Welcome to Scribd, the world's digital library. Read, publish, and share books and documents. See more
Download
Standard view
Full view
of .
Look up keyword
Like this
1Activity
0 of .
Results for:
No results containing your search query
P. 1
Luhmann, Niklas - Protest (1988)

Luhmann, Niklas - Protest (1988)

Ratings: (0)|Views: 25|Likes:
Published by Larry Butz
Niklas Luhmann's 1988 book on Protest.
Niklas Luhmann's 1988 book on Protest.

More info:

Published by: Larry Butz on Dec 02, 2012
Copyright:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

08/22/2013

pdf

text

original

 
 
Protest (1988)
 
Copyright © contrapress media GmbH T880804.66 TAZ Nr. 2575Seite 11-12 vom 04.08.1988 438 Zeilen von TAZ-Bericht niklasluhmannNjet-Set und Terror-Desperados
 
Die Protestler von '68 waren ein querulantischer Njet-Set, der endlich dank der Ökologiebewegung und der von ihr aufgeworfenen Fragestellungen von einer Generation mit denerforderlichen technischen und wissenschaftlichen Kenntnissenabgelöst wird.
 
Niklas Luhmann
 
"Everybody's got something to hide, except me and my monkey",sangen die Beatles 1968 mit offensichtlich breiter Zustimmung.Im Rückblick erstaunt nicht der Vorwurf, sondern die Ausnahme.Daß jedermann sündig war, wußte man schon immer; aber daßes eine Ausnahme gab, das war neu. Und es wurde so in dieWelt hinausgesungen, daß jedermann glauben konnte, er selber sei die Ausnahme. Ob jemand jemals es wirklich geglaubt hat,weiß man nicht; aber man konnte so tun als ob.
 
Dazu mußte freilich die Unschuld eine Position erhalten irgendwoin der Welt, aber außerhalb der Gesellschaft. Die Blumen und dieStrände, an denen man von nichts leben konnte, mochten dassymbolisieren. Die Universitäten schienen eine Möglichkeit zubieten - eine Position, von der aus man, mit Finanzierung durchandere, Appelle an andere absenden konnte. Von all dem sindletztlich nur die Verstecke der Terroristen übriggeblieben und mitihnen die Anmaßung, Schuld als Unschuld praktizieren zukönnen.
 
Es gibt eine alte mönchische Tradition, die besagt, daß manschweigen müsse, wolle man jede Infektion mit Welt vermeiden.Hier war nun das Umgekehrte zu erfahren: Man müsse nichtschweigen, sondern appellieren und notfalls seinen Appellendurch Aktion Nachdruck verleihen - durch unschuldige Aktion der  Akteure und ihrer Affen (und im Bereich der Werkzeuge heißtmonkey dann auch noch: Rammbock, Fallhammer). Aber was istdas für eine Position, von der aus man die Gesellschaftbeobachten, kritisieren, eventuell angreifen kann, ohne selbstdazuzugehören?
 
 Auch hierzu gaben die Beatles 1968 Auskunft: "Your inside is outand your outside is in." Man kann also in der Gesellschaftrebellieren, so als ob man von außen käme.
 
1968 wird als Jahr der Unruhe, ja der institutionellen Kriseerinnert. Die Ereignisse kamen überraschend, auch für die Akteure selbst, und das mag den Eindruck, den sie hinterließen,vergrößert haben. Zufällige Vorfälle, der Schuß auf BennoOhnesorg zum Beispiel, schossen die Studenten aus der Gesellschaft hinaus - und von da ab konnte man über den Rasenlaufen.
 
 Auch im Rückblick fehlt es an überzeugenden Erklärungen.
Seite 1von 8Soziale-Systeme.de30.05.2003file://D:\Eigene%20Webs\Soziale-Systeme%20alt\document_vl02.htm
 
Sicher ist nur, daß die aktuelle gesellschaftliche Lage keinen Anlaß bot - weder in Frankreich noch in Deutschland, weder inItalien noch in den USA. Überall konnte man wirtschaftlicheProsperität, Zuwachs an Ausbildungschancen und tendenziellgefestige Demokratie (verglichen etwa mit den düsterenPrognosen der dreißiger und frühen vierziger Jahre) beobachten.Macht, wie man sagt, zuviel des Glücks übermütig? Nieten ausdem Busch?
 
Man könnte denselben Schritt auch als Sequenz der  Ausdifferenzierung von Funktionssystemen begreifen, die vongroßen Hoffnungen und Vorschußlorbeeren begleitet waren unddann in den organisatorischen Realisierungen der Industriebetriebe, der Bürokratien und oligarchischenParteistrukturen sowie schließlich der Schulen und Universitätenenttäuschen mußten. Die Lobsprüche und Legitimationsfloskelnder Alten gaben den noch nicht arrivierten Jungen keinen Sinn.
 
 Allerdings zeigte es sich dann sehr rasch, daß die darauf begründete Hoffnung auf eine Solidarisierung vonIndustriearbeiterschaft und akademischer Jugend eine Illusionblieb - eine Illusion der letzten, der noch nicht arriviertenProtestler. Was schließlich entstand, war eine Zersplitterung der einstmals geschlossen-sozialistischen sozialen Bewegung inthematisch heterogene "neue soziale Bewegungen" - so als obdie funktional differenzierte Gesellschaft ihre eigene Einheit nichteinmal mehr in der Form eines Protestes gegen sich selbstformulieren könnte. Resignierte biographische Arrangementseines neuen Njet-Set auf der einen Seite und Terror-Desperadosauf der anderen waren die Folge. Wer die Gesellschaft vonaußerhalb attackieren wollte, mußte dies aus dem Versteckheraus tun.
 
Erklärungen dieser Art befriedigen kaum. Sie geben nur oberflächliche Anhaltspunkte. Man muß hinzunehmen, daß dieLockerung sozialer Bindungen, ihrerseits eine Folge funktionaler Differenzierung, nicht eine neue Solidarität erzeugt, wie Durkheimangenommen hatte, sondern ein Bindungspotential freisetzt, daszu anlaßbedingten überraschenden Amalgamationen führenkann, die sich jedoch bald wieder auflösen - biographisch und für weltweite Orientierungs- und Diffusionsmöglichkeiten.
 
 Aber Massenmedien sind nicht gerade geeignet, Reflexion zustimulieren, ganz zu schweigen vom Aufbau einer zeitgemäßenTheorie. So wurde das Paradox, wie man die Gesellschaft in der Gesellschaft so beobachten und kritisieren könne, als ob es vonaußen wäre, naiv angegangen und naiv gelöst - mit Rückgriff auf schon vorhandene Literatur - den halben Marx und die ganze(psychodramatisch erweitere) Frankfurter Schule.
 
So weit, so schlecht. Von Marx hätte man eigentlich lernenkönnen, daß die Kritik politischer Ökonomie in genauem Anschluß an eben deren Selbstdarstellung zu vollziehen ist; unddaß sie in der Gesellschaft als Resultat der Dialektik ihrer eigenen Widersprüche zu erwarten sei. Die Position, von der ausdas zu vollziehen wäre (die Position der ausgebeuteten Klasseals des intrernen externen Beobachters), war jedoch bereitsaufgelöst worden.
 
Die Frankfurter Schule hielt noch an der Vorstellung fest, daß die
Seite 2von 8Soziale-Systeme.de30.05.2003file://D:\Eigene%20Webs\Soziale-Systeme%20alt\document_vl02.htm
 
Realwidersprüche der Gesellschaft sichtbar gemacht werdenkönnten und dem kritischen Beobachter seinenGegenstandsbezug vermitteln, wie immer er dann als Aufklärer indie Widersprüche hineingezogen werde. Wie aber, wenn dieWidersprüche überhaupt nur eine Konstruktion des Beobachterssind? Und wie überhaupt soll der Beobachter vorgehen, wenn er (mit einer widerspruchsfreien Logik?) eine widerspruchsvolleRealität beweisen will. Everybody's got something to hide -except me and my monkey?
 
Der Plötzlichkeit des Ausbruchs von Unruhe entsprach dieDürftigkeit ihrer intellektuellen Ausstattung, die Unbekümmertheitihrer Sprüche, die Naivität ihrer Vorwürfe. Was schon einmalunter ganz anderen Bedingungen als Kritik gedient hatte, wurdenur neu aufgeladen und wiederbenutzt. Entsprechend rasch kamdie Ernüchterung. Gewiß: die Idee ist unabweisbar, daß allesauch ganz anders gehen könnte. Eine ganze Armee vonIntellektuellen hat sich dadurch inspirieren lassen - nur umletztlich auf einer Ja/Aber-Position zu landen, ohne dannerkennen zu können, daß man falsch gestartet war.Postmodernes Rokoko
 
Es gibt manche Zeichen dafür, daß die Frage nach der Art der Gesellschaft, in der wir leben, nur noch dringlicher geworden ist.Was gescheitert ist, ist die Naivität und die Leichtfertigkeit der Beschreibung. Und was inzwischen auch gescheitert ist, ist dasRokoko der postmodernen Beliebigkeit. Was gefordert ist, ist eineneue Strenge und Genauigkeit im Beobachten und Beschreibenund, wenn man so weit gehen kann, im Begreifen.
 
Für die 68er Bewegung war das Problem der Gesellschaft nochprimär wie im 19. Jahrhundert ein Problem der Verteilunggewesen, ein Problem der Gerechtigkeit, ein Problem der Benachteiligung, ein Problem der Beteiligung. Eine Gesellschaft -und wenn man angreifen wollte, sagte man "Herrschaft" - dienicht imstande ist, dieses Problem angemessen zu lösen,erschien als ein "System" ohne Legitimität.
 
Ihr gegenüber war ein Hinweis auf Normen und die Forderungnach Einlösung der Normen, die man nicht leugnen konnte,angemessen. So argumentiert Jürgen Habermas, auf seineWeise untadelig, noch heute. Solche Normen müssen gedachtwerden als Voraussetzungen sinnvoller Kommunikation, alsetwas, das man logischerweise akzeptieren muß, wenn man inKommunikation eintritt, um Verständigung zu suchen. Setzt diesein vorgesellschaftlich gegebenes Individum, also ein "Subjekt"im klassischen Sinne voraus?
 
Die Kritik und die Rebellion finden nicht außerhalb der Gesellschaft, sie finden innerhalb der Gesellschaft statt. Dasweiß man seit 1971 - seitdem Edmund Burke die FranzösischeRevolution beschrieb. Man kann nicht unschuldig bleiben.
 
Die Theorie hat nicht das letzte Wort. Wenn sie alsKommunikation Erfolg hat, verändert sie die Gesellschaft, die siebeschrieben hatte; verändert damit ihren Gegenstand und trifftdanach nicht mehr zu. So hat die sozialistische Bewegung zueiner Marktunabhängigkeit der Arbeitspreise geführt - eineTatsache, mit der wir nun leben müssen. So hat diePartizipationsbewegung der 68er, soweit sie sich auswirken
Seite 3von 8Soziale-Systeme.de30.05.2003file://D:\Eigene%20Webs\Soziale-Systeme%20alt\document_vl02.htm

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->