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Bankvorstände: "Höchstpersönlichhaftbar"
illustration: dc Dynamic Graphics Value Lizenzfrei
Die Finanzkrise kam nicht wie eine biblische Plage über deutscheBanken. Vielmehr haben die Vorstände mit riskantenMilliardenspekulationen ihre Sorgfaltspflichten verletzt, stellt der Wirtschaftsrechtler Marcus Lutter im Interview mit manager-magazin.defest. Klagen wären erfolgversprechend.mm.de: Herr Professor Lutter, unvorstellbare Summen nimmt dieBundesregierung in die Hand, um deutsche Banken vor dem Zusammenbruchzu schützen, allein rund 125 Milliarden Euro für die Hypo Real Estate,wenn auch zu einem großen Teil als Bürgschaften. Sie fordern, deutscheBankenmanager für Ihre Verfehlungen in der Finanzkrise vor Gericht zustellen. Für alle, die die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren bekommen, klingt das zu schön, um wahr zu sein.Lutter: Die Rechtslage ist aber klar. Es handelt sich bei den Banken,von denen wir sprechen, ja um Aktiengesellschaften. Das deutscheAktiengesetz bestimmt, dass alle Vorstände ihre Aufgaben mit der gebotenen Sorgfalt zu erledigen haben. Wenn sie das nicht tun und der Gesellschaft daraus ein Schaden erwächst, dann sind siehöchstpersönlich schadenersatzpflichtig.mm.de: Das heißt, sie haften mit ihrem Privatvermögen?Lutter: Sie spielen auf die Äußerungen des niedersächsischenMinisterpräsidenten, Christian Wulff, an. Er sagte, die Bankmanager müssten mit ihrem persönlichen Vermögen haften (...mehr). Damit hat er Recht, das steht so im Gesetz. Eine Verurteilung von Managern hataußerdem den großen Charme, dass dann die Managerversicherung greift.
 
Damit steigen die Summen, die in solch einem Fall zur Schadensbegrenzung beitragen könnten: Diese so genanntenD&O-Versicherungen lauten typischerweise auf 100 Millionen Euro.mm.de: Oft ist man zwar im Recht, kann das aber schwer belegen. Wielassen sich Bankmanagern ihre Verfehlungen nachweisen?Lutter: Die Sache ist furchtbar einfach. Es genügt, dass einWirtschaftsprüfer einen gründlichen Blick in die Bücher wirft. DenkenSie nur an die Summen, von denen hier die Rede ist. Zum Beispiel imFall der IKB , einer mittelgroßen privaten Bankgesellschaft. Da habendie Manager für rund 25 Milliarden Euro hochriskante Papiere gekauft.Die Bilanzsumme ihres Instituts betrug aber lediglich 75 MilliardenEuro. Sie haben also gut ein Drittel des Vermögens ihrer Bank in eineeinzige Anlageklasse gesteckt. Das ist von der geforderten Sorgfalt soviele Meilen entfernt, dass es nicht schwerfällt, eine Verletzung der Sorgfaltspflicht nachzuweisen.mm.de: Sie sagen also, die Geschäfte sind dermaßen überdimensioniert,dass schon deshalb das Aktienrecht greift.Lutter: Genau. Aus dem Bankrecht kennen wir den Begriff desKlumpenrisikos. Es gibt eine ganze Reihe von Vorschriften, die solcheKlumpenrisiken bei Konzernen zu verhindern suchen. Wenn nämlich beieinem Klumpenrisiko der Ernstfall eintritt, dann steht eben gleich der ganze Laden auf dem Kopf. Im Fall der kriselnden Landesbanken oder der Hypo Real Estate haben wir genau solche Fälle mit ansehen müssen.mm.de: Viele Manager werden sich darauf zurückziehen, dass sie bei denGiftmüllpapieren von den meisten Risiken nicht wissen konnten, weilsie so geschickt versteckt waren. Bei ihren Investitionsentscheidungenhaben sie sich auf die Einstufungen der Ratingagenturen verlassen, dieals Profis bei der Einschätzung von Finanzrisiken galten.Lutter: Das ist sicher ein Hauptargument der Vorstände. Aber erstensdarf sich kein Manager voll auf einen Dritten verlassen. Er muss nacheigener Prüfung zu einer eigenen Entscheidung kommen. Und wenn dieBankvorstände sich genau angesehen hätten, was sie da kaufen, dannhätten sie wahrscheinlich die Finger davon gelassen. Natürlich ist das aufwändig: Basis dieser Papiere sind in der Regel300 bis 400 Seiten englischen Textes. Viele haben sich aber nichteinmal die Mühe gemacht, die juristische Dimension dieser Papiere zuhinterfragen. Dabei wären die Summen, um die es geht, doch jede Mühewert gewesen.mm.de: Die Expertise der Ratingagenturen reichte zur Absicherung alsonicht aus.Lutter: So ist es. Die Ratingagenturen hatten sich, bevor die erstenAnfragen nach Derivaten kamen, damit noch nie beschäftigt. Es ist
 
etwas völlig anderes, die Kreditwürdigkeit eines Industriekonzerns wieDaimler einzuschätzen oder die eines bunten Kessels, in dem dieKredite von Tausenden höchst unterschiedlichen Häuslebauernzusammengefasst sind. Das war für die Agenturen Neuland. Deswegen habesie sich so entsetzlich geirrt.mm.de: Der mögliche Gewinn, der den Managern beim Kauf von Derivatenversprochen wurde, war verführerisch hoch. Sind Vorstände nichtverpflichtet, ihrem Konzern so renditestarke Geschäfte zu sichern?Lutter: Das ist ein gutes Argument. Gar keine Frage, dass Manager verpflichtet sind, Chancen am Markt wahrzunehmen. Es kommt ja hinzu,dass einige der betroffenen Banken zur fraglichen Zeit im Geldgeschwommen sind. Sie hatten kaum Möglichkeiten, diese Reichtümer inihrem normalen Geschäft sinnvoll anzulegen.Aber auch hier müssen Vernunft und Maß gelten. Es bringt doch keinvernünftiger Mensch ein Drittel seines Vermögens zum Zocken in dieSpielbank! Nehmen wir an, die Banken wären mit maximal fünf Prozentder Bilanzsummen ihrer Banken bei diesen riskanten Geschäfteneingestiegen. Auch dann wäre das nicht im Sinne der Sorgfaltspflicht,aber wahrscheinlich würde man sagen: Ihr habt es gut gemeint und dabeihalt Pech gehabt. Ganz anders zum Beispiel die SachsenLB, eine kleineLandesbank, die glaubt, in Irland das große Rad drehen zu müssen - mit30 Milliarden Euro!mm.de: Die Größenordnungen waren existenzbedrohend für die Banken, alsdie Kredite platzten.Lutter: Exakt. Dass etwas schiefgeht, ist immer möglich. Und ausdiesem Grund ist kein Manager berechtigt, seine Maßnahmen soanzulegen, dass bei deren Scheitern der gesamte Konzern untergeht. Manmuss es nochmals betonen: Die sind alle pleite. Banken wie dieSachsenLB, die IKB oder die Hypo Real Estate sind im Prinzip alle pleite.mm.de: Wer kann denn das Management einer Bank verklagen? EinAktionär? Ein Kunde gar? Oder nur der Aufsichtsrat?Lutter: Nun, dem Kunden oder dem Anleger sind die riskanten Papiere,um die es geht, ja nicht verkauft worden. Damit haben diesePersonengruppen keine juristische Handhabe. Anders wäre es, wenn einedieser Banken in die Insolvenz ginge. Dann hätten wir womöglich auchdirekt geschädigte Anleger. Nein, bei Verfehlungen dieser Art kann nur der Aufsichtsrat gegen denVorstand klagen oder der Vorstand gegen den Aufsichtsrat. Das ist seit100 Jahren so. Dass es einmal einen Fall geben könnte, da beideGremien im selben Boot sitzen und deswegen keinerlei Interesse daranhaben, so einen Prozess loszutreten - das haben sich die Väter desAktiengesetzes nicht vorstellen können. Solche Fälle erleben wir 
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