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Der Spion, der aus den Alpen kam - tagesanzeiger.ch (2011)

Der Spion, der aus den Alpen kam - tagesanzeiger.ch (2011)

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Source: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Der-Spion-der-aus-den-Alpen-kam-/story/23721555
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Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 21.04.2011
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Der Spion, der aus den Alpen kam
Er liess das österreichische Heer ausspionieren und schrieb das«Zivilverteidigungsbüchlein». Nun ist Ex-Oberst Albert Bachmann mit 81 Jahren verstorben.
 Albert Bachmann im Jahr 1969: Damals erschien das von ihm verfasste «Zivilverteidigungsbüchlein».Bild: Keystone
Es ist der 19. November 1979, halb drei Uhr nachts. Ineinem abgestellten Wagen bei St. Pölten, Österreich,sitzt der Schweizer Betriebsberater Kurt Schilling. Ausgerüstet mit Feldstecher, Landkarte undNotizblock, starrt er ins Dunkle. Plötzlich tauchenSoldaten des österreichischen Bundesheers auf. Sienehmen an einem Manöver teil und inspizieren das verdächtige Fahrzeug. Doch statt wie erwartet auf einLiebespaar stossen sie auf einen sichtlich gutinformierten Schweizer. Als Schilling den Soldaten
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sogar sagt, wo sich die Stellungen des Gegners befinden, melden sie ihn der Staatspolizei. Schilling wird überwacht und drei Tage später verhaftet. Vor Gericht stellt sich heraus, dass Schilling ausspionieren sollte, wie lange Österreich einem Angriff der Sowjets standhalten konnte. Weil er derart stümperhaft vorgegangen war, wird er bloss zu fünf Monaten bedingt verurteilt und abgeschoben. Die Presse giesst Spott und Hohnüber den Schweizer Spion, und Militärvorsteher Rudolf Gnägi spricht von einem «bedauerlichenEinzelfall».
Ein Treppenwitz der Geschichte
Die Affäre bleibt als Treppenwitz der Geschichte in Erinnerung. Sie ist symptomatisch für das Wirken jenes Mannes, der Schilling den Spionageauftrag erteilt hatte und der als abenteuerlicheFigur durch die Geschichte der Schweiz im Kalten Krieg irrlichtert: Oberst im Generalstab Albert«Bert» Bachmann.Der 1929 geborene Bachmann wächst in Zürich in einfachen Verhältnissen auf, wirdBuchdrucker und Mitglied der PdA-Organisation Freie Jugend. Nach dem Einmarsch derSowjets in die Tschechoslowakei ändert er seine Überzeugung definitiv. 1969, inzwischen Majorim Generalstab, sorgt Bachmann für Aufsehen: Er ist Hauptautor des«Zivilverteidigungsbüchleins», das allen Haushalten zugestellt wird. Die Fibel soll die SchweizerBevölkerung lehren, wie man sich gegen eine Besatzungsmacht wehrt. Gefahr droht dabei nichtnur vom Feind, sondern auch von Linken, Pazifisten und Intellektuellen. Anhand der Figur«Adolf Wühler» zeigt Bachmann, wie subversive Objekte mit dem Feind kollaborieren und wasPatrioten wie «Wilhelm Eiferli» dagegen tun müssen. 2,6 Millionen Exemplare werdengedruckt. Bachmann erhält ein Millionenhonorar.Kritiker verulken die rote Fibel als «Schweizer Mao-Bibel». Sie führt dazu, dass Max Frisch,Friedrich Dürrenmatt und weitere Autoren den Schweizer Schriftsteller-Verein (SSV) verlassenund die Gruppe Olten gründen, denn SSV-Präsident Maurice Zermatten hatte an der Broschüremitgearbeitet.
Der Mann für Spezialmissionen
Bachmann wird zum Oberst in der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (Una) befördert. Ihm unterstehen drei Geheimorganisationen: das «Büro Ha», ein von HansHausamann im Zweiten Weltkrieg gegründeter privater Nachrichtendienst, ein «Spezialdienst»(Spez D), der sich auf den Widerstand gegen eine Besatzungsmacht vorbereitet, und ein«Ausserordentlicher Nachrichtendienst». Bachmanns Leute werden an der Pistole ausgebildet,lernen Chiffrieren, Aufklären und das Herstellen von Flugblättern. Bergführer werden verpflichtet, um wichtige Personen falls nötig über die Alpen zu retten.
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 Aus Bachmanns Spez D entsteht die im Zuge der Fichenaffäre aufgeflogene Geheimtruppe P-26.Eine Parlamentarische Untersuchungskommission kommt 1990 zum Schluss, die mit Waffenund Sprengstoff ausgestattete P-26 sei zwar verfassungskonform gewesen, habe aber einepotenzielle Gefahr für die verfassungsmässige Ordnung dargestellt. Dank seiner strammantikommunistischen Haltung geniesst Bachmann alle erdenklichen Freiheiten. Offiziell ist ermit «Spezialmissionen» betraut. Was das heisst, wird erst Jahre später dank mehrererparlamentarischer Untersuchungen teilweise publik: Bachmann, der in der Una ein Chaosanrichtet, setzt seine Leute in befreundeten Nachbarländen ein und ist selbst vermehrt auf geheimer Mission unterwegs. So taucht er während des Biafrakriegs in Nigeria auf und gibt sichals Engländer «Henry Peel» aus. Ohne Wissen des Bundesrats und mithilfe privater Spenderkauft Bachmann in Irland einen Landsitz, wohin die Landesregierung im Kriegsfall hätteevakuiert werden sollen.
Militär-Mercedes in Flammen
 Weitere Vorwürfe erhebt der Luzerner CVP-Nationalrat Alfons Müller-Marzohl in einemBericht. So habe Bachmann in Biafra mit Waffen gehandelt und Gelder vom Schah von Persienerhalten. Müller-Marzohl wird von Militärminister Gnägi und bürgerlichen Politikern verunglimpft. Eine Kommission unter Vorsitz des späteren FDP-Militärministers Jean-PascalDelamuraz bestätigt die Vorwürfe nicht. Bachmann sei ein fähiger Nachrichtenmann gewesen,aber für die Cheffunktion im Nachrichtendienst ungeeignet. Laut der Kommission Delamuraz war Bachmann zu risikofreudig gewesen und habe sich der Kontrolle entzogen.Bachmann selbst pflegt sein Image als geheimnisvoller Nachrichtenoffizier. Er kleidet sich wieein Lord, raucht Pfeife und sagt, er sei der «einzige Generalstabsoffizier mit Schnauz und einerTätowierung am Oberarm». Ein «Blender» sei Bachmann gewesen, sagt der frühere SP-Chef Helmut Hubacher: «Die antikommunistische Hysterie führte dazu, dass Bachmann so vielNarrenfreiheit besass und so lange ernst genommen wurde
Macher und kein Verwalter
1969 geht Bachmanns Militär-Mercedes in Flammen auf. Der Anschlag wird nie geklärt. DasGerücht geht um, Bachmann habe das Attentat selbst inszeniert. Militärhistoriker FelixNöthiger, der eine Bachmann-Biografie schreibt und an einem Film über ihn arbeitet, weist dasentschieden zurück: «Bachmann hatte viele Feinde und wurde bedroht.» Laut Nöthiger warBachmann ein «kreativer Macher und kein Verwalter». Vielen Generalstabsoffizieren sei er wegen seiner einfachen Herkunft und der roten Jugend suspekt gewesen.Schliesslich kostet die Affäre Schilling Bachmann den Job. «Das war ein Bauernopfer», sagtNöthiger. Militärminister Gnägi habe den Intimfeind der Linken in die Wüste geschickt, um dieLage zu beruhigen. Bachmann wird frühzeitig pensioniert, geht laut einer zuverlässigen Quelleaber auch danach beim Militärdepartement ein und aus und bleibt nachrichtendienstlich tätig.
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