Jahre 473 wurde Noricum von den Ostgoten, welche jetzt das von den Hunnenbefreite Pannonien verließen, durchzogen, die Alanen folgten. Von 493 bis 526gehörte Noricum, also Kärnten und Steiermark wie auch Krain und das Karstland zumostgotischen Reiche Theoderichs des Großen, dann hatte der Frankenkönig Theodebert534-547 die Herrschaft über das Land.Inzwischen ereigneten sich neue Völkerverschiebungen nördlich der Donau.8Einleitung: Slaweneinfall 9Die Markomannen verließen um 500 Böhmen und wanderten als Bajuvari nach Bayern,während gleichzeitig von Mähren und Schlesien her die Langobarden nach Südenvorstießen. Sie schoben sich, mit den Herulern zusammen, in den westlichen Teilder Provinz Pannonien, in das Gebiet der Leitha, welches späterhin zu Westungarngehörte.Da wehte ein neuer Sturm von Osten in das aufgewühlte Donauland: von Osten, ausRußland, jagten die Awaren heran, ein wildes und grausames Mongolenvolk, dasgewaltige Scharen von Slawen vor sich hertrieb. Die Langobarden verließenPannonien, zogen durch Steiermark und Kärnten und fielen in Oberitalien ein, wosie ein Reich gründeten. Die slawischen Völkerschaften fluteten in die zum Teilleer gewordenen Gebiete Mährens, Böhmens, des Burgenlandes, Steiermarks, Kärntens,Krains. Eine ungeheure slawische Überschwemmung ging über das ganze Land, in demsich, nicht mehr zusammenhängend, sondern inselweise, besonders an denRandgebieten der Gebirge, noch starke germanische Wohngebiete befanden.Diese slawische Invasion machte zum ersten Male in der zweiten Hälfte des 6.Jahrhunderts aus den von so verschiedenartigem Geschick betroffenen Gebieten eineSchicksalsgemeinschaft. Aber diese Slawen waren nicht frei, sondern sie standenunter der Herrschaft der Awaren, die in den Karpathenländern ihren Mittelpunkthatte. Diese Awaren bedrückten in der gleichen Weise die germanisch-slawischeMischbevölkerung Böhmens und Mährens wie diejenige von Steiermark, Kärnten, Krain.Zwar gelang es einem fränkischen Kaufmann Samo um 625, die germanisch-slawischenSudetenländer von der awarischen Herrschaft zu befreien und nördlich der Donau einmächtiges Reich zu schaffen, das selbst noch Schlesien in sich schloß; doch nachseinem Tode zerfiel dieses Machtgebilde wieder, und die Slawen wurden wieder denAwaren untertan. Den Slawen südlich der Donau gelang es jedoch, das awarische Jochabzuschütteln.Besonders in Kärnten und Krain begannen schon im 7. Jahrhundert die Kämpfe derSlawen und Awaren gegen die von Norden andringenden Bayern.9Deutsche unter Fremdherrschaft 10Allmählich stellten die Slawen fest, daß sie sich unter bayrischer Herrschaftbesser befänden als unter awarischer. So kam es, daß um 750, als auch die von 626bis 738 dauernde Langobardenherrschaft über Südwestkärnten ihr Ende erreichthatte, der Kärntner Fürst Borut die Bayern gegen die Awaren zu Hilfe rief. HerzogOdilo von Bayern (†748) und nach ihm Tassilo III. befreiten Karantanien - dieserName war jetzt an die Stelle des alten Noricum getreten - endgültig von derAwarenherrschaft, behielten das Land aber unter bayrischer Oberhoheit. —
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