die datenschleuder. #92 / 2008
Geleitwort
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Die neue Ordnung heißt präventiverSicherheitsstaat
Wir haben ja zusammen noch gefeiert bis Silve-ster. Die Ausnüchterung begann am 1. Januar2008. Dann kam die Vorratsdatenspeicherung.Und was die jetzt nicht alles vorratsspeichern!Allein schon bei Telefonaten: Alle beteilig-ten Rufnummern und die Seriennummer derbenutzten Geräte, die Dauer der Telefonate. Undbei Handys sogar den Standort, wann immeretwas ein- oder ausgeht. Ein schwacher Trostnur, daß wir uns dem neuerdings doch noch ent-ziehen können. Und dazu müssen wir nicht ein-mal die Telefone wegwerfen. Es reicht schlicht,in die Nähe von Gefängnissen zu ziehen.Dort ist durch die Handy-Blocker ein bißchenRuhe im GSM-Netz.Und nach dem nächsten Congress? Kommt das-selbe in grün für das Internet: Die speichernunsere E-Mails. Inklusive aller Pharmapropa-ganda und Körperteilverlängerungen, dazuVoIP und Webseiten. Wir sind nicht einmalbeim Pr0n-Surfen mehr alleine. Aber es sollteuns beruhigen zu wissen, daß es nicht der böse,an allen Ecken und Enden datenverlierende undfür kein verkacktes IT-Großprojekt zu vorsich-tige Staat ist, der dort die Informationen spei-chert. Nein! Wir können uns sicher sein, daßdie zum Speichern gezwungenen Dienstleisteralles in Hochsicherheitsinformationsendlagernversiegeln und einmotten werden. Allein schon,um sich vor dem Drang zu schützen, dieseDaten selber zur Verbesserung der Kundenbe-ziehungen zu gebrauchen.Aber was erdulden wir als gutgläubige Bür-ger nicht alles, wenn es gegen den bösen Ter-rorismus geht. Da können wir doch über klei-ne Kollateralschäden großzügig hinwegsehen.Aber halt! SPD-Innenspezialexperte Wiefels-pütz klärt uns auf: „Ich wäre für die Vorratsda-tenspeicherung auch dann, wenn es überhauptkeinen Terrorismus gäbe.“ Achso. Da trifft essich ja gut, daß es hier tatsächlich keinen Ter-rorismus gibt, sondern wir in einem weitge-hend friedlichen, nur selten von Terror-Torna-dos überogenen Land leben, in dem sich selbstgewalttätige Sturmtruppen nur zu den üblichenFestspielen aus ihren Kasernen trauen. Und diesogenannten „Anschlagsversuche“ fehlgeleite-ter Jugendlicher wurden ganz ohne Bundestro-janer und Flugzeugabschuß verhindert. Dochohne Feind war noch nie ein Staat zu machen.Falls sich keiner mehr daran erinnert: AlleFraktionen des Bundestages haben seinerzeitdie Vorratsdatenspeicherung abgelehnt. Dashinderte Schily kein Stück, dem gefährlichenMumpitz in Brüssel zuzustimmen und damitüber den europäischen Umweg das Parlamentzu mißachten. Und so soll es uns nicht wun-dern, daß dies nur eines in einer langen Listevon Gesetzen sein wird, das „materiell verfas-sungswidrig“ ist. Der biometrische Paß, dieKennzeichen-Rasterfahndung, die „Anti-Ter-ror-Datei“ genannte Zentralkartei der nun ver-bundenen Repressionsbehörden, das geplanteBundeszentralregister mit lebenslanger Identi-kation und nun die Computerwanze – die neue„Sicherheitsarchitektur“ läßt sich doch nicht vonso Kleinigkeiten wie dem Grundgesetz aufhal-ten. Es war ja auch nicht alles schlecht im Drit-ten Reich.Wenn der Bürger nicht sowieso schon seit Jah-ren wüßte, daß Politiker korrupt, kriminali-tätsanfällig und vollkommen merkbefreit sind,würde er zwischen Shoppen, Urlaub und unter-bezahlter Arbeit vielleicht mal hochgucken,wenn Schäuble 2008 fordert, daß Hausdurch-suchungen wieder heimlich, Folter erlaubt undRFID-Implantate sowie akustische und visuel-le Wohnraumüberwachung nun verpichtendist. Danach wählt er die Spacken beim näch-sten Mal wieder – mangels sinnvoller Alterna-tiven. Die Deutschen, die in Heerscharen jedenMonat das Land verlassen, sehen wohl keineZukunft mehr hier. Es war ja auch nicht allesschlecht in der DDR.Und um die zeitgenössischen Referenzen antotalitäre Systeme komplett zu machen, borgensie auch noch bei Orwell: Die 129a-Verfahrenbringen uns nun endlich auch in DeutschlandGedankenverbrechen, deren Reichweite mitder Wiedereinführung der möglichst unschar-fen „Vorfelddelikte“ weiter ausgebaut wird. Mitder Online-Durchsuchung hätten sich ja gewiß
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