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Dr. Martin Lindner | Wissen im Web | www.wwweblernen.de | martin.lindner@gmail.com
Informelles Lernen und Weiterbildung
Interview mit Teemu Arina (November 2008, aus dem Englischen übersetzt von M.L.)
Teemu Arina ist CEO von Dicole Oy (Helsinki), einer in Finnland sehr erfolgreichenBeratungsfirma für Information Management, eLearning 2.0 und Enterprise 2.0. Teemustartete Dicole Oy im Jahr 2000, als er noch Schüler war, weil er das Internet für neueFormen des Lernens einsetzen wollte. Dicole Oy benutzt neben der eigenen Software,die seit damals entwickelt wurde, auch Web 2.0/Open Source Technologien.Teemu ist ein ungewöhnlicher Fall: Geschäftsmann, Pragmatiker und Visionär in einem.Ein „Wunderkind“-Software-Unternehmer, der keine Blasen produziert – keine öko-nomische Blasen und keine Sprechblasen. Inzwischen ist er ein weltweit gesuchterRedner auf internationalen Konferenzen, auf denen es um neue Formen von Lernen undWissen in der digitalisierten Lebenswelt geht.
Die kursiven Paragraphen sind Fragen. Für bessere Lesbarkeit wurden einigeÜberschriften zusätzlich eingefügt.
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INFORMELLE WEITERBILDUNG: EIN SCHAUBILD
Martin Lindner
Du hast eine sehr schöne Grafik im Web veröffentlicht, die zeigt, wiedu dir "Informal Learning" vorstellst. Kannst du mir näher erläutern, was ich da sehe?
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Dr. Martin Lindner | Wissen im Web | www.wwweblernen.de | martin.lindner@gmail.com
Teemu Arina:
Ja, ich habe diese Grafik 2007 für eine finnische Weiterbildungs-Organisation gemacht. Sie wollten ihr Weiterbildungs-Angebot erweitern und die ganzeSache auf neue Weise denken. Sie waren sehr interessiert an "Informellem Lernen", undwie man das durch "soziale Software" unterstützen kann.Darum habe ich vorgeschlagen, mit einem sozialen Netzwerk anzufangen, so etwas wieein Ehemaligen-Netzwerk ("Alumni"), also Leute, die früher schon Kurse besucht hatten.Aber es sollten auch Leute in diesem Netzwerk sein, die auf andere Weise mit derWeiterbildungsorganisation Kontakt gehabt hatten.Die Idee dieser Grafik ist es, die traditionelle Sicht umzukehren. Also die informellenund sozialen Beziehungen ins Zentrum zu stellen und dann alles von da aus zuentwickeln. Die eher formalisierten, klar definierten Bildungsangebote bauen danndarauf auf. In dieser Perspektive sind sie also etwas Sekundäres, fast schon einNebenprodukt.Diese Grafik ist um eine Kernidee herumgebaut: vernetzte Information. Natürlich gibt esin dieser Institution auch abgegrenzte formelle Kurse, aber Leute, die zu diesen Kursenund Training-Sessions gehen, können auch mit Leuten aus anderen Kursen Kontakthaben. Alle sind ja grundsätzlich an denselben Dingen interessiert. Warum also nichteine Umgebung schaffen, die von unten nach oben funktioniert, mit "informellemLernen" im Zentrum? Formelles Lernen ist dann eine von mehreren Optionen.Die Lern-Aktivitäten, die es in diesem Netzwerk gibt, können ganz verschiedene Formhaben: Viele sind ganz offen, aber vielleicht sind sie zwischendurch auch halbprivat,also nur auf Einladung, oder auch ganz abgeschlossen, damit ein bestimmter ZirkelDiskussionen unter sich führen kann.Ich habe Berater-Freunde, die Leute aus vielen Unternehmen gesammelt haben, dieaus einem bestimmten Fachgebiet kommen, also z.B. alle CEOs, alle Leute mit Kunden-kontakt usw. Da stellt sich heraus, dass alle diese Leute diese Gruppe als Unterstützungfür ihre Arbeit nutzen, weil sie manchmal bestimmte Dinge eben nicht offen innerhalbihrer Diskussion besprechen und diskutieren können. Wenn sie etwa nicht zeigenkönnen, dass sie gerade nicht wissen, was zu tun ist, oder wenn sie sich verletzt fühlen... Diese Gruppen treffen sich etwa alle 2 Monate, manche gibt es seit 10 Jahren. Siesind recht informell, schon auch ein wenig organisiert, aber eben nicht formell in derherkömmlichen Art.So etwas wäre eine große Chance für Bildungseinrichtungen. Ihre Rolle wäre dann dieeines Katalysators: also diese Form von Strukturen herzustellen, die Leute mitgemeinsamen Interessen verbinden, problemorientiert, und daraus dann eine wirklichlebendige Lern-Umgebung herstellen. Das kann dann online sein, oder von Angesicht zuAngesicht, oder auch gemischt ("blended"), aber immer kommt der Antrieb von denLeuten selbst und ihrem Drang, etwas wissen zu wollen.Wenn man von diesen Netzwerken und Gruppen ausgeht, die sich quasi von selbstbilden, kann man neue Angebote entwickeln. Zum Beispiel einen Werkzeugkasten, ummit typischen Problemen zurechtzukommen, die im Arbeitsalltag auftreten können. Soetwas kann aus dem Austausch innerhalb der Gruppen wachsen. Man kann dann darauseinen neuen Kurs entwickeln, oder ein neues Geschäft mit Unternehmenskundenstarten, indem man ihnen ein maßgeschneidertes Angebot macht.
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Dr. Martin Lindner | Wissen im Web | www.wwweblernen.de | martin.lindner@gmail.com
Die Leute sind also nicht gezwungen, in dein Trainingscenter zu kommen und formelleKurse zu belegen, um etwas zu lernen. Die meiste Zeit bleiben sie bei ihrer Arbeit. DasLernen verschmilzt also mit der Arbeit, was bei die weitem wirkungsvollste Methode ist.Es war, glaube ich, Toyota … Sie haben einmal irgendwo eine neue Fabrik aufgebaut unddabei mit zwei Gruppen verschiedene Trainings-Ansätze getestet. Eine Gruppe hatteeinen zweimonatigen Kurs. Die andere Gruppe hatte nur einen Monat formelle Schulung,im zweiten Monat wurden sie schon zur Arbeit geschickt: Also ohne alle die Informa-tionen zu haben, die sie dort brauchen würden, ohne alle Probleme zu kennen, denensie dort begegnen würden. Es war eine Art "learning by doing". Und dieser zweite Ansatzstellte sich dann als weit effektiver heraus, um die Produktion schnell aufzubauen undin Schwung zu bringen.
WIE EINE NEUARTIGE WEITERBILDUNGS-INSTITUTION AUSSEHEN KÖNNTE
Martin Lindner
Die Schwierigkeit hier ist, dass man ja schon gewisse Strukturenbraucht, um solche Gruppen zu starten. In deinem Beispiel gehst du schon von einerguten Ausgangsposition aus: Es gibt hier schon prinzipiell Zugang zu weiterbildungs-willigen Professionals, die wissen, dass sie untereinander etwas gemeinsam haben.Aber gehen wir einmal von einer schwierigeren Situation aus: Sagen wir, du hastverstreute Leute, die lernen müssen, weil ihr Job unsicher ist oder weil sie keinenmehr haben. Sie fühlen sich auch emotional unsicher. Wie kann man mit solchen Leutenein Lerner-Netzwerk entwickeln? Und nehmen wir dazu an, dass sie nicht besondersgeübt sind im Umgang mit Medien und dem Web. Sagen wir, sie verwenden im Prinzipnur e-Mail und Suchmaschine, die Jüngeren vielleicht auch Chat. Wie können wir denenhelfen?
Teemu Arina:
Das Beste ist, mindestens eine Live-Session zu haben, wenn es irgendwiegeht. Aber wenn die Leute sich dann einmal getroffen haben, macht es wenig Sinn,einfach mit solchen Treffen weiterzumachen. Dann kann man das Training auf neueWeise organisieren.Natürlich wird es sehr verschiedene Kenntnisgrade im Umgang mit digitalen Mediengeben ... Ich würde sagen, es wäre fruchtbar, den physischen Ort der Weiterbildungs-institution, also das Gebäude, als zentrale
Ressource
zu betrachten, und nicht als die
Quelle
, die fertiges Wissen spendet. Dort gibt es dann verschiedene Lerngemeinschaftenund verschiedene Lernprozesse. Eine möglichst interaktive Umgebung, wo du alleRessourcen findet, die du brauchst: Computer, Bücher, intelligente Leute, die dirhelfen, wenn du eine Frage hast.Das Ganze wäre mehr selbstgesteuert. Du könntest an diesen Ort gehen (tatsächlichoder auch virtuell) und ihn eher als eine Art Zugang benutzen, eine anregendeUmgebung, um deine Interessen zu verfolgen und herauszufinden, was du weitervertiefen möchtest. Du wirst anfangs unterstützt, hands-on, bis du selbst loslegenkannst. Wenn du dann vertraut bist mit den Tools, kannst du leicht von Zuhause ausweitermachen. Diese "Ressourcen-Zentren" müssen sehr offen sein und dem Web einewichtige Rolle einräumen: Bloggen, Feeds, Videocasts, Podcasts ... Was die Leute dorttun, und auch was ihnen als Kurs angeboten wird, sollte so offen wie möglich sein, ausmehreren Gründen.
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