• Embed Doc
  • Readcast
  • Collections
  • CommentGo Back
Download
 
Mimesis im Cyberspace.doc – BJ 24.08.2005 11:26:00/22.03.2006 20:36 – Seite 1/12
Dr. Benjamin Jörissen, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburghttp://joerissen.name benjamin@joerissen.namePreprint, nicht zitierfähigLizenz:http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/
Mimesis im Cyberspace? Performative Bildungsprozesse in der ‚virtualreality’
erschienen als:
 Mimesis im Cyberspace? Performative Bildungsprozesse in der ‘virtual reality’.
In: Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg (Hg.): Pädagogik des Performativen. Theorien,Methoden, Perspektiven. Weinheim: Beltz, S. 188-199.
Aus der Sicht der historisch-pädagogischen Anthropologie werden performativeBildungsprozesse als mimetische Vorgänge betrachtet. Maßgeblich für diese These und für die Adaption dieses ursprünglich in Literaturwissenschaft und Ästhetik angesiedelten Begriffsim Kontext historischer und erziehungswissenschaftlich-historischer Anthropologie sind dieArbeiten von Gunter Gebauer und Christoph Wulf (1992, 1998, 2003). Der komplexe Begriff der sozialen Mimesis bezeichnet einen doppelläufigen Prozess, der einen spezifischen Modusder Welterfahrung und zugleich eine bestimmte Form der Aufführung sozialer Sinngehalteimpliziert. Im Folgenden werden diese Aspekte zuchst entfaltet, um vor diesemHintergrund ihre bildungstheoretischen Implikationen im Kontext der Neuen Medien zuerörtern. Insofern mimetische Prozesse eng mit Bildlichkeit und Imagination verflochten sind,stellt sich anschließend die Frage der performativen Bilderwelten und ihrer sozialenGrundlagen im Internet: Hält die verbreitete medienkritische These der virtualisierenden„Bilderfluten“, einer überwuchenden Immanenz des Imaginären (Kamper 1994; Žižek 1999),einer Betrachtung der sozialen Gebrauchsformen von Bildlichkeit in den Neuen Medienstand, oder sind auch hier Formen de
 Differenzerfahrung 
, die ein integrales Momentmimetischer Bildungsprozesse darstellt, bereits strukturell angelegt?
1) Performative Bildungsprozesse und Mimesis
a)
Mimesis als Grenz-Erfahrung und praktische Aneignung sozialen Sinns
 – In mimetischenHandlungen findet eine kreative Aneignung sozialer Sinngehalte statt, indem die in den
 
Mimesis im Cyberspace.doc – BJ 24.08.2005 11:26:00/22.03.2006 20:36 – Seite 2/12
Haltungen, Gesten und Habitus Anderer codierten Bestandteile symbolischer Welten undihrer Ordnungen mimetisch, durch Anähnlichung, „eingekörpertwerden (Gebauer/Wulf 1998). Diese sedimentieren zu einem
 praktischen
Wissen (Bourdieu 1993), das noch vor aller  bewussten Reflexivität wirksam wird und das als
 Habitus
oder dynamisches System vonUrteils- und Verhaltensdispositionen (Gebauer/Krais 2002) von entscheidender Bedeutung für den Vorgang der Sozialisation ist.Wenn man dies als
 Aneignungsprozess
versteht, so liegt es in der Logik der Sache, dass inmimetischen Handlungen soziale Sinnstrukturen auf einer rperlichen Ebene ininteraktionellen Kontexten angeeignet werden,
bevor 
sie dem Individuum in Form eines praktischen oder gar theoretischen Wissens verfügbar sind. Es geht mithin um eineAneignung sozialer Leitdifferenzen; eines Instrumentariums der Strukturierung von Welt, dasvor aller Reflexivität handlungsleitend wirkt, und durch das eine individuelle lebensweltlicheSituierung begründet wird, deren Organisation dem Kosmos einer symbolisch codiertensozialen Ordnung abgewonnen wird. Bereits George Herbert Mead (1973) hat beschrieben,wie das junge Kind in der Performance des Rollenspiels (
 play
) wichtige Grundbausteineseiner Identitätsentwicklung erwirbt, indem es gesellschaftliche Sinnstrukturen kreativadaptiert (z.B. Vater/Mutter, Verkäufer, Erzieher/Lehrer). Es tritt damit in ein Feld„objektiven“ sozialen Sinns ein (Wagner 1993) und agiert auf dessen Folie, doch ist das Spielnicht von der strikten Regelbefolgung dominiert: es basiert vielmehr geradezu auf demimetischen Hervorbringung von Variationen, Versionen und Alternativen. Mimesis istinsofern das sukzessive Erfahren noch unbekannter Grenzverläufe, ein ludisch geprägtes Nachvollziehen der Grenzlinien sozialer Differenzen, indem der mimetisch Handelnde malauf der einen, mal auf der anderen Seite von Unterscheidungen flaniert, ohne dass die Grenzefür ihn gültig ist, weil sie (noch) gar nicht seine Unterscheidung ist – charakteristisch für daskindliche Rollenspiel ist gerade der 
 sequentielle
Wechsel (Urberg/Docherty 1982), dasständige Überschreiten und Fließen zwischen Rollen-, Generationen- undGeschlechterdifferenzen. Die Grenze – als Form oder 
 Einheit einer Differenz 
(ihrer beidenSeiten; vgl. Luhmann 2002) – muss erst Gestalt annehmen.Mimesis ist somit durch einen
vorgängigen
Bezug auf Alterität charakterisiert; sie ist eine praktische Verwendung fremden (sozialen) Sinns und
 fremder 
Unterscheidungen.
 
Erst durchmimetisches Handeln werden andere zu sigifikanten, „Zeichen gebenden“ Anderen (Mead1973), werden ihre Unterscheidungen erfahr- und handhabbar, werden ihre symbolischenWelten zum Bezugsfeld eigener Weltkonstruktionen. „Fremd“ kann dabei zweierlei bedeuten.Erstens den Umstand, dass hier etwas
noch nicht 
oder erst in Ansätzen erfahren wurde – 
 
Mimesis im Cyberspace.doc – BJ 24.08.2005 11:26:00/22.03.2006 20:36 – Seite 3/12
 beispielsweise die Bedeutung von Geschlechterdifferenzen, die von Kindern erst nach undnach in verschiedenen sozialen Kontexten erworben werden, nichtsdestotrotz jedoch schonsehr früh Gegenstand mimetischer Aufführungen sind (vgl. noch für das Alter der frühenAdoleszenz: Wulf 2001). Zweitens, etwa im Bereich der Kunst als eines Feldes mimetischer Bezugnahmen, den Zustand einer 
Selbstbefremdung 
im Sinne des Einklammerns odeAussetzens von Selbstversndlichkeiten, etablierten Sichtweisen und vermeintlichunverrückbaren, evidenten Sicherheiten der alltäglichen Welterfahrung. In jedem Fall setztdas mimetische Verhältnis voraus, dass etwas nicht
 schon
 bekannt, nicht
 schon
identifiziert,schematisiert, kategorisiert etc. ist. b)
Mimesis als ‚protoreflexive’ Handlungsform
 In diesem Sinne kann man imZusammenhang mit Mimesis von einer 
 praktischen
Veränderung – oder „Veranderung“ – vonWeltreferenzen sprechen. Mimetische Erfahrungen ergänzen den Bestand des praktischenWissens
und verändern
diesen damit nachhaltig: Indem sie eine Anähnlichung an anderesymbolische Weltentwürfe darstellen, stellen sie alternative Welterfahrungsoptionenzumindest virtuell bereit. Diese
handelnd 
ergriffenen Optionen sind aber nicht als Ergebniseines bewusst-reflexiven Wahlprozesses zu verstehen. Inwiefern sie dennoch als Optionen begriffen werden können bzw. müssen, bedarf einer kurzen Erläuterung.
 Praktisches Wissen
ist ein Handlungswissen, auf das nicht unbedingt bewusst zugegriffenwerden kann. Es ist in diesem Sinne präreflexiv, aber dennoch symbolisch codiert, also vonsozialem Sinn durchzogen. Körperliche Bewegungen und Gesten etwa sind symbolischeHandlungen, die den Akteuren nicht reflexiv zu Bewusstsein kommen ssen, um imsozialen Raum zu funktionieren, und die tatsächlich in der Regel den Akteuren nicht bewusstwerden, solange sie den Fluss der Kommunikation oder Interaktion aufrecht erhalten. Obwohlnun die Ausführung einer bestimmten Bewegung oder Geste
nicht 
Folge einer 
bewussten
Wahlhandlung ist, ist sie doch das Ergebnis eines Selektions- oder Diskriminationsprozesses,etwa einer ‚intuitiven’ Geschmackswahl, die auf eine symbolische Ordnung bezogen ist, unddie somit auf eine bestimmte Weltsicht oder Weltversion zurückgreift und diese im Vollzugzugleich erneuert und bestätigt. Der Ausdruck 
 Habitus
, so wie ihn Bourdieu in den
 FeinenUnterschieden
vorgestellt und durch empirische Beobachtungen erhärtet hat (Bourdieu 1987),verweist auf bestimmte, sozial organisierte (differenzierte und auch differenzierende)Homogenitäten solcher Selektionsprozesse, die nicht als
 Einschränkungen
von Wahl- bzw.Aktionsmöglichkeiten gesehen werden sollten denn das setzte eine beliebige Anzahlverfügbarer Optionen voraus sondern vielmehr als ein spezifisches Profil an
 Ermöglichungen
derselben. Wenn man nun mimetische Prozesse als zentral r die
of 00

Leave a Comment

You must be to leave a comment.
Submit
Characters: ...
You must be to leave a comment.
Submit
Characters: ...