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9 Lehrjahre...

9 Lehrjahre...

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12/29/2013

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Lernjahre sind keine Herr´njahre!
Glantaler Geschichten (9)
Walter WohlfahrtEigensinnig ist der Michel schon! Jetzt ist es ihm in Kraindorf doch in jeder Hinsicht gutgegangen und gern hätte man ihn dort über den 1. Jänner 1917 hinaus auch gehalten, nein, er quittiert den Dienst und erinnert den Vater an die Zusage, sich jetzt einen Lehrplatz suchen zudürfen. Unwillig stimmen die alten Eltern - Vater ist inzwischen 68, die Mutter wohl elf Jahre jünger - schließlich zu, aber einen geeigneten Lehrplatz wissen sie auch nicht. Mit FreundAugust Stücklberger, der ein gleiches Ziel vor Augen hat, geht es gemeinsam auf die Suche.Ihre Vorsprache bei den Treibacher Chemischen Werken bleibt erfolglos, also kurzentschlossengleich weiter nach
Sonnberg
bei Guttaring, zum dortigen Kohlebergbau. Der Bergdirektor, einfeiner Mann, nimmt sich der jungen Burschen an. Er sagt ja, wir brauchen dringend Arbeiter für die Grube, aber so blutjunge Menschen, noch dazu bei der derzeit schlechtenErnährungslage aufzunehmen, wäre nicht zu verantworten. Sein Rat ginge dahin, zumindest für die Dauer des Krieges in bäuerliche Dienste zu treten.... Ein guter Rat fürwahr, aber Michelfühlt sich nicht wohl dabei. Sollte er sich vielleicht schon bei der eigenen Nase nehmen?Unverrichteter Dinge verlassen die Halbwüchsigen das Bürohaus, da fahren gerade dieKnappen aus der Grube aus. Deren rabenschwarze Gesichter und von harter Arbeitgezeichneten Gestalten sind ein Schock für die zwei und zumindest Michel weiß jetzt genau,was der Betriebsleiter zuvor gemeint hat.Eines baldigen Tages langt Post von Bruder Leonhard aus
Steyr
ein. Er fragt darin beiläufig,was mit Michel geschehen und ob er sich in den Steyr-Werken für ihn einmal umhören solle?Vielleicht möchte er den Schlosserberuf erlernen? Michel ist so begeistert von der Möglichkeiteiner Berufslehre in den berühmten Werken, daß er nichts Besseres weiß, als schon amnächsten Tag um einen Reisepaß bei der Bezirkshauptmannschaft vorstellig zu werden.Kärnten galt zu jener Zeit als engeres Kriegsgebiet und niemand durfte ohne Bewilligung ein-oder ausreisen. Wie oft hat Michel den Wagnern, Schmieden oder Tischlern interessiert über die Schultern geschaut, Wie begeisterte er sich daran, was diese geschickten Hände hervor-zubringen imstande waren. Da wußte er schon früh, daß nichts anderes als ein Handwerksberuf für ihn in Frage kam. Am 10. Februar bekommt Michel den Reisepaß zugeschickt, am zwölftensitzt er bereits im Zug. Er kommt an diesem Tage bis Klein-Reifling im Ennstal. Da heißt esaussteigen und bis 6 Uhr früh auf den Anschlußzug nach Steyr warten. Die lange Nachtverbringt der Reisende unter Tränen und Heimweh im ungeheizten Wartesaal. Selbst einwarmer Ofen hätte wenig Erleichterung bedeutet, denn es gab keine Fensterscheiben. Glas war Mangelware und öffentliches Gut nur noch wenig geachtet.Das Wiedersehen mit dem Bruder ist wohl ein freudiges, aber ein unerwartetes zugleich.Man ist überhaupt nicht darauf gefaßt und auch nicht vorbereitet gewesen. Natürlich war auchnoch in keinster Weise etwas Konkretes hinsichtlich Lehrstelle bekannt. Das kinderloseFamilienleben wie der Arbeitsalltag des Bruders mußte also weiter seinen Lauf nehmen undMichel kann sich vorläufig nicht nur tüchtig ausschlafen, sondern auch einer Theateraufführung beiwohnen, in deren Verlauf er seinen eigenen Bruder nebst Schwägerin auf der Bühneerkennt. Er ist vom Schauspiel hingerissen und bedauert nur eines, daß dies nicht auch seineEltern sehen können.Inzwischen ist es so weit. Leonhard und Michel fahren mit dem Arbeiterzug in die Stadt.Im Werk angelangt, erklärt Leonhard die verschiedenen Fabriksanlagen und Objekteund sagt schließlich, Michel müsse um 8 Uhr beim Eingangstor zu Gebäude 9 sein, dort werdeein Mann in einem blauen Mantel vorbeikommen, das sei dann der Herr Betriebsleiter. Um janichts zu übersehen, hält Michel das Tor scharf im Auge und es dauert auch nicht lange, daerblickt er schon den Betriebsleiter wie beschrieben, zieht den Hut, grüßt höflich und bringt
 
seine Bitte vor. Der Herr schaut mit großen Augen auf das schmächtige Bürscherl, dann fragter endlich, woher es eigentlich komme. Aus Kärnten, lautet die Antwort. Da wird der Betriebsleiter ganz barsch, wie könne man nur so ungeschickt sein, ziellos drauf los zu fahren.Die Betriebsleitung der Steyr-Werke habe keine Absicht, Lehrlinge einzustellen, was man bräuchte seien ausgebildete Fachkräfte und die fände man zur Genüge unter den Kriegs-gefangenen und Kriegsinvaliden. Michel dankt und der blaue Mantel verschwindet im Tor.Die freien Stunden des Vormittages bis zum vereinbarten Zeit- und Treffpunkt im GasthausBuchenwald treibt sich Michel im riesigen Werksgelände herum. Plötzlich schreckt ihn dasHeulen der Fabrikssirene aus seiner Beschaulichkeit. Es ist zwölf Uhr. Aus allen Toren ergießtsich eine unübersehbare Arbeitermasse auf die Straße, verteilt sich nach allen Richtungen,Autos müssen anhalten, die nachströmende Menschenmenge will kein Ende nehmen. Michelwird von Angst ergriffen, erst das Wiedersehen mit dem Bruder läßt ihn neue Fassung finden.Er berichtet vom Mißerfolg und möchte wissen, wie viele Arbeiter es im Werk eigentlich gibt.Es sind sage und schreibe zwölftausend! Dieses bewegende Erlebnis von "Masse und Macht"wird Michel nie mehr vergessen.Derartige Versuchsgänge wiederholen sich noch dreimal und zu Michels großer Enttäuschungsind alle ergebnislos. Am 19. Februar kommt es wieder zur Heimreise, aber selbst diese gehtnicht ohne Schwierigkeiten vonstatten. Der Reisepaß galt natürlich nicht mehr für dieRückfahrt und so wird der Ahnungslose in St.Michael aus dem Zug geholt und demStationskommando vorgeführt. Nach wiederum einer halben Nacht im Warteraumgibt es nach Mitternacht den Reisepaß mit dem Vermerk retour "Rückreiseerlaubnis für 20. Februar 1917".Endlich wieder daheim in Lebmach, drängt es Michel zur Mutter. Diese ist gerade beimSchober in Pulst auf Störarbeit mit dem Wollespinnen für die Lodenherstellung beschäftigt.Mutter Thresl ist recht froh über die Rückkehr des Sohnes, dieser wohl noch mehr, weil er von bösen Eindrücken, vorallem aber vom Heimweh wieder befreit ist. Vater hat Störarbeit alsFaßbinder in Karlsberg und Michel kann ihm dabei behilflich sein bis endlich mit 1. April 1917die Lehre bei
Julius Gaggl,
Maschinenbauwerkstätte in Lebmach beginnen kann.Schon die Arbeit des ersten Tages ist signifikant für Lehrverhältnisse damaliger Zeit, sie besteht für Michel darin, Schotter aus dem Lebmacher Bach ins Fundament für den Schmiede-Zubau zu verbringen. Ein Anteil von zwei Drittel Hilfs- , Stall- und Feldarbeit zu einem DrittelBerufsausbildung wird auch noch das ganze erste Jahr gelten. Zeitgleich mit dem Beginn der Lehre bezieht auch die Familie des Maurermeisters Franz Valent Wohnung bei Julius Gaggl.Bürgermeister 
Franz Wutte
ist gerade bemüht, die Wasserkraft des Lebmacher Baches für seine Säge und Mühle auszubauen. Eine Baubewilligung zum Aufstau und für eine Druckrohr-leitung besteht schon seit 1916 und eine weitere für den Turbinenbau seit 1917. Da kommt ihmsein "Insiderwissen", daß einige tüchtige friulanische Maurer aus Kärnten im fernenBurgenland interniert und zur Beschäftigungslosigkeit verurteilt sind, obwohl sie viel lieber wieder auf freiem Fuß und in Kärnten wären, sehr zu statten . Wutte weiß, wie man solcheLeute anfordert und wie man sie vorteilhaft einsetzt. Für Michel wird die Familie Valent später noch besondere Bedeutung bekommen! Übrigens, das Elektrizitätswerk des Franz Wutte inLebmach wird noch im letzten Kriegsjahr, genauer gesagt im April 1918 kollaudirt.Michel ist erst sechzehn und hat sein Bett noch zuhause. Er möchte aber schon ein freieresLeben haben. Daheim hört er nur, sei fleißig und folgsam, mach, was man Dir anschafft,hab Ehrfurcht vor Gottvater, dem Landesvater, sprich dem Kaiser usw. Michel merkt aber,wie alle seine Väter schwächer und schwächer werden. Er will nicht mehr auf Schritt undTritt gemahnt und beobachtet sein. Der leibliche Vater gibt seinen gewohnten Anspruch nichtleicht auf. Er will die Unterordnung des lange noch nicht großjährigen Sohnes. Es gibtVorwürfe, wenn der Bub nicht zur Zeit heim kommt oder sich irgendwie leichtsinnig zeigt.Immer noch sorgen wir für Dich usw. Darauf der Michel, ja, ich werd schon nicht mehr lange2
 
meine Füß unter Euren Tisch halten. Dazu die Mutter, tu Dich nicht versündigen Bub, vomverredeten Brot schneidet man oft die größten Keile ab. Trotzdem sucht die Mutter einenAusweg. Der junge Sohn neben dem alten Vater tut nicht mehr gut. Lebensrythmus wie Sichtder Dinge sind einfach zu verschieden. Nach Erfüllung der Probezeit drängt sie darauf, daß jetzt Meister Gaggl auch für Michels Unterhalt sorgt. Auch hat sie inzwischen die Über-zeugung gewinnen können, daß er hart genug dafür arbeitet.Der Lehrling bekommt tatsächlich seine eigene Bude! Der Lehrherr ist großzügig in Dingen,die ihn wenig oder nichts kosten, wie z.B. Michels neue Freiheit. So kann er ihn noch un-kontrollierter lang zur Arbeit einteilen. Für Michel nimmt diese wirklich manchmal kein Ende.So ferne nur die Leistung stimmt, hat der Meister kaum einmal einen Einwand und diecharakterliche Entwicklung des jungen Menschen ist seine Sorge nicht. Die alten Zustände,wonach der Lehrherr für seine Lehrlinge Verantwortung auf sich zu nehmen hatte, worauf sichdie Eltern aber verlassen haben, galten nicht mehr, zumindest nicht in diesem Falle.Entsprechend wild und zügellos verläuft für Michel die kommende Zeit.Das Lehrverhältnis war noch nicht drei Monate alt, da kam eines Tages Herr Josef 
Hochrinner
, Maschinenschlossermeister in Lebmach zu den Eltern, sie sollten Michel bei ihmlernen lassen. Er hatte im Nebengebäude der Lebmacher Bahnhofsrestauration eine sehr gut, jedenfalls viel besser eingerichtete Werkstätte als Julius Gaggl. Michels Vater entschied jedoch,daß der Bub zu bleiben hätte, wo er sei. Sein Beweggrund dafür ist bezeichnend. Hochrinner lasse seine Leute jeden Sonntag vormittag arbeiten und darin erblicke er eine religions-feindliche Haltung. Daran sieht man, wie recht der Gendarmerie-Chronist hatte, wenn er vermerkte, daß die Leute am Berg noch betsamer, jene im Tal aber religiös ziemlich lau seien.Es lag außerhalb der Beurteilungskraft des von Gradenegg ins Tal gezogenen Vaters, daß seinSohn bei Hochrinner mit Sicherheit eine fachlich wesentlich bessere Ausbildung erfahren hätte.Als Michel unbedachterweise oder vielleicht doch ein bißchen aus falschem Stolz herausMeister Gaggl von den Vorgängen berichtet, hat dieser nichts Eiligeres zu tun, als denungeliebten Konkurrenten wegen Geschäftsstörung zu verklagen.Im Feber 1918 bekommt Michel den ersten Musterungsbescheid, ein halbes Jahr vor seinem18. Geburtstag. Der Kaiser braucht Soldaten, und so ergeht der Ruf bereits an die Jüngsten.Die Musterungskommission tagt im
Hotel Stern in St.Veit
. Michel wird zusammen mitHugo Zlepnig vlg Kobold für den Militärdienst untauglich erklärt. Der Wagner Xander (Sereinig) von Lebmach, Heinrich Schüttelkopf Sohn des Gemeindesekretärs, Hans Gauglhofer Sohn des Gendarmerieführers schließlich Peter Wohlfahrt, Graditzersohn aus Glantschach sindalle tauglich. Michel fühlt sich gekränkt, daß er nicht Soldat werden darf. Zu dieser Zeit istBruder Peter im Karst an der italienischen Front bereits ein zweitesmal, diesmal sehr schwer verwundet worden. Ihm mußte ein Teil des Schädels durch eine Silberplatte ersetzt werden. Er wurde aus dem Wehrdienst entlassen und erhielt eine Verwalterstelle auf Schloß Lind beiSt.Peter am Bichl.Den Kriegszusammenbruch Anfang
November 1918
erlebt Michel mit seiner Arbeitsstättean der Glantalstraße aus erster Hand. Drei Wochen lang sind alle Verkehrswege durchrückflutende Truppen verschiedenster Nationalität regelrecht verstopft. Ein schauriges und bisdahin einmaliges Schauspiel für die Glantaler. Zur Trauer über das schwere Schicksal desBruders gesellt sich Unsicherheit über den Zusammenbruch des Reiches ebenso wieohnmächtige Wut und hilflose Verzweiflung angesichts der unverschämten Gebietsansprücheder südlichen Nachbarn Kärntens.Von einem Tag auf den andern gilt nicht mehr, was seit Generationen gegolten hatte.Die bisherige Obrigkeit ist sang- und klanglos untergegangen. Neue Stimmen melden sichund sie verkünden bis dahin kaum Gehörtes. Es kommt zu den ersten Abwehrkämpfen auf Kärntner Boden und schließlich zur Besetzung der Bahnlinie durch
italienisches Militär.
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