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Spiegel: „Man liest ja so einiges über Sie“

Spiegel: „Man liest ja so einiges über Sie“

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Published by Infotisch
Wie ich die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartei kennenlernte
Von Annett Meiritz
Wie ich die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartei kennenlernte
Von Annett Meiritz

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05/14/2014

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A
m Tag, als ich im Internet zur Prostituierten gemachtwurde, feierte die deutsche Industrie neue Export-zuwächse, demonstrierten Griechen in Athen gegenden Besuch von Angela Merkel, und Fotos der frisch gekürten„Sexiest Woman Alive“ Mila Kunis gingen um die Welt. Am8. Oktober 2012 hatte ich für die Nachrichtenlage allerdingskeinen Kopf. Stattdessen hing ich am Telefon, um mir vomHausjuristen erklären zu lassen, wo Tratsch aufhört und Ver-leumdung beginnt.Der Grund war ein Dialog zweier Piraten im Kurznachrich-tendienst Twitter:
Sag mal @piratsimon hat Dich @annmeiritz jetzt auch ge-blockt? – Keine Ahnung. Solange mich nicht Journalisten
blockieren, sondern nur Prostituierte
ist mir das egal cc @annmeiritz …Menschen prostituieren sich nicht nur für Geld.
Meinen Twitternamen hatten diebeiden Piraten in ihre Konversationintegriert, sie wollten sichergehen,dass auch ich ihre Einträge lese. Siewollten mir zeigen, dass sie das Ge-rücht nun endlich öffentlich ge-macht haben.Ich bin Journalistin bei SPIEGELONLINE, seit einem Jahr berichteich im Berliner Büro über die Pira-tenpartei. Vergangenen Sommerhörte ich zum ersten Mal von demGemunkel, ich würde mir mit Kör-pereinsatz Informationen aus derPartei verschaffen. Der damaligeSprecher der Piratenpartei schriebin einer Mail, es sei sicherlich nichtleicht, „derartige Gerüchte, auchüber die eigene Person“, zu ertragen.Später, bei einem Kaffee, eröffneteer mir zu meiner Überraschung, ichhätte eine Affäre mit einem promi-nenten Piraten. Das schreibe mansich auf internen Mailing-Listen hin und her. Manch einervermute sogar Affären mit zwei Piraten. Aber so viel Zeithätte ich als Journalistin ja nun auch nicht, oder? Er lachte. Ichlachte mit.Der Pirat, mit dem ich ein Verhältnis unterhalten haben soll,ist einer meiner Informanten, einer von vielen in einer Partei,deren Strömungen und Untergruppen sich über Nacht gründen,formieren und wieder zerlegen. „An der Basis gibt es das Ge-rücht, wir hätten was miteinander“, schrieb er einmal. Ichfragte zurück, wer diesen Schwachsinn verbreite. „Mitglieder.“Dann vergaß ich die Sache wieder.Doch das Gerücht verschwand nicht. Schrieb ich einen Arti-kel, erschienen Minuten später die ersten Kommentare aufTwitter. „Das ging ja fix“, bemerkte ein Koblenzer Pirat. „Obda wer auf der Bettkante souffliert hat?“ Sein Tweet wurdemehrfach favorisiert oder retweetet, unter anderem vom Chefder Jungen Piraten. „Nehmt euch ein Zimmer, ihr beiden“,twitterte ein anderer. Auch in Foren finden sich Spuren desGetuschels.Das Gerücht blieb nicht im Netz, irgendwann sickerte esin meinen Arbeitsalltag. Kollegen wurden über die angeblicheLiaison ausgefragt. „Man liest ja so einiges über Sie“, dieserSatz rutschte einem Vorstandsmitglied der Piraten im Ge-spräch heraus. Ein Spitzenkandidat für die Bundestagswahlfragte mich nach einem gemeinsamen Fernsehauftritt, ob ichwegen meiner „Nähe“ zur Partei schon mal Probleme be-kommen habe.Sexismus im politischen Betriebist keine Erfindung der Piraten. Diefrühere SPIEGEL-Journalistin Ursu-la Kosser schreibt in ihrem Buch„Hammelsprünge“ über das poli-tische Bonn in den achtziger undneunziger Jahren, das einem testo-sterongetränkten Exklusivclub zugleichen schien, in dem manche Hin-tergrundkreise komplett frauenfreiund Anzüglichkeiten an der Tages-ordnung waren. Kosser schildertden Fall einer Journalistin, die einPäckchen eines Abgeordneten in ih-rem Postfach fand. Darin ein Dildo.„Auf gute Zusammenarbeit“, standauf der Begleitkarte.Lange dachte ich, dass der Poli-tikbetrieb, wie wir ihn heute in Ber-lin kennen, nichts mehr mit derBonner Machowelt zu tun hat.Haben wir nicht eine Bundeskanz-lerin? Beschreiben nicht Korrespon-dentinnen die Euro-Krise? Küm-mern sie sich nicht längst um diesogenannten harten Themen, dieeinst als Domäne der Männer gal-ten? Sitzen sie nicht in der ersten Reihe, wenn Merkel imRegierungsflieger auf Auslandsreisen geht?Nun aber frage ich mich: Hat sich wirklich so viel geändert?
G
erade die Piraten halten sich ja für besonders progressiv:„Die Piratenpartei steht für eine zeitgemäße Geschlech-ter- und Familienpolitik“, heißt es in ihrem Grundsatz-programm. Und weiter: „Diskriminierung aufgrund des Ge-schlechts ist Unrecht.“ Sie fordern einen geschlechtsneutralenStaat, keine Behörde soll mehr nach Mann oder Frau unter-scheiden. Für diese Post-Gender-Vision haben die Piraten eineneigenen Begriff erfunden: Eichhörnchen. Eichhörnchen, daskönnen Frauen, Männer, Transsexuelle, Transvestiten, Schwule,Lesben, Asexuelle sein. Wir sind alle gleich, das ist die Bot-
Deutschland
�  3/2013
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DEBATTE
„Man liest ja so einiges über Sie“
Wie ich die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartei kennenlernte
Von Annett Meiritz
Redakteurin Meiritz
   M   A   U   R   I   C   E   W   E   I   S   S   /   D   E   R   S   P   I   E   G   E   L
Das Gerücht blieb nicht im Netz,irgendwann sickertees in meinen Arbeitsalltag.

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