Ach, meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazie-rer, fühlen Sie sich eigentlich auch so historisch zurZeit? Nein, ich meine natürlich nicht den bösen Zahnder Zeit, der nagt ja bekanntlich nur an den Anderen,aber doch nicht an uns! Ich spreche von diesem unbe-stimmten aber doch irgendwie bewegenden Gefühl,dass sich in den Momenten einstellt, die später mitgroßer Wahrscheinlichkeit von schwitzenden Schü-lern in Geschichtsarbeiten gewusst werden sollten.Dieser Hauch der Ewigkeit, der einem den Rücken hi-nabfährt, wenn die Obamas vereidigt werden und dieBillionen an den Börsen in Rauch aufgehen. DiesesWissen, dass gerade eine neue Zeit beginnt – undman nicht den Hauch einer Ahnung hat, was sie unsbringen wird.Es ist eine Zeit der großen Erwartungen, in jede Rich-tung. Ein US-Präsident, der mit den Attributen jung,schwarz, liberal, eloquent und intelligent das exakteGegenteil seines Vorgängers verkörpert, schriebschon Geschichte, bevor er Amt war. Eine Homo-Gruppe bei der Parade vor dem Kapitol lässt hoffen,seine explizite Gleichstellung von Gläubigen undNicht-Gläubigen ebenso. Ein Amerika, das den Wegzurück in die Gruppe der aufgeklärten Staaten fände,wäre sicher ein Gewinn für die Welt und nicht zuletztfür die Lesben und Schwulen in den USA und sonst-wo. Vielleicht erreicht der Schwung des Neuanfangs ja auch Länder, die sich in den letzten Jahren mitGrausen von Amerika als Vorbild abgewandt haben.Doch noch ist es viel zu früh, wirklich sagen zu kön-nen, wie die Homo-Politik der neuen Regierung imDetail aussehen wird. Das Erbe der Bush-Administra-tion dürfte vor allem in den hohen Gerichten nochlange zu spüren sein. Wunder sollten wir uns nichterwarten – doch wer hätte schon gedacht, dass einSchwarzer jemals ins Weiße Haus einziehen wird?Welchen Spielraum und wie viel Kraft Obama tatsäch-lich hat, wird sich zeigen. Genau so, wie sich – wennich denn eine Prognose wagen darf – heuer zeigenmuss, wo Deutschland tatsächlich steht. Wahrschein-lich wird 2009 später einmal als das „So-ging-es-nicht-mehr-weiter“-Jahr in den Geschichtsportalenauftauchen. Ob Klima, Wirtschaft oder Integration:die Probleme sind so massiv, dass wir eindeutig mit-ten in der größten Bewährungsprobe unserer Repu-blik sind. Und die wird nur mit Mut und unkonventio-nellen Ideen zu meistern sein.
Veränderung ist notwendig – und kann sehr positivwerden, wenn sich alle Bevölkerungsgruppen einbrin-gen. Und da sind wir selbst mehr denn je gefragt, umnicht zwischen Bankenkrisen, globalen Machtspielenam Gashahn und der Umstrukturierung des ganzenLandes unterzugehen. In den kommenden Jahrenwird es für uns nicht nur um die Verbesserung undVerteidigung des Erreichten gehen, sondern umunsere Stellung in den weniger aufgeklärten undtoleranten Teilen der Gesellschaft. Wenn es gelingt,Sektierern, Ewiggestrigen und Fundis aller Schattie-rungen ihren Nährboden zu entziehen, kann Deutsch-land das bleiben, was wir uns erkämpft haben: einLand, in dem Lesben und Schwule frei und selbstbe-stimmt leben können.
Also Obama: nicht nur du kannst, sondern wir allekönnen es – anpacken und die Dinge ändern. Dazumüssen wir nicht auf einen Visionär warten, son-dern auf uns selbst vertrauen. Es wird höchste Zeit,zurück zu unseren alten Stärken zu nden, wie-der kontrovers und kreativ zu diskutieren und zuhandeln. 25 Jahre Münchner Aids-Hilfe gegen allefrüheren Wiederstände sind ein Beweis dafür, dasswir’s können!
Ich bin Sarah Jäckel, lasse mir den Spaß nichtverderben und wünsche auch in Zeiten des globa-len Irrsinns eine narrisch-geile Zeit im Fasching2009!
Glockenbachblues
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