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Postmoderne Steine
(c) Stefan Thiesen 1996thiesen@uni-muenster.de
Es scheint tatsächlich einen immensen Unterschied zwischen derWeltanschauung von Naturwissenschaftlern - vor allem Physikern -und Geisteswissenschaftlern zu geben, und ich bin nicht einmalsicher, ob diese weit klaffende Lücke überhaupt durch einenphilosophischen Diskurs zu überbrücken ist. Die Art und Weise mit derRealität umzugehen ist einfach zu verschieden. Die Anwendungpostmodernen Gedankengutes auf die Physik ist meinen Augen vonvornherein ohne jeglichen Sinn, da es ja zur Definition der Physikgehört, daß ihre experimentellen und theoretischen Ergebnissereproduzierbar sind. Ich vermute einmal das ist es auch, worauf Prof.Weinberg hinaus will, wenn er physikalische Gesetze mit Steinenvergleicht. Zwar mag ein Stein allerlei unterschiedliche kulturelleAspekte aufweisen - so sieht ein alter Hawaiianer ihn möglicherweiseals Wohnstatt eines Naturgeistes an, für einen EuropäischenAvantgardisten mag er ein Kunstwerk sein oder (da es sich umkristallinen Kohlenstoff handelt) empfindet ein Finanzmakler ihn alsWertanlage. All diese Unterschiede treten jedoch aus der Sicht desPhysikers zurück, denn der Hawaiianer, der Avantgardist und derBanker können physikalische Experimente mit dem Diamantendurchführen. Wenn sie dies sorgfältig tun - ergibt sich ein gar nicht soüberraschendes Bild: Alle ermitteln die selbe Dichte, dieselbe Masse,dasselbe Volumen, dieselbe Härte, denselben Brechungsindex,dieselbe Kristallstruktur, und so fort. Vollkommen unabhängig vonihrem kulturellen Hintergrund kommen bei denselben Messungen undAnalysen desselben Körpers oder Gegenstandes immer exaktdieselben Ergebnisse. Ein Muslim mist dieselben Interferenzen beimDoppelspaltexperiment wie ein Hindu oder ein Christ, und einPostmodernist zerfällt ebensowenig zu Staub wie ein Physiker, weiltrotz kultureller Unterschiede die Protonen beider Leute völlig stabilsind. Postmodernes Gedankengut läßt sich nicht auf dieNaturwissenschaft übertragen, da sie von vorn herein ihrer Definition
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zuwiderläuft, und spätestens wenn der postmoderne Philosoph einenSonnenbrand bekommt, von einem Auto überfahren wird oder einenelektrischen Schlag erleidet, sollte ihm klar werden, daß diephysikalischen Gesetze äußerst real sind. Objektivität ist zumindest inder Physik pragmatisch aber eindeutig definiert alsReproduzierbarkeit. Die kulturelle Dimension der Naturwissenschaftenist (was meiner Ansicht nach offensichtlich erscheint) eine ganzandere. Die Ergebnisse der Wissenschaft beeinflussen die Kultur inungeheurem Maße - von Religion über Kunst bis hin zu denBanalitäten des täglichen Lebens, und zugleich beeinflußt die Kulturdie Naturwissenschaft insofern, als sie die Rahmenbedingungen fürdie Forschung definiert. Deshalb gibt es “erwünschte” und“unerwünschte” Forschung, weshalb der Entwicklungsstandverschiedener Wissenschaftszweige sich z.T. dramatischunterscheidet (man vergleiche den Stand der Kernphysik von 1970mit dem der Ökosystemforschung dieser Zeit). Diese offensichtliche“common sense” Wechselwirkung zwischen naturwissenschaftlicherund nicht-naturwissenschaftlicher Kultur hat aber nichts mit derapriori Gültigkeit der Naturgesetze zu tun, die seit Jahrhundertenerfolgreich unter Beweis gestellt wird. Der Computer auf dem ichdiesen Text schreibe würde nicht existieren, wenn nicht dieGesamtheit aller bisher etablierten physikalischen Gesetze - von derMechanik bis zur Quantentheorie - bis aufs I-Tüpfelchen stimmenwürden, und die Funktion meines Computers ist auch nicht von irgend jemandes Meinungen, Ansichten oder Weltanschauungen abhängig.Natürlich kann man sich auf eine Diskussionsebene zurückziehen auf der die Existenz meines Computers (oder meiner Wenigkeit) in Fragegestellt wird, jedoch hat dies nichts mehr mit Naturwissenschaft zutun, entsprechend sind in diesem Zusammenhang erbrachteArgumente hier ohne jegliche Relevanz. Naturwissenschaftler habenfür die Ansicht Naturgesetze seien “Meinungsabhängig” in etwa sovielVerständnis wie ein Automechaniker der gesagt bekommt die Existenzdes Autos an dem er gerade arbeitet sei von der vorherrschendenKulturströmung abhängig, entsprechend seien Autos nicht real. Ichhalte eine solche Diskussion nicht im mindesten für sinnvoll, und
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