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Die „Christliche Seefahrt“ –Redensart oder Wirklichkeit?
Anke PeleikisVortrag anlässlich der Semestereröffnung am 21. März1984an der Staatlichen Seefahrtschule Cuxhaven
In den vergangenen Jahren wurde von diesem Pult aus viel überSchiffsführung und Technik an Bord, vonAusbildungsverordnungen und allgemeinen Problemen derSeefahrt referiert. Ich möchte heute einmal einen ganz anderenSchwerpunkt setzen. Da ich von Haus aus auch Historikerin bin,hat es mich gereizt, einmal in der Geschichte der „Seefahrt“ so oftmit dem Beiwort „christlich“ versehen wird.In einer Dienstanweisung für Schiffsprediger aus dem Jahre 1715heißt es:„1. Soll alle Morgen umb 7 ½ Uhr und des Abends umb 5 ½ Uhrder Anfang zu Gebeth gemacht werden, damit nachgehends beyvollen Glasen das Volk zu schaffen (d.i. essen) kommen könne,ausgenommen am Donnerstage, da nach verrichteter Bethstundeein Catechismus-Examen anzustellen, welches biß gegen 9 Uhranhält.“Seit 10 Jahren suche ich im Stundenplan der Seefahrtschule nacheiner derartigen Katechismusstunde – vergeblich. Sollte es etwamit der christlichen Seefahrt am sein? Oder hat es sie niegegeben? War dieser Begriff nur eine leere Redensart ohneirgendeinen Sinn?Ich bin diesen Fragen nachgegangen – kein leichtes Unterfangen,denn es lässt sich kaum Literatur zu diesem Thema finden. Überdas, was ich mir zusammengereimt habe, möchte ich hierberichten.Der Ursprung des Begriffs „christliche Seefahrt“ ist nirgendwobelegt. Er ist einfach da – irgendwann einmal. Dabei verbindetman doch vor allem als Kind mit dem Wort „Seefahrt“ dasAbenteuer, Entdeckungen, Fahrt über die Weltmeere; Namen wie
 
die eines Christoph Columbus , Vasco da Gama und auch die derSeeräuber, der Vitalienbrüder, Klaus Störtebecker und GödeckeMichels. Der Zusatz „christlich“ lässt sich mit alledem kaum inVerbindung bringen.Und dennoch scheint mir gerade in der Verbindung mit Piraterieein möglicher Ursprung für den Begriff „christliche Seefahrt“ zuliegen. Noch bis ins vorige, also 19. Jahrhundert hinein kämpftenFranzosen im Mittelmeer gegen nordafrikanische Piraten, die, aus Tunis und Algier kommend, bis in die Nordsee die Meere unsichermachten und z.B. die Hamburger Schiffe zwangen, im Konvoi zufahren, im Schutze eines Kriegsschiffs. Dies reichte allerdings oftnicht aus. Deutschland hatte keine Kriegsflotte, und Hamburgallein konnte keine stellen. So waren die deutschen Schiffeletztlich schutzlos und oft genug Opfer von Überfällen. Schlimmfür die betroffenen Seeleute war dann vor allem, dass sie zugleichOpfer eines Kampfes zwischen Christentum und Islam wurden. Einbekannter Seefahrtshistoriker, der beim Untergang der Pamir den Tod fand, schreibt darüber in seinen „Gedanken undErinnerungen“: Viele Tausende Seeleute wurden auf See von Borddes heimischen Schiffes geholt und vom Feind zur Arbeit auf denRuderbänken gepresst… Natürlich wehrten sie sich ihrer Haut, dieSeeleute der Kauffahrtei, Sie waren geübt im Gebrauch ihrerFeuerrohre und Schwerter, und sowie ein verdächtiges Schiff gesichtet wurde – und welches Segel wäre damals beimInsichtkommen nicht verdächtig gewesen! – dann verloren siekeine Zeit, sonder, machten ihre Seelen und ihre Waffen bereit,wie es in Berichten jener Jahrhunderte lakonisch heißt.“ Oft genugzogen die Kauffahrer in solchem Kampf den kürzeren. Werüberlebte, wurde in die Sklaverei verschleppt. In dieser Situationgriffen die Seeleute zur Selbsthilfe. Sie gründeten die sogenannten Sklavenkassen, führten jeder einen gewissenProzentsatz ihres Verdienstes einem gemeinsamen Fonds zu, derzur Auslösung gefangener Kameraden verwendet wurde. So wares seit dem Jahr 1629 üblich, dass jedem Lübecker Kapitän undSteuermann von jeder Mark seiner Heuer ein Schilling zugunstender Sklavenkasse abgezogen wurde, jedem Matrosen aber sechsPfennige. Rat und Kaufmannschaft wollten sich dann nichtbeschämen lassen, deshalb führten sie eine geringe Abgabe auf alle Ausfuhrwaren ein, etwa ein Sechszehntel des dafür üblichenZolls, die ebenfalls der Sklavenkasse zufiel. In andern Häfenverfuhr man in ähnlicher Weise, und so wurde manchem Seemanndie Heimkehr in die Freiheit erkauft, der sonst den Rest seinesLebens als Sklave vertrauert hätte.“
 
Reste dieser Kassen bestanden bis in die Neuzeit, z.B. die „Qasseder Stücke von Achten“, einer Sklavenkasse, für die in allenHamburger Kirchen und Gottesdiensten gesammelt wurde und diedazu bestimmt war , die von Seeräubern und Piraten gefangenenHamburger Seeleute zurückzukaufen. Diese Sklavenkasse istheute eine Witwen- und Waisenkasse.Es ist zu vermuten, dass in dieser Zeit der türkischen Seeräuber ,die ihre christlichen Sklaven gegen Entgelt freiließen, die Europäersich ihrer „christlichen“ Seefahrt gegenüber der türkischen,islamischen, eben andersgläubigen Seefahrt bewusst wurden. Erstdie Einigung und Schaffung des deutschen Reiches 1871 hat derdeutschen Handelsflotte auf den Weltmeeren Geltung und ihrenSeeleuten Schutz gebracht.„Christliche“ Seefahrt also ein Gegengewicht, Gegensatz zurislamischen Piraterie – damit ließe sich unser Begriff historischerläutern. Das allein aber kann nicht genügen. Ereignisse derVergangenheit bleiben Episoden, werden vergessen. Sie reichenauf keinen Fall aus, um einen Begriff am Leben zu erhalten.Christliche Seefahrt im MittelalterChristliche Seefahrt – wenn es sie wirklich gegeben hat und wennsie auch heute noch mehr ist als nur eine Redensart – für sie musses noch andere Wurzeln und Begründungen geben.Wer einmal von See her die Türme einer Hansestadt am Horizonthat auftauchen sehen, etwa die von Stralsund oder Rostock, oderwer sich mit ihren herrlichen gotischen Backsteinkirchenbeschäftigt, erfährt, dass diese in allen Hansestädten von Lübeckbis nach Reval, Riga, Visby die gleichen Namen tragen, nämlichdie der Apostel Petrus, Andreas und Jakobus und natürlich die desNikolaus und der Gertrud, die allesamt seit alters dieSchutzheiligen, Nothelfer und Fürbitter der Seeleute waren. Die„Schipper“ und Schippsmannen, die Koplüde und Schippsherren“der Hanse brachten nicht nur Handel und Gewerbe in den zum Teilnoch heidnischen Ostraum, sondern auch ihre christliche Kulturund Zivilisation, ihre christlichen sozialen Grundbegriffe vonOrdnung, Recht und Brüderlichkeit.„Christliche Seefahrt“ - dann auch in gewisser Weise ein Stückchristlicher Mission.
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