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Sezession Spengler

Sezession Spengler

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07/18/2013

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„Und die Masse des 20. Jahrhunderts braucht Mut! Denn sie hat … nichtsmehr, nichts, gar nichts. Es ist Spätabend geworden. Selbstverständlich darf man das nicht sagen: Man spricht in einem Krankenzimmer, seit Dr. OswaldSpengler die Diagnose gestellt hat, nicht vom Sterben. Im Gegenteil … Dieein Zentimeter über dem Horizont hängende Sonne wird zur aufgehendenSonne ernannt.“ Die Sätze stammen aus Joachim Fernaus Buch
Die Geniesder Deutschen
, geschrieben von einem, der, wie Spengler, wenn auch auf ganz andere Weise, für ein gebildetes Publikum schrieb. Ein Publikum, indessen Kenntnisstand der Name Spenglers ebenso gehörte wie die Chiffre„Untergang des Abendlandes“. Wieviel der einzelne mit diesem oder jenemtatsächlich zu verknüpfen wußte, steht auf einem anderen Blatt, aber immer-hin flößten Name und Chiffre Ehrfurcht ein.So war das in der Nachkriegszeit. Spengler wurde auch in die bundes-republikanische Ausgabe der
Großen Deutschen
aufgenommen, respektvollbehandelt von Hans Freyer, und bei dem Respekt blieb es bis in die achtziger Jahre. Als man seines hundertsten Geburtstags gedachte, schrieb HermannLübbe, weit entfernt von jeder politischen Sympathie: „An Spenglers fort-dauernder Bedeutung läßt sich kaum zweifeln.“Das war eine Fehleinschätzung. Zweifel sind seitdem laut geworden, undgemeint sind nicht die, die von Anfang an geäußert wurden: von seiten derFachhistoriker, die dem bekennenden Autodidakten zahlreiche Ungenauig-keiten nachwiesen, von seiten der Philosophen, die seine Grundvorstellungenablehnten, oder der Gläubigen aller Richtungen, die ihm ihre Bekenntnisseentgegenhielten. Dagegen speisen sich die Zweifel an Spenglers Rang heuteaus Voreingenommenheit gegenüber der Gegenwart, aus der Idee ihrer Vor-züglichkeit und der Vorzüglichkeit ihrer Ideen.In Deutschland jedenfalls genügt es, Spengler als Antidemokraten, An-tiliberalen, Verfassungsfeind
avant la lettre
zu qualifizieren, um sich mitseinen Auffassungen nicht weiter beschäftigen zu müssen. Das sieht manin anderen Ländern anders. Deshalb gibt es im italienischen Buchhandelmehr Titel Spenglers als im deutschen und sind die umfangreichsten Text-sammlungen im Netz in englischer Sprache abgefaßt. Aber interessanter istvielleicht noch die Rezeption seines Denkens in den USA, wo man früh auf die Ähnlichkeiten zwischen Francis Fukuyamas These vom „Ende der Ge-schichte“ und Spenglers Annahme einer „Fellachisierung“ im Spätstadiumder Kultur aufmerksam wurde und jetzt erkennt, wieviel Ähnlichkeit dieSzenarien in
 Jahre der Entscheidung 
mit denen eines Samuel Huntingtonhaben. Der unterhaltsamste Beitrag zur Spenglerrezeption außerhalb Euro-pas ist aber ohne Zweifel die Kolumne seines Wiedergängers in
Asia Times
,einer der größten überregionalen Zeitungen des Landes. Da kann man Kul-turkritisches zu allen möglichen Aspekten des Lebens und der Politik lesen,wobei die Bezüge auf den Namensgeber nicht immer offensichtlich sind, aberam Ende des letzten Golfkrieges bemerkte „Spengler“ lapidar, er finde diemoralische Rechtfertigung des amerikanischen Angriffs zwar unerträglich,aber die Hegemonie der USA im Nahen Osten sei ihm immer noch lieber alsein Haufen unkontrollierbarer Atommächte in diesem Raum, – die Situationmüsse man mit der in Europa nach dem Ersten Weltkrieg vergleichen: wieviel wäre der Menschheit erspart geblieben, wenn Deutschland Frankreichund Rußland rasch besiegt und dann seine Vorherrschaft auf dem Kontinentangetreten hätte.
Editorial
von Karlheinz Weißmann
Editorial
Editorial1
Sezession – Oswald Spengler · Mai 2005
 
Lisson – Spenglers Aktualität
Zur Aktualität Spenglers
2
Das Gefühl, in einer Zeit des kulturellen Niedergangs zu leben, gehörtvielleicht zu den wirkungsmächtigsten Empfindungen, die seit der Mittedes 19. Jahrhunderts in Deutschland um sich griffen und die am Aus-gang des Kaiserreichs fast alle damals geistig schöpferischen Menschenauf irgendeine Weise in ihrem Denken geformt und gesteuert hatten. Washeute eher abgegriffen klingt und allenfalls noch als ironische Bemerkungdaherzukommen wagt – „Der Untergang des Abendlandes“ – war damalsweit mehr als nur ein Schlagwort. Es war Ausdruck einer dumpfen Ge-wißheit von existentieller Bedrohung.Der Niedergang einer Kultur ist freilich nichts, was mit wissenschaft-lichen Methoden zu messen oder zu beweisen wäre, sondern zunächst eineAhnung, ein Bewußtwerden, das sich als Gefühl der Leere, als geistigesUnbehagen einschleicht wie ein verdeckt operierender Feind. Doch Verfallwar immer. Seit es Kultur gibt, wird ihr Niedergang beklagt. Zu allenZeiten lagen aufsteigende und niedergehende Lebensprozesse miteinanderim Streit. Aber in den Tagen nach dem Ersten Weltkrieg spürten beson-ders viele Menschen, daß sich die kulturellen Verhältnisse grundlegendund dauerhaft ändern würden, spürten, daß eine Epoche und mit ihr eineLebensform zu Ende gegangen war. Dieses Klima hat die Aufnahme desBuches
Der Untergang des Abendlandes
zweifellos begünstigt. Die Welleder Resonanz, die der Kulturphilosoph damit seinerzeit auslöste, ist heutenur noch schwer vorstellbar. Ende des Jahres 1918 erschienen, ging dasBuch bereits 1920 in die zweiundzwanzigste Auflage.Ironischerweise verdankte Spengler den enormen Erfolg seinesHauptwerks zunächst einem Mißverständnis. Die Niederlage Deutsch-lands 1918 sowie der darauf folgende Sturz der Monarchie – beides vonden meisten Deutschen wie ein Schock empfunden – machte weite Teiledes Volkes empfänglich für apokalyptische Theorien. Nicht nur den altenvon Frank Lisson
Sezession – Oswald Spengler · Mai 2005
 
Eliten, sondern fast dem gesamten Bildungsbürgertum war eine Welt zu-sammengebrochen. Beinahe tröstend also, im Untergang der „Welt vongestern“ – denn genau das und nichts anderes hatte Spengler mit seinemBuch gemeint – gleich den Untergang der gesamten gesitteten Welt erken-nen zu wollen.
Decline of the West 
lautet die nicht weniger irreführendeenglische Übersetzung des Titels.Noch vor Herausgabe des zweiten Bandes beklagt der Autor in demAufsatz
Pessimismus?
von 1921 die offenkundige Fehldeutung, die zumErfolg seines Buches beigetragen hat, weil der Titel zum Schlagwort einer„Mode“ geworden sei. „Aber es gibt Menschen, welche den Untergangder Antike mit dem Untergang eines Ozeandampfers verwechseln. DerBegriff einer Katastrophe ist in dem Worte nicht enthalten. Sagt man stattUntergang Vollendung, ein Ausdruck, der im Denken Goethes mit einemganz bestimmten Sinn verbunden ist, so ist die ,pessimistische‘ Seite einst-weilen ausgeschaltet, ohne daß der eigentliche Sinn des Begriffs verändertworden wäre“. Dieses Mißverständnis haftet seinem Werk bis heute an.Bezeichnend dafür ist der Fall jener älteren Dame, die gestand, SpenglersBuch zwar nicht gelesen zu haben, ihn aber um Rat bat, wo und wie sieihre Wertpapiere jetzt anlegen solle ...Gleichzeitig entbrennt der „Streit um Spengler“, aus dem in den fol-genden Jahren unzählige Zeitungsartikel, Essays und Abhandlungen her-vorgehen. Kaum eine geistige Größe, die nach dem Ersten Weltkrieg nichtvon dem Buch Notiz genommen hätte. Vor allem Dichter und Literatenzeigen sich ergriffen bis entzückt, aber auch Philosophen wie Georg Sim-mel, der den
Untergang des Abendlands
als „die bedeutendste Geschichts-philosophie seit Hegel“ bezeichnet haben soll. Das Buch löst eine Kon-troverse unter den Gebildeten aus wie zuvor nur Langbehns
Rembrandt als Erzieher
(1890), Nietzsches
Zarathustra
(um 1900) oder Weiningers
Geschlecht und Charakter
(1903). Auch Thomas Mann, der 1924 einevernichtende Kritik gegen Spengler schreiben sollte, hatte bei der erstenLektüre noch das Gefühl, „einen großen Fund gethan zu haben“. SeineTagebuchaufzeichnungen vom Juli 1919 verraten, mit wie viel Begeiste-rung er Spengler damals las. Nach Beendigung des ersten Bandes urteilt erbewundernd: „Das wichtigste Buch!“ Wenig später nennt er es einen „in-tellektualen Roman“, vergleicht das Werk mit Keyserlings
Reisetagebucheines Philosophen
, mit Bertrams
Nietzsche
und mit Gundolfs
Goethe
.Der Erfolg all dieser Bücher liege, so Mann, in ihrer „Verschmelzung vonkritischer und dichterischer Sphäre“ begründet.Spengler ist vor allem ein großer Zauberer. Sein Stil ist Magie, ist Ver-führung. Er überredet, begeistert und berauscht mehr, als daß er wirklichüberzeugt. Geschichte sei etwas, das sich nur über die eigene Anschauungerschließen lasse, sagt er, und die Beschäftigung mit ihr entziehe sich jederexakten Wissenschaft. Diese Auffassung öffnet ihm das Tor zu allerleiverblüffenden Spekulationen, die er aber mit einer solchen apodiktischenGeste vorträgt, daß man sich entweder davon einnehmen lassen oder ab-gestoßen fühlen muß. Ein Drittes gibt es kaum.Nüchtern betrachtet findet sich tatsächlich bald auf jeder Seite einekleine Unwahrheit, eine raffiniert versteckte Mogelei, die aber, weil sie soelegant, so ungeheuer geistreich und leicht daherkommt, wie vertraut zuuns spricht, und indem sie das tut, dazu verführt, bestehende Wahrheitenund Ansichten aufzuheben oder wenigstens zu überdenken. Da es wederunverrückbar gültige Moralen noch ethische Wahrheiten an sich gibt,hält Spengler es mit Lessings berühmtem Wort, wonach das Suchen nachWahrheit wichtiger sei als die Wahrheit selbst. Geschichte mit anderenAugen sehen zu lernen, sich inspirieren zu lassen, neue Zusammenhängezu erkennen, Perspektiven zu wechseln, Möglichkeiten aufzuzeigen – dasist die Wirkung des Buches und darin liegt seine Faszination und Quali-tät. Nicht in der zweifelsfreien Darstellung historischer Abläufe. „WäreSpengler ein durchgebildeter Historiker, so wäre er in seiner Zielsetzungbescheidener gewesen, oder, besser gesagt, er hätte dieses Buch überhauptnicht schreiben können, das mit dem Untergrund aller historischen For-schung und Darstellung, dem Tatsachenmaterial, in geradezu unerhörterWeise umspringt“. Spengler ist aber kein Fachhistoriker, so wenig wie erein Fachphilosoph ist. Er versteht sich in erster Linie als Dichterphilosoph,der sich mehr an die eigene ästhetische Anschauung hält als an strenge Lo-gik. Und deshalb ist ihm mit fachwissenschaftlicher Argumentation auch
Lisson Spenglers Aktualität3
Manfred Schröter:
Meta- physik des Untergangs
,München 1949.

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