Ach, meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer,wenn ich in diesem Neverending Winter so durch denMatsch stapfe, beschleicht mich aufdringlich das Gefühl,dass dieses Jahr so gar nicht in die Gänge kommt.Zwar tickert die Krise aus allen Kanälen, Oba-ma krempelt die Ärmel hoch und die USAum, die katholische Kirche re-installiertdas Mittelalter und die CSU einen Quo-ten-Adeligen. Aufreger gäb’s also ge-nug, aber das Alles kommt ein bisserlwie in Watte verpackt daher. Emo-tionen werden kalkuliert zelebriert,mit viel Krampf und wenig Elan.Den entwickeln dafür die Falschenum so mehr. Im Darwin-Jahr ist dieVehemenz, mit der Kreationisten (dassind die, die allen Ernstes behaupten,die Welt wäre vor gut sechstausendJahren geschaffen worden, inklusiveSaurier und Menschen) ihre Pseudo-Wissenschaft zu etablieren versuchen. Unddabei auch noch erfolgreich sind. Natürlichkönnten wir das als Spinnerei weniger Religionsfreaksabtun. Und genau hier liegt das Problem: die Wissen-schaft und Kulturelite reagiert lethargisch. Doch dieVerbreitung eines Weltbilds, das Homosexualität voll-kommen ausschließt, als Krankheit, Sünde und patho-logischen Irrsinn deniert, Lesben und Schwule alsVerbrecher gegen die göttliche Ordnung brandmarkt,können wir nicht zulassen. Kinder, die mit solch einer„Biologie“ erzogen sind, werden keine toleranten Er-wachsenen. Von den Problemen, die die Queers unterihnen haben, mal zu schweigen. Der Versuch der Re-stauration einer mittelalterlichen Weltanschauung isteine echte Katastrophe – und wesentlich nachhaltigerals jede Finanzkrise.Wir müssen uns aktuell von einigen liebgewordenenMärchen verabschieden, in denen wir uns in denletzten Jahren gut eingerichtet hatten. Weder funk-tioniert der Kapitalismus als Selbstläufer mit ewigemWirtschaftswachstum, wie wir das gehofft hatten.Noch ndet eine Integration der Migranten mal ebenso von selbst statt. Es war eine gefährliche Ar-roganz anzunehmen, dass Menschen ausallen möglichen Kulturkreisen die vonuns selbstverständlich als überlegengesehene westliche Lebensweiseannehmen. Dem war und ist nichtim Mindesten so, für den Beweisbräuchte es keine so genanntenEhrenmorde und medienwirk-same Entgleisungen vollkommendurchgeknallter Mörder und de-rer Familien. Es reicht die All-tagswahrnehmung – und mal einGespräch mit Homosexuellen ausMigrationsfamilien. Wer in einemKlima der Isolation im eigenenLand – Deutschland – ein Coming-outmacht, braucht wirklich unsere Unter-stützung. Und wir alle brauchen Aufklä-rung und sehr viel Mut und Kraft zum Mit-einander. Aber dieser Weg ist alternativlos, außer,wir wollen eine Zersplitterung in ethnische, religiöseund kulturelle Minderheiten und eine Balkanisierung.Inklusive ständiger Angst für uns Homosexuelle undalle anderen, die nicht ins Bild passen.Wir haben es mit in der Hand, dagegen anzugehen.Nicht indem wir uns immer weiter der Mehrheit an-passen, sondern indem wir unsere Eigenheiten lebenund auch vehement dafür einstehen. Nur so bleibenwir sichtbar neben den Lautsprechern anderer Frakti-onen. Denn Toleranz kann niemals Verschweigen undDucken bedeuten.Ich freue mich auf ein lautes Frühjahr mit sehr vielPräsenz in den Straßen, den Lokalen, unserer Stadt.Und auf die ersten Blumen.Sarah Jäckel, Verlegerin
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