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Die wollten gar nicht, dass wir da ankamen

Die wollten gar nicht, dass wir da ankamen

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Published by Werner Krebber
Nachdenkliche Gedanken einer fast 100-jährigen, die vom Judentum zum
Christentum konvertierte und das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte.
Doch auch nach 1945 wurde ihr das Leben nicht leicht gemacht.
Nachdenkliche Gedanken einer fast 100-jährigen, die vom Judentum zum
Christentum konvertierte und das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte.
Doch auch nach 1945 wurde ihr das Leben nicht leicht gemacht.

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Published by: Werner Krebber on Jun 27, 2007
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01/01/2013

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,,Die wollten gar nicht,dass wir da ankamen...“
Nachdenkliche Gedanken einer fast 100-jährigen, die vom Judentum zumChristentum konvertierte und das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte.Doch auch nach 1945 wurde ihr das Leben nicht leicht gemacht.
Anna 0. habe ich im Mai 1996 in Gelsenkirchen getroffen. Seit meiner frühenKindheit kenne ich sie und ihren inzwischen verstorbenen Mann. Viele Jahrelebt sie im Ruhrgebiet, hat sie hier ein Zuhause gefunden - aber keine „Heimat“im umfassenderen Sinn. Seit ihrer heiratsbedingten Konversion vom Judentumzum Katholizismus ist sie auf einer ständigen Gratwanderung. ZwischenAnpassung und Verleugnung einerseits, zwischen Ausgrenzung undUnverständnis andererseits. So jedenfalls erlebe ich ihre Situation. Und siebestätigt mir das. „Heute weiß ich mehr vom Judentum als früher. Ich hatte jagar keine Wurzeln darin. Das ist sehr schwierig.“ Und sie beklagt: „Mit wemhätte ich denn auch darüber sprechen sollen?"Auch ich wusste lange nichts von ihrer jüdischen Herkunft. Zum ersten Malüberhaupt hat sie sich bei unserem Gespräch im Mai 1996 mir gegenüber zuihrer Lebensgeschichte geäußert. Und so wie ihr geht es vielen Überlebendendes Holocaust, die sich selbst noch schuldig daran fühlen, überlebt zu hoben.Einer Veröffentlichung dieses Gespräches zu ihren Lebzeiten, die ursprünglichim Zusammenhang einer Tagung mit den Problemen und Schwierigkeiten der sogenannten „Judenchristen" geplant war, stimmte Anna 0. nach der Autorisierung des nachfolgenden Textes nicht mehr zu. Ihre Sorge ist allzuverständlich: „Vielleicht kommt noch einer auf die ldee: ’Die haben wir vergessen zu holen.’“ Noch immer ist es eine unbestimmte Angst, die dasLeben dieser Frau prägt. „Das ist für mich gefährlich" meint die Frau. Und dieseAngst hat sich in ihrer Familie tradiert. Ist doch beispielsweise ihr Kind nach jüdischem Verständnis Jude, da es ja Kind einer jüdischen Mutter ist...Am 6. März 2003 ist Anna O. im Alter von 103 Jahren gestorben. Über der Todesanzeige steht: „Ihr Gebet wurde erhört“.
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Kindheit, Elternhaus und Jugend
Kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende ist Anna 0. am 7. September 1899 imwestfälischen Dülmen als neuntes Kind jüdischer Eltern geboren. Vor allem der Vater pflegte die religiösen Bräuche und Traditionen innerhalb der Familie. Vier Jahre lang besuchte Anna die jüdische Volksschule. „Ich bin überhaupt nichtreligiös erzogen worden", stellt Anna 0. im Gespräch mit mir fest. IhrenGeschwistern ging es ebenso. Als Grund dafür sieht Frau 0. vor allem, dass dieGroßmutter schon vier Jahre nach der Geburt der Mutter gestorben ist. Zwar wurden in der Familie die großen jüdischen Festtage dem Anlass entsprechendgefeiert. Doch die inhaltliche Verbundenheit mit der religiösen Tradition bliebaus, die Tradition wurde nicht mit Leben gefüllt. Diese Tradition erlischt völlig,als der Vater als Mittsiebziger stirbt. Denn ein Bruder - das einzige männlicheFamilienmitglied, das noch die religiösen Bräuche ausüben und weitergebenkönnte - lebt nicht mehr in der Familie.Die zwölf Geschwister sorgten allein durch ihre Existenz dafür, dass die jüdische Grundschule nie schließen musste. Oft waren es jedoch nur acht oder neun Kinder, die gleichzeitig die Schule besuchten. Das Ergebnis für sie warengute schulische Erfolge durch eine intensive Förderung. Hohe Stücke hält dieFrau noch heute auf ihren jüdischen Lehrer. Dabei habe der sich vor allem umseinen Chor in Dülmen gekümmert, der damals über die Stadtgrenze hinausbekannt gewesen sei.Bis zur Mitte des ersten Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts besucht die jungeFrau eine „Höhere-Töchter-Schule“ bei Ordensschwestern. Nach demAbschluss verlässt sie die Schule, um im niederrheinischen Rees einekaufmännische Ausbildung zu beginnen. Die Eltern zahlen dafür ebenso wiefür ihre Verpflegung in der Ausbildungsfamilie. 1919 geht sie dann – im Alter von 20 Jahren - als Verkäuferin zu einem Textilgeschäft nach Gelsenkirchen.Später wird sie hier als Einkäuferin tätig.
Heirat und Konversion
In ihrer neuen Umgebung lernt Anna 0. einen jungen Mann kennen. Der istkatholisch. Und so beginnt für sie ein Lebensabschnitt, der ihre Situationnachhaltig verändern wird. „Ich habe nichts gegen ihn", sagte ihr jüdischer Vater über den jungen katholischen Mann, mit dem sie sich bereits verlobthatte. „Aber meinen ,Segen' bekommst Du nicht." Das war jedenfalls Ausdruckseiner religiösen Überzeugung, die ihm eine andere Sichtweise nichtermöglichte.1930 heirat Anna 0. ihren Verlobten, nachdem sie zuvor zur KatholischenKirche konvertiert war. Nach der standesamtlichen Trauung heiraten beidekirchlich in dem niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer. Wohnen bleibt dieFamilie jedoch in Gelsenkirchen. 1932 wird ihr einziges Kind geboren. Doch auf das neue Paar in der Pfarrgemeinde wird niemand so recht aufmerksam...Zwar ist Anna 0. nicht politisch aktiv. Durch die kaufmännische Tätigkeit ihresMannes finanziell versorgt, sollte sich ihr Leben ab 1933 - mit der Machtergreifung von Adolf Hitler - jedoch schrittweise verändern. Zunächst
 
3wuchs das Kind in der Geborgenheit einer Kleinfamilie mit starkpatriarchalischen Vorstellungen auf. Anna O. bekommt von ihrem Mann dasHaushaltsgeld. Und wenn es bis zum Monatsende nicht ausreicht, bekommt siewieder etwas. Doch zum nächsten Monatsbeginn wurde ihr dienachgeschossene Summe vom neuen Haushaltsgeld wieder abgezogen...Parallel zu ihrer neuen Rolle als Frau und Mutter, versucht die „jungeKatholikin“ immer wieder, sich in den Glauben ihrer neuen Kirchlichkeiteinzufinden. „Ich habe das immer sehr ernst genommen“, betont die Frau. Nichtohne auch gleichzeitig deutlich zu machen, wie schwierig ihr das immer wieder gewesen und geblieben ist.Doch im Laufe der Zeit nehmen dann die Pressionen auf die Familie zu.Kollegen ihres Mannes denunzieren ihn. Sie sorgen dafür, dass er seinGewerbe nicht mehr ausüben kann. Später bekommt er jedoch eine neueberufliche Chance in einer anderen Firma. Deren Chef hält - soweit als möglich- seine Hand schützend über ihn.Durch kirchliche Stellen erfahrt die junge Frau und Mutter keinerlei Zuwendung;auch wenn ihr Mann ja Katholik ist und sie konvertierte. So lebt das Paar mitdem Kind eher zurückgezogen. Anstrengungen, nach außen hin Kontaktaufzunehmen, werden gescheut. Vor allem aus Angst und der Sorge ummögliche Missverständnisse.
Verfolgung und Deportation
Ab 1943 verschärft sich die Situation. Die zum Katholizismus oder zumProtestantismus konvertierten Juden waren zunächst noch vorsichtiger behandelt worden. Doch spätestens seit dem Desaster von Stalingrad, bei demes große Verluste der deutschen Wehrmacht gab, wird der Weg derjenigenimmer skrupelloser, die schon früh gegen Kritiker angegangen sind. Auch Anna0. wird immer wieder von der Gestapo zu Verhören abgeholt. Das Geräuschschnell laufenden Gestapo-Männer auf der Holztreppe ist ihr in traumatischer Erinnerung. Ab dem 18. Februar 1945 wurden 500 Jüdinnen und Juden ausganz Deutschland, die bisher noch durch ihre Ehe mit einem christlichenPartner geschützt waren, in Haft genommen und nach Theresienstadtdeportiert. Zu ihnen gehört auch Anna O., die sich zwar erst noch durchWarnungen hatte verstecken können. Doch dann wurde auch sie abgeholt, kamnach einer ersten Station im Ruhrgebiet nach Bielefeld und muss die Schreckenbereits des Transportes nach Theresienstadt erleiden. Ein Waggon mitMenschen ganz verschiedener Nationalitäten und Herkunft wurde mittenzwischen Militärwaggons gesetzt. Der so zusammengestellte Zug wirdmehrfach beschossen und Ziel von Bombenabwürfen. ,Die wollten gar nicht,dass wir da ankamen," denkt die Frau noch heute. Und das wird sie im Laufedes Gespräches noch häufiger sagen. Auch, als sie von ihrer Ankunft inTheresienstadt berichtet. „Die haben da keine Rampe hingemacht, nichts. Wir mussten da aus den hohen Waggons abspringen - auf den harten Schotter neben den Gleisen."

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