Das Ungreifbare Tao
(c) Stefan Thiesen, 2003thiesen@uni-muenster.deIch denke, wenn man die Geschichte und die Ursprünge des Taoismus im Auge behält, könnteman als (philosophischer) Taoist in der Tradition Lao Tsus durchaus sagen: ich gehöre keiner Tradition, ich gehöre keiner Lehre an. Für mich bedeutet es: ich folge dem (meinem)natürlichen Weg. Der Alte nannte das Namenlose relativ willkürlich Tao. Er hätte es ebenso"großes Kaninchen" oder „fließender Fluß“ oder "Nichts" oder "Alles" nennen können. DasTao personifiziert das nicht personifizierbare. Das lateinische "Natura" könnte ebenso gut für "Tao" stehen: das (oder die) hervorbringende. Das Tao soll ja auf mysteriöse Weise weiblichsein.Lao Tsu schrieb seine Gedanken der Legende nach ja nur widerwillig auf. Das drückt – wirklich oder symbolisch – doch zumindest so etwas wie Unbehagen über die Gründung einer wie auch immer gearteten Tradition aus, die naturgemäß doch immer etwas Starres an sichhat. Das Tao aber ist wie flüssiges Wasser (vielleicht eher sogar super-fluid wie flüssigesHelium!), ohne jedes Element der Starrheit.Kann jemand nur dann ein Taoist sein, wenn er sich mit der Lehre und Tradition beschäftigthat? Ich wüsste nicht weshalb. Wer sollte das zudem entscheiden? Im Christentum, Islam,Judentum dreht sich alles um Rituale, Bekenntnisse, Lehren, Dogmen und derenInterpretationen - gegebenenfalls auch um ihre Durchsetzung mit brutalster Gewalt. Man kannalso schlecht ein Christ sein, wenn man noch nie etwas von Jesus gehört hat, denn dasBekenntnis zu Jesus ist die Definition des Christseins. Aber im Taoismus? Eines der Werkedes alchemistischen Taoismus hat den schönen Titel Wu Chen Pien, oder „Die Realitätverstehen“. Mir scheint es um eine Denkweise zu gehen, und nicht so sehr um eine historischeTradition. Ich selber habe im Laufe der Zeit immer mehr festgestellt, dass meine Denkweiseund meine Schlussfolgerungen der Denkweise und den Schlussfolgerungen des philosophischen Taoismus entsprechen. Wäre ich jetzt niemals auf die taoistische Traditiongestoßen, hätte jedoch dieselbe Denkweise – wäre ich dann ein Taoist, oder aber doch eher nicht? Eine Freundin von mir war mal gefragt worden, ob sie einen Buddhisten kennt. Nein,meinte sie, aber so eine Art Taoist. Das fand ich auch sehr nett. Die Frage, welcher Religionman angehört, ist an sich bereits sehr un-taoistisch. Wieso ist die Antwort wichtig? Man kann
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