1816/17 konnten die Steintäler sogar ihre katholische Nachbargemeinde mit einemHilfsfond unter die Arme greifen.Ziel dieses Aufsatzes soll sein, verständlich zu machen, wie es zu den grossenUmwälzungen im Steintal unter Oberlins Regie kam.
Es wird zu fragen sein, wie originell Oberlins Gedanken und die darausresultierenden Reformen waren. Wie kann ein einzelner Mensch solch eineArbeitsleistung vollbringen, wie Oberlin im Steintal?
Seinen Namen erhielt das Steintal, auch als ‘Ban de la Roche’ bezeichnet, nach einer mittelalterlichenBurgruine, die ‘Burg Stein’ oder ‘Château de la Roche’ genannt wurde.Das Steintal ist eine wasserreiche, landwirtschaftlich unfruchtbare Gebirgslandschaft. Der enormeHöhenunterschied, er zählte im seiner extremsten Ausprägung 610 Meter, innerhalb der einzelnenOrtschaften des Steintals, machte ein intaktes Gemeindeleben beinahe unmöglich. Die Steintäler spracheneinen lothringische Dialekt, Patois, grenzten sich dadurch noch zusätzlich von der Umgegend, diefranzösischsprechend war, ab.Vgl. (Ich verwende die üblichen Abkürzungen, ohne sie gesondert auszuweissen.) Psczolla Erich, JohannFriedrich Oberlin 1740-1826, Gütersloh 1979, (Ich verwende für dieses Buch die Abkürzung: Psczolla,Oberlin I) S.20.„Das Steintal ist regenreicher als andere Gegenden des Elsass. Der reiche Niederschlag legte jedoch imWinter die Verbindungen zwischen den Dörfern [und der Umgegend] lahm.“ Ebenda, S.35.Häufig wurde das Steintal in Kriege hineingezogen. Zum Beispiel richtet der Dreissigjährige Krieg grosseVerwüstungen im Tal an. Grosse Teile der Bevölkerung starben. In den Quellen wird von starkemAberglauben der Steintaler berichtet. Eine immense Zahl von Hexenprozessen fand im Steintal statt. Vgl.Burckhardt W., Oberlin Band 2, Leben und Wirken Johann Friedrich Oberlins 1740-1789, von DanielEhrenfried Stoeber, S.32.Das Bevölkerungswachstum des Steintals lag deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt. ExtremeMängel wiess auch das Steintaler Schulwesen auf. Nur wenige der Lehrkräfte konnten überhaupt Lesen undSchreiben. Nur mit Mühe liessen sich die Menschen des Steintals durch die Landwirtschaft ernähren.Stuber schrieb über das Steintal:„Die Steintäler sind insgesamt sehr arm, und reich heissen nur die, die weniger Not leiden. Siewohnen unter Strohdächern, gehen in Holzschuhen und ernähren sich von einem geringenAckerbau und unbedeutender Viehzucht. […] Fleisch essen viele das ganze Jahr nicht, es wäredenn etwa bei einem Gastmahl. Man findet Leute, die in ihrem Leben kein Rindfleisch gegessenhaben und denen die Schafe sogar der Gestalt nach unbekannt sind.“Zitiert In: Baum Johann Wilhelm, Johann Georg Stuber, der Vorgänger Oberlins im Steintal und Vorkämpfer einer neuen Zeit in Strassburg, Strassburg 1846, S.67f.Auf eine Gefahr bei der Beurteilung der Situation des Steintals sei hingewiesen: Besonders in den älterenWerken versuchte man häufig die Zustände im Steintal möglichst drastisch zu schildern. Dabei dürfte der eine oder andere etwas übertrieben haben, um Oberlins Reform grandioser erscheinen zu lassen. Vgl.Psczolla Erich, Aus dem Leben des Steintalpfarrers Oberlin, Lahr-Dinglingen 1987 (Ich verwende hinfortfür dieses Buch die Abkürzung: Oberlin II), S.13.
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