• Embed Doc
  • Readcast
  • Collections
  • CommentGo Back
Download
 
1
Das Ringen um einesoziale Geldordnungim Spiegel der Geldtheorien
 V  V  V  V  V orbemerkung:orbemerkung:orbemerkung:orbemerkung:orbemerkung: Vom 12. bis 14. November 2004 fandan der Universität Trier im Rahmen der Fortbildungsse-minare „Individualität und soziale Verantwortung“ eine Arbeitstagung über das Ringen um eine soziale Geld-ordnung statt, an der über 100 Menschen teilnahmen,viele von ihnen praktisch engagiert, z.B. in Regional-geldinitiativen oder im alternativen Bankwesen. Prof.Margrit Kennedy, Autorin einer Reihe stark beachteter Bücher über Geldreform, die besonders der Regi-onalgeldbewegung immer wieder neue Anstöße gege-ben hat, traf dabei mit Udo Herrmannstorfer, Prof. Ha-rald Spehl und mir zusammen. Eine spannende undfruchtbare Gesprächskonstellation. Bei einem Forumsprachen außerdem Paul Benkhofer und Jean MarcDecressonnière von der GLS-Bank, Frans de Clerck (Trio-dos-Bank und INAISE - International Association of Investors in the Social Economy -) sowie Menschen ausRegionalwährungsinitiativen wie „Regio im Oberland“und „KannWas“. Ein ermutigendes Beispiel also für zivil-gesellschaftlichen Dialog und Zusammenarbeit. Die Ta-gung war so inhaltsreich, dass sicherlich manche Ele-mente in kommenden Rundbriefheften noch breiter zur Darstellung kommen werden. Auch deshalb, weil siezugleich Auftakt für weitere Arbeit an diesem wichtigenThema war. Der hier vorgelegte Essay basiert im we-sentlichen auf meinen eigenen Beiträgen, bei denen ichmich vor allem auch darum bemüht habe, zur Verstän-digung innerhalb der Alternativenbewegung über dasGeldthema beizutragen. Dies schien mir besonders ak-tuell, weil es mancherlei Unklarheiten, ungute Befeh-dungen, aber zugleich auch eine Unterschätzung be-stehender Unterschiede gibt, die man gerade dann nichtignorieren darf, wenn man Brücken schlagen möchte. Auf S. 22 findet sich darüber hinaus eine Selbstdarstel-lung der AG für Regionalwährungen. V  V  V  V  V om Pom Pom Pom Pom Protest zur Sozialgestaltung:rotest zur Sozialgestaltung:rotest zur Sozialgestaltung:rotest zur Sozialgestaltung:rotest zur Sozialgestaltung:Die aktuelle Bedeutung der Geldfrage für denDie aktuelle Bedeutung der Geldfrage für denDie aktuelle Bedeutung der Geldfrage für denDie aktuelle Bedeutung der Geldfrage für denDie aktuelle Bedeutung der Geldfrage für denzivilgesellschaftlichen Dialogzivilgesellschaftlichen Dialogzivilgesellschaftlichen Dialogzivilgesellschaftlichen Dialogzivilgesellschaftlichen DialogDie heutige zivilgesellschaftliche Bewegung ist eine Wi-derstandsbewegung gegen die neoliberale Globa-lisierung. Aber zugleich ist sie auch eine Bewegung, die- zum Beispiel bei den Weltsozialforen - nach Alternati-ven sucht. Widerstand allein genügt nicht, dessen istman sich mehr und mehr bewusst. Erfolgreicher Wider-stand bedeutet zwar Zeitgewinn, aber die Zeit kann nur nutzen, wer eigene Lösungsansätze einzubringen hat.Dafür muss es aber zunächst Verständigungsprozessegeben, denn es ist bekanntlich viel schwieriger, sich auf etwas Positives zu einigen, als darauf, wogegen manist. An dieser Suche innerhalb der Zivilgesellschaft nachgemeinsam für richtig erachteten Lösungsmöglichkeitenführt kein Weg vorbei. Denn von der Politik und der Ökonomie, wie sie heute sind, darf man die nötigen Anstöße nicht erwarten. Die Zivilgesellschaft - als sozia-le Kulturbewegung - muss sich selbst zunächst auf denWeg machen, - dann erst wird sie auch Verbündete inden beiden anderen Sektoren finden.Wo Menschen beginnen, Alternativen in die Praxisumzusetzen, sprechen wir von Sozialgestaltung. Dasbeginnt oft im Kleinen. Wenn eine kritische Masse vonMenschen die Einsicht in die Alternativnotwendigkeit hat,wenn zugleich alte Verhältnisse brüchig werden, dannkann Sozialgestaltung auch im Großen einsetzen, -wobei die „Konstellation“ ebenso entscheidend ist wiedie Bereitschaft der Menschen, sie zu nutzen.Natürlich muss eine Alternativenbewegung auch Alternativen zum heutigen Umgang mit Geld anbietenkönnen. Dass die Geldfrage eine ganz entscheidendeRolle für das soziale Leben spielt, merkt man ja späte-stens dann, wenn Geld knapp wird bzw. zu Gunstender ohnehin schon Reichen umverteilt wird. Aber 
wie
wollen wir die Geldordnung umgestalten? Und wie hängtdie Geldordnung mit der Ökonomie, ja mit dem gan-zen sozialen Gefüge zusammen? Dazu finden wir un-terschiedliche Auffassungen und Blickrichtungen inner-halb der Zivilgesellschaft. Soll man am Ende Geld undHandel ganz abschaffen? Oder reichen ein paar kleineKorrekturen, die die schlimmsten Auswüchse der inter-nationalen Finanzspekulation dämpfen?Bei solchen Fragen spielt es eine Rolle, was bisher inverschiedenen Denkschulen über das Geld gedacht wor-den ist. Da gibt es die marxistischen und die keynesi-anischen Strömungen. Und da gibt es die Geldreform-bewegung, die mit dem Namen Silvio Gesells verbun-den ist, und die auf Rudolf Steiner zurückgehende Be-wegung für die Dreigliederung des sozialen Organis-mus, die beide in jeweils unterschiedlicher Weise profi-lierte und grundlegende Beiträge zur Theorie und Praxiseines alternativen Umgangs mit Geld geleistet haben. -In der Regionalgeldbewegung arbeiten ja heute häufig Vertreter beider Strömungen praktisch zusammen.Es ist wichtig, dass die nötigen Dialoge fair, sach-lich und lösungsorientiert geführt werden. Alle zivil-gesellschaftlich Engagierten stehen schließlich in einer gemeinsamen Verantwortung dafür, dass die Global-isierung nicht länger den Globus zerstückelt, sondernein menschliches Antlitz erhält. Führungsansprüchen undDas Ringen um eine soziale Geldordnung
Christoph Strawe
 
2Rundbrief Dreigliederung Nr. 4 / 2004 Ausgrenzungsversuchen sollten wir daher gemeinsamentgegentreten, ganz gleich, wem sie gelten und vonwem sie ausgehen.
1
Wo Gegensätze bestehen, solltenwir lieber besser zu verstehen versuchen, worin undwarum sie da sind und uns fragen, ob es Gesichts-punkte gibt, unter denen sie sich - ganz oder ein Stückweit - auflösen lassen.Geld ist - tendenziell heute schon, nur in verformter Weise - ein Kommunikationsmittel der wirtschaftendenMenschen. Einen Dialog über die Geldordnung zu füh-ren, heißt zugleich darüber zu sprechen, wie diese aus-sehen muss, damit in der Ökonomie Verständigung ge-lingen kann.Theorien über das Geldwesen...Theorien über das Geldwesen...Theorien über das Geldwesen...Theorien über das Geldwesen...Theorien über das Geldwesen...Es kann nicht Aufgabe dieser Betrachtung sein, auchnur ansatzweise einen Überblick über das Feld der Geldtheorien zu versuchen. Geldtheorien und Geld-definitionen sind Legion. Häufig gehen sie, manchmalin verabsolutierender Weise, von einzelnen Seiten desGeldphänomens aus, von der Funktion des Geldesals Tauschmittel, Wertmesser, Wertaufbewahrungsmittel,als gesetzliches Zahlungsmittel, Medium der Preisbil-dung usw.
2
Häufig genug war Geldtheorie auchschlicht apologetisch und bemüht, die Defekte der be-stehenden Wirtschafts- und Geldordnung wegzuer-klären. Musterbeispiel für eine solche Grundhaltungist Jean Baptiste Say (1767-1832)
3
: Seiner Auffassun-gen nach tendiert die Wirtschaft stets automatisch auf ein Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung hin. Ihm schienklar, „dass aus dem Erlös jedes Warenverkaufs irgendwojemand in Gestalt von Lohn, Gehalt, Zinsen, Mieteoder Gewinn wiederum die Mittel erhalte, sich dieseWare zu kaufen. Und was für eine bestimmte Waregelte, sei für alle gültig. Infolgedessen könne es in der Wirtschaft keinen Mangel an Kaufkraft geben.“
4
Unddiese Auffassung galt als Dogma, dessen Leugnungeinen Ökonomen im Examen in ärgste Schwierigkeitenstürzen konnte...Was uns hier interessieren muss, sind nicht die Apo-logeten, sondern Wissenschaftler, denen das Soziale ander Geldordnung ein Anliegen war, wie für uns heute. Von ihnen hoffen wir, bei unseren Bemühungen ammeisten zu profitieren. Was nicht heißt, dass wir nichtauch kennen lernen müssen, auf welche Gedanken-bildungen sich die Rechtfertigung des Bestehenden stützt.Dass mich dabei die auf Silvio Gesell und Rudolf Steiner zurückgehenden Überlegungen ganz besondersinteressieren, ergibt sich aus der Sache.Der jüngst an mich ergangenen Aufforderung, end-lich zu erklären, wer nun Recht habe - Steiner oder Gesell- und ob die Auffassungen des ersteren mit denen desletzteren überhaupt vereinbar seien, kann ich allerdingshier nicht nachkommen, hoffe aber, dass das im KastenS. 21 dokumentierte Steiner-Zitat vielleicht einen Schlüsselfür die Herangehensweise an solche Fragen bietet.„Gerechter Preis“, Arbeitswerttheorie„Gerechter Preis“, Arbeitswerttheorie„Gerechter Preis“, Arbeitswerttheorie„Gerechter Preis“, Arbeitswerttheorie„Gerechter Preis“, Arbeitswerttheorieund Fund Fund Fund Fund Freisprechung der Ökonomiereisprechung der Ökonomiereisprechung der Ökonomiereisprechung der Ökonomiereisprechung der Ökonomievon sozialer V von sozialer V von sozialer V von sozialer V von sozialer V erantwortungerantwortungerantwortungerantwortungerantwortungWenn wir von einer sozialen Geldordnung sprechen,dann fragen wir nach der Rolle des Geldes in der Her-stellung und Aufrechterhaltung sozialer Gerechtigkeit.Das Geld entsteht, soweit kann man der Marxschen Analyse im ersten Band seines „Kapital“ wohl folgen,als allgemeines Äquivalent aus dem Warentausch. Wennder bloße Naturaltausch zugunsten universeller Aus-tauschbarkeit überwunden werden soll, muss es ein Mittelgeben, den Wert aller Waren auszudrücken und diesedadurch auf einander zu beziehen. Der Wert der Warenin Geld ausgedrückt ist ihr Preis. Am Preis entscheidetsich, in welchen Relationen wir in einer arbeitsteiligenWirtschaft für einander Leistung erbringen: wer viel ar-beiten muss und wenig dafür bekommt, dem geht esschlecht. Und umgekehrt, wer viel für wenig bekommt,der ist fein heraus. An der Frage der Preise entscheidetsich also, ob Leistungen und Gegenleistungen „im Lot“sind, ob jeder zu dem Seinen kommt. Genial hat Aristo-teles diese Frage nach dem gerechten Preis in einer Zeitder erst sich entwickelnden Geldwirtschaft zur Kardinal-frage gemacht. Bis in die Scholastik bleibt diese Fragenach dem „justum pretium“ bestimmend. Der Zins - imSinne der Ausnutzung der Notlage des Geldbedarfsanderer und des Ausspielens eigenen Geldbesitzes - war anrüchig, solange Gerechtigkeit der Maßstab der wirt-schaftlichen Betrachtung war.Im Grunde fußt die Arbeitswertlehre der klassischenÖkonomie der Neuzeit auf dem Gesichtspunkt der Ge-rechtigkeit in den Austauschrelationen. Sie ist im AnsatzÖkonomie als praktische, nicht als theoretische Wis-senschaft. Die Tauschrelationen sollen vom objektiven Arbeitsaufwand für die jeweiligen Güter abhängig sein,so dass sich gerechter und natürlicher Weise Tagewerkgegen Tagewerk tauscht - vorausgesetzt, dass jeder mitdurchschnittlichem Geschick und Arbeitstempo zu Wer-ke geht. So ist die Arbeitswertlehre im Ursprung minde-stens ebenso sehr eine normative Lehre der Preis-gerechtigkeit wie eine Theorie der faktischen Preisbil-dung.
5
Spätestens bei Adam Smith (1723-1790) verschiebtsich jedoch der Schwerpunkt. Jetzt wird ausdrücklichausgeschlossen, dass das Erreichen des Rechten undSein-Sollenden von dem Bemühen der Menschen umPreisgerechtigkeit und ihrer Verständigung darüber ab-hängig sein soll. Ja Verständigung, die über punktuelleGeschäftsabschlüsse hinausgeht, soll unterbunden wer-den, weil nun das egoistische Selbstinteresse des Men-schen als einzige Motivation ökonomischen Handelnsgilt. Daher muss ein Mechanismus, derjenige der Kon-kurrenz, dafür sorgen, dass gleichsam hinter dem Rük-ken der Menschen - wie durch eine unsichtbare Hand,so das berühmte gewordene Bild - soziale Gerechtigkeitzustande kommt
6
Sozialer Ausgleich wird also nicht von der Einsichtder Menschen und der aus ihr folgenden Interaktionerwartet, sondern im Gegenteil allein von der zwingen-den Kraft einer dem Bewusstsein der Menschen entzo-
 
3genen Konkurrenzmechanik. Mensch und Menschlich-keit werden dadurch gleichsam herausgetrieben aus der Ökonomie.
7
 Von sozialer Verantwortung ist diese Ökonomie damitgänzlich freigesprochen: Für die Preisrichtigkeit und -gerechtigkeit ist ausschließlich „der Markt“ zuständig. Eingroßer Teil unserer heutigen Probleme ist eine Folge die-ser Denkweise. Sie wurden noch dadurch verschärft, dassder Grundgedanke von Güter- und Leistungsmärktenformalistisch auf die Produktionsfaktoren Boden, Arbeitund Kapital übertragen wurde, wodurch eine Art „Schein-marktwirtschaft“ entstanden ist. Die heutige Problematikder Finanzmärkte hängt damit zusammen.Die Entfaltung des marktwirtschaftlichen Kapitalismusführte bekanntlich erst einmal nicht zu den von seinen Vordenkern erhofften wohltätigen sozialen Wirkungen,sondern im Gegenteil zum Arbeiterelend des 19. Jahr-hunderts. Es entstand die sozialistische Arbeiterbewegung,die eine Alternative zum „Kapitalismus“ suchte. Bismarckim Gegenzug legte die Grundlagen des „Sozialstaats“.Dieser hat einerseits über lange Zeit die Folgen der markt-fundamentalistischen Denkweise gemildert, andererseitsaber auch den nötigen, radikalen Paradigmenwechselerschwert. Heute erst, da die Staaten durch global ope-rierende Konzerne erpressbar geworden sind, beginnenwir zu bemerken, dass die Delegation des Sozialen anden Staat das letzte und einzige Wort nicht sein kann.Sozialistische Kritik an der Realität desSozialistische Kritik an der Realität desSozialistische Kritik an der Realität desSozialistische Kritik an der Realität desSozialistische Kritik an der Realität des„Kapitalismus“: Pierre Joseph Proudhon„Kapitalismus“: Pierre Joseph Proudhon„Kapitalismus“: Pierre Joseph Proudhon„Kapitalismus“: Pierre Joseph Proudhon„Kapitalismus“: Pierre Joseph ProudhonEiner der Exponenten der sozialistischen Kritik des Be-stehenden ist Pierre Joseph Proudhon (1809-1865).Proudhon bemerkt, dass die Boden- und Geldordnungzu „arbeitslosen Einkommen“ führt und die Leistungs-gerechtigkeit der Einkommensbildung auf den Kopf stellt.Daher gibt er die Parole aus „Eigentum ist Diebstahl“und versucht, nachdem er 1848 in die Nationalver-sammlung gewählt wurde, durch eine Pacht- und Zins-steuer dem Übel zu wehren. Doch sein Vorschlag wirdniedergestimmt. Auch der Versuch der Gründung einer  Volksbank, in der Kredite ohne Zinsaufschlag gewährtwerden sollten, scheitert.Den Gebrauch von Gewalt, um den Menschen einSystem aufzuzwingen, lehnt Proudhon zeitlebens konse-quent ab. Herrschaft zu minimieren ist sein Ziel, der freieMensch sein Ideal. Den Vater des modernen Anarchis-mus hat man ihn deshalb auch genannt.Karl Marx und die Falle der PlanwirtschaftKarl Marx und die Falle der PlanwirtschaftKarl Marx und die Falle der PlanwirtschaftKarl Marx und die Falle der PlanwirtschaftKarl Marx und die Falle der PlanwirtschaftEin politischer Witz aus der verblichenen DDR fragt nachdem Erbe von Karl Marx. Die Antwort: der Schweiz hater das Kapital hinterlassen und der DDR das Elend der Philosophie. „Das Elend der Philosophie“ von 1847 isteine Schrift von Marx, in der der „utopische Sozialist“Proudhon im Namen des „wissenschaftlichen Sozialis-mus“ vernichtend kritisiert wird. Der Titel ist selbst eineironische Replik auf Proudhons 1846 erschienene „Phi-losophie des Elends“.Der Marxismus kritisiert die Fixierung Proudhons auf die „Zirkulationssphäre“. „Zins“ kann nur aus dem Mehr-wert gezahlt werden, dieser aber kann nicht in der Zirkulationssphäre entstehen, sondern - so die These -nur in der Produktionssphäre. In der Produktionssphärewerden die Arbeiter ausgebeutet: die Reproduktionskostenihrer Arbeitskraft (Lohn) sind geringer als was ihre Arbeithervorbringt, und aus dieser Differenz entspringt das rea-le Mehr, welches dann als Zins, Profit und Bodenrenteverteilt werden kann.
8
Das die Zirkulation der Waren ver-mittelnde Geld ist also nichts für sich, es verschleiert nur die eigentliche Realität, ja schlimmer noch: es ist ein Fe-tisch, ein verdinglichtes gesellschaftliches Verhältnis, „dasentfremdete Gattungswesen“. In den ökonomisch-philo-sophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844 („Pariser Manuskripte“) heißt es: „Da das Geld als der existieren-de und sich betätigende Begriff des Wertes alle Dingeverwechselt, vertauscht, so ist es die allgemeine
Verwechs-lung
und
Vertauschung
aller Dinge, also die verkehrteWelt, die Verwechslung und Vertauschung aller natürli-chen und menschlichen Qualitäten.“ Wenn das so ist,dann muss offenbar das Endziel sein, das Geld gänzlichüberflüssig zu machen. Das Problem liegt nicht in der Artder Geldordnung, sondern im Geld als solchem. Dashat eine lange Tradition: Bei Thomas Morus z.B. ist dasGeld der Höllenhund. Auf der Insel Utopia hat man esnicht mehr nötig, und sein materieller Träger, das Gold,wird dort zur Verfertigung von Nachttöpfen verwandt -ein Gedanke, den Lenin später aufgreift. Bei ihm sind esallerdings nicht die Nachttöpfe, sondern die öffentlichenBedürfnisanstalten.
9
Bis heute führt diese Frage nach der Überwindung des Geldes als solchem zu Kontroversen,z.B. mit manchen marxistisch denkenden Freunden inder Attac-Bewegung.In der Praxis sind alle Versuche, ohne das Geld aus-zukommen, immer wieder gescheitert. Gerade die Pra-xis des „real-existierenden“ Sozialismus zeigte, dass„Geld“ nicht einfach ersetzbar ist. Der Sozialismusmusste, um den eigenen Bestand zu sichern, immer wie-der Wege zur „Ausnutzung der Ware-Geld-Beziehung“finden. Bereits Lenin rettete sich nur durch den Über-gang vom „Kriegskommunismus“ zur „Neuen Ökono-mischen Politik“ (NÖP). Und der Ansatz, die Entfrem-dung aufheben zu wollen, schlug ins Gegenteil um: indie Entmündigung durch planwirtschaftliche Bürokra-tie. Die beabsichtigte Aufhebung der Herrschaft des Men-schen über den Menschen wurde zur Diktatur der Parteiüber das Proletariat.Silvio GesellSilvio GesellSilvio GesellSilvio GesellSilvio GesellSilvio Gesell (1862 - 1930) will die Geldordnung refor-mieren, nicht das Geld abschaffen. Er knüpft - gegenMarx - bei Proudhon an, auch weil er individualistischund staatskritisch denkt. „Marx der Anarchisten“ hat manihn deshalb einmal genannt.
10
Gesell ist Wirtschafts-praktiker: als Kaufmann begründet der Auswanderer inBuenos Aires eine florierende Firma für zahnärztlichenBedarf. „Doch er war auch Theoretiker, der seine Beob-achtungen an den damals wie heute zerrüttetenDas Ringen um eine soziale Geldordnung
of 00

Leave a Comment

You must be to leave a comment.
Submit
Characters: ...
You must be to leave a comment.
Submit
Characters: ...