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Strategie der Spannung - Der internationale Kontext der Bommeleeër-Affäre (Lëtzebuerger Journal, April 2012)

Strategie der Spannung - Der internationale Kontext der Bommeleeër-Affäre (Lëtzebuerger Journal, April 2012)

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German article about Gladio in Luxembourg /// Deutscher Artikel über Gladio in Luxemburg
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07/10/2013

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„Pour bien comprendre la situation desforces de l’ordre durant les années 1980 à 1985, il faut se rappeler qu’il s’agissait d’unepériode très agitée“, schreibt StaatsanwaltRobert Biever in seiner Anklageschrift zur„Bommeleeër“-Affäre und verweist dabeiauf die so genannte „Joerhonnert-Affäre“,in der sich Polizei und Gendarmerie ge-genseitig bekriegten, sowie auf eine neueQualität der Kriminalität mit den äußerstbrutalen Taten der Waldbilliger Gangster-Bande (bei der Serie der von ihr verübtenBanküberfälle war Ende Oktober 1985 ein junger Polizist ermordet worden).Biever situiert die „Bommeleeër“-Atten-tate in einem nationalen Kontext, vermei-det es aber, die Anschlagsserie auf demHöhepunkt des Kalten Krieges in ihreninternationalen Kontext zu stellen.
Kontext 
Geopolitisch erreichte der Kalte Krieg und damit die Konfrontation zwischenOst und West, zwischen Kapitalismus undKommunismus Anfang der 1980er Jahreeinen neuen Höhepunkt. Der NATO-Doppelbeschluss und der Einmarsch derSowjetunion in Afghanistan markierten1980 das Ende der Entspannungspolitik der 1970er Jahre und läuteten eine neuePhase des Rüstungswettlaufs ein. Eineneue Generation von US-amerikanischenPershing II- und Tomahawk-Raketen mitnuklearen Sprengköpfen wurden in West-europa stationiert. Mit der Wahl RonaldReagans zum amerikanischen Präsidentenleitete erneut ein Hardliner die Geschickedes Weißen Hauses, während unter derFührung Juri Andropows und KonstantinTschernenkos eher Unsicherheit über diepolitische Ausrichtung der Sowjetunionherrschte.Die Periode wird deshalb auch in der For-schung als „La Grande Peur“ bezeichnet,da die Angst vor einem nuklearen Zu-sammenstoß und einem dritten Weltkrieg einen erneuten Höhepunkt erreichte. InLuxemburger Militärkreisen stellte sichdamals nicht die Frage „ob“ es zu einemKrieg zwischen NATO und WarschauerPakt kommen würde, sondern „wann“ und„wie“. Das „wie“ trainierte die Luxembur-ger Armee seit den 1970er Jahren und ver-stärkt in den 1980er Jahren in einer Viel-zahl von NATO-Manövern. Diese folgtendem immer gleichen Szenario: Kleine sub-versive Gruppen sollten versuchen, die na-tionalen Infrastrukturen zu zerstören und Armee und Gendarmerie sollten sie daranhindern. Im Verteidigungsfall ging mandavon aus, dass der Warschauer Pakt in ei-ner ersten Phase kleine Elite-Einheiten (so-genannte „Spetsnaz“) über West-Europa mit dem Fallschirm absetzen würde. IhrZiel: strategische Infrastrukturen auszu-schalten. Dadurch sollte die Verteidigung der NATO-Länder stark geschwächt undein Vormarsch der Panzerkolonnen des Warschauer Paktes erleichtert werden.Im Militärjargon spricht man in diesemZusammenhang von „kritischen Infra-strukturen“. Darunter versteht man Ein-richtungen und Strukturen, deren Ausfalldas gesellschaftliche Leben zum Erliegenbringen und eine Verteidigung des Landesunmöglich machen würden. Als solcheInfrastrukturen galten in den 1980er Jah-ren vor allem Infrastrukturen aus den Be-reichen Energie, Transport und Verkehr,Information und Telekommunikation,Medien- und Kultur- sowie staatlicheInstitutionen.
Strategie der Spannung 
Der internationale Kontext der Bommeleeër-Affäre
 Zwischen dem 7. und dem 17. April zeichnete das 
Lëtzebuerger Journal
in acht spannenden Beiträgen einige  „vernachlässigte Spuren“ in der Bommeleeër-Affäre auf. Dieses ausgezeichnet recherchierte Dossier lässt sich sowohl als historische Aufarbeitung der letzten Phase des Kalten Krieges lesen wie auch als Hintergrundanalyse zum Bommeleeër-Dossier. Um diese Artikelserie einem weiteren Publikum zugänglich zu machen, publiziert 
forum
sie hier in leicht  gekürzter und synthetisierter Form.
Lëtzebuerger Journal
Der gesamte Text (in 8 Teilen) kann auf www.journal.lunachgelesen werden, indem das Wort „Bommeleeër“indieSuchmaschinederInternetseiteeingegebenwird(httpwwwjournallu?s=Bommeleeër)
 Auf dem Höhepunkt des KaltenKrieges gab es einflussreichePersonen, die sich in einem Krieg gegen eine verweichlichteGesellschaft sahen.
forum 317
NATO
 
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 Auswahl der Ziele folgt militärischerLogik 
Beim Auflisten dieser Kategorien fälltauf, dass die Ziele der „Bommeleeër“ al-lesamt in eine dieser Kategorien fallen.Die Anklageschrift liefert keine triftigeErklärung für die Auswahl der Ziele der„Bommeleeër“, unterstreicht aber mehr-mals „la façon d’agir de manière militaire“der Attentäter. Tatsächlich folgt die Aus-wahl der Ziele einer streng militärischenLogik. Sie demonstrierten, dass man dasLand mit gezielten Aktionen innerhalbkürzester Zeit hätte lahmlegen können.Hätten die „Bommeleeër“ „ernst ge-macht“ oder hätten im Kriegsfall Vorbo-ten des Warschauer Pakts diese Angriffedurchgeführt, dann wäre möglicherweisedie Stromversorgung zusammengebro-chen, die Energiereserven wären zerstörtworden, das Land wäre von den interna-tionalen Kommunikationssträngen ab-geschnitten worden, die Funktionsweiseder Justiz und der Ordnungskräfte wärenschwer beeinträchtigt worden, öffentli-che Veranstaltungen wären zum Erliegengekommen und die Führung des Landeshätte ausgeschaltet werden können. VieleZiele wurden bis heute nicht auf ihrenmilitärischen Stellenwert hin betrachtet.Zum Beispiel das Attentat auf die Radar-anlage des Flughafens Findel. Im Fall einesmilitärischen Angriffs hätte die Aufgabeder europäischen Armeen vor allem darinbestanden, die Truppen des WarschauerPaktes solange aufzuhalten, bis der mili-tärische Nachschub aus den VereinigtenStaaten und Großbritannien eingetroffenwäre. Unter diesem Gesichtspunkt spielteder „Findel“ eine entscheidende Rolle fürdie Verteidigung des Landes, weil er imKriegsfall als Brückenkopf der Alliiertengedient hätte.
 War Games (Oesling 84)
 Anfang Mai 1984: Eine Gruppe Männersteigt aus einem Kleintransporter, in demsie sich versteckt haben und nähert sich imSchutz der Dunkelheit einem Funkmast.Die Männer müssen vorsichtig sein, denndie Gendarmerie und die Armee sind ih-nen seit Tagen auf den Fersen. Und dieBevölkerung wurde aufgerufen, nützlicheHinweise zu ihrer Ergreifung zu liefern. Inden vergangenen Tagen haben sie bereits„Angriffe“ auf ein Gendarmeriebüro undein Energiereservoir verübt. Über Funk kommt der Befehl: Sprengen! Ein Mit-glied der Gruppe zückt eine Farbbombeund kennzeichnet das Zielobjekt. Missionerfolgreich abgeschlossen. Die Gruppeverschwindet in der Nacht und taucht un-ter bis zum nächsten „Bombenattentat“.Die Gendarmerie und die Armee habeneinmal mehr das Nachsehen.Diese und ähnliche Aktionen liefen imRahmen einer Serie von als geheim einge-stuften NATO-Manövern mit dem Code-namen „Oesling“, die zwischen 1984 und1990 in Luxemburg stattfanden. Das Ma-növer „Oesling84“ (offizielle Dauer: vom24. April bis zum 15. Mai) endete keinezwei Wochen vor dem ersten Attentat der„Bommeleeër“ in Beidweiler (Anschlag auf die Stromleitung zur Versorgung desRTL-Senders am 30. Mai 1984).Bei den Oesling-Manövern handelte es sichum grenzüberschreitende Manöver, diezeitgleich in der belgischen Grenzregionund im Norden Luxemburgs durchgeführtwurden. Das Szenario des Manövers sahvor, dass kleine Gruppen von Angreifern(Orange Truppe) versuchen würden dasLand anzugreifen und strategisch wichtigeInfrastrukturen zu zerstören. Die Rolleder Verteidiger (Blaue Truppe) sollte darinbestehen, die strategisch wichtigen Infra-strukturen des Landes zu schützen unddie Angreifer festzunehmen. Die Rolle derVerteidiger übernahmen die Armee unddie Gendarmerie.
Katz-und-Maus-Spiel inmitten derGesellschaft 
Besonders ausgeprägt war bei den „Oes-ling“-Manövern jedoch die Beteiligung derBevölkerung. So erhielten die Angreifer
NATO
April 2012
 
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etwa die Unterstützung eines Netzwerksvon „Patrioten“ die sie versteckten, sielogistisch unterstützten und eine aktiveRolle im Manöver einnahmen. Auf derSeite der Verteidiger wurde die Bevölke-rung aufgerufen, Hinweise zu liefern, diezur Ergreifung der Täter beitragen könn-ten. Dies führte zu einem wahren Katz-und-Maus-Spiel inmitten der Gesellschaft.Diese aktive Einbindung der Zivilbevöl-kerung in ein Manöver folgte auf demHöhepunkt des Kalten Krieges einer um-strittenen NATO-Strategie, die im Kriegs-fall vorsah, dass neben einer generellenMobilmachung der Streitkräfte auch dieBevölkerung in die Verteidigung des Lan-des mit eingebunden werden sollte. DieseVerwischung zwischen „Kombattanten“und „Non-Kombattanten“ war ein wahrerTabubruch und führte in Belgien zu hefti-gen Diskussionen im Parlament.Die Rolle der Angreifer übernahmenschätzungsweise 30 junge Soldaten derLuxemburger Armee unter der Leitung von rund 20 amerikanischen Soldaten.Dabei ist vor allem die Herkunft der US-Soldaten von Interesse. Denn es handeltesich um das erste Bataillon der 10th Spe-cial Forces Group (SFG), die zum dama-ligen Zeitpunkt im bayrischen Bad Tölzstationiert war. Die SFG waren ausge-bildete Experten in der psychologischenKriegsführung und spezialisiert auf Sabo-tageakte. Ihr Operationsgebiet sollte vorallem Ost-Europa sein, wo sie weit hinterden feindlichen Linien operieren sollten.Doch nach dem Vietnam-Krieg und ver-stärkt in den 80er Jahren widmete dieSFG sich, auf Anordnung der Reagan-Regierung, der Ausbildung von befreun-deten Armeen, Untergrundorganisationenund Milizen in der ganzen Welt. Das of-fizielle Ziel der Oesling-Manöver wurdein Luxemburg wie folgt beschrieben: „col-lecte de renseignements et participationdes Commando luxembourgeois à descours d’initiation aux méthodes de com-bat et techniques de sabotage des ForcesSpéciales U.S.“. Als sogenanntes „Flint-lock“-Manöver musste mindestens 55%des Manövers in die Ausbildung einheimi-scher Gruppen gesteckt werden. Dies sahdas Szenario explizit vor.
US-Special Forces im Einsatz 
Ein ehemaliges Mitglied der Leitung desManövers gibt an, bereits damals dieseZielsetzung in Frage gestellt zu haben:„Man brachte mit viel Aufwand regulärenSoldaten Kampftechniken bei, die sie imKriegsfall nie benutzt hätten.“Die „Flintlock“-Manöver dienten ei-gentlich dem „Capacity Building“ ein-heimischer Spezialeinheiten. Doch dieLuxemburger Armee verfügt über keineSpezialeinheiten im Sinne der amerikani-schen SFG, oder der englischen SAS. Dieeinzige reguläre Einheit, die von ihren Fä-higkeiten und ihrem Einsatzgebiet diesenEinheiten am nächsten kommt, ist dieBrigade mobile de la gendarmerie (BMG).Oder gab es in der Luxemburger Armeeetwa eine spezifische Einheit, die übersolche Fähigkeiten verfügte? Bis heutebleibt unklar, mit wem die SFG währendihres Aufenthalts in Luxemburg wirklichtrainierte.Dies war jedoch nicht die einzige Unge-reimtheit in dem Manöver. Nach
 Journal 
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„Holding force“
Die Zahl der NATO-Manöver an denen Luxemburg beteiligt war, nahm in den 1980er Jahrenkontinuierlich zu. Auf dem Höhepunkt 1988 nahm die Luxemburger Armee an nicht weni-ger als acht internationalen Manövern teil, während in den 1970er Jahren meistens nur einManöver pro Jahr gezählt wurde. Die militärische Bedeutung Luxemburgs im Kalten Kriegdarf dabei nicht unterschätzt werden. Simon Duke vom Stockholm International PeaceResearch Institute etwa beschreibt 1989 in seinem Buch
United States Military Forces and Installations in Europe
die Lage wie folgt: „Luxembourg, although small, does play a signi-ficant role within NATO. The role can be summarized as providing NATO’s Allied CommandEurope Mobile Force (Land) and protecting the in-country lines of communication. Thesesmall forces form the basis of a „holding“ force until the US reinforcements arrive. In January1985 for instance, approximatively 5000 US troops were deployed to Luxembourg for 2days as a part of a reinforcement exercise.“Die wichtigsten Manöver des Kalten Krieges und ihre Szenarien:
Reforger 
(1969-1993)(Bis zu 125000 Soldaten beteiligt) Jährliches Großmanöver der NATO bei der die Verla-gerung der alliierten Truppen nach Westdeutschland geübt wurde. Im Kriegsfall sollten soschnell wie möglich Truppen an die Grenzen Deutschlands verschoben werden um einenVormarsch der Truppen des Warschauer Paktes zu verhindern.
 Able Archer 
(1983)(Zahl der Teilnehmer unbekannt) Im Jahr 1983 simulierte die NATO in einem äußerst rea-listischen Manöver eine nukleare Konfrontation mit dem Warschauer Pakt. Dabei wurdenpraktisch alle NATO-Truppen in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Beunruhigt von diesenTruppenbewegungen traf die UDSSR alle nötigen Vorbereitungen für den nuklearen Erst-schlag. Nach Einschätzung von Historikern befand sich die Welt zu dem Zeitpunkt so nahean einem Nuklearkrieg, wie seit der Kubakrise 1962 nicht mehr.
Lion Heart 
(1984)(132000 Soldaten) Das größte Manöver der 1980er Jahre sah die Verlegung von Streit-kräften von der britischen Insel auf das europäische Festland vor, als Verstärkung der briti-schen Rheinarmee im Verteidigungsfall. Das Szenario ähnelte dem der Reforger-Manöver.
Oesling
(1983-1990)(Zahl der Teilnehmer unbekannt) Grenzüberschreitendes Manöver mit belgischer, amerika-nischer und luxemburgischer Beteiligung. Geübt wurde auf Seiten der Luxemburger Armeedie Abwehr von Angriffen durch sowjetische Elite-Kämpfer auf wichtige Infrastrukturen.
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NATO

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