SCHWARZcyanmagentayellow
Nr. 14DIE ZEITS. 2
Nr. 14
S.2
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DIE ZEIT
2
26. März 2009 DIE ZEIT Nr. 14
POLITIK
D
er Brief verließ die Hauptstadt Anfangder Woche. Der Absender: Peer Stein-brück, Bundesminister der Finanzen,
Berlin. Der Empfänger: Paul Krugman,
Wirtschaftsprofessor an der Universität Princeton,
USA. Der Inhalt: Eine Einladung nach Deutschland.
Steinbrück will sich mit seinem prominentestenKritiker treffen, seinem ärgerlichsten Widersacher,diesem Störenfried aus Amerika. Sein Brief ist mitdem Kanzleramt abgestimmt.Seit Monaten arbeitet sich Krugman, der No-belpreisträger und Kolumnist der angesehenen
New York Times,
an Steinbrück ab: Das BerlinerKabinett bestehe aus
boneheads,
aus Holzköpfen.Deutschland begreife »das ungeheure Ausmaßdieser Krise« nicht. Und Vergleichbares zur »ah-nungslosen Hetze« des Finanzministers bekämeman in den USA »nur von Republikanern zu hö-ren«. Für einen deutschen Sozialdemokraten istdas die verbale Höchststrafe.
Entsprechend einsilbig reagiert Steinbrück, wenn
man ihn auf Krugman anspricht. Ein Experte, dereinen Politiker beschimpft, das ist an sich nichts
Besonderes. Doch dieser Fall liegt anders. Das zeigt
schon Steinbrücks Brief. Krugman gilt in der SPDals Vorzeigevolkswirt, auch der Finanzminister hatseine Bücher gelesen. Jetzt muss sich der Deutscheausgerechnet von diesem Amerikaner »mangelnde
intellektuelle Beweglichkeit« vorwerfen lassen – er,
der sich selbst für den geborenen Krisenmanager
hält. Und Krugmans Kritik zieht Kreise. In den Late-
Night-Shows des US-Fernsehens verspotten sie deneigenwilligen Herrn »Schteinbrrruuuck« bereits als
Sinnbild des Starrsinns, als
bonehead
eben.
Die Krisenerfahrung der USA ist eineandere als die der Deutschen
Dies sind keine glücklichen Tage für den Finanz-minister. Ein Schweizer Abgeordneter beschimpft
ihn als Nazi-Schergen, weil er dem Nachbarland im
Kampf gegen Steuerhinterziehung eine härtereGangart androhte. Und zu Hause in Deutschland
muss er erleben, dass seine Partei sich wieder einmalan Plänen berauscht, von denen er selbst wenig hält:
Staatshilfen für Opel etwa.
Lange hat Steinbrück davon träumen dürfen, alserster Finanzminister seit 40 Jahren ohne zusätzliche
Staatsschulden auszukommen. Nun muss er diehöchste Neuverschuldung überhaupt ausweisen.Zwischenzeitlich durfte er dafür den obersten Kri-
senmanager neben der Kanzlerin geben. Aber dieseRolle macht ihm – je mehr die Finanzkrise zur Wirt-
schaftskrise wird – der neue Wirtschaftsminister
streitig. Die wirtschaftspolitische Strategie der SPD
wiederum bestimmt jetzt der Außenminister undKanzlerkandidat. Steinbrück fügt sich Steinmeier,aber Vertraute berichten, dass zwischen die beiden
stones
längst mehr passt als nur ein Blatt Papier. Auch
Steinmeier will Opel mit Staatshilfen retten.
Und dann ist da noch dieser einflussreiche Ame-rikaner, dessen neuestes Buch auch in Deutschland
schon wieder auf der Bestsellerliste steht.
Krugman versus Steinbrück: Das ist mehr als nur
ein Dissens zwischen Professor und Politiker, zwi-
schen zwei Männern, die einander charakterlich sehrähneln. Es ist der personifizierte Streit über die rich-tige Politik in dieser Phase der Krise. Vor allem mehrGeld für die Konjunktur – das wollen die Amerika-
ner, das will Krugman. Vor allem eine bessere Re-
gulierung der Finanzmärkte – das wollen die Deut-schen, das will Steinbrück. Diese Debatte wird den
zweiten Weltfinanzgipfel kommende Woche inLondon prägen. Wer hat das bessere Krisenrezept?Und wer setzt sich durch?Es ist wie in der Geschichte vom Hasen unddem Igel – wo Steinbrück hinkommt, war Krug-
man schon. Brüssel, am Dienstag der vergangenen
Woche. Im Gebäude der EU-Kommission, an ei-
nem Redepult mit der Sternenflagge Europas drauf,
steht ein vollbärtiger Universitätsprofessor und
verteilt Schulnoten. »Ungenügend« sei das Krisen-management der EU, lästert Krugman, und wieder
müssen sich vor allem die Deutschen vorhalten
lassen, sie würden sich gegen notwendige Konjunk-
turhilfen stemmen. Zwei Tage später reist Stein-
brück nach Brüssel. Auf ihrem Gipfeltreffen kön-
nen sich die 27 Staaten Europas gerade mal dazudurchringen, weitere 5 Milliarden Euro aus EU-
Haushaltsmitteln in Investitionen umzuleiten. Diedeutsche Delegation feiert das als Erfolg. Insgesamt300 Milliarden Euro geben die Staaten der EU in-zwischen für Konjunkturprogramme aus – gemes-
sen an den 1,3 Billionen Dollar der USA, ist dasein eher geringer Betrag.»Angemessen« nennt das Steinbrück.»Europa patzt«, lästert Krugman.
Krugman überzieht, er polemisiert, geht häufig
zu weit. Der 56-Jährige sieht sich als Kämpfer gegen
die ökonomische Dummheit – nicht erst, seit er2008 den Nobelpreis gewann. Dazu gehört dannauch die gesunde Selbstüberschätzung, die Ursa-chen der Krise früh gesehen zu haben. In seinem
neuen Buch – einer aktualisierten Auflage des zehn Jahre alten Bestsellers
Die große Rezession
– geht erhart mit der Zinspolitik des früheren Notenbank-
chefs Alan Greenspan ins Gericht. Dass er Green-
span in der ursprünglichen Fassung von 1999 noch
hoch gelobt hatte? Ist heute vergessen. Auch Steinbrück ist der festen Überzeugung,zeitig gewarnt zu haben. Dieses Selbstverständnis
des Finanzministers beruht auf seiner Initiative aus
dem Frühjahr 2007, als er im Rahmen der deutschen
EU-Präsidentschaft die Hedgefonds stärker kontrol-lieren wollte. Die britische Regierung lehnte das ab.
Heute verweist Steinbrück genüsslich darauf, dassman die Finanzmärkte schon früh habe regulieren wollen. Überzeugend ist das nicht. Wenn ein Gut-
achter die Stabilität eines Hauses bemängelt und auf
den Schimmel an den Wänden verweist – kann er wirklich behaupten, er habe gewarnt, wenn kurzdarauf die Gasleitung in die Luft fliegt?Der Streit zwischen Krugman und Steinbrück,zwischen Amerikanern und Deutschen, hat vielmit einer tiefen gesellschaftlichen Prägung zu tun.Das amerikanische Verständnis von Konjunktur-politik in der Krise speist sich aus den Erfahrun-gen der Großen Depression 1929, aus Massen-arbeitslosigkeit und Verelendung. Amerikanerglauben, dass eine Regierung im wirtschaftlichen Abschwung früh reagieren muss – durch Steuer-senkungen oder höhere Staatsausgaben –, um das Abrutschen in die Depression zu verhindern. Auch um den Preis steigender Staatsschulden.Die deutsche Prägung ist eine andere: Sie resul-tiert aus den Jahren 1923/24, aus der Zeit vonHyperinflation und Geldentwertung, riesigerStaatsverschuldung und drohendem Staatsbank-rott. Deutsche Politiker warten lieber ab, bevorsie viel Geld ausgeben, sie versuchen, den best-möglichen Zeitpunkt für Staatshilfen zu erwi-schen, selbst wenn man diesen Punkt naturgemäßerst hinterher kennt.
Beim nächsten Konjunkturpaket wird sich Steinbrück wieder vergeblich wehren
Wenn aus den USA wieder die Forderung nach
Mehrausgaben kommt, entgegnet Steinbrück, dass
es sinnlos sei, ständig über neue Konjunkturpro-gramme zu reden, solange man nicht die alten Be-schlüsse umgesetzt habe. Tatsächlich hat die Bun-desregierung ein Konjunkturpaket geschnürt, daszwar groß ist, aber so schnell nicht wirken wird.
Insgesamt 50 Milliarden Euro wollen die Deutschenausgeben, verteilt über zwei Jahre. Von den geplan-ten Investitionen in Straßen und Schienen ist bisher
aber noch keine einzige verabschiedet worden; derKinderbonus von 100 Euro kommt erst im April;die Entlastung der Bürger mit niedrigeren Steuernund Abgaben erst im Juli.Inzwischen schließen auch Steinbrück wohl-
gesinnte Sozialdemokraten nicht mehr aus, dass dieRegierung in den kommenden Monaten noch ein-
mal nachlegen muss. Der Finanzminister dürftedann zwar alles tun, um den Begriff vom »dritten
Konjunkturpaket« zu vermeiden. Und er wird sich,
wie immer, gegen weitere Staatsausgaben wehren.
Aber am Ende wird Steinbrück nachgeben müssen.
Wie so häufig in den vergangenen Monaten.Berlin, am Montag dieser Woche. In der Aka-demie der Künste, direkt am Brandenburger Tor,steht der Finanzminister und hält sich mit beiden
Händen an seinem Rednerpult fest. Er soll eine Lau-datio auf Jean-Claude Juncker halten, den Premier-minister von Luxemburg. Der war von SteinbrücksSteueroasenkampagne zuletzt so genervt, dass er sich
über die »deutsche Kraftmeierei« beschwerte. Jetztsitzt Juncker in Reihe eins, verschränkt die Armeund streckt entspannt die Beine aus.Steinbrück spricht ganz ruhig, fast leise, er istsichtlich getroffen von der Kritik der letzten Tage,vom Nazi-Vergleich und den anderen Schmä-hungen aus der Schweiz. In der Sache – seinerKritik an Steueroasen – bleibt er hart. Im Grundeverkörpert der Finanzminister für viele Deutsche ja das Ideal des standfesten Politikers, der auchmal unpopuläre Positionen einnimmt. Doch derGrad zwischen Standfestigkeit und Sturheit istschmal. Und wenn Steinbrück etwas Richtigesvertritt, geschieht das oft in einer Weise, die ihnselbst ins Zwielicht rückt.Der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf
Merz jedenfalls will seinen deutschen Amtskollegen
so schnell nicht treffen. Der amerikanische Ökonom
Paul Krugman aber wird die Einladung nach Berlin
wohl kaum ausschlagen. Die Chance auf eine Pri-
vatvorlesung lässt sich der Professor bestimmt nicht
entgehen.
a
www.zeit.de/audio
Christa Wolf: »Mein Deutschland«.
Im drit-ten Teil der
ZEIT-
Serie schildert die Schrift-stellerin, wie die SED auf dem »Kulturple-num« 1965 mit kritischen Schriftstellern undKünstlern der DDR abrechnete. Wolf tratdamals ans Rednerpult. Sie erinnert sich: »Ich wusste, dass ich nicht mehr schreiben könnte, wenn ich hier schweigen würde«
POLITIK
Warum, Herr Schröder?
Fünfzig Prozent derDeutschen verstehen nicht, warum sich derfrühere Bundeskanzler so eng mit RusslandsMinisterpräsident Putin verbündet. Ein Ge-spräch über Menschenrechte, die russischeSeele und die Lust, noch einmal als Kanzlerin den Ring zu steigen
MAGAZIN
Wer denkt für morgen?
Wir haben uns auf die Suche nach Ideen gemacht, die für dieZukunft gebraucht werden. In einer
ZEIT-
Serie stellen wir jede Woche Menschen vor,deren Denken über den Tag hinaus Gewichthat. In der ersten Folge porträtieren wir dieindische Ökologin Sunita Narain (Foto), diefür Alternativen zum Auto kämpft, und denamerikanischen Wirtschaftstheoretiker Ro-bert Shiller, der das ökonomische Menschen-bild vom Kopf aufs Gefühl stellt
WISSEN
Ein Hitzkopf ruft »Holzkopf«
Finanzminister Peer Steinbrück nimmt sich die Schelte eines prominenten Kritikers zu Herzen
VON MARC BROSTMAIL AUSNÄCHSTE WOCHE IN DER ZEITWORTE DER WOCHEZWEI ÖKONOMEN
mit einer einseitigen Beziehung: Steinbrück (rechts) schätzt Krugman; dieser hält wenig von ihm
»Ja, ich glaube schon.«
Angela Merkel,
Bundeskanzlerin, auf die Frage, ob siedie richtige Regierungschefin sei, die Krise zu meistern
»Wer glaubt, diese Krise sei nur einBetriebsunfall, der irrt gewaltig.«
Frank-Walter Steinmeier,
Bundesaußenminister,über die Krisenpolitik der Kanzlerin
»Die Rede von Steinmeier vorden Opel-Arbeitern war zumindestversuchter Betrug.«
Wolfgang Schäuble,
Bundesjustizminister, über denEinsatz seines Kabinettskollegen Steinmeier
»Die Krise ist keine Kulissefür Schaukämpfe.«
Horst Köhler,
Bundespräsident, über Konflikte in derBundesregierung
»Mir ist egal, ob die Politik überfordert ist. Ihr Job ist es, dasLand in die Zukunft zu führen, unddas tut sie zurzeit nicht.«
Volker Hauff,
Vorsitzender des Rates für NachhaltigeEntwicklung, über den Zustand der Bundesregierung
»Ich nenne das kaltblütigen Mord.«
Ein israelischer Soldat
über einen Einsatz seinerEinheit, die angeblich ein Haus in Gaza Etage fürEtage durchkämmt und alle Bewohner erschossen hat
»Die israelische Armee ist eine dermoralischsten weltweit.«
Ehud Barak,
israelischer Verteidigungsminister, überBerichte, die die Brutalität israelischer Soldaten imjüngsten Gaza-Krieg bezeugen
»Der schwedische Staat ist nicht in derLage, Autofabriken zu besitzen.«
Maud Olofsson,
schwedische Wirtschaftsministerin,über die Entscheidung ihrer Regierung, demAutokonzern Saab staatliche Beihilfen zu verweigern
»Es ist ein trauriger Tag für Südafrika.«
Mandla Mandela,
Präsidentschaftskandidat undEnkel von Nelson Mandela, nachdem südafrikanischeBehörden dem Dalai Lama die Einreise weigerten
ZEITSPIEGEL
Ausgezeichnet
Die
ZEIT-
Redakteure Kerstin Kohlenbergund Wolfgang Uchatius werden für ihr Dos-sier
Wo ist das Geld geblieben?
(ZEIT
Nr.49/08) mit dem renommierten Herbert-Riehl-Heyse-Preis der
Süddeutschen Zeitung
ausgezeichnet. Wochenlang haben die beidennach dem Verbleib der Milliarden geforscht,die Firmen und Privatleute aufgrund der Weltfinanzkrise verloren haben.Dirk Asendorpf,
ZEIT-
Autor, nimmtEnde des Monats in Heilbronn den Robert-Mayer-Preis entgegen. Ausgezeichnet wird erfür seine Berichte über Probleme der Energie-versorgung, die in der
ZEIT,
in anderenPrintmedien und im Rundfunk veröffentlicht wurden.
DZ
Moskau
VON:
johannes.voswinkel@zeit.de
BETREFF:
Schauprozess im Kabinett
Die Residenz des Premierministers liegt gut20 Kilometer westlich von Moskau und istvon eher bescheidener Eleganz. Die Journalis-ten warten im Billardzimmer, traditionell beiTee und Zwieback. Das Treffen Putins mitzwei seiner Minister ist für 16 Uhr angekün-digt, aber der Regierungschef ist berüchtigtfür seine Verspätungen.Um 20 Uhr, ist es so weit: Schwarze Li-mousinen fahren vor. VizepremierministerDmitrij Kosak, zuständig für die Olympi-schen Winterspiele in Sotschi 2014, und derUmweltminister Jurij Trutnjew stehen gerade,als Putin in den Raum eilt. Alle drei setzensich. Putin richtet eine Frage an den Umwelt-minister und unterbricht dessen Antwortgrantig im ersten Satz.Nun wird es klar: Die Journalisten solleneiner höchstamtlichen Schelte Trutnjews bei- wohnen. Eine Woche zuvor hatte jener mitseiner Aussage, auf den Baustellen in Sotschiherrsche Chaos, wohl für Verärgerung bei sei-nem Vorgesetzten gesorgt. Putin zischt einigeFragen hervor zu Robbenjagd, Leoparden-schutz und Pipelinebau, und Trutnjew be-müht sich, mit seinen Antworten den Flur-schaden gering zu halten. Nach zehn Minutenist die kleine Inquisitionsrunde vorbei. Drau-ßen tritt Trutnjew vor die Journalisten undsagt Sätze wie »Ich habe Wladimir Wladimi-rowitsch Bericht erstattet« und »Wladimir Wladimirowitsch hat mir den Auftrag erteilt,die Baustellen zu inspizieren«. Es ist fast 21Uhr abends.
Brüssel
VON:
jochen.bittner@zeit.de
BETREFF:
Irland ist wieder da
Michaels Hände sind noch mit Farbe über-zogen, vor lauter Spannung merkt er nicht, wie die Zigarette bis an seinen imprägniertenZeigefinger herunterbrennt. »Und, für wenbist du?«, fragt er atemlos, »für Irland, oder?«Na, für wen denn sonst? Seit 61 Jahren hatIrland den Rugby-Grand-Slam nicht mehrgewonnen. An diesem Abend ist die Chancegekommen, gegen Wales. Der Irish Pub anBrüssels Place Flagey ist überfüllt, Kampfrufegellen durch die Straße. Die krisengebeutel-ten Iren, sie sehnen sich nach einem Sieg.Endlich mal wieder Spitze sein statt Absteiger!Vor allem Osteuropäer, den Iren durch Ar-beitsmigration der letzten Jahre verbunden,helfen im Pub beim Anfeuern.Michael stammt aus der Grafschaft Kerry,seit ein paar Jahren lebt er in Brüssel, arbeitet»na ja, für die reichen Leute eben«: Teppichlegen, Wände streichen, Bäder sanieren, washalt so anfällt. Ich nippe am schwarzen Bierund frage mich, ob das jetzt wohl die Zukunftist: dass der Software-Ingenieur aus Polen sichden Klempner aus Irland kommen lässt. Wirleben in einer Zeit schneller Wechsel.Kurz vor Schluss punktet Wales, die Nie-derlage scheint besiegelt. Dann, 90 Sekundenspäter: Irlands Ronan O’Gara setzt ein traum-haftes
drop goal
hinter die feindliche Linie.15 : 17 für Irland, Abpfiff! Unsicher versuchtMichael, sich von seinem Stuhl zu erheben.Irgendwo zerbrechen Gläser.
Achiltibuie
VON:
reiner.luyken@zeit.de
BETREFF:
De mortuis …
Nachrufe sind eine journalistische Darstel-lungsform, in der es niemand den Britengleichtut. Sie füllen täglich eine Seite der gro-ßen Zeitungen. Man liest vom Tod einesOberst Smiley, der im Zweiten Weltkrieg ineinem Dampfbad in Kairo splitternackt dieEntführung des deutschen Generals Kreipevorbereitete, vom Dahingehen des walisischenPartylöwen Sir Dai Llewellin, der sein Lebenlang nicht lernte, die BHs williger Debütan-tinnen einhändig zu öffnen, und vom Able-ben des Folksängers John Martyn, der nacheinem Konzert volltrunken von der Bühnestürzte, dennoch drei Zugaben gab und vonder Königin mit dem Orden des BritischenEmpire geehrt wurde. Auch obskure Publikationen pflegen die
Kunstform. In den
Fishing News
standen anrüh-
rende Zeilen über einen Trawlerkapitän, dereinen lebenslangen Kampf gegen Bürokraten
und Politiker geführt hatte, die Ausländern bri-tische Hoheitsgebiete zur Plünderung der Fisch-bestände öffnen, dabei jedoch nie seinen Humor
verlor, denn »er war ein perfekter Gentleman«.Das kam einem Fischereiaufseher spanisch
vor, der einen Skipper gleichen Namens wegenfortwährender Regelverstöße verfolgte. Wie sich
herausstellte, hatte der »Verstorbene« eine Eu-
logie auf sich selber verfasst und führte den pa-triotischen Kampf um die Fischbestände unter
neuem Namen fort. Der zur Rede gestellte Chef-
redakteur der
Fishing News
gab zu bedenken, erkönne sich ja nicht gut eine Leiche zeigen lassen,
wenn jemand seinen eigenen Nachruf einschi-cke. Zum Glück kommt das nur selten vor.»Eine Kolumne ist dazu da, dass sichviele Leute über sie aufregen«, hatPaul Krugman einmal gesagt. SeineKolumne in der
New York Times
undsein Weblog »The Conscience of aLiberal«
(
Das Gewissen eines Lin-ken
)
regen vor allem den deutschenFinanzminister auf. Peer Steinbrück richte
»beträchtlichen Schaden«
an,so Krugman. Deutschland sei »einProblem für Europa«. Und dieFinanzpolitik Steinbrücks nennt er
»außergewöhnlich deprimierend«.
Attacke von links
M o n t a g e : D Z ; F o t o s : M a r k u s K i r c h g e s s n e r / l a i f ( l i . ) ; H a n s - C h r i s t i a n P l a m b e c k / l a i f ( r e . ) ; A b b . : w w w . k r u g m a n b l o g s . n y t i m e s . c o m ( u . ) F o t o : A n a y M a n n / P h o t o i n k / A g e n t u r F o c u s
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