Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorie
- Georg Simmel
3über Wahrheit oder Falschheit der einzelnen Vorstellung; ob aber diese Kriterien selbst,d. h. das Ganze unsres Erkennens überhaupt wahr oder falsch ist, das ist, unsrerVoraussetzung gemäss, nicht wieder theoretisch auszumachen, sondern nur nach derNützlichkeit oder Schädlichkeit des daraufhin erfolgenden Handelns.Man könnte also vielleicht sagen: es gibt gar keine theoretisch gültige »Wahrheit«,auf Grund deren wir dann zweckdienlich handeln; sondern wir
nennen
diejenigenVorstellungen wahr, die sich als Motive des zweckmässigen, lebenfördernden Handelnserwiesen haben.Damit wäre der oben betonte Dualismus beseitigt; die Wahrheit der Vorstellungenberuhte nicht mehr auf ihrer Übereinstimmung mit irgend einer Wirklichkeit, sondernsie wäre diejenige Qualität der Vorstellungen, welche dieselben zur Ursache desgünstigsten Handelns machte; wobei es ganz unausgemacht bleibt, ob der Inhalt solcherVorstellungen eine Ähnlichkeits- oder andere stetige Beziehung zu einer objektivenOrdnung der Dinge besitzt.Die Frage hierbei ist nur, ob der Wahrheitsbegriff es verträgt, die dem Vorstellengegenüberstehende Objektivität abzustreifen, - mag man sich diese im Sinne destranszendentalen Realismus oder des Lotze'schen ideellen »Geltens« oder in
der reinempirischen Bedeutung denken, die auch jeder Idealismus bestehen lässt. -Denn damit gibt er allerdings seine Selbständigkeit auf: die Wahrheit ist nichtmehr eine nach theoretischen Kriterien festzustellende Beschaffenheit derVorstellungen, welche erst als fertige zur Grundlage des zweckmässigen Handelnsdienten; sondern von den unzähligen auftauchenden Vorstellungen werden diejenigendurch natürliche Auslese bezeichnet und erhalten, welche durch ihre weiteren Folgensich als nützlich erweisen, und das Wort- wahr - zeigt nichts anderes an, als eben dieseregelmässige, praktisch günstige Folge des Denkens.Wenn die gewöhnliche Vorstellung daran festhält, dass das Denken zunächst eineselbständige Wahrheit haben rnüsse, damit man den Erfolg des Handelnsvorausberechnen könne, so hängt sie dabei von dem allenthalben auftauchendenVorurteil ab: dass die Ursache eine morphologische Gleichheit mit der Wirkungbesitzen müsse.Handelt man auf die Vorstellung einer äusseren Realität hin, die durch diesesHandeln zu zweckmässigen, bestimmt gewollten Reaktionen auf uns veranlasst werdensoll, so scheint diese Vorstellung doch das adäquate Bild dieses äusseren resultierendenGeschehens und des Weges zu ihm enthalten zu müssen, da sonst nicht, als Folge ihrer,eben dieses, sondern irgend ein anderes äusseres Geschehen realisiert werden würde.Allein hier ist Folgendes zunächst für die erste Stufe des Handelns zu erwägen.Die Vorstellung der Bewegung, die ich beabsichtige, und die auch wirklichschliesslich eintritt, erzeugt doch nicht unmittelbar diese Realisierung ihrer, sonderneinen ganz anderen Nerven- bzw. Muskelvorgang, der und dessen Form überhaupt nichtins Bewusstsein fällt und der erst seinerseits durch weitere Kausalprozesse jenesvorgestellte Endziel realisiert.Kein Willensvorgang erzeugt also an und für sich eine Wirkung, die seinem Inhaltmorphologisch gleich wäre, sondern eine völlig abweichende; diese wird von einerweiteren mechanischen Verkettung aufgenommen, welche durch mannigfaltigeUmsetzungen hindurch dann erst die sichtbar entsprechende Realisierung jenes Willenshervorbringt.Und diese Realisierung des Willens bedeutet doch nur, dass er irgend einenäusseren Vorgang veranlasst, der seinerseits auf das Subjekt zurückwirkend in diesemdie Vorstellung der Verwirklichung des Willensinhaltes bzw. der Befriedigung desWillens auslöst. Wenn wir uns die vielgliedrige Willenshandlung also von einer
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