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Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorie
- Georg Simmel
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Über eine Beziehung der Selektionslehre zurErkenntnistheorie
1895Georg Simmel
Georg Simmel Online 
http://www.socio.ch/sim 
Soziologisches Institut der Universität Zürich
 
Inoffiziell PDF Version bei Alisson Soaressoaresalisson@yahoo.com.br Georg Simmel: Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorieex: Archiv für systematische Philosophie (Hrsg. von Paul Natorp, 1. Band 1885,pp. 34-45).
 Es ist längst die Vermutung ausgesprochen, dass das menschliche Erkennen auspraktischen Notwendigkeiten der Lebenserhaltung und Lebensfürsorge entsprungen sei.Die allgemeine Voraussetzung dabei ist die, dass eine objektive Wahrheit besteht,deren Inhalt von den praktischen Interessen des Subjekts unbeeinflusst ist; nur dass wirsie ergreifen, dass unser Vorstellen sie verwirklicht, geschieht auf Grund derNützlichkeit, welche das Vorstellen des Wahren vor dem des Irrtümlichen voraushat.
 
Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorie
- Georg Simmel
2Diese Vorstellung ist den verschiedensten erkenntnistheoretischen Schulengemeinsam: dem Realismus, für den das Erkennen ein unmittelbares Aufnehmen undAbspiegeln einer absoluten Realität ist, wie dem Idealismus, der die Erkenntnis durchapriorische Denkformen bestimmen lässt.Denn auch für diesen ist der Inhalt des richtigen Erkennens durch das Verhältnisdieser Formen untereinander bzw. zu einem transzendenten Faktor objektiv präformiert;die Erkenntnis verhält sich zu diesen Elementen wie der Schlusssatz zu den Prämissen,in denen er gewissermaassen latent liegt.Die Wirkung des Nützlichkeitsprinzips oder irgend eines anderen, das uns zumErkennen treibt, hat demnach auf den Inhalt dieses Erkennens gar keinen
gestaltenden
 Einfluss, sondern bewirkt nur, dass derselbe, der nur so und nicht anders sein kann,psychisch realisiert wird - wie die Nützlichkeit wohl bewirken kann dass wir eineRechnung ausführen, aber nicht, dass wir ein anderes Resultat aus ihr gewinnen als es inden objektiven Verhältnissen ihrer Faktoren begründet liegt, mögen wir es nun ziehenoder nicht; wobei diese Faktoren, wie gesagt, ebenso gut als äusserlich empirische, wieals apriorisch-Ideale gefasst werden können.So kann scheinbar das Ziel der psychischen Selektion auf jedererkenntnistheoretischen Grundlage ausgedrückt werden als Parallelität des Denkens mitder Objektivität, weil dies die einzige Sicherheit sei, dass nicht die auf das Denkengebaute Praxis mit der harten Wirklichkeit der Dinge kollidiere und so eine sehrunliebsam Korrektur erfahre.Von den Gedanken stellt sich der Dichter vor, dass sie leicht bei einander wohnen,während sich die Dinge hart im Raume stossen; indem wir doch aber selbst zugleich imPraktischen gewissermassen Dinge im Raum sind, lehrten uns sehr bald dieRückwirkungen, die seitens der anderen Dinge unserem Handeln folgen, jeneLeichtigkeit der Gedanken zu beschränken, sobald diese die Grundlage des Handelnswerden.Wenn also auch wirklich innere Nützlichkeit und rein psychologische Gesetze dieausschliesslichen Faktoren der Ausbildung des Denkens sind, so müssen sie doch imResultat wenigstens dasselbe vorstellen und leisten, wie eine objektive Abspiegelungder Realität.Weil nur der wahre Gedanke die Grundlage des lebensförderlichen Handelns seinkönne, müsse die Wahrheit des Vorstellens ebenso gezüchtet werden, wie etwa dieMuskelkraft.Dieser plausiblen Hypothese gegenüber möchte ich nun fragen, ob man für die inihr enthaltene Zweiheit: einerseits die praktischen vitalen Bedürfnisse, andrerseits dieihnen gegenüberstehende, objektiv erkennbare Welt - ob man für diese nicht eineinheitliches Prinzip finden könnte; ob nicht diese beiden anscheinend gegenseitigunabhängigen Elemente, die äussere Realität und die subjektive Nützlichkeit, die erstauf der Grundlage des Erkennens jener in ein Verhältnis zu setzen seien, sich schon ineiner tiefer gelegenen Wurzel begegneten.Wenn man sagt: unsere Vorstellungen müssen wahr sein, damit das auf sie gebauteHandeln nützlich sei - so haben wir also insofern für die Wahrheit unsererVorstellungen keinen anderen Beweis, als eben die wirkliche Förderung, die wir durchdas auf sie gebaute Handeln erfahren haben.Ist es also wirklich nur die Nützlichkeit, die das richtige Denken züchtet, so istdessen Richtigkeit, d. h. Übereinstimmung mit einer ideellen oder materiellenWirklichkeit, nur durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache erkennbar.Ist das Erkennen freilich erst ein selbständiges Gebiet mit ausgebildeten Kriteriengeworden, dann entscheidet es nach diesen letzteren unmittelbar und rein theoretisch
 
Über eine Beziehung der Selektionslehre zur Erkenntnistheorie
- Georg Simmel
3über Wahrheit oder Falschheit der einzelnen Vorstellung; ob aber diese Kriterien selbst,d. h. das Ganze unsres Erkennens überhaupt wahr oder falsch ist, das ist, unsrerVoraussetzung gemäss, nicht wieder theoretisch auszumachen, sondern nur nach derNützlichkeit oder Schädlichkeit des daraufhin erfolgenden Handelns.Man könnte also vielleicht sagen: es gibt gar keine theoretisch gültige »Wahrheit«,auf Grund deren wir dann zweckdienlich handeln; sondern wir
nennen
diejenigenVorstellungen wahr, die sich als Motive des zweckmässigen, lebenfördernden Handelnserwiesen haben.Damit wäre der oben betonte Dualismus beseitigt; die Wahrheit der Vorstellungenberuhte nicht mehr auf ihrer Übereinstimmung mit irgend einer Wirklichkeit, sondernsie wäre diejenige Qualität der Vorstellungen, welche dieselben zur Ursache desgünstigsten Handelns machte; wobei es ganz unausgemacht bleibt, ob der Inhalt solcherVorstellungen eine Ähnlichkeits- oder andere stetige Beziehung zu einer objektivenOrdnung der Dinge besitzt.Die Frage hierbei ist nur, ob der Wahrheitsbegriff es verträgt, die dem Vorstellengegenüberstehende Objektivität abzustreifen, - mag man sich diese im Sinne destranszendentalen Realismus oder des Lotze'schen ideellen »Geltens« oder in
 
der reinempirischen Bedeutung denken, die auch jeder Idealismus bestehen lässt. -Denn damit gibt er allerdings seine Selbständigkeit auf: die Wahrheit ist nichtmehr eine nach theoretischen Kriterien festzustellende Beschaffenheit derVorstellungen, welche erst als fertige zur Grundlage des zweckmässigen Handelnsdienten; sondern von den unzähligen auftauchenden Vorstellungen werden diejenigendurch natürliche Auslese bezeichnet und erhalten, welche durch ihre weiteren Folgensich als nützlich erweisen, und das Wort- wahr - zeigt nichts anderes an, als eben dieseregelmässige, praktisch günstige Folge des Denkens.Wenn die gewöhnliche Vorstellung daran festhält, dass das Denken zunächst eineselbständige Wahrheit haben rnüsse, damit man den Erfolg des Handelnsvorausberechnen könne, so hängt sie dabei von dem allenthalben auftauchendenVorurteil ab: dass die Ursache eine morphologische Gleichheit mit der Wirkungbesitzen müsse.Handelt man auf die Vorstellung einer äusseren Realität hin, die durch diesesHandeln zu zweckmässigen, bestimmt gewollten Reaktionen auf uns veranlasst werdensoll, so scheint diese Vorstellung doch das adäquate Bild dieses äusseren resultierendenGeschehens und des Weges zu ihm enthalten zu müssen, da sonst nicht, als Folge ihrer,eben dieses, sondern irgend ein anderes äusseres Geschehen realisiert werden würde.Allein hier ist Folgendes zunächst für die erste Stufe des Handelns zu erwägen.Die Vorstellung der Bewegung, die ich beabsichtige, und die auch wirklichschliesslich eintritt, erzeugt doch nicht unmittelbar diese Realisierung ihrer, sonderneinen ganz anderen Nerven- bzw. Muskelvorgang, der und dessen Form überhaupt nichtins Bewusstsein fällt und der erst seinerseits durch weitere Kausalprozesse jenesvorgestellte Endziel realisiert.Kein Willensvorgang erzeugt also an und für sich eine Wirkung, die seinem Inhaltmorphologisch gleich wäre, sondern eine völlig abweichende; diese wird von einerweiteren mechanischen Verkettung aufgenommen, welche durch mannigfaltigeUmsetzungen hindurch dann erst die sichtbar entsprechende Realisierung jenes Willenshervorbringt.Und diese Realisierung des Willens bedeutet doch nur, dass er irgend einenäusseren Vorgang veranlasst, der seinerseits auf das Subjekt zurückwirkend in diesemdie Vorstellung der Verwirklichung des Willensinhaltes bzw. der Befriedigung desWillens auslöst. Wenn wir uns die vielgliedrige Willenshandlung also von einer
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