Eine Oper im 21. Jahrhundert:
Peter Eötvös' "Angels in America",
uraufgeführt 2004 in Paris, ba-siert auf dem gleichnamigen,vielfach ausgezeichneten Dramavon Tony Kushner. Im Mittel-punkt der in New York angesie-delten Handlung stehen Men-schen auf der Suche nach ihremGlück: Louis verlässt seinen
Freund Prior, als dieser ihm offen-
bart, HIV-positiv zu sein. Die Ehevon Joe und Harper zerbricht,weil Joe seine homosexuellenNeigungen auslebt, Roy Cohn hatAids, leugnet aber seine Krank-heit und seine Homosexualität.Die musikalische Leitung unddie Inszenierung der Neuproduk-
tion im Bockenheimer Depot
liegen bei zwei jungen Talenten,die mit "Angels in America"Frankfurts
Kulturlandschaft be-reichern: Erik
Nielsen (31)stammt aus Iowa,
arbeitet seit
der Spielzeit 2002/03 als Solo-repetitor und seit 2008/09 als
Kapellmeister an der Oper Frank-furt. Johannes Erath (33) erhielt
kürzlich den Götz-Friedrich-Preis
für junge Regisseure für seine
Sicht auf Massenets "Cendrillon".
gab-Magazin
: Das Drama rech-
net ab mit Fanatismus, Aids-
Hysterie und Diskriminierungender späten 80er Jahre. Was leistetdie Oper von 2004 heute?
Johannes Erath:
Das Stück istuns natürlich näher als andere
Opern, in denen es auch um
Liebe und Tod geht. Im Stückwar es wichtig zu signalisieren,dass Prior mit der Krankheit wei-terleben wird, was damals nocheine Utopie war.
Erik Nielsen:
...und mit demCharakter Roy, den man eigent-lich hassen soll, wird im Stückdiese Utopie real. In seiner Bos-heit bringt er ein Medikamentins Spiel, mit dem Prior weiter-leben kann.
Johannes Erath:
Heute wirdmit dem Thema Aids anders um-gegangen, es wird zunehmendverdrängt oder wieder zum Tabu.Ich habe streckenweise das Ge-fühl, dass es heute wichtiger ist,den Fokus darauf zu lenken, dassman trotzdem Sterben wird.
gab-Magazin
: Ist Aids und dieReaktion der US-Gesellschaft inder Reagan-Ära zentraler Gegen-stand der Oper?
Johannes Erath:
Nein. AuchEötvös hatte nie eine Abhand-lung über Aids zum Thema. Aidsist der Katalysator für diesesStück, der die Handlung ins Rol-len bringt und die Angst vor demTod, vor einer Endgültigkeit vorAugen führt.
Erik Nielsen:
...über diesen Kata-
lysator vernetzen sich die Bezie-hungen der einzelnen Personen,die aber alle auch furchtbar ein-sam sind. Es ist eine bunte Mi-
schung von Menschen mit zeit-
losen Ängsten und Fehlern.
DieseEmotionalität ist eine allge
mein-gültige, egal vor welchem Hinter-grund, sei es Politik oder Aids.
gab-Magazin
: Die Mini-Fern-
sehserie zum Theaterstück wurde
late night, also zu einer wenig
30MÄRZ 2009
frequentierten Sendezeit, ausge-strahlt, trotz Starbesetzung. Ist
für die Oper mit ähnlichen Akzep-
tanzproblemen zu rechnen?
Erik Nielsen:
Es geht ja nichtprimär um Aids oder Schwule.
Für mich ist es das gleiche
Thema wie in "La Bohème" oder
"La Traviata". Ob es nun Schwind-
sucht oder Aids ist, es geht umBeziehungen und die gleichenProblematiken.
Johannes Erath:
Wir werdenvielleicht Schwierigkeiten ha- ben, die Leute hinzubekommen,denen etwas mehr Toleranz guttäte, aber man kann sie ja nichtzwingen. Aber es ist gut und not-wendig es anzubieten. (los)
"Angels in America", Oper von Peter Eöt-vös, Premiere 21.3., 19:30 Uhr, Bockenhei-mer Depot, Frankfurt. Weitere Vorstellun-gen 23., 25., 27. + 29. März sowie 1.+ 3.,April, 15 - 50 EUR (zzgl. VVK-Gebühr)
Die Produktion wird begleitet von einer Ausstellung der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V..Neben einer Dokumentation zum aktuel-len Sachstand der HIV-Erkrankungen, un- terstützt von der Speyer'schen Hoch-schulstiftung, ergänzen interessanteBeiträge von Reinhard Brodt (Leiter der HIV Infektiologie der Universität Frank- furt), Winfried Hassemer (ehem. Richter am Bundes Verfassungsgericht), MartinDannecker (Institut für Sexualforschungder Universität Frankfurt) und ChristianSetzepfandt, Vorstand der AIDS-HilfeFrankfurt, die Informationstafeln.
SZENE
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FRANKFURT
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KULTUR
Junge Oper - Junge Talente
"Angels in America" als Oper im Depot
F o t o : c u t j a / p h o t o c a s e
Regisseur Johannes ErathKapellmeister Erik Nielsen
F o t o s : W o l f g a n g R u n k e l / O p e r F r a n k f u r t
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