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DAS INSTITUT IN FONTAINEBLEAU
 
Quelle: J. G. Bennett, Gurdjieff - Der Aufbau einer neuen Welt, AURUM Verlag 1976 
 
Gurdjieffs
Entschluß, London zu verlassen, war eine große Enttäuschung für dieenglische Gruppe, die durch seine außerordentlichen Gespräche elektrisiert wordenwar, welche uns einen Vorgeschmack dessen gaben, was hätte geschehen können,falls das Institut in Hampstead errichtet worden wäre, wie wir gehofft hatten. Ich habeNotizen von einem Vortrag, den er am 15. März 1922 hielt. Teile davon füge ich hier ein, um einen Eindruck zu vermitteln von der Art, wie die Ideen Gurdjieffs unsanfangs dargeboten wurden. Man muß sich daran erinnern, daß noch nichtsveröffentlicht worden war.
Ouspensky
hatte uns erregende Dinge erzählt, aber hattesich an das gehalten, was wir selbst beobachten und überprüfen können würden.Gurdjieff hatte zwei Übersetzer bei sich, einen Engländer und einen Russen. Er sprach in Erwiderung auf eine Frage von
Orage
nach dem Mittel, um einen radikalenSeinswandel zu erreichen, der, wie Ouspensky uns gesagt hatte, sowohl notwendigwie auch möglich sei. Gurdjieff führte mit charakteristischen Ausdrücken die Idee des
Wesenskerns
und der 
Persönlichkeit
ein, indem er, was Ouspensky nie getanhatte, von der Möglichkeit sprach, die Hypnose zu gebrauchen, um die Persönlichkeitzu verändern. Er erklärte, daß die tieferen Wandlungen, auf die wir hofften, nichtdurch die Handlung einer dritten Person herbeigeführt werden könnten, sondern dasErgebnis des eigenen Leidens und eigener Opfer sein müßten. »Die Persönlichkeit«,sagte er, »ist nicht unser eigen, wir werden nicht mit ihr geboren. Sie wird durchunseren Kontakt mit schlafenden Menschen erworben, so daß sie sich auch imSchlaf befinden muß. Sie will nicht aufwachen, sie will hypnotisiert werden. Der Wesenskern schläft, aber er ist nicht hypnotisiert. Er ist alles, womit wir geboren sindund was durch natürliche Entwicklung daraus entsteht. Die Persönlichkeit ist das,was wir im Leben erwerben. Sie ist an der Oberfläche, daher verändert sie sich sehr leicht. Eine Veränderung des Wesenskernes ist schwierig, manchmal vielleichtunmöglich. Sie müssen verstehen, daß es zwei Arten der Veränderung in der Persönlichkeit gibt.Es gibt die
unbewußte Veränderung
. Diese ist vorübergehend. Eine Reihe vonErfahrungen vertreibt eine andere. Danach kehrt die Situation zurück, und diePersönlichkeit wird, wie sie vorher war. Der 
bewußte Wandel
in der Persönlichkeitkann dauerhaft sein. Wenn wir die Pernlichkeit beobachten, nnen wiherausfinden, was verändert werden muß, damit sie nicht wieder so wird, wie sievorher war. Wenn Sie
sich beobachten
lernen, werden Sie zwischen dem
unterscheiden
lernen, was zum Wesen gehört, und dem, was zur Persönlichkeit gehört. Dannwerden Sie alles in sich einordnen können und das Wesen kennenlernen. DiePersönlichkeit kann das Wesen nicht kontrollieren. Sie kann nur den Wegvorbereiten, damit das Wesen aufwachen kann. Wirkliche Kontrolle kann nur imWesen stattfinden. Alle Kontrolle in der Persönlichkeit ist Einbildung. Die Menschen sind durch die Persönlichkeit und durch das Wesen miteinander verbunden. Es ist eine chemische Sache. In zwei Menschen sind es vielleicht diePersönlichkeiten, die sich lieben, aber die Wesenskerne verabscheuen sich. IhreWesenskerne werden immer streiten, die Persönlichkeiten jedoch werden verzeihen.
 
 Zunächst müssen Sie die Situation verstehen, wie sie jetzt besteht. Was Sie in sich>
Wille
< nennen, kommt nur von der Persönlichkeit. Es hat keine Verbindung zu dem
wirklichen Willen
. Irgendetwas berührt die Persönlichkeit, und sie sagt >ich will<oder >ich will nicht<, >ich mag< oder >ich mag nicht< und glaubt, es sei der Wille. Esist nichts. Es ist passiv. Der Wille kann nur im Wesen sein. So wie Sie jetzt sind, hatIhr Wesen keinen Willen, nur 
automatische Impulse
. Die
Wünsche
des Wesenssind Ihre eigenen Wünsche, aber sie sind nicht bewußt, sie sind nicht der Wille. Sieentstehen automatisch in Ihnen, weil Sie so sind. 
Wesen
und
Persönlichkeit
sind sogar in verschiedenen Teilen des
Gehirns
.Beinahe alles, was zur Persönlichkeit gehört, ist in dem Formungsapparat. DasWesen kann all dieses Material nicht benützen, deshalb besitzt es keinen kritischenVerstand. Es ist vertrauensvoll, da es jedoch nicht erkennt, ist es ängstlich. Man kanndas Wesen nicht durch logische Beweisführung beeinflussen oder es überzeugen.Solange das Wesen nicht anfängt, selbst
Erfahrungen
zu machen, bleibt es, wie esimmer war. Manchmal entstehen Situationen, in denen die Persönlichkeit nichtreagieren kann und das Wesen reagieren muß. Dann sieht man, wieviel im Wesenvorhanden ist. Vielleicht ist es nur ein Kind und weiß nicht, wie es sich verhalten soll.Es ist zwecklos, ihm zu sagen, es solle sich anders verhalten, weil es unsereSprache nicht verstehen wird. Die Persönlichkeit kann leicht beeinflußt werden,besonders im modernen Menschen. Die Persönlichkeit gibt sich jeder Einflüsterunghin, wie absurd sie auch sei. Vielleicht weiß der Verstand es manchmal besser, aber dann ist das Wesen schüchtern. Der Verstand mag wissen, daß er alle lieben sollte,das Wesen jedoch kann es nicht, daher bleiben es nur Worte. Bei den meisten Menschen empfängt das
Wesen
nur bis zum
Alter von fünf oder sechs Jahren
Eindrücke. Solange es
Eindrücke
empfängt, wächst es, später  jedoch werden alle Eindrücke von der Persönlichkeit aufgenommen, und das Wesenhört auf zu wachsen. Falls die Erziehung nicht zu ungünstig ist, mag das Wesenmanchmal weiter wachsen, und es kann sich ein mehr oder weniger 
normaler Mensch
ergeben. Aber normale Menschen sind die Ausnahme. Fast jeder hat nur das Wesen eines Kindes.
Es ist nicht natürlich, daß in einem Erwachsenen dasWesen noch ein Kind ist.
Aus diesem Grund bleibt er in der Tiefe schüchtern undvoll von Befürchtungen. Dies ist so, weil er weiß, daß er nicht das ist, was er zu seinvorgibt, aber er kann nicht verstehen, warum. Man kann nicht sagen, wie das Wesen
gewandelt
werden und
normal am Lebenteilnehmen
kann, solange man nicht mehr 
Wissen
hat. Hierfür braucht man eineneue >
Sprache
<. Zur Zeit könnte ich es Ihnen nicht sagen, selbst wenn ich wollte.Durch
Selbstbeobachtung
werden Sie erfahren, was verändert werden muß undwarum; aber selbst wenn Sie wissen, was verändert werden muß, können Sie nichtherausfinden, wie Sie selbst arbeiten müssen. Da das Wesen einzigartig ist, benötigt jeder einzelne ein
individuelles Programm
. Um aber ein individuelles Programmaufzustellen, ist ein langes Studium nötig, nicht nur durch einen selbst, sondern auchdurch andere. Auf diese Weise ist es für die Menschen in dem
Institut
eingerichtet.Wenn sie kommen, fangen sie an, sich selber zu studieren, und andere studieren sieauch. Erst nach langer Zeit ist es glich, r jeden einzelnen sein eigenesentsprechendes Arbeitsprogramm festzulegen.« 
* * *
 
 Ich zitiere aus diesem und aus anderen Vorträgen, um den Zusammenhang mit der 
Lehre der Khwajagan
zu verdeutlichen. Ein Mensch kann den Weg nicht betreten,solange die Persönlichkeit vorherrscht. Die Kapitulation der Persönlichkeit ist das
fana-i-ahkam
, das nicht das wahre
fana
, aber trotzdem unerläßlich ist, wenn der Suchende unter here Einfsse kommen soll. Das erste Sich-Ergeben desWesenskerns ist
fanai ef’ al
, und das endgültige Sich-Ergeben des Seins ist
fanaisifat
- die Wörter 
ef’ al 
und
sifat 
bedeuten den äußeren und den inneren Aspekt desWesens. In allen Vorträgen Gurdjieffs zu jener Zeit war die Herkunft seiner Lehre vonden
Sufis
unverkennbar für jeden, der beide studiert hatte. 
Gurdjieffs
Besuche in
London
erstreckten sich über einen Zeitraum von ungefähr zwei Monaten, während deren er auch in Frankreich suchte. Meine persönlicheBeziehung zu ihm erneuerte ich damals nicht, zum Teil weil ich im Zusammenhangmit meiner Arbeit für die türkische kaiserliche Familie auf Reisen war, aber vor allemweil ich ihm nicht mit dem helfen konnte, was damals am dringendsten benötigtwurde: Geld zu beschaffen, damit das
Institut
eröffnet werden konnte. Spätestens imJuli 1922 hatte Gurdjieff die Idee aufgegeben, sich in London niederzulassen. Nachmehreren Monaten der Suche und Verhandlungen gelang es ihm, ein seltsamesGeschäft zu vereinbaren mit der Witwe des für seine Verteidigung von Dreyfusbehmten Maitre Labori, der ihr das
Château du Prieuré
in Avon bei
Fontainebleau
hinterlassen hatte, welches früher einmal das Haus der Madame deMaintenon gewesen war. Die meisten seiner Schüler waren in Berlin geblieben, biser sie unterbringen konnte. Im Juli brachte er sie beinahe zu früh nach Paris - einSchritt, der ihn mehr Geld kostete, als er sich leisten konnte. Erst im Oktober konnteer die Prieuré beziehen. Er beschreibt die
mißliche Lage
, in der er sich befand, als»eine der verrücktesten Perioden meines Lebens«. »Wenn ich durch das Tor des Château du Prieuré ging, war es, wie wenn ich gleichhinter dem alten Pförtner von der Mme Notlage begrüßt wurde. Meinehunderttausend Franken waren schon bis auf den letzten Sous in alle Windeverstreut, zum Teil dadurch, daß ich die Miete für das Grundstück bezahlte, zum Teildurch die Auslagen für den Lebensunterhalt in Paris während dreier Monate mit sovielen Menschen. Meine Lage wurde dadurch weiter 
kompliziert
, daß ich bei meiner Ankunft in Paris keine westeuropäische Sprache sprach.« Er begann nach Möglichkeiten zu suchen, ein Darlehen zu erhalten.
Ouspensky
hatte einige wohlhabende Freunde in London, vor allem
Ralph Philipson
, einenBesitzer von Kohlenbergwerken aus Northumberland, der in dem Ruf stand, einMultimillionär zu sein, und dessen russische Frau Ouspensky in allem, was er tat,begeistert unterstützte. Dies war das erste Mal, daß er 
von dem Prinzip abwich
, welches er sich 15 Jahrefrüher auferlegt hatte - selbst die alleinige Verantwortung für die Durchführung seinesWerkes zu übernehmen, ohne materielle Hilfe von außen anzunehmen. Er verteilteseine Zeit auf Paris und die Prieuré wo er das berühmte
Study House
aus einemüberschüssigen Flugzeughangar baute, den er von der französischen Luftwaffekostenlos dafür erhalten hatte, daß er ihn abmontierte. Er verbrachte viel Zeit inParis, wo er nach Wegen suchte, um
Geld zu verdienen
. Er übernahm die
Heilungvon Trinkern und Rauschgiftsüchtigen
. Er war imstande, verschiedene gewagtegescftliche Unternehmungen zu beginnen, einschlilich eines Projekts in
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