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Suddeutsche Zeitung 20110430

Suddeutsche Zeitung 20110430

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05/18/2013

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Von Heribert Prantl
München
– Trotz des Widerstands derFachwelt will die Bundesregierung den„Warnschussarrestgegen JugendlicheundHeranwachsendeeinführen.Dasbe-deutet: Wenn eine Jugendstrafe zur Be-währung ausgesetzt wird, soll zusätzlichein Arrest verhängt werden können. Bis-herwardieKopplungdesArrestesmitei-ner Bewährungsstrafe nicht möglich.Die Zahl der möglichen Anwendungs-fälle ist hoch: 2009 erhielten 12 010 Ver-urteilte eine Jugendstrafe auf Bewäh-rung.Siemüssenkünftigmitdemzusätz-lichenArrestrechnen.Bei„Warnschuss“denktman eigentlich an schnelle staatli-che Reaktionen, die auf eine Tat folgen;aber auf die Schnelligkeit des Verfah-renshabendiegeplantenNeuerungenimJugendstrafrecht keinen Einfluss. DerWarnschussarrest ist auch keine neueForm der Untersuchungshaft. Im Übri-gengibtesauchbisherschonArreste,diedenNamenWarnschussarrestverdienen:Freizeit-, Kurz- und Dauerarrest.DerneueArrestinVerbindungmitderBewährungsstrafe kommt erst dann inBetracht, wenn der Täter schon etlichesbegangen hat. Er hat Warnschüsse alsoschon abgekriegt – in Form von anderenArresten, die offenbar nicht viel genützthaben. Dies ist auch die Kritik, die etwader Richterbund übt. Oberstaatsanwäl-tin Andrea Titz, Vize-Vorsitzende desBundes,verweistaußerdemaufüberfüll-teJugendhaftanstalten.Diesdürfteauchursächlich sein für die hohen Rückfall-quoten. Nach einem Jugendarrest wer-den mehr als 70 Prozent der Täter rück-fällig:DennespassiertmitdenJugendli-cheninderHaftnichtsoderwenig–Päd-agogik findet im Arrest nicht statt.Gleichwohl sehen die CDU/CSU-Rechtspolitikerim WarnschussarresteinRezept gegen immer brutalere Taten.Unions-Fraktionsvize Günter Krings(CDU) meint, es dürfe nicht mehr sein,„dass Jugendliche ihre Bewährungsstra-fen wie Trophäen vorzeigen“.Der Entwurf des Gesetzes liegt der
Süddeutschen Zeitung
vor. Neben demArrest ist darin eine Erhöhung derHöchststrafe im Jugendstrafrecht vonzehnauf15Jahrevorgesehen–beiMord,für Heranwachsende. Die bisherigeHöchststrafevonzehnJahrenist imJahr1923 unter Reichsjustizminister GustavRadbruchinsJugendstrafrechtgeschrie-benworden.Zudemsolleine„Vorbewäh-rung“ eingeführt werden: Die Entschei-dung über die Aussetzung einer Jugend-strafe zur Bewährung wird nicht mehrim Urteil getroffen, sondern um bis zusechs Monate aufgeschoben, um dann zuprüfen, wie sich der Verurteilte verhält.BeimWarnschussarrestundderneuenHöchststrafe handelt es sich um Ver-schärfungen, die von der Union seit 20Jahren gefordert werden und die imschwarz-gelben Koalitionsvertrag ste-hen.BundesjustizministerinSabineLeut-heusser-Schnarrenberger (FDP) hat sichgegen diese Forderungen gesträubt; derpolitische Druck war zuletzt nach denGewalttaten in Berlin aber gewachsen.DieMinisterinknüpftdenWarnschussar-rest an „sehr enge Voraussetzungen“:weilnichtSühne, sondernPrävention imVordergrund stehen müsse. (Seite 5)Bundesinnenminister Hans-PeterFriedrich (CSU) erklärte am Freitag, ei-ne „konkrete und bevorstehende Ge-fahr“seiabgewehrtworden.DieMännerwaren über ein längeren Zeitraum vonSpezialistendesBKAüberwachtundab-gehört worden. Sie wollten angeblichmit Hilfe von Chemikalien Bomben bau-en.Seit dem15.April führtedieBundes-anwaltschaft ein Verfahren gegen diedrei Männer. Der Zugriff am Freitag sollerfolgtsein,weildiedreiMänner,beide-nen es sich um Studienabbrecher han-deln soll, angeblich vereinbart hatten,mit Sprengstoff zunächst einen Probe-lauf zu versuchen. Einer der Männer, einDeutsch-Marokkaner, soll ein paar hun-dert Meter entfernt vom DüsseldorferLandeskriminalamtineinemAutofestge-nommen worden sein. Er gilt als derHauptverdächtige, weil er in einem Ter-rorcamp im pakistanischen Waziristanausgebildet worden sein soll.Schon vor Monaten hatte das BKA ei-ne „Besondere Aufbauorganisation“ ge-bildet, um die Verdächtigen rund um dieUhr zu observieren. Die Operation sollunter dem Codenamen „Komet“ gelau-fen sein. Es galt als auffällig, dass dieMänner in größeren Mengen Chemika-lien kaufen wollten, die auch zum Bauvon Bomben verwendet werden können.EssolleinenHinweisausderSzenegege-ben haben, der die Fahnder auf die Spurder drei Verdächtigen gebracht habensoll.Ein anonymer Anrufer hatte vor guteinem halben Jahr Hinweise auf angeb-lich in Deutschland geplante Terroran-schlägegegeben.DaraufhinhatteimNo-vember des vergangenen Jahres der da-malige Bundesinnenminister Thomas deMaizière(CDU)eineTerrorwarnungaus-gesprochen und vor möglicherweise be-vorstehenden Anschlägen gewarnt. ImFebruarhatteerdieSicherheitsmaßnah-men wieder herunterfahren lassen, aberzugleich betont, die Gefahr sei nochnicht gebannt.Im Rahmen der Ermittlungen wurdedas BKA auf die drei Männer aufmerk-sam, die zwischen 29 und 31 Jahren altsind. Die Versuche des Trios, größereMengenChemikalienzukaufen,sollenal-lerdingsfehlgeschlagensein.Auchsollendie Männer noch nicht damit begonnenhaben, chemische Ingredienzen, über diesie in kleineren Mengen verfügt habensollen,zueinergrößerenexplosivenMas-se anzureichern. Ein Anschlag habenicht unmittelbar bevorgestanden, heißtesausErmittlerkreisen.Auch sei unklar,ob ein Terrorziel ausgewählt worden sei.DieBeschaffungsmaßnahmenerinner-ten die Ermittler im Groben an die soge-nannte Sauerland-Gruppe, die ebenfallsmit Hilfe von Chemikalien Autobombenbastelnwollte.DieTäterwaren2007ver-haftet und später zu langjährigen Haft-strafen verurteilt worden.Die drei am Freitag festgenommenenjungen Männer sollen am Samstag demErmittlungsrichter des Bundesgerichts-hofs vorgeführt werden. (Seite 4)
München
– Die Münchner Staatsanwalt-schaft will nach Informationen der
Süd-deutschenZeitung
den gesamtenehema-ligen Vorstand von Bayerns LandesbankwegendesverlustreichenKaufsderöster-reichischenHypoAlpeAdriavorGerichtbringen. Die Anklage wegen Veruntreu-ung von Bankvermögen werde derzeitvorbereitetundsolleindennächstenWo-chen vorliegen, heißt es in Justizkreisen.Mit dem Beginn des Prozesses ist nichtvor Herbst zu rechnen, das Verfahrenkönnte sich bis zu einem Jahr hinziehen.Die Ermittler werfen den acht früherenVorstandsmitgliedern vor, die Landes-bankhabegut500MillionenEurozuvielfür die Hypo Alpe Adria gezahlt. Insge-samt hat die BayernLB bei der Hypo3,7 MilliardenEuroverloren.DieEx-Ma-nager bestreiten die Vorwürfe und rech-nen mit Freisprüchen. (Wirtschaft)
o.k.
Gesetz über Warnschussarrest kommt
Justizministerium knüpft ihn an enge Voraussetzungen / Höchststrafe gegen Heranwachsende auf 15 Jahre erhöht
 Anklage in Affäreum BayernLB
 Alle früheren Bankvorständesollen vor Gericht
Brüssel
– Die Europäische Union erwägtSanktionengegenSyrien.AngesichtsdesbrutalenVorgehensgegenregierungskri-tische Demonstranten herrsche „großeEinigkeit“, dass etwas unternommenwerdenmüsse,sagtederGeneralsekretärdesAuswärtigen DienstesderEU,PierreVimont, am Freitag. Am Nachmittag be-rieten die Botschafter der 27 EU-LänderübereinWaffenembargo,Einreiseverbo-te,Kontosperrungen unddieAussetzungdes Kooperationsvertrages. Berlin, Parisund London hatten sich bereits im Vor-feld darauf verständigt, Sanktionen zuunterstützen. (Seite 10)
gam
Deutschlands Schulsystem gleicht einemLabyrinth, an dem Familien verzweifelnkönnen: Mittelschule, Realschule, Stadt-teilschule, Gymnasium – 96 verschiedeneTypenbezeichnungen gibt es, dazu Hun-derte Lehrpläne. Und jede neue Regierungwagt ihr eigenes Experiment. Zeit für eineReform, meinen viele.
Politik, Seite 6
Washington
Bundesverteidigungsmi-nister Thomas de Maizière (CDU) sindwährend seines USA-Besuches in dieserWoche schwere Vorhaltungen wegen derdeutschen Enthaltung bei der UN-Reso-lution zu Libyen gemacht worden. SeinUS-Kollege Robert Gates sagte nach In-formationen der
Süddeutschen Zeitung
,Deutschland habe seinem Image gescha-det, als es „mit Russland und China“statt mit seinen Alliierten in Amerikaund Europa votiert habe. (Seite 10)
SZ
D
er berühmteste Immigrant der Weltmacht einen Rückzieher. AmerikastreuesterHeld,derdemStaat,derihnsei-nerzeit so großherzig aufgenommen hat-te, mit unermüdlichem Einsatz für seineIdeale und Ziele dankte, – der legendäreSuperman – will nicht mehr weiter US-Staatsbürger sein. So jedenfalls steht esin der Episode „The Incident“, eben er-schienen in der Jubiläumsnummer 900des Comic-Magazins
Action Comics
, ge-schrieben von David S. Goyer, der zu-letzt für das Konzept zum Batman-Film„The Dark Knight“ verantwortlich war.„Ich bin es leid“, sagt der Held da imGespräch mit dem Sicherheitsberaterdes Präsidenten, „dass meine Taten alsInstrumente der US-Politik ausgelegtwerden“ – und kündigt an, er wolle amnächsten Tag vor den Vereinten Natio-nen sprechen und sie vom Verzicht aufseine Staatsbürgerschaft informieren.Was,fragensichnundieComic-Welt,dieMillionenFansunddieIntellektuelleninden Blogs, was wird Superman, der vomPlaneten Krypton auf die Erde kam undvon einem amerikanischen Ehepaar alsSohn ausgegeben wurde, nach diesemVerzicht nun sein? Ein Staatenloser? EinWelten-, gar ein Universenbürger?AlsamerikanischerwiealsWeltenbür-gerhattesich inseinerWahlwerbungfürdie Präsidentschaft auch Barack Obamadargestellt und eine neue Formel für denumstrittenenBegriffdesPatriotismusge-sucht. Und signalisiert, dass amerikani-sche Politik in Zukunft nur sinnvoll undeffektiv sein kann, wenn sie nicht striktnational, sondern im globalen, weltoffe-nen Kontext operiert. Vor vielen Jahr-zehnten,imJahr1938,alsSupermansei-nenComic-Höhenflugstartete,wardieseGleichungnochkeinProblem–dennUS-Politik war damals automatisch Welt-und Weltmachtpolitik, verkörpert vonder Leader-Figur Roosevelt. Supermanist, wie viele weitere Superhelden auch,einKindderDepressionunddesZweitenWeltkriegs,einer Zeit, die sich nach Tat-kraft und entschlossenem Handeln fürdie gerechte Sache sehnte.Nach dem Krieg hat amerikanischesHeldentum schnell kräftige Desillusio-nierungen hinnehmen müssen, die Ni-xon- und Bush-Jahre, als das politischeund das „wahre“ Amerika auseinander-drifteten,machtenauchdieHeldenanfäl-lig für Selbstzweifel, für melancholischeund bipolare Gemütslagen. Batman undSpider-Man laborierten an ihren Rache-gefühlen und Schuldkomplexen, Cap-tain America streifte sein blau-rot-wei-ßes Kostüm ab und wurde zum übersLand streifenden Nomaden.Auch Superman steht nun einer kom-plexen Realität gegenüber. „Wahrheit,Gerechtigkeit und der
American Way
“,räsoniert er, sei nicht mehr genug: „DieWelt ist zu klein, zu stark verbunden.“Und die Handlungsfreiheit immer stär-kereingeschränkt.Supermanhatteanei-ner Protest-Demonstration in Teheranteilgenommen,undweileralsamerikani-sche Ikone gilt, sieht Präsident Ahmadi-nedschad dies als kriegerischen Akt derUSA. Eine international heikle Situati-on,ineinerZeit,diehin-undhergerissenistzwischendemWunschnachentschlos-senem Superhelden-Durchgreifen undfeiner diplomatischer Balance. Wer sollheute,inwirtschaftlichenKrisenundun-durchschaubaren politischen Verwick-lungen, verantwortlich handeln für dieganze Welt? Sollte Superman aktiv wer-den nicht nur in Iran, sondern in Ägyp-ten, Libyen und Syrien?
Fritz Göttler
München
– Nach dem Machtwechsel zuGrün-Rot in Baden-Württemberg kün-digt Bayerns Ministerpräsident HorstSeehofer (CSU) die als „Südschiene“ be-kanntgewordeneunionsgeführteZusam-menarbeitderbeidenLänderauf.Seeho-fer sagte der
Süddeutschen Zeitung
:„Wir haben nun einen Wettbewerb derSysteme. Ich will den Beweis antreten,dasswirinBayernbessereErgebnisseer-zielen.“ (Seite 4 und Bayern)
SZ
EU bereitet Sanktionengegen Syrien vor
Von Hans Leyendecker
D ü s s e l d o r f
Deutsche Sicher-heitsbehörden haben möglicherweiseeinenislamistischenTerroranschlaginderBundesrepublikverhindert.Beam-tedes MobilenEinsatzkommandos desBundeskriminalamts (BKA) nahmenam frühen Freitagmorgen in Düssel-dorf und Bochum drei junge Männerfest, die angeblich einen Anschlag mitselbstgebasteltenBombengeplanthat-ten.SiewerdenderTerrororganisational-Qaidazugerechnet.
In Düsseldorf und Bochum
DreiTerrorverdächtigefestgenommen
Deutsch-Marokkaner und zwei Komplizen sollen Sprengstoffanschlag geplant haben / Spur zu al-Qaida
IrrgartenSchule
Schüchternes Küsschen statt eines innigen Hoch-zeitskusses: Gerade mal 0,7 Sekunden berührtensichdieLippenvonPrinzWilliamundHerzoginCa-therine, als sie sich nach ihrer Vermählung in Lon-donsWestminsterAbbeyaufdemBalkondesBuck-inghamPalacedemVolkzeigten.Diezuvornochju-belnde und nun enttäuschte Menge vor dem Palastforderte stürmisch eine Zugabe – während einemder Blumenmädchen (links unten) der Trubel wohlzuvielwurde.SchließlichließsichdasPaarausderroyalen Reserve locken und zu einem zweiten Kusshinreißen – immerhin 1,1 Sekunden lang. Eher zu-rückhaltend auch das Kleid der vormaligen KateMiddleton:aber mitgeradezu aufreizend dezentemDekolleté. (Seite 3, Panorama, Lokales)
Foto: AP
München
–ImNordenverbreitetSonnen-schein,nurgelegentlich lockereWolken-felder. Im Süden anfangs verbreitetwechselndwolkigundtrocken,späterge-bietsweise dichte Wolken und gewittrigeSchauer. Temperaturanstieg auf 16 bis23 Grad. (Seite 42)
EndlichGastgeber
Warum die Angst vor Arbeitskräften ausdem Osten unbegründet ist.Leitartikel von Detlef Esslinger ......... 4
Mitallen Mittelnfür denguten Zweck
Prominente, die mit ihren Charity-Pro-jekten überfordert sind, erhalten nunprofessionelle Hilfe. .......................... 13
Lauter Kultobjekte
Was macht ein großes Museum für De-sign und Kunst der Gegenwart in derschwedischen Provinz? ...................... 15
Spaßkraftwerk
Auf einem ehemaligen Atomgelände amNiederrhein vergnügen sich heute Fami-lien in einem Freizeitpark. ................ 22
Schatz inder Tiefe
In Deutschland wird wieder nach Roh-stoffen gesucht. Doch die Hürden sindhoch. .................................................... 36
Echt Dortmund
In der Heimat der Borussia steigert sichdie Identifikation mit dem Klub vor demMeisterschaftsgewinn ins Surreale. ... 37
DieJury
Wie das deutsche Einheitsdenkmal zurHüpfburg werden konnte. Wochenende
TV-undRadioprogramm
............. 43-44
Forum/Leserbriefe, Rätsel/Schach
.. 11
München · Bayern
.............................. 42
Familienanzeigen
......................... 34-35
USA rügen deutschesLibyen-Votum
Held der Welt
Superman will kein US-Staatsbürger mehr sein
Seehofer kündigtBündnis mit StuttgartDas Wetter
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DEUTSCHLAND-AUSGABE 67. Jahrgang / 17. Woche / Nr. 99 / 2,20 EuroMünchen, Samstag/Sonntag, 30. April/1. Mai 2011HF2 HK2 HS2 HH2
Heute in der SZ
PapstJohannesPaulII.werglaubt,wirdselig/ Seite2
Heutige Druckauflage: 679 000Mit Stellenmarkt
(SZ) Freitagvormittag, kurz nach neun.Der Angestellte hat vor wenigen Mi-nuten seinen Arbeitstag begonnen. Dasheißt,erhatsichersteinmaleinenKaffee(ohne Zucker!) vom Automaten geholt,und jetzt sieht er fern: ARD, das ErsteProgramm,diePrinzenhochzeit,mitdembei solchen Anlässen unvermeidlichenAdelsexperten Rolf Seelmann-Eggebert.DerAngestelltekönntedieFernsehhoch-zeit natürlich auch mit Karen Webb imZDF begehen, oder mit Frauke Ludowigbei RTL, oder mit dem rüstigen DieterKronzucker bei Sat 1, aber dies wäre einFehler.DennSeelmann-Eggebert(74)isteiner wie keiner: nicht nur ein unfehl-barer Kenner der Materie, sondern einwahrerEnthusiast,einBeseelter, einBe-rauschter. Seelmann-Eggebert! Schonder Name des Mannes ist ja purer Wohl-laut, klingt wie gutes, altes, knarzendesParkett.DerAngestelltealsolauschtundbestaunt jetzt Seelmann-Eggebert, undobwohlerdashoheHochzeitspaareigent-lich ein bisschen fade findet und er viellieberderHochzeit,sagenwir,vonManu-elNeuerundScarlettJohanssonbeiwoh-nen würde, freut er sich am jungen Tag,denn noch kann er dies unbesorgt tun.Der Chef kommt heute später. Der ewigschlecht gelaunte Chef, der es hasst,wenn seine Untergebenen während derArbeitszeit etwas anderes tun als arbei-ten: Kaffee trinken, privat telefonieren,fernsehen, was auch immer.Dieser Freitag, der 29. April, ist nichtnur in romantischer, sondern auch in ar-beitsrechtlicher Hinsicht ein besondererTag. „Münchner Chefs verbieten Hoch-zeits-TV“,meldetedieMünchner
 Abend-zeitung
in fetten Lettern, und sogar dieARDwarnteamFreitagmorgen,kurzbe-vorsieunsSeelmann-Eggebertausliefer-te, Hochzeitsfernsehen am Arbeitsplatzkönneüble Folgenfür denArbeitnehmerhaben, bis hin zur Abmahnung, wennnicht Kündigung. Man sieht die Schlag-zeile schon vor sich: „Geglotzt, geheult,gefeuert!“ Das alles ist ziemlich depri-mierend. Vormals, in weniger verkniffe-nen Zeiten, war ein gelungener Arbeits-tag ein komplexes Gesamtkunstwerk: Erbestand aus Arbeiten, Meditation, Kon-versation, dann wieder Arbeiten, gefolgtvon Flirt und Tratsch und Mittagspause,dann wieder Arbeiten, schließlich Feier-abend. Heutzutage fühlt sich der Arbeit-nehmer genötigt, seinen unerbittlichenArbeitseiferzujederStundedesArbeits-tages zu demonstrieren, notfalls auch zusimulieren. Als Müßiggänger will keinermehrauffallen,also:Fernseheraus,Seel-mann-Eggebert adieu!Freitagnachmittag, kurz nach drei.Die ARD hat ihre Hochzeitssendung be-endet. Es hätte ein so schöner Arbeits-und Fernsehtag werden können, dochder Chef hat ihn wieder mal versaut.NochzweiStunden,dannistFeierabend.Immerhin, um 20.15 Uhr zeigt die ARDdie Highlights des Hochzeitstages nocheinmal. Mit Seelmann-Eggebert.
 A, B, E, F, GR, I, L, NL, P (Cont.), SLO,SK:
Q
3,10; dkr. 24; £ 3,10; kn 29; sfr. 5,00;czk 95; TL 16; Ft 820
Zaghafte Zugabe
4 190655 8022066 1 0 1 7
 
D
er vorgezogene Atomausstieg ent-wertet Vermögen. Das führt zuKampfdiskussionen, nicht zu ver-wechseln mit dem viel beschworenen öf-fentlichen Diskurs. Es gilt, Kronzeugenzu finden, die die Kosten beziffern undmitdemZitatihrerÄußerungdiemedia-leMeinungsführerschafterringen.Dabeigilt: Schnelligkeit ist oberstes Gebot.Wer als Erster mit einer Zahl auf demMarkt ist, der hat die Nachzügler in dieDefensive gezwungen.Wer sich nicht für dumm verkaufenlässt,dem fällt auf: Die zentrale Vokabel„KostendesAtomausstiegs“selbstistbe-reits nicht neutral, sondern parteilich.Mit ihr wird ein möglicher Gewinn ausdem kollektiven Ausstiegsunternehmenausgeblendet. Über das Vorzeichen istschonentschieden,bevorauchnurbegon-nen wurde, den Sachverhalt zu klären.Eröffnet wurde der Kampf bereits am16.März.„Altmeiler-StoppkostetStrom-rieseneinehalbeMilliardeEuro“lautetedie Überschrift in einem Magazin. ImText hingegen ging es nicht um Kostenfür die Konzerne, denen die Atomkraft-werkegehören,sondernlediglichumUm-satzeinbußen für die jeweilige AKW-be-sitzende Tochtergesellschaft, und diedann aufsummiert. Nun ist aber des ei-nen Kraftwerks Einbuße an Umsatz desanderen Kraftwerks Zuwachs an Um-satz, da der in Deutschland abgesetzteStrominunveränderterHöhe produziertwird.Die zweite Runde wurde eingeläutet,alsnicht mehr lediglich nach den Kostendes dreimonatigen Moratoriums gefragtwurde sondern nach den Kosten derHauptsache, eines früheren Atomaus-stiegs, des Ersatzes durch einen (frühe-ren)EinstiegindieErzeugungvonStromaus erneuerbaren Quellen. Für Expertenin Kampfdiskussionen liegen hier dreiOptionen in Reichweite. Bei zweien die-ser Optionen geht es nicht darum, mitüberzogenenZahlendemLaieneinXfürein U vorzumachen, sondern darum, dieTücken des Komparativs auszunutzen.Die erste Option ist, Mehrinvestitio-nen als (Mehr-)Kosten auszugeben. Er-setztwerdensollenKraftwerke,alsoKa-pitalgüter,dieunterEinsatzeinesBrenn-stoffs, also zu laufenden Betriebskosten,betriebenwerden.StattdessenzumZugekommen sollen Kraftwerke, die ihreEnergie aus Sonne und Wind direkt undkostenlosbeziehen.Siezeichnensichda-durchaus,dassihreKostenfastvollstän-dig mit der anfänglichen Investition an-fallen, also Kapitalkosten darstellen:Brennstoff- oder laufende Kosten fallenbeiihnennichtoderkauman.UmdesAr-gumentswillenseifürbeideKonstellatio-nen angenommen, der aus ihnen jeweilshergestellte Strom sei gleich teuer. Überdie gesamte Lebenszeit gerechnet werdein beiden Fällen in Summe also gleichvielgezahlt.DerUnterschiedistdannle-diglichder:ImeinenFalle,bei AKWundbei fossil befeuerten Kraftwerken, wirdin naher Zukunft weniger und in fernerZukunftmehr bezahlt, im anderenFalle,bei der Erneuerbaren-Variante, gilt dasGegenteil:DawirdinspäterZukunftwe-niger gezahlt und in naher Zukunftmehr. Bei einer solchen Struktur desSubstitutionsvorgangsüberdiekommen-denJahrzehntegilt:Wererfolgreichdar-in ist, Mehrinvestitionen in den Medienals (Mehr-)Kosten darzustellen, entziehtdem anstehenden Wandel Legitimität.Die zweite Option. Sie setzt beim Ver-gleichsfall ohne frühzeitigen Atomaus-stiegan.RhetorischeMaximeist,ihnun-terMissachtungderRealitätensozurech-nen, dass eine möglichst große Differenzzum Ausstiegsfall entsteht. Die Konse-quenz: Je höher die Differenz, desto hö-her die angeblichen Kosten. Der BDIzumBeispielhatbereitseineStudienachdiesemRezepterstellenlassen:Manneh-medieLaufzeitverlängerungvom13.De-zember2010so,wiesieindenMedienüb-licherweise dargestellt wird. Danach hatder Gesetzgeber eine Verlängerung desBetriebs von bestehenden AKW um wei-tere 196 zusätzlich zu den restlichen 67Betriebsjahren, die 2010 noch nicht aus-geschöpft waren, dekretiert. Wirtschaft-lichgesprochen:ErhatdenAKW-Eigen-tümern einen Vermögenswert in Höhevonrund115MilliardenEuroherüberge-schoben. In Wahrheit aber hat er ledig-lich die Möglichkeit für einen so massivausgeweiteten Betriebsumfang einge-räumt. Ob es den Energiekonzernen amMarktmit einer Vorrangeinspeisung vonStrom aus Erneuerbaren, dessen Anteilnach EU-Vorgaben stetig ansteigen soll,gelingen kann, aus der Möglichkeit klin-gende Münze zu machen, das ist offen.Zudem hatten die AKW-Betreibernoch einen Sicherheitscheck zu überste-hen mit der Auflage, bei Bedarf nachzu-rüsten–ineinemUmfangbiszu0,5Milli-ardenEuro. Vor diesem Hintergrund giltdie Ironie: Mit Zugriff auf die Option 2leugnet ausgerechnet der BDI die Risi-ken des Marktes, tut vielmehr so, als ha-be der Gesetzgeber einen festen Vermö-genswertvergeben–undgibtdessenVer-lust als Kosten aus.DiedritteOptionbietetsichbeiAkzep-tanz eines seriösen Kostenbegriffs. AlsKronzeugeseihierdieDeutscheEnergie-Agentur(Dena)angeführt,mitihrerPres-semeldung vom 18. April 2011. Dena-ChefKohlerversuchtesmiteinerDoppel-botschaft in der Überschrift der Mel-dung: Werbung für den Atomausstieg(„...kostetaberlohntsich“)undzugleichAnmahnung einer „ehrlichen Diskussi-on“. Sein Beitrag zu der angemahntenDiskussion besteht in der Ankündigungeiner Erhöhung des Strompreises umvier bis fünf Cent pro Kilowattstunde –was horrend wäre. Seriös daran ist, dasses um den Effekt auf die Strompreisegeht. Nicht mehr seriös aber ist schon,dassderStrompreiseffektnachdemMus-ter der Kostenaufschlagskalkulation er-rechnet wird. Das ist ein Verfahren, dasbeimLaien gut ankommt, unterstellt derdochingutemGlauben,derMarktfunkti-oniere als Kostendurchreichungs-Agen-tur. Nun bewegen wir uns hier aber imBereich leitungsgebundener Energiever-sorgung, also natürlicher Monopole. Biszu deren Liberalisierung mag die Preis-bildung durch Summierung von Kosteneine angemessene Vorstellung gewesensein.SeitderLiberalisierungaberbildensichwesentlicheElementederStromprei-se an Börsen nach Grenzkosten. DerendurchschnittlicherEffektistinnichtline-arenModellenzuerrechnen:DieBundes-netzagentur hat es vorgemacht. AlsFaustregel darf gelten: VerdrängenKraftwerkemitniedrigerenBetriebskos-ten solche mit höheren, dann sinken diedurchschnittlichen Strompreise.ExaktdiesaberistdieStrukturderan-stehenden Substitution von Atomkraft-werken durch Erneuerbaren-Kraftwer-ke.DieDaumenrechnungderDenaistso-mit unprofessionell und lenkt zur fal-schenSeite.Alsoauchhierdie Diagnose:Foul im Wettkampf.Von Matthias Drobinski
 N
urwenigistverblasstvonderErin-nerung.DawarendieStundenderärztlichen Sachstandsmeldungen,die Kameras, die jene zwei erleuchtetenFenster über den Vatikanmauern in denBlicknahmen.DortobengingKarolWoj-tyla, Papst Johannes Paul II., nach lan-gem Leiden aus dem Leben; er starb amAbend des 2. April 2005. Da war der Pil-gerstrom zum toten Papst, zwei Millio-nen Menschen sollen es gewesen sein.SchließlichdieBeerdigung.DereinfacheHolzsarg, darauf eine Bibel, in der derWind blätterte, in den Straßen Hundert-tausende Gläubige, die Transparentezeigten:„SantoSubito“sprechtihn so-fort heilig, den toten Papst!Sechs Jahre und 29 Tage ist es an die-sem Sonntag her, dass Johannes Paul II.starb.AndiesemSonntagwirdPapstBe-nedikt XVI. seinen Vorgänger seligspre-chen; die Heiligsprechung dürfte nureineFragevonkurzerZeitsein.NochnieinderneuerenKirchengeschichtehatdiekatholische Kirche einen Menschen soschnellzudenEhrender Altäreerhoben,nicht einmal Mutter Teresa. Und seltenhat die katholische Kirche den Willendes Kirchenvolks so schnell erfüllt.Es sei trotz der Eile alles streng nachVorschrift gegangen, betont die Selig-sprechungskommission im Vatikan, diesonst in jahrzehntelanger Kleinarbeitprüft, ob der Kandidat ein Leben führte,daseinemHeiligengemäßwar,undobestatsächlich das vorgeschriebene Wundergegeben hat.Lediglich die Fristen für das Verfah-ren seien verkürzt worden, heißt es, weilder Papst aus Polen „zu Lebzeiten, beimTodundnachdemTod“im„RufderHei-ligkeit“gestandenhabe.ImJanuarbestä-tigte Benedikt XVI. auch das Wunder:DiefranzösischeNonneMarieSimon-Pi-erre soll von Parkinson geheilt wordensein, nachdem sie Johannes Paul II. umFürsprache angerufen hatte. Seitdemist der Weg zur Seligsprechung frei: VonSonntag an wird Johannes Paul II. offizi-ell in der Diözese Rom und in Polen ver-ehrt – die Verehrung der gesamten Welt-kirche steht erst Heiligen zu. Der Leich-nam des neuen Seligen wird einen neuenPlatzinderBasilika finden.So ist alles bereit für die große undschöne Feier am 1. Mai, bei der sogar ineinem wertvollen Schrein eine Ampullemit dem Blut des toten Papstes als Reli-quie gezeigt werden soll – nichts fehlt imArsenal der Heiligkeit. Die katholischeKirche kann sich als glaubensstarkeWeltkirche präsentieren, mit Gläubigen,die nicht zweifeln, wie es so viele in denMonaten des Missbrauchsskandals ta-ten. Die Kritik am Eiltempo und an derSeligsprechung überhaupt wird die Fei-er auch nicht trüben können. Kaum je-mand bestreitet, dass Johannes Paul II.in den 26 Jahren seines Pontifikats dieKircheunddieWeltveränderthat.Erbe-flügelte die Befreiungsbewegung in sei-ner Heimat, am Ende war der Glaubestärker als der kommunistische Ost-block.ErentschuldigtesichimJahr2000fürdieSünden,dieimNamenderKirchean Juden, Muslimen und vermeintlichenKetzern begangen wurden; er setzte sichbis über die Grenzen seiner Kraft hinausfür Frieden und Gerechtigkeit ein. Erwar ein tieffrommer Mann, der in denJahren seiner Krankheit als Leidenderein beeindruckendes Zeugnis seinesGlaubens gab.Aber er war auch jener Papst, der, socharismatisch und medienwirksam-mo-dernerauftrat,hartgegenkritischeTheo-logen vorging, der erklärte, dass für alleZeiten eine Frau nicht zur Priesterin ge-weiht werden soll; ebenso fest stand seinNein zu künstlichen Verhütungsmitteln.Für seine Anhänger hat er dadurch dieKirche vor Irrwegen bewahrt. Für vieleKatholiken ist er aber zum Inbegriffeiner starren Kirche geworden, die keineAntworten mehr auf viele Lebensfragenihrer Gläubigen hat.Vor allem aber ist der Missbrauchs-skandalauchseinSkandal.EswarJohan-nes Paul II., der den Wiener KardinalHans Hermann Groer einsetzte, der Jun-gen sexuell missbraucht haben soll. UndeswarderPapstausPolen,der,allenGe-rüchtenzumTrotz,seineHandüberMar-cialMarcielhielt,denGründerder„Legi-onäre Christi“, der als Priester mehrereKinderzeugte–undauchKindernsexuel-le Gewalt antat.UndsogibtesMenschen,fürdiedieser1. Mai kein besonders glücklicher Tagist. „Nicht nur für mich persönlich, son-dernweltweitfürvieleOpferistdieseSe-ligsprechungSalzinihretiefen,nochim-merfrischenWunden“,sagteNorbertDe-nef, Vorsitzender des Netzwerks Betrof-fenervonsexualisierterGewalt,der
Zeit
.Der Theologe Hans Küng, der 1979 dieLehrbefugnis verlor, sagte der
Frankfur-terRundschau
,derPapsthabe„einauto-ritäresLehramtausgeübt“und„dieMen-schenrechte von Frauen und Theologenunterdrückt“; bei der Aufarbeitung dessexuellen Missbrauchs habe er „kom-plett versagt“.Eine Initiative von Katholiken fordertgar, statt Johannes Paul II. Oscar Rome-ro seligzusprechen, jenen Bischof aus ElSalvador, den im Februar 1980 eine To-desschwadron ermordete, weil er zu sehrdenArmenbeistand.EinerderMit-Initi-atoren ist Heiner Geißler. Doch sein„Santo Subito“-Ruf wird wohl kaum soschnell erhört werden.
 N
ochvoreinemMonatkostetedasRom-Paket zur Seligsprechung – Hin- undRückflug,zweiÜbernachtungeninHotelsamStadtrand–mehrals5000Zloty(rund1200 Euro). Nun bieten die Warschauerund Krakauer Reisebüros Last-Minute-Seligsprechungstrips für weniger als 240Euro an. Die Umfragen der letzten Tagebelegen,dasseinerseitsvierFünftelderPo-len stolz auf die Erhebung ihres Lands-mannesindieScharderSeligensind,dassabergleichzeitigwenigeralsdieHälfteanden am Sonntag im ganzen Land gelese-nen Papstmessen teilnehmen wolle. DieZahlen korrigieren also das Bild, dass dieganzeNationineinenFreudentaumelver-fallensei.Esistnurdie halbeNation.Doch diese Hälfte versetzt JohannesPaulII.auchposthuminEkstase.Eswer-den zwar nicht Millionen, aber Hundert-tausende sein, die sich nach Rom aufma-chen. Denn der polnische Papst war vielmehr als das Oberhaupt der Katholikenan Weichsel und Oder, er war der VaterderNation,derBezwingerdesKommunis-mus.ErgiltalsderInspiratordesgewaltlo-senWiderstandsgegendasrepressivePar-teiregime. Seine Verehrer glauben, dassdurchdieSeligsprechungauchdiegesam-te Nation aufgewertet wird. Eines ist si-cher: Am Sonntag wird es in Rom und inganz Polen ein Meer von weiß-roten Fah-nengeben.
ThomasUrban
EineAmpullemitBlut,aufbewahrtinei-nem kostbaren Schrein, wird bei der Se-ligsprechungszeremonie in Rom einewichtige Rolle spielen. Das Blut wurdePapstJohannesPaulII.2005imKranken-haus abgenommen; insgesamt gibt esvier solcher Ampullen, die nun als Reli-quien des seligen Karol Wojtyla gelten.Die Verehrung von Reliquien stammtausderfrühenKirche,damalsgedachtendie Gläubigen ihrer Märtyrer; ihr Leid,ihr Zeugnis war in einem KnochenstückoderdemgesamtenLeichnamgegenwär-tig. Die Überbleibsel der Heiligen, aberauch angebliche Körperteile Jesu oderSplittervomKreuzerlangtenimMittelal-ter große Bedeutung: Pilger strömten zubesondersbeliebtenReliquienundmach-ten die Stätten ihrer Verehrung reich.Der Handel mit Reliquien blühte, ob-wohl er offiziell verboten war, zahlrei-cheVorhäuteChristiundHunderteKreu-zessplitterwarenimUmlauf.1164brach-te Erzbischof Reinald von Dassel die an-geblichenGebeinederHeiligenDreiKö-nige nach Köln – der Bau des KölnerDoms begann. Fürsten sammelten Reli-quien, auch, weil sie sich von ihnen Heilund Gesundheit erhofften. Martin Lu-ther lehnte den Reliquienkult ab. 1546hielt er in Halle eine Predigt gegen den„Reliquienkram“ des Erzbischofs Al-brecht.DiekatholischeKirchehältdage-genbisheutean derVerehrungvonReli-quien fest – sie machten das Heilige unddie Nähe zu Gott erfahrbar. mad
 Außenansicht
Politikals Rechenaufgabe
Jeder kalkuliert die Kosten des Atomausstiegs nach Interesse,niemand kalkuliert die Gewinne
 Von Jochen Luhmann
Es grenzt fast an ein Wunder, mit welcher Eiledem 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II. jetzthöhereWeihenzuteilwerden.Nochnieinderneueren Geschichte der katholischen Kirche istein Mensch so schnell seliggesprochen wordenwie er. Rom erwartet am Sonntag zu dem Großer-eignismehralseineMillionGläubige.Dercharisma-tische Johannes Paul II. hat in den 26 Jahren sei-nes Pontifikats die Kirche mehr verändert, als diemeisten seiner Vorgänger es taten. Und es ist un-bestritten, dass er viel Gutes und Wegweisendesvollbrachte.DocherwarauchderPapst,derkom-promisslos gegen kritische Theologen vorging.
Von Andrea Bachstein
B
ilder von Johannes Paul II.auf seinenvielen Reisen flimmern unablässigüber eine Großleinwand am Zugang zumPetersplatz. Davor spricht ein stämmigerMannmitVerveinsMikrofon,immerden-selben Text, wohl 30 Mal. Aus Brasilienist Ronaldo Da Silva für einen katholi-schenSendergekommenundübtzweiTa-ge vorher für die Seligsprechung.So wenig wie er verlässt sich die StadtRom bei dem Großereignis auf Zufälleoder Wunder: Die Kanaldeckel der Viadella Conciliazione zum Vatikan sind zu-geschweißt, der Luftraum über der Ewi-gen Stadt wird gesperrt. Es soll um Him-mels willen nichts passieren, wenn PapstBenedikt XVI. am Sonntag um zehn UhramPetersdomvorHunderttausendenZu-schauern und Staatsgästen aus 51 Län-dern seinen Vorgänger Johannes Paul II.seligspricht. Dass das umgehend gesche-hensolle,hattenGläubigeseitseinemTodam2.April2005gefordert.BenediktXVI.genehmigte das Verfahren zur Seligspre-chunges immerhin ohne die übliche War-tefrist von fünf Jahren am 13. Mai 2005.AmFreitagmorgen schon wurdeder Sargvon Johannes Paul II.aus seinem Grab inden Vatikan-Grotten gehoben, am Sonn-tagwirdervordenAltarderPeterskirchegebracht. Seine neue Ruhestätte unterdem Altar der Sebastian-Kapelle findetder Selige dann am Montagabend.Rom ist gerüstet für eine friedlicheGroßinvasion im Zeichen des Wojtyla-Papstes:3500 Helfersind aufgeboten und3000PolizistenimEinsatz,120Sanitäter-teams, an der Piazza del Risorgimentosteht ein ganzes Feldlazarett steht bereit.Damit das Netz nicht zusammenbricht,wenn Zehntausende Pilger zum Handygreifen, sind um den Vatikan zusätzlicheMobilfunkantenneninstalliert.DieU-Bah-nen fahren länger, dafür ist ein Teil derInnenstadt für den Verkehr gesperrt, dieGeschäfte aber bleiben offen. Niemandweiß allerdings, wie viele Pilger aus allerWeltwirklichanreisenwerden.5000Bus-se könnten kommen, und 150 zusätzlicheCharterflüge sollen eintreffen.Als der Termin der Seligsprechung imJanuar bekannt wurde, waren für den1. MaiinRomfastsofortalleHotelsausge-bucht, Zimmerpreise verdoppelten sich.Von zwei, gar drei Millionen BesuchernwardieRede.JetztsindErwartungenundPreisenachuntenkorrigiert,unddieHote-liers teilten reuig mit, es gebe noch Bet-ten. Von einer Million Pilger geht dieStadtverwaltung nun aus, Zeitungen un-ken schon, womöglich gerate mit nureiner halben Million Wojtyla-Fans alleszumFlop.Egal, wie viele kommen, die Souvenir-händler sind gewappnet: Papst BenediktXVI.istaufdiehinterenPlätzeverwiesen,vorne liegen die Artikel mit dem Abbilddes Pontifex aus Polen. Ob im Profil oderfrontal, betend oder segnend, JohannesPaul II. ziert Sakrales wie Profanes:Schals,Rosenkränze,Pillendosen,Schlüs-selanhänger. Mit zehn Cent ist man fürein Fotokärtchen dabei, 530 Euro mussmanfür eineklassische Marmorbüstean-legen und 1300 Euro für ein in Silber ge-schlagenes Porträtim Protzrahmen.Eindeutig spiritueller wird es zugehenamSamstagabendimCircusMaximus.Zueiner Gedenkfeier und Rosenkranzgebe-ten werden dort 300 000 Gläubige erwar-tet. Benedikt XVI. kommt, und es sprichtauchdiefranzösischeNonneMarieSimon-Pierre, deren wundersame Genesung vonParkinson nach Gebeten zu JohannesPaul II. seine Seligsprechung mitbegrün-det. Für Pilger, die eine „schlaflose Nachtdes Gebets“ verbringen wollen, bleibenacht Kirchen offen. Eher gelassen sehendie an Großereignisse gewöhnten Römerdem Ganzen entgegen. Viele wollen dieStadt übers Wochenende verlassen. Siewissen,wennesnichtetwaschaotischwer-denwürde,wäreauchdasein Wunder.
Immobilien Kauf- und Mietmarkterscheint in der Freitag-Ausgabe, Anzeigenschluss: Mittwoch, 18 Uhr Anzeigenschluss für Samstag:Stellenanzeigen: Donnerstag, 11 UhrKfz-Anzeigen: Donnerstag, 16 UhrÜbrige Rubriken: Donnerstag, 16 Uhr F
Hans-Jochen Luh-mann ist Projekt-leiter beim Wup- pertal Institut fürKlima, Umwelt,Energie und zu-ständig für Grund-satzfragen.
Foto: privat
Seligsprechung Johannes Pauls II.
Wunderliche Geldvermehrung
Die Geschäftsleute Roms sind auf einen Millionenansturm von Gläubigen vorbereitet, wenn sie allerdings Pech haben, kommen weniger als erwartet
Baumarkt 20Bekanntmachungen 30Beteiligungen/ 30GeldmarktBewerbermarkt V2/22Bildungsmarkt 29Fitness/Gesundheit 20Geschäftsanzeigen 20Geschäfts- 20verbindungenHeiraten/ 28BekanntschaftenKaufgesuche 20Kunst/Antiquitäten 18Maschinen 20Reisemarkt 12Stellenteil V2/9–V2/22Tiermarkt 20Verkäufe 20Verschiedenes 20
 Aktuelles Lexikon
Reliquie
Wer glaubt, wird selig
Johannes Paul II. hat ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Frömmigkeit abgelegt, aber er trägt auch Mitschuld an Skandalen
 Verneigung, Verehrung
Halb Polen ist im FreudentaumelSeite 2 / Süddeutsche Zeitung Nr. 99 HF2 Samstag/Sonntag, 30. April/1. Mai 2011
THEMADESTAGES
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in dieser Ausgabe auf folgenden Seiten:
Er setzte sich kraftvoll für Frieden und Gerechtigkeit ein: Poster von Johannes Paul II. in Krakau.
Foto: AP
 
Von Wolfgang Koydl
London
– Ann ist eindeutig zu dick, wasnichtweiterverwundert,wennmanbeob-achtet, was sie den ganzen Tag ver-schlingt. Auch wenn sich alle Hälse hin-überrecken zum Kirchenportal, gilt ihreAufmerksamkeit der Marks-and-Spen-cer-Tüte, in der der Karton mit denHundekuchen verschwunden ist. Einekönigliche Hochzeit, scheint Ann sagenzu wollen, ist kein Ort für einen Hund,selbst wenn es sich um einen königlichenKing-Charles-Spanielhandelt.VorwürfemusstesichauchAnnsFrau-chen anhören. Ein Typ, sagt sie, habe sieals Tierquälerin beschimpft, weil sie ih-ren kleinen Liebling aus Wales hierher-geschlepptundmiteinemDiademundei-nemSchleiergeschmückthat.Undeinan-derer habe gefragt, ob sie von Sinnen sei,ausgerechnet einen Hund jener Rasse zueiner Prinzenhochzeit zu bringen, dienachKarlI.benanntist,demeinzigenbri-tischen König, der erst seinen Thron ver-lorunddannnochseinenKopfunterdemBeil des Henkers.Doch solche Sauertöpfe, Spötter undSpielverderber sind in diesem Augen-blick vergessen, genauso wie die drei Ta-ge, die sie auf dem harten Pflaster gegen-über der Westminster Abbey ausgeharrthatte, zitternd, wenn bitterkalte Böendurch die Häuserschlucht der VictoriaStreetfegten undnasseKälte amMorgendurch den dünnen Schlafsack kroch.Alles hat sich gelohnt, denn endlich istessoweit:AlsWilliamundCatherineausdemWestportalderAbteitreten,gehteinWogen durch die Menge, das sich anhört,als ob ein einziger, großer OrganismusdenAtemanhaltenwolltezueinemSeuf-zen.DannexplodiertdieMengeinJauch-zer, Jubelrufe und anerkennende Pfiffe,in das sich das Geläute der Glocken unddas Dröhnen der Orgel mischen. Sogardie Sonne bequemt sich in diesem Mo-ment,diegrauenWolkenüberLondonei-nen Spalt weit auseinanderzuschieben.Fast körperlich sind das WohlwollenunddieZuneigungzuspüren,diedemjun-genPaarentgegenschlagen.SoemotionalhatmandieBritenschonlang nichtmehrgesehen, nicht seit dem Tod von Prinzes-sin Diana. Doch damals waren es Trauerund Schmerz, heute ist es ungetrübteFreude. „Wir sind ja eigentlich ziemlichreserviert, wir Briten“, hatte Premier-minister David Cameron festgestellt, be-vorervonderDowningStreethinübereil-te in die Abbey. „Aber wenn wir es kra-chenlassen, dannlassen wir es krachen.“EssindnichtnurBriten,diesichandieAbsperrgitter drängen und ihre Handyshoch halten in der Hoffnung auf einenSchnappschuss,densie ihrenEnkelnzei-gen können. Viele sind aus Denver, Det-mold oder Dijon angereist und nicht nurausDoncaster,DundeeoderDevon.DochfürWilliamundKateinihrerKutschese-hen alle Untertanen gleich aus, zumaldann,wennsiesichdieFarben desUnionJack aufs Haupt stülpen, um die Schul-tern wickeln.„Ichwünschedenbeidenalles,allesGu-te, aus ganzem Herzen“, sagt die Rentne-rin Chloe Henderson aus dem nordengli-schenBurnley.Umsieherumwirdzustim-mendgenickt.„Siehabenesverdient.Ichfühle für sie, als ob es meine eigenen En-kel wären.“ Auch die echte GroßmutterdesBräutigamsscheint–fürihreVerhält-nisse – geradezu beschwingt und aufge-kratzt zu sein. Nicht mit ihrer üblichenleicht verkniffenen Miene sitzt KöniginElisabeth in der ersten Reihe, gleich hin-terdemBrautpaar,alsderErzbischofvonCanterbury die Trauformel verliest. Nie-mand hätte sich gewundert, wenn Köni-ginElisabethauchandiesemFreudentagso skeptisch dreinblickte wie sonst auch.EsmagzwarihrEnkelsein,derdenBundfürsLebenschließt;aberwennmangera-de 85 Jahre alt geworden ist und seit bei-nahe sechs Jahrzehnten diesen Job ver-richtet,dannhatmanschonsoziemlichal-les gesehen – und eben auch so mancheTraumhochzeit in der eigenen Familie,die in einem Albtraum endete. Warumsoll es diesmal anders sein?Aber die Queen hat sich anstecken las-sen von dem Goodwill ihrer Untertanen.Sie lächelt von dem Augenblick an, indem sie den Palast in einem Rolls RoyceverlässtundanTausendenSchaulustigenvorbei zur Kirche fährt. So entspannt istsie, dass sie sogar die öffentliche Zur-schaustellung von Emotionen gestattet:IhrSohn,PrinzCharles,darfihreinKüss-chen auf die Wange hauchen, als sie dieKathedrale betritt. Es ist kein aufgesetz-tes, kein Theaterlächeln. „Eines wissenwir von der Königin“, hatte ihr BiografHugoVickersschonvorherverraten:„Sielächelt nicht, wenn sie es nicht wirklichmeint.“Dasmusswohlbedeuten,dasssieesdiesmalwirklichsomeint.Dasssiedie-serVerbindungihrenSegengegebenhat.VielwarspekuliertwordenindenJah-ren,indenen„WaityKatie“aufdenHoch-zeitsantrag ihres Prinzen warten musste,ob es die Königin war, die die Dinge hin-auszögerte. Würde sie es akzeptieren,dasseineBürgerlicheinihrenClaneinhei-ratet? Die Tochter einer Stewardess mitgrauenvollkleinbürgerlichenGewohnhei-ten? Die Enkelin proletarischer Bergar-beiter? Skandinavische oder spanischeRoyals mögen die Scheu vor niederenStändenabgelegthaben;abermitsolchenParvenu-Monarchen hat sich die briti-sche Krone noch nie verglichen.DochdieQueenwusstewahrscheinlichfrüher als ihre Höflinge und die Berufs-monarchisten in der konservativen Pres-se,dass das Königshaus eher auf die bür-gerlichen Middletons angewiesen war alsumgekehrt. Wie jede erfolgreiche Fern-sehserie, so gewinnt auch die seit Jahr-zehnten laufende Windsor-Saga, wennneue, ausgefallene Charaktere ins Dreh-buch geschrieben werden. Eigentlich hatsichnichtvielgeändertseitdemMittelal-ter:DamalsschlossEuropasHochadeldy-nastischeEhebündnisse,umdieMachtab-zusichern. Heute, da die Macht verlorenist, sind Royals auf die Einschaltquotender Steuerzahler angewiesen, die ihreApanage zahlen. Und Steuerzahler sindinihrer Mehrheit nun mal Bürgerliche.CatherineMiddletonhatteohnehinniean ihrem Wert gezweifelt. Selbstbewusstwar sie schon immer. Ganz früh in ihrerBeziehungzuWilliamgingdasGetuschellos, dass sie von Glück sagen könne, sicheinen Prinzen geangelt zu haben. Katebliebunbeeindruckt: „Er hat Glück, dasser mich hat“, beschied sie missgünstigeMäuler. Wer sie kennt, beschreibt sie alsbescheiden und still. Aber sie ist nichtscheu. Entsprechend selbstsicher schrei-tet sie auch an der Hand ihres Vatersdurch das hohe Schiff der Westminster-Abtei – vorbei an Beefeaters und denBeckhams,anElton JohnunddemGrab-mal Isaac Newtons, unter den Augen vonKönigen, Premierministern und Celebri-tiesdrinnenundderMillionenZuschaueran den Bildschirmen draußen.Die Abtei mag die Kirche der Königevon England sein, wo das Reich seit tau-sendJahrenseineMonarchenkrönt,trautund beerdigt. Doch heute gehört dieserBauauchCatherineElizabethMiddleton.Er trägt ihre Handschrift. Die Hain-buchen, die das Kirchenschiff säumenund einen Hauch der lieblichen Land-schaftvonCatherinesHeimatdorfBuckle-buryindiestrengengotischenMauerntra-gen,wurdenaufihrenWunschhieraufge-stellt. Und es war auch ihr ausdrückli-cherWunsch,dassWilliamalsLetztersei-ne Braut in ihrem Brautkleid sehen wür-de. Brav wartete er vor dem Hochaltar,bis seine künftige Frau neben ihm stand.Ein wenig muss es ihr vorkommen, alsob sich auf ihrem langen Weg zum AltareinKreisgeschlossenhätte,deraufeinemanderen Laufsteg begonnen hatte – vorknappzehnJahrenaufeinerModenschauim schottischen UniversitätsstädtchenSt. Andrews. Damals hatte sie mit einemganz anderen Kleid, einem durchsichti-gen Fähnchen, das wenig der Phantasieüberließ,demPrinzendenKopfverdreht.Diesmal raubte sie ihm mit einem TraumausSeide und Spitze den Atem.Manmagesihrnichtansehen,aberCa-therine war schon immer ein Bühnen-talent. Wenn sie Lampenfieber hat, ver-steht sie es gut zu verbergen. Anders alsihre Schwiegermutter Diana, die von ih-rerPrachthochzeitvor30Jahrenschierer-drückt wurde und die sich nach eigenenWortenfühltewieeinLamm,dasmanzurSchlachtbank führt, genießt die neuePrinzessin und Herzogin von CambridgedasSpektakel.Ein Aschenputtel, das von einemPrince Charming aus der Herdasche ge-holt und auf sein Schloss heimgeführtwurde,warsienie–auchwennsichLeserund Leserinnen der einschlägigenKlatschpresse das noch so sehr ersehnen.Ein Märchen ist es nur insofern, wie diebritische Bestsellerautorin Lynne Trussbissig festhielt, als dass es jeder realenGrundlage entbehrt und lediglich vonkollektiven romantischen Wallungen ge-speist wird. „Die Middletons haben ihreTochter gezielt in Position gebracht –mitden richtigen Schulen, den richtigenFreunden, der richtigen Kleidung, derrichtigen Junggesellenbude im richtigenStadtteilChelsea“,sagteTruss.„Hierha-ben wir keinen Prinzen, der jemanden zusich hochzieht, hier haben wir eine Bür-gerliche, die auf Augenhöhe des Prinzengepuscht wurde.“Dasmagschonstimmen,aberdieMen-schen in London und anderswo in derWelt wollen dennoch an ein Märchenglauben, jedenfalls heute an diesem Tag.Sie wollen sich berauschen an der ge-schichtsschweren und farbenprächtigenZeremonie,andiesemSchauspiel,dasih-nen erlaubt, sich einige Stunden lang vorder Realität zu drücken: vor Schuldenund Arbeitslosigkeit, vor sozialem Kahl-schlag und gesellschaftlicher Kälte.Denn die Wirklichkeit im VereinigtenKönigreich ist für Hunderttausende allesanderealsglitzerndundprächtig.Diesistein Land, das mehr Schulden hat als Ex-portgüter,daszunehmendorientierungs-los umherirrt zwischen Amerika und Eu-ropa, ein Land, das mitunter von Selbst-zweifelngequältwird,weileskeineRollein der Welt gefunden hat. Der Krieg inLibyen ist das jüngste Beispiel für denAbstiegderfrüheren Weltmacht:LondonerklärtezwargroßspurigwieinaltenZei-ten einem nordafrikanischen Despotenden Krieg; doch Flugzeuge für die Atta-ckenmusstemansichbeianderenzusam-menschnorren.Dochdasistallesvergessen,wennSol-daten in Bärenfellmützen mit klingen-dem Spiel an imperialen Prachtbautenvorbeiziehen,wenndieHousehold-Kaval-lerie mit funkelnden Brustpanzern undbuschigen Helmen auf gestriegelten Rös-serndieMallhinabklappert,undwennkö-nigliche Majestäten und Hoheiten ausgoldverzierten Kutschen huldvoll insVolkwinken.DannistLittleBritainwie-der ein großes Britannien, so wie früher,als es noch Ozeane und Kontinente be-herrschteundnichtnurdieFernsehkanä-le der Welt für einen Tag.VomPremierministerüberdieSociety-Lady bis zum schlichten Klempner sindsich auch die meisten Briten einig, wasdenglobalenAnspruchbetrifft:„Diegan-ze Welt freut sich über diesen Tag“, sagtDavidCameronohnejedefalscheBeschei-denheit.„UmsolchenPrunkbeneidetunsdieWelt“,sekundiertederSchlossermeis-ter John Kemble aus dem LondonerVorort Ham. Und Rachel Johnson, Chef-redakteurin des Gesellschaftsmagazins
Lady
und Schwester desLondoner Ober-bürgermeisters,zogdenKreisderFreudenochweiter.SieorteteLondonim„Mittel-punkt des Universums“.Es ist eine schöne Illusion, ein Wohl-gefühlaufPump,undvieleBritendehnenden Rausch auf fast zwei Wochen aus.Denn das Land gönnt sich ja einen eige-nen Bank Holiday für das Ereignis, dersich mit Ostern und dem Maifeiertag zueinerhübschenUrlaubsgirlandeverknüp-fen lässt. Milliarden an Pfund gehen derVolkswirtschaft dadurch verloren, aberbekümmerntutdiesniemandenwirklich.„Für ein gutes Konzert- oder Theater-ticketmuss ich ja aucheine Menge hinle-gen“,meintJasonEvans,dermiteinpaarStudienfreunden ein Zeltlager am unte-ren Ende der Mall aufgeschlagen hat, anjener Stelle, an der die Kutsche mit Wil-liamundCatherinenachderTrauungaufdie Zielgerade einbiegt: Durch das fri-sche Grün der Platanen sieht man vonhier aus schon die Mauern des Bucking-ham-Palastes hindurchschimmern.JasonundseineFreundesindZuschau-er und Komparsen zugleich in dieser In-szenierung, genauso wie die schätzungs-weise 700 000 Menschen, die sich an die-sem Tag im Zentrum Londons drängeln.DasSchauspiel,dassiesehen,istgutein-geübt, die Abläufe sind festgeschriebenwie Regieanweisungen. Schließlich wirddasSpektakelnichtzumerstenMalgege-ben, und nicht zum letzten Mal. Nurdurch Zufall wurde bekannt, dass dieserFreudentag nebenbei als Generalprobefür ein Trauerspiel diente, das irgend-wann einmal anstehen wird mitderselben Besetzung und vor derselbenKulisse: das Begräbnis von KöniginElisabeth. Es wäre eine Schande, verlau-tete aus dem Palast, solch eine Gelegen-heitungenutztverstreichenzulassen.DieQueen sehe die Übung ebenfalls „sehrpragmatisch“.Dieser Tag jedenfalls endet mit einemHappy End – mit gleich zwei Küssen desPaares auf dem Balkon von BuckinghamPalace. Ende gut, alles gut. Der Vorhangfällt. Das Leben aber ist selten so gnädigwie dasTheater. Doch ein Mann hofftin-ständig,dasssichfürWilliamundKateal-le frommen Wünsche erfüllen. Justin hatdreiTagevorderAbbeycampiert.Alsbe-sonders schlimm empfand er das nicht,denn bis vor kurzem war die Straße dasHeimdes28-jährigenObdachlosen.Dochdann geriet er an die Stiftung Centre-point, deren Schutzherr William ist unddiesichumObdachlosekümmert.Mitih-rer Hilfe rappelte er sich auf. Inzwischenhat er eine eigene Bude, gar nicht weitvon hier, unten beim Bahnhof Victoria.„Ich hätte es mir im Fernsehen angu-ckenkönnen“,meintJustin.„Aberichha-be William getroffen, und er ist für michwie ein guter Kumpel. Und wenn deinKumpel heiratet, dann gehört es sich,dass du hingehst.“
Rührt euch
Eigentlich haben die Briten momentan nichts zu feiern. Das Königreich hat enorme Schulden – und ist auf der Suche nach sich selbst.Da wirkt so eine Prinzenhochzeit wie Balsam, und das Volk jubelt fast dankbar dem jungen Paar zu. Aber es ist ein Wohlgefühl auf Pump.
Samstag/Sonntag, 30. April/1. Mai 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 99 / Seite 3
DIESEITEDREI
„Wir sind ja eigentlich ziemlich reserviert, wir Briten“: Aber als Prince William und seine Frau Catherine, jetzt Duchess of Cambridge, die Westminster Abbey verlassen, bleibt nur die königliche Garde ganz cool.
Foto: Reuters
 Als die Hochzeit endlich anfängt, sind einige im St. James Park schon so fertig,dass sie sich kurz ausruhen müssen vom Monarchie-Taumel.
Foto: Reuters
Ein Wogen geht durch dieMenge – es hört sich an wieein einziger, großer Seufzer.Die Hochzeit ist eine Übungfür ein anderes Spektakel:die Trauerfeier der Queen.
Sie hat ihm den Kopf mit einemganz anderen Kleid verdreht.Eher durchsichtig, keine Seide.

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