Nordische Zeitung 4, 76. Jg. / 3808 n. St.
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Zeitlang jungverheiratet auf demGehöfte Borg, wo 300 Jahre zuvor dergroße Skalde Egil das Licht der Welt er-blickt hatte, mit dessen Sippe Snorri vonMutters Seite verwandt war. Dann aberwurde Reykjaholt am Borgfjord seinSitz, ein befestigtes, mit Bädern ausge-stattetes Herrengehöft. Damals lagendie Sippen der
principes
auf Island inheftigsten Fehden miteinander, jetzthätte die Gemeinschaft, die fast keinemehr war, eines
dux
oder
rex
bedurft,von innen oder von außen. Gab es ir-gendwo eine solche Figur, die dafür inBetracht kam? Vielleicht doch! 1218 bis1220 n. übl. Ztr. erfolgte Snorris ersteNorwegenfahrt, da war er schon dreiJahre Gesetzessprecher in der Heimatgewesen, also ein Mann von politischerBedeutung und ein bekannter Skalde.König Hakon von Norwegen und seinallmächtiger Jarl Skuli –aus Ibens,Kronprätendenten‘ kennt man dieseFiguren –überhäuften ihn mit Ehren,mit Geschenken und Freundschaft,nachdem er sie in einer Preisliedgruppeaus 100 Strophen immer wechselndenMetrums gefeiert hatte. Es wird dieschönste Zeit seines Lebens gewesensein, auch die verheißungsvollste. Jezersplitterter die Kolonie damals war,desto gespannter die Aufmerksamkeitdes königlichen Mutterlandes, endlichhier eingreifen und auf der Insel Fußfassen zu können. Snorri schaltete sichein, bog eine gewaltsame Unterwerfungab und versprach eine friedliche Über-führung ins norwegische Reich. Aberdie Heimat empfing 1220 n. übl. Ztr. denköniglichen Lehnsmann, Kämmerer,Gefolgsmann und wohl präsumtivenKönigsjarl bei seiner Heimkehr mitMißtrauen und Hohnversen als Verrä-ter. Dennoch gelang es ihm, die Gemü-ter umzustimmen, ja auf zehn Jahre wie-der Gesetzessprecher zu werden. Emp-fanden seine Landsleute vielleicht un-bewußt mit Aristoteles, daß für den ge-schichtsbildenden Genius das Gesetznicht eigentlich gelte, sondern daß erselbst das Gesetz sei? Es liegt nahe ge-nug, so zu deuten. Jedenfalls, diese Zeitdes wiedergewonnenen Vertrauens warwohl die friedlichste seines Lebens, dieZeit auch seiner beiden großen Meister-werke. Dann aber spitzten sich die Ver-hältnisse wieder zu, die Spaltungen grif-fen nun tief in die Sturlungensippeselbst, Snorri mußte vor den eigenenGesippen aus Reykjaholt weichen. DasVerhältnis zu König Hakon, durch dielange Pause unsicher geworden, wurdedurch eine zweite Norwegenreise 1237n. übl. Ztr. nicht besser. Jedenfallsführte sie unseren Mann nur zum JarlSkuli, der seinerseits längst in gespann-tem Verhältnis zum König lebte. Hakonhielt daraufhin den Wiederabgereistenfür staatsgefährlich. Die Wogen derMacht waren nun stärker geworden alsSnorris scheinbar zweideutige Staats-kunst; sie verschlangen ihn! Des KönigsGünstlinge überfielen ihn nach des JarlsTode in seinem Gehöft und erschlugenihn in der Nacht zum 28. September1241 n. übl. Ztr..Island stand, wie schon angedeutet, zudieser Zeit vor der nicht ungewöhnli-chen Schicksalsfrage: Fortführung desengen eigenen Partikularismus oder Teilnahme an der größeren Bedeutungdes wiedergefundenen heimatlichenReichs. Wo dann in solcher Lage immerdie schöpferischen Geister Germaniensstehen, ersehn wir aus den großen Dich-tern und Gelehrten der Schweiz oderFlanderns, auch des neuem Nordensselbst. Die isländischen Skalden fühltensich schon längst hingezogen zum nor-wegischen König. Wir brauchen anSnorris ehrlicher Überzeugung, ohneVerrat und Gewalt den Anschluß be-werkstelligen zu sollen, nicht zu zwei-feln; aber offenbar zögerte er zu langeund griff nicht zu, oder –da doch nunerst die zehn Jahre seines großenSchriftstellertumes begannen –er ver-griff sich im Mittel und glaubte irrtüm-lich, mit Büchern statt mit Taten denSchritt vollziehen zu können. Islandhatte ja nun, wie sich einem pragmati-schen Verstande leicht ergibt, seine erste geschichtliche Aufgabe erfüllt,nämlich sozusagen ein Germanien so-weit fortzuleben, bis es in Buch undSchrift unverlierbar festgehalten wer-den konnte. Islands zweite geschichtli-che Aufgabe mußte nun darin bestehen,durch den Anschluß ans Mutterreichsich selbst und seiner einzigartigen Be-deutung so etwas wie Nachruhm undGeltung und ewige Dauer im Geiste zusichern fürs ganze Abendland. Es ist, alsob Snorri diese beiden Aufgaben Is-lands mit wunderbarster Klarheit be-griffen hätte und ihnen Ausdruck hättegeben wollen in seinen beiden Prosa-werken: in seiner
Prosaedda
der einen,der Bewahrung des germanischen Gei-stes, in seinem Buch der norwegischenKönige,
Heimskringla
oder Konungs-bok genannt, der andern, der Einmün-dung ins norwegische Reich. Und alshätte er eben darüber die geschichtlicheTat versäumt. So ists, als umhaucheauch ihn etwas von der Tragik Wallen-steins, der sich zuviel und zulange mitseinen Sternen befaßte und darüberebenfalls statt der geschichtlichen Krö-nung den Mord einernten mußte. Sokommt es, daß wir nun auch bei Snorrinichts von seiner Würde als eines erstenköniglichen Jarls auf Island berichtenkönnen, sondern nur von seinen beidenWerken, denen er diente und denen al-lerdings nur die Resonanz eines ganzgroßen Reiches fehlte, wie es doch z. B.den Griechen mit der Resonanz des Rö-mischen Reiches vergönnt war, um alsSterne erster Ordnung am Himmel desmenschlichen Geistes zu stehen. Überdem Schriftsteller war in Snorri derStaatsmann gradezu eingeschlummertund so ward es zu spät für ihn, nun nichtwie Archimedes gleichsam über seinenZirkeln erschlagen zu werden. Uns hater freilich damit den weitaus größerenDienst geleistet. Zwar war Snorri kei-nen Augenblick weltfremd; trotzdemnahm er fast die typische Haltung derGelehrten unsers Geblüts vorweg mitseinem Verhalten.Snorris Prosaedda gilt mit Recht als eines der merkwürdigsten Bücher derWeltliteratur. Als „Buch von Oddi“ istes also das Denkmal für die dort ver-brachte Jugend, Dank für die dort ge-sammelte Belehrung. Sein nächsterZweck ist, ein Lehrbuch der Gold-schmiedekunst des Skaldenstils zu sein,ein Stück eigenständigster germani-scher Philologie eines allerersten Ger-manisten, ein Handbuch der Mytholo-gie, der Poetik und Metrik, kurz all des-sen, was der germanische Dichterbraucht. Demnach gliedert sich dasWerk in drei Teile: 1. die
Gylfaginning
,einen Abriß germanischer Mythologie,der, aus den alten Eddaliedern schöp-fend, deren Kenntnis nicht im gering-sten verheimlicht; 2. die
Bragaroedur
oder Skaldskaparmal, ein Lehrbuch derKenninge, jener berühmten oderberüchtigten poetischen Umschreibun-gen, die das eigenartigste Schmuckmit-tel des Skaldenstils bilden; mit diesemTeil ist die Prosaedda der unmittelbareVorläufer von Rudolf Meissners Ken-ningabok; 3. das
Hattatal,
Verslehre undKommentar zu seiner vorhin erwähntenPreisliedgruppe auf Hakon und Skuli,die ja aus 100 verschiedenen Strophenbestand, eine Musterstrophensamm-lung also mit metrischer Interpretation,einheimischen Fachausdrücken und al-lem, was zu feinster Philologie gehört.Das ganze eine ,germanische Poeterey‘also, ungleich reicher als Opitzens,deutsche‘, aber einflußloser, weil keinepolitische Macht ersten Ranges jemalsden dazu nötigen Resonanzboden bil-dete. Einige Parerga, ein grammatischerTraktat über Ton und Laut, ein Skal-denverzeichnis, ein isländisches Gesetz-
Snorri ließ in Reykjaholt ein Bad bauen, dasvon einer heißen Quelle gespeist wurde. Daskreisrunde Becken gehört zu den wenigen nocherhaltenen Bauwerken aus der Sagazeit.
umbruch_4_08:umbruch_4_08 13.11.2008 0:41 Uhr Seite 74
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