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118BRANDEINS 04/01
WAS UNTERNEHMEN NÜTZT _DIE VISA-STORY
(Zitat)
Dee Hock, 2001
„Organisationen sind nichts als mentale Konstrukte. Sie habenkeine Wirklichkeit außerhalb des menschlichen Geistes. Jede Institutionist eine Variante der uralten Idee von Gemeinschaft.“
 
WAS UNTERNEHMEN NÜTZT
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Zickzack-Karriere ist ein nettes Wort für das, was Dee W. Hock hinter sich hat: dreimal Geschäftsführer, dreimalgefeuert. Er fängt wieder ganz unten an – und bekommt die Chance, die erste Kreditkarte der Welt einzuführen.Er scheitert. Was der Anfang einer schier unglaublichen Geschichte ist.
Text:
Elisabeth Gründler 
Foto:
Stefan Ostermeier 
Und wenn alles Denkbare möglich wäre?
(Zitat)
Dee Hock, 1966
„Wir werden endlos Fehler machen, doch wir werden aus jedem eine Menge lernen. Wenn wir nur verrückt genug fragen,werden die richtigen Antworten schon auftauchen.“
 
-----Im Keller der Bank wühlt ein Mannim Abfall. Akribisch leert er jede Tonne,entfaltet jedes zusammengeknüllte Papier und studiert es sorgfältig. Neun Abfallton-nen hat er in zwei Stunden schon durch-sucht, 36 hat er noch vor sich. Die Tages-abrechnung hatte nicht gestimmt, und dieKassiererin, eine drahtige, cholerische End- vierzigerin, hatte ihn für die Suche nach ei-nem vermeintlich verlorenen Beleg in denKeller geschickt. „Sie können aufhören,Hock“, tönt plötzlich ihre schneidendeStimme von der Kellertür, „die Kassestimmt! Ich habe den Fehler gefunden!“Dee Hock räumt den Abfall zurück in dieSäcke und macht Feierabend.
Ein Trainee, der so frustriert ist, dass er die Kreditkarte in die Welt bringt.
„Ich kündige“, ist sein erster Impuls. Docher schiebt den Gedanken schnell beiseite. Mit seinen 36 Jahren hat er genug erlebt,um auch den Job als Lehrling, den man mitHilfsarbeiten beschäftigt, durchzustehen.Seit seinem 20. Lebensjahr hatte Hock,der aus einer Landarbeiterfamilie in Utahstammt, selbstständig als Geschäftsführer im Kreditgewerbe gearbeitet, in drei ver-schiedenen Unternehmen. Jedes Mal war er durch seine unkonventionellen Manage-
mentmethoden ausgesprochen erfolgreich.
Die Umsätze stiegen, er wurde befördert.Doch regelmäßig geriet er in Konflikt mitder Unternehmenshierarchie.
 Jedes Mal kämpfte er für seine Ideen und versuchte seine Vorgesetzten zu überzeugen.
 Jedes Mal wurde er gefeuert, vom einenTag zum anderen. Nein. Diesmal würde er den Job behalten. Sein Haus war mit hohenHypotheken belastet, und seine drei Kinder sollten eine gute Ausbildung bekommen.Hock fühlte sich ohnehin schon als Verlierer. Nach seinem letzten Rausschmiss,ein Jahr zuvor, hatte er zusammen mit sei-ner Frau Ferol beschlossen, von nun an auf  jegliche Karriereambitionen zu verzichtenund sich einen bescheidenen Ausruhjob zusuchen. Er wollte nur noch für die Familieda sein und seine Hobbys pflegen. Ferolwürde demnächst ihr Hochschulstudiumabschließen und mit ihrem Gehalt das Fa-milieneinkommen sichern.Die National Bank of Commerce inSeattle (NBC), bei der Hock im Frühjahr 1965 vorstellig geworden war, konnte ihmkeinen Job anbieten. Doch Maxwell Carl-son, der Präsident der NBC, mochte denkreativen Kopf und war bereit, Hock beiminimalem Gehalt als Trainee zu überneh-men. Der Familienvater akzeptierte, ent-gegen aller Vernunft, weil ihm die Atmo-sphäre in der Bank gefiel. Doch was er dann erlebte, war nur schwer auszuhalten:„Ich wurde zwischen den verschiedenenAbteilungen hin und her geschoben“, er-innert sich Hock, „und hatte keine echteAufgabe. Die Leute waren freundlich undbemühten sich um mich, doch sie wussteneigentlich nichts Rechtes mit mir anzufan-gen. Dieser Ausruhjob hatte einen einge-bauten Rache-Effekt.“Anfang 1966, wenige Wochen nachder Episode im Bankkeller, wird Hock zu Maxwell Carlson gerufen. Er wappnet sichfür eine Auseinandersetzung und rechnetmit der Kündigung. Stattdessen schlägtihm Carlson vor, ihn vorübergehend alsAssistenten an ein hausinternes Projektauszuleihen, das die Einführung einer Kreditkarte vorbereiten soll. „Ich bin einschlechter Assistent, ich war immer Ge-schäftsführer“, wendet Hock ein, „außer-dem habe ich keinerlei Verwendung für Kreditkarten.“ Seinen neuen Vorgesetzten,Bob Cunnings, mag er auf den ersten Blick auch nicht. Dennoch sagt Hock zu, ausSympathie für Maxwell Carlson und umendlich der Lehrlingsrolle zu entkommen.Bob Cunnings und Dee Hock sollenbinnen 90 Tagen die Kreditkarte „Bank-Americard“ einführen, die die NBC in Li-zenz von der großen, alles beherrschendenSchwester, Bank of Amerika (BofA), über-nimmt. Sehr schnell wird den beiden klar,dass dieses Produkt, hohe Risiken für ihreBank birgt. Doch ein Ausstieg aus den Ver-trägen ist nicht mehr möglich. Die kurzeFrist lässt ihnen keine Zeit für ausgefeilteKonzepte, in denen die richtigen Schritte
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aufgelistet werden. Kreativität ist gefragt.„Wir werden endlos Fehler machen, dochwir werden aus jedem eine Menge lernen. Wenn wir nur verrückt genug fragen, wer-den die richtigen Antworten schon auf-tauchen“, ist Hocks Devise.Bob Cunnings lässt sich darauf ein. Diebeiden okkupieren den Konferenzsaal der Bank und werben um Freiwillige für ihr Projekt. Die drängen sich um Mitarbeit,denn: „Experimentieren erwünscht“ und„Fehlermachen erlaubt“ – waren uner-hörte Töne Mitte der sechziger Jahre. „Der  Zoo“ wird das Projekt bald genannt, und viele Kollegen schauen gern vorbei, um dasTreiben zu bestaunen. Das Projekt läuft.Doch auf der Ziellinie, wenige Tage vor Fristablauf, droht es zu stocken.Für den Druck der persönlich adres-sierten Briefe an die Kunden haben Hock und Cunnings für zwölf Stunden, einenAbend und eine Nacht, alle Rechnerkapa-zitäten reserviert und im Keller eine Pro-duktionslinie aufgebaut. Doch die Papier-rollen blockieren, das Papier reißt immer wieder. Die Chance, 100000 Briefe in einer  Nacht zu drucken, schwindet. Der Liefe-rant gibt zu, dass er seine Geräte in dieser Kombination nie zuvor getestet hat. Cun-nings und Hock ziehen sich in eine Keller-ecke zurück, um sich gegenseitig zu trös-ten. Cunnings stützt sich auf einen Besen.Es ist zum Verzweifeln! Soll das Projekt inletzter Minute an einem technischen Pro-blem scheitern? „He, ich glaube, du hastdie Lösung in der Hand, Bob“, entfährt esHock plötzlich. Er nimmt den Besen, zer-legt ihn und benutzt den Stiel als Achse für eine Papierrolle. Weitere Besen müssendran glauben. Von je einem Mitarbeiter gehalten, dienen sie als weitere Achsen für die Papierrollen. Im Morgengrauen sinddie 100000 Briefe gedruckt.Es bleibt – das Eintüten. BankfremdeHilfskräfte zu engagieren ist undenkbar.Hock und Cunnings bitten MaxwellCarlson, für diese Hilfsarbeiten die Vor-standsmitglieder und andere Führungs-kräfte ausleihen zu dürfen. Für jeweilseinige Stunden pro Nacht und am frühen
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