150BRANDEINS 09/03
WAS MENSCHEN BEWEGT _FREIGELD
tioren werden auf der Sitzung des Wohlfahrtsausschusses zu Treu-händern der Nothilfe Wörgl bestellt. Jeden der 20 Gemeinderätehatte Unterguggenberger zuvor einzeln darauf eingeschworen. Jetzt hören die Räte dem Antrag zu: „Langsamer Geldumlauf istdie Hauptursache der Wirtschaftslähmung“, hebt der Bürgermeis-ter an. Der träge Schilling solle ersetzt werden durch „Arbeits-bestätigungen zu einem, fünf und zehn Schilling“.
Wörgls Banknoten sehen aus wie voll geklebteRabattmarken-Heftchen. Das Geld rostet
Das so genannte Freigeld. Eine Erfindung Silvio Gesells. Der Deutsch-Argentinier hatte in seinem 1916 erschienenen Haupt-werk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland undFreigeld“ den Kern der Ausbeutung – anders als Karl Marx –nicht im Privatbesitz an Produktionsmitteln geortet. Vielmehr sei die Vormachtstellung des Geldes im Wirtschaftskreislauf daran schuld: Während Waren verfaulten, verrotteten oder ver-alteten, ließen sich Münzen und Banknoten ohne Wertverlustehorten. Da Geld aber als „Fußball der Volkswirtschaft“ (Gesell)ständig zum Warenaustausch gebraucht werde, könnten Geld-besitzer von allen Arbeitenden – Unternehmern wie Arbeitern –Zinsen ohne Gegenleistung erpressen. Und nur noch von ihremVermögen leben.Diesen leistungslosen Einkommen wollte Gesell durch do-sierte Wertverluste einzelner Banknoten beikommen. Geld sollte„rosten“. Überflüssiges Kapital würde dann, so hoffte Gesell, ohneRendite-Erwartung auf die Bank getragen, Unternehmer könntenKredite zu gegen null Prozent fallenden Zinsen aufnehmen; Wirt-schaftskrisen, Arbeitslosigkeit und Inflation würden wie die Kapi-talrentner allmählich verschwinden.Unterguggenberger ist begeistert von dieser Idee. Arbeits-bestätigungen sollen deshalb an jedem Monatsersten ein Prozentihres Wertes einbüßen. Um damit danach einkaufen gehen zukönnen, müssen die Besitzer Wörgls Notgeld wieder aufwerten.Die dafür notwendigen Klebemärkchen können die Bürger gegenZahlung von einem Prozent des Wertes bei der Gemeindekasseerwerben. Wie ein voll geklebtes Rabattheftchen sehen WörglsBanknoten deshalb bald aus. Damit die Bürger das „Schwund-geld“, wie es der Volksmund bald nennt, auch als Zahlungsmit-tel akzeptieren, sind die Scheine jederzeit gegen eine Gebühr vonzwei Prozent des Notenwertes in den Schilling einwechselbar.Eine entsprechend große Schilling-Menge wird in der Raiffeisen-kasse als Deckung der Arbeitswertscheine deponiert.Der Gemeinde-Ausschuss billigt Unterguggenbergers Plan.Drei Tage später bestätigt der Gemeinderat den Beschluss ein-stimmig – eine erste Sensation im politisch zerrissenen Tirol.
Wien, 22. Juli 1932.
Die Machtprobe beginnt um 12.30 Uhr. Siewird Österreich und später die ganze Welt in Atem halten. ImBüro Richard Kerschagls klingelt in diesem Moment das Telefon.„Grüß Gott, Herr Professor“, meldet sich der Anrufer im Wiener Tonfall beim Chefberater von Österreichs Notenbank-Direktori-um, „Ministerialrat Wlassak vom Innenministerium am Apparat.Ich wollt’ Mitteilung machen, dass die Tiroler Landesregierungtelegrafisch angewiesen ist, den Ratsbeschluss betreffs Schwund-geld in Wörgl zu sistieren.“Erleichtert lehnt sich Kerschagl zurück. Die Direktoren der Oesterreichischen Nationalbank waren nervös geworden. Er-staunt hatten die Notenbanker die wohlwollende Presse über diebeabsichtigte Aushöhlung ihres Geldmonopols registriert. SolcheSchlagzeilen kommen zu einem schlechten Zeitpunkt: Bundes-kanzler Engelbert Dollfuß hatte erst vor einer Woche in Lausanneeinen Anleihevertrag beim Völkerbund unterschrieben. Ohneden Kredit hätte Österreich seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen können. Nationalbank-Präsident Viktor Kienböck tut deshalb alles, umdie Golddeckung des Schillings wiederherzustellen. Entsprechendden Goldvorräten in ihrem Tresor zieht die Notenbank dazu plan-mäßig 1000-Schilling-Noten ein. Ende 1932 werden von einst226800 dieser Scheine noch 26600 übrig sein. Der Preisverfallist einkalkuliert. Wiens Notenbanker glauben ans Gold. Selbstwenn mit dem Entzug weiterer Zahlungsmittel in Österreich die Wirtschaftkrise kräftig verschärft wird. Zuletzt lässt Kerschagl„betreffs Schwundgeld“ noch einen Brief an die Innsbrucker Nationalbank-Filiale schreiben: „Wegen Abstellung dieses Unfugs“sei „Veranlassung getroffen“. Der Brief 977 trägt ein aufgestem- peltes G – Geheim.
Kaum jemand will glauben, was wahr geworden ist:Das Notgeld treibt den Handel rapide an
Wörgl, Dienstag, 2. August 1932.
Michael Unterguggenberger glaubt zu träumen, doch die Stimmen im Flur sind real. Eben ersthat er sich zum Mittagsschlaf hingelegt. Jetzt springt die Tür auf,und seine Frau Rosa steht mit hilflos entschuldigender Miene inder Stube. „Herr Bürgermeister“, Gemeindesekretär Winkler drängt in den Raum, „unsere Arbeitswertscheine sind gefälschtworden. Wir haben erst 1600 Schilling in Arbeitswerten in Umlauf gesetzt, und schon sind 5100 Schilling Steuern einbezahlt wor-den!“ Doch Unterguggenberger lächelt nur. Auf diese Nachrichthat er gewartet: Am Sonntag sind erstmals Löhne von 50Not-standsarbeitern in Schwundgeld bezahlt worden. Jetzt, zwei Tagespäter, liegen die Arbeitswerte bereits zum dritten Mal in der Kasse. Die neuen Noten bringen den örtlichen Handel ordentlichin Schwung.
Wien, Donnerstag, 25. August 1932.
Im Justizministerium hacktDr. M. Kossegg wütend auf der Schreibmaschine herum. Von der Tiroler Landesregierung hatte der Jurist eine Stellungnahme der für
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