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Frankfurter Allgemeine Zeitung 20110430

Frankfurter Allgemeine Zeitung 20110430

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07/30/2013

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ZEITUNG FÜR DEUTSCHLAND
Samstag, 30. April 2011
·
Nr. 100/17 D2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER 
2,20 D 2954 A F.A.Z. im Internet:
faz.net
 Am Sonntag wird Johannes Paul II.in Rom seliggesprochen. ManchePilger reisen von weither an; geradefür Briten gilt es, Prioritäten zusetzen. Ein Londoner sagt: „Er wareiner von uns.“
Politik, Seite 7
Landschaftsmalerei in Öl:historisch, langweilig, gestrig. Vonwegen: In Stuttgart wird JohnConstable gezeigt – mit Bildern, diedie Augen öffnen für das Wesen derNatur.
Feuilleton, Seite 37
Fifa-Präsident Joseph Blatter überKorruption und Wohltaten, seinenGegenspieler bin Hammam, seine Wahlchancen, geplante Reformenim Falle einer weiteren Amtszeitund sein Gehalt.
Sport, Seite 31
Die Computer haben die Grenzezu unseren Gehirnen überschritten:Der Autor Daniel Suarez über dieBedrohung einer total vernetzten Welt.
Feuilleton, Seiten 34 und 35
 Autofeindlich dürfen in Baden-Würt-temberg selbst die Grünen nichtsein, sonst wird das Volk nervös.Die Wirtschaft aber sieht in demökologischen Umbau auch Chan-cen.
Wirtschaft, Seite 13
Noch steht nicht fest, wer das Attentat von Marrakesch vomDonnerstag verübt hat. Doch klarist, dass damit der Druck auf den„Reformkönig“ Mohammed VI.wächst.
Politik, Seite 2
 Wer an den jüngsten Staat inEuropa denkt, der stellt sich Kriegund Hass vor, wie sie dort jahrelanggeherrscht haben. Wer ins Kosovoreist, trifft Menschen voller Hoff-nung.
Bilder und Zeiten, Seite Z1
Mitteilung des Verlags:
16SeitenStellenanzeigen
vonSeiteC5 an;
Anzeigen Unterricht – Weiterbildung –Seminare auf Seite C20.
Druckauflage: 481423 Exemplare
Himmelsmacht
KongresssollWMvergebenHimmel,dassindBilder!
Ja
– Nicht alle Erdenbürger, die sich am Freitag dem Sog derLondoner Hochzeit hingaben, sehen wirklich zum Hochadelauf. Aber dem Zusehen verweigerten sich am Ende auchviele der Genervten nicht. Den königlichen Kuss gab es zurdeutschen Mittagspause, danach überflogen Jagdflugzeugeden Buckingham Palace, die schon vor siebzig Jahren diedeutsche Luftwaffe bekämpften. Das alles passierte nachPlan, weil in der Westminster Abbey niemand Einwände er-hoben hatte, als der Erzbischof sie fragte. So steht es auf den
Seiten 3, 8, 9 und 44
. Der Rest schweigt für immer.
Foto AFP
F.A.Z. FRANKFURT, 29. April. TeofilaReich-Ranicki, die Frau des Literaturkriti-kers Marcel Reich-Ranicki, ist am FreitagimAltervon91JahreninFrankfurtgestor-ben. Geboren 1920 im polnischen Lodz,war ihr Leben geprägt vom Schrecken desNationalsozialismus. Zusammen mit ih-rem Mann entkam sie dem WarschauerGetto.DieZeichnungen,diesiedortanfer-tigte, wurden vielfach ausgestellt. Seit1958lebtedasEhepaarinderBundesrepu-blik. (
Siehe Feuilleton, Seite 33.
)
GegendenWestenErsuchte,siekamen
I
n den vergangenen Jahren warGroßbritannien nicht nur der Ort,andemMonarchiebegeisterteihrevor-republikanischen Sehnsüchte stillenkonnten; es war auch ein Magnet, derHunderttausende Arbeitskräfte ausden neuen EU-Mitgliedstaaten anzog.Denn Britannien hatte wie Irland undSchweden schon bei deren Beitritt2004denArbeitnehmerndievolleFrei-zügigkeit gewährt. Während in Frank-reich der „polnische Klempner“ vonErweiterungsgegnernzumPopanzauf-gebauscht wurde, der 2005 zur Ableh-nung des Verfassungsvertrags beitrug,waren Polen, Slowaken oder Baltenauf den Inseln willkommen (was loka-len Unmut nicht ausschloss). Jetzt zie-hen die beiden letzten alten EU-Mit-glieder in puncto Freizügigkeit nach,die Übergangsfrist ist abgelaufen: Am1. Mai öffnet sich der Arbeitsmarkt fürBürger aus acht mittel- und nordosteu-ropäischen Ländern auch in Deutsch-land und Österreich. Es ist gut, dassdiese europäische Anomalie ihr Endehat, und das nicht nur, weil die Wirt-schaft, die (angeblich) verzweifeltnach qualifiziertem Personal sucht,den neuen Arbeitssuchenden begeis-tert entgegenblickt.Es hat natürlich mit der aktuellen Wirtschaftslage zu tun, dass das The-ma Freizügigkeit heute mit größererGelassenheit behandelt wird als vorsieben, acht Jahren. Damals wurdendie Vorteile klein- und die Nachteilegroßgeredet. Groß war die Koalitiongegen vermutete „Billigkonkurrenz“.Die günstigen Prognosen für den Ar-beitsmarkt und die große Nachfragenach bestimmten Berufen haben erstgar keine Abwehrkampagne entstehenlassen. Natürlich weiß niemand, obhundert-, zweihunderttausend odernoch mehr Arbeitssuchende „aus demOstenkommen werden. Die briti-schenoderschwedischenErfahrungenwaren nicht so, dass man wirklich be-gründete Bedenken wegen Störungder Arbeitsmärkte und wegen Lohn-dumping haben müsste.Dasheißtnicht,dassdieFurchtman-cher Leute vor „Überfremdung“ im-mer nur ein Hirngespinst wäre. DieneuepopulistischeEuroskepsiswirdjazu einem nicht geringen Teil gespeistvon Ängsten sozialkultureller Über-fremdung. Aber Polen und Balten ste-hen uns kulturell weitaus näher als au-ßereuropäische Migranten. Die volleFreizügigkeit, eine der vier europäi-schen Kernfreiheiten, vollendet jeden-falls die Erweiterung; sie kann dazuführen, dass die Beziehungen zu denöstlichen Partnern noch verständnis-voller werden. Menschlicher eben.
Teofila Reich-Ranickigestorben
Herrscherkommenundgehen
KosovoalsMultikultizentrum
Briefe an die Herausgeber
............
19Bilder und Zeiten
................................
Z1Kunstmarkt
...............................................
39Beruf und Chance
.................................
C1Impressum
...................................................
4Deutschland und die Welt
..............
8Zeitgeschehen
......................................
10Wirtschaft
.................................................
11Die Lounge
..............................................
13Unternehmen
........................................
14Menschen und Wirtschaft
.............
18Wetter
..........................................................
20Finanzmarkt
...........................................
21Kurse
............................................................
24Sport
............................................................
29Feuilleton
..................................................
33Schallplatten und Phono
..............
42Medien
........................................................
44Hörfunk 
.......................................................
44Fernsehen
.................................................
45
isk./Mü. FRANKFURT, 29. April. Beam-te des Bundeskriminalamts haben amFreitag drei mutmaßliche Mitglieder derTerrororganisation Al Qaida festgenom-men.WiedieBundesanwaltschaftmitteil-te, sollen die Verdächtigen an diesemSamstagdemErmittlungsrichterdesBun-desgerichtshofs vorgeführt werden. SiesollendemVernehmennacheinen größe-ren Anschlag in Deutschland vorbereitethaben.Nach Informationen dieser Zeitungstammen die Verdächtigen aus Bochum,Essen und Düsseldorf. Sie wurden in Ma-rokko geboren, besitzen aber wohl diedeutscheStaatsbürgerschaft.Zudemgehö-rensieoffenbardemengstenKreisvonAlQaida in Deutschland an. Mindestens ei-ner der mutmaßlichen Attentäter soll ineinem Terror-Camp ausgebildet wordensein. Außer diesen drei Verdächtigen solles noch vier weitere Kontaktpersonen ge-geben haben. Beamte des Bundeskrimi-nalamtes haben insgesamt sieben Objek-te durchsucht. Dabei soll Sprengstoff si-chergestellt worden sein. Wie aus Sicherheitskreisen zu hörenist, waren die Anschlagsvorbereitungenschon fortgeschritten. Eine unmittelbareGefährdung habe es aber nicht gegeben.Offenbar war ein „Testlauf“ geplant, deram Freitag stattfinden sollte, dann aberverschoben worden war. Daraufhin ha-ben die Ermittler des Bundeskriminal-amtszugegriffen. Imnächsten Schritt waroffenbar der Bau einer Bombe geplant.Dem Vernehmen nach sollten die geplan-ten Anschläge von einem ähnlichen Aus-maßseinwiedievonderSauerland-Grup-pe geplanten. 2007 war ein Anschlag die-ser Gruppe vereitelt worden.Die Sicherheitsbehörden hatten diemutmaßlichen Terroristen offenbarschonübereinenlängerenZeitraumbeob-achtet. Auf die Spur gekommen sind sieder Gruppe durch die Überwachung vonMobiltelefonen und Computern. Zudemhabe es offenbar auch weitere Hinweisegegeben. Im Zusammenhang mit Al Qai-da in Deutschland gab es in der Vergan-genheit immer wieder Informationen,dass Anschläge geplant seien, unter ande-rem auch durch Ankündigungen desDschihadisten Bekkay Harrach. Der Ma-rokkaner aus Bonn gehörte ebenfalls zu Al Qaida; im Jahr 2010 wurde er bei Ge-fechten in Afghanistan getötet.F.A.Z. FRANKFURT, 29. April. In Sy-rienhatdasRegimeauchmitmassiverPrä-senz der Sicherheitskräfte neue Massen-protestenichtverhindernkönnen.Inallenwichtigen Städten setzte die Bevölkerungnach dem Freitagsgebet an einem weite-ren „Tag des Zorns“ ihre Proteste gegendasRegimefort.EskaminmehrerenStäd-ten zu Zusammenstößen mit den Sicher-heitskräften,nachBerichtenderOppositi-on wurde auf Demonstranten geschossen.In Internetforen und arabischen Medien-berichten hieß es am Freitagnachmittag,in der südsyrischen Stadt Daraa habe esmindestens15 Totegegeben.Auchausan-deren Städten wurden Tote gemeldet. DieOppositionbehauptete,mehralseine Mil-lion Syrer seien am Freitag gegen Assadauf die Straße gegangen.InDamaskusvereiteltediePräsidenten-garde auf dem zentralen Abbasidenplatzund im Stadtteil Midan Kundgebungen.Dennoch wurden auch aus mehrerenStadtteilen und Vororten der Hauptstadttrotz Militärpräsenz große Kundgebungengemeldet. Die Koordinatoren der ProtestehattenimInternetdazuaufgerufen,andie-sem Freitag Solidarität für die Bewohnervon Daraa zu zeigen, wo die Proteste am15. März begonnen hatten. Die Stadt istvom Militär belagert, 120 000 Menschensind von der Außenwelt abgeschnitten.Die EU begann am Freitag Beratungenüber Sanktionen gegen Syrien.ImJemen,woesebenfallszuneuenPro-testengegendasRegimevonPräsidentSa-lihkam,schossenPolizistennachAgentur-berichten auf Demonstranten. UN-Gene-ralsekretär Ban Ki-moon erinnerte die je-menitische Regierung an ihre Verantwor-tung zum Schutz der Bevölkerung. Dieamerikanische Regierung verschärfte ih-renTongegenüberdemlibyschenRegime.Hohe Mitarbeiter der Regierung pranger-tenMenschenrechtsverletzungenderTrup-pendesMachthabersGaddafian.UN-Bot-schafterin Susan Rice warf dem Regimeim UN-Sicherheitsrat nach Angaben vonDiplomaten vor, es versorge seine Solda-ten mit dem Potenzmittel Viagra, um imKampf gegen die Aufständischen gezieltsexuelle Gewalt gegen Frauen einzuset-zen. Die Nato teilte mit, sie habe den Ver-such von Gaddafis Truppen vereitelt, denHafen derbelagerten Stadt Misrata zuver-minen, über den Hilfsgüter ins Land ge-bracht werden.
(Siehe Seite 5.)
W
ar es wirklich eine Traumhoch-zeit? Selbstverständlich, so ni-cken alle, die mit diesem Ereignis Ge-fühle verkauften: die Hersteller, dieLondoner Tourismus-Branche, dieBoulevardpresse, auch das Fernsehen.Und alle, die anderTrauungvonPrinz William von Wales und CatherineMiddletonihrGeldverdienen,staffier-ten diesen Traum mit den Erinnerun-gen an ein Hochzeitsmärchen aus, dasvor 30 Jahren die Maßstäbe setzte indieserKategoriedesStaunens:dieVer-ehelichung von Williams Eltern,Charles und Diana. Aus der Perspekti-ve der Märchenerzähler heiratete Dia-najetztquasiKate–undvermählteda-mitihrenStatuseinerroyalenPop-Iko-nemitdenAufstiegsträumeneinesam-bitionierten Mannequins.Der Eintritt Dianas in das Haus Windsorhättedieehrwürdigstedereu-ropäischen Monarchien wenig späterbeinahe zum Einsturz gebracht: Dienaive, überwältigend charmante Prin-zessin exponierte durch ihren privatenKummer die knöchernen Lebensre-gelnderköniglichenFamilie.DassDia-na die Grenzen von Takt und AnstandausUnbekümmertheitundUnbedarft-heit einfach übersprang, popularisier-te„dieRoyals“injeder – undnicht nurin der von ihnen erwünschten – Hin-sicht. Dianas Umgang mit Fotografenund Interviews brachte die britischeKönigsfamilie in der Parade weltwei-terBerühmtheitenaufdenerstenPlatz– und zog sie zugleich hinunter in dieGlitzerwelt der internationalenKlatschgesellschaft. Dianas Präsenzbefeuerte die Neugierde, zerstörteaber den Respekt vor der Institution.DiesesErbelastetaufderjungenGe-nerationderWindsors, abernicht blei-ern: Der Bräutigam, Prinz William,hat aus der öffentlichen Ehe-Katastro-phe seiner Eltern vor allem denSchluss gezogen, selber ein möglichstprivates Leben führen zu wollen. DieBraut hingegen, Kate Middleton, das Aufsteigerkindaus derenglischen Mit-telklasse, wirkt zu patent und selbstsi-cher, um von Glanz und Grausamkeitder Monarchie überwältigt zu sein. Soergibt sich aus dem Blick auf das Paarder „Generation 1“ nach dem Natur-wunder Diana ein Paradoxon: Die Au-genderWelt ruhenauf einemPrinzen,der sich nach ungestörter Bürgerlich-keit sehnt, und auf einer Prinzessin,dieimBürgertumgeboren wurde,abervon ihrem Selbstbewusstsein in denHochadel hinaufgehoben wird.Es ist die These zulässig, dass Katesverstorbene Schwiegermutter Dianadurch ihre eigene unglückliche Ehemit dem Kronzprinzen die Trauung ei-nes künftigen Königs mit einer Bür-gerstochter erst möglich machte. DieStandeskonventionen, die sie als Ab-kömmling des englischen Hochadelsvor 30 Jahren noch an die Seite vonPrinz Charles führten, sind durch Dia-nas eigenes Zutun gebrochen worden. Andererseitsaberheiratetdiebürgerli-cheBrautKateandiesem Freitag ebennicht nur den privaten Bräutigam Wil-liam, sondern ehelicht offenen Augesauch die öffentliche Funktion einerkünftigen Königin. Und die wenigenbisherigen protokollarischen AuftritteCatherines haben schon bewiesen,dass sie die repräsentativen Pflichteneiner Prinzessin zu meistern und wohlauch zu genießen versteht. Auf diese Weise könnte ausgerech-neteinBürgerkinddieköniglicheWür-de in Großbritannien wieder stärken.Es wird allerdings voraussichtlichnoch lange dauern, bis nach der rüsti-gen Monarchin Elisabeth II. und nachihrem stets von einem Hauch Selbst-mitleid umwehten ThronfolgerCharlesdieZeitKönigWilliamsanbre-chen kann. Charles wird dereinst viel-leichtversuchen,dieKronezupolitisie-ren–nichtininnenpolitischenAusein-andersetzungen, wohl aber in gesell-schaftlichen Debatten. William würdezweifellos das Königtum verbürgerli-chen, wohl in eine Richtung, wie sieNorwegen und Dänemark vorleben. Allerdings werden ihm die Erwar-tungen der britischen Untertanen da-bei Grenzen setzen – nicht nur wegender Sucht des Boulevards nach Gla-mour,sondernvorallemwegenderEr-wartungen des Staates an die Krone.Denn der Monarch ist in der ältestenDemokratie der westlichen Welt nochimmer Ausgangs- und Legitimations-punkt aller Gewalt. In einem Gemein-wesen, in dem die Verfassungsregelnbis heute weitgehend nicht schriftlichniedergelegtsind,sondernaufKonven-tionenberuhen,kommtTradition,her-gebrachten Bräuchen und Verfahrens-weisen große Bedeutung zu. Politikund Krone zelebrieren dieses gemein-same Verfassungsgeflecht regelmäßigin der festlichen Eröffnung des Parla-mentsjahrs – ein Ereignis, bei dem je-der Schritt, jede Geste historisch be-deutsam ist und das in seinem Ablauf seltsam auffallend der Hochzeitszere-monie ähnelt, die sich am Freitag inLondon abgespielt hat. Aber die Ähnlichkeiten sind so ver-blüffendnicht.DennauchinderHoch-zeitsparadeentfaltetesichdaspatrioti-sche Gesicht Britanniens: Die tausendSoldaten zum Beispiel, die am FreitagEhrenspalier standen, haben fast alleschoneinmalihrerotenGarderöckege-gen sandbraune Kampfanzüge ge-tauscht, viele von ihnen haben gegenafghanische Taliban oder andere Geg-ner gekämpft. In Wahrheit ist derHochzeitszug von Prinz William undPrinzessinCatherinekeinTraumgewe-sen, sondern ernste Staatsräson: Hierfeierte eine Nation den FortbestandihrerOrdnungindernächstenGenera-tion – und stärkte damit sich selbst.
ban. BERLIN, 29. April. Die FDP-Frakti-onsvorsitzende Homburger hat sich be-reit erklärt, über das Vorziehen der WahlzumFraktionsvorstand„inRuhezudisku-tieren“. Dies teilte ein Sprecher am Frei-tagmit.DerstellvertretendeFraktionsvor-sitzende Koppelin hatte gefordert, die Vorstandswahl solle nicht erst wie inderGeschäftsordnungderFraktionvorge-sehen – im Herbst, sondern bald nachdem FDP-Bundesparteitag Mitte Mai ab-gehalten werden.
(Siehe Seite 4.)
Heute
Werden wirversklavt?
Homburger reagiert auf Druck aus ihrer Partei
sat. BERLIN, 29. April. Die Bundes-tagsverwaltung klärt Vorwürfe, nachdenender Staatskanzleichef desdama-ligen niedersächsischen Ministerpräsi-denten und SPD-KanzlerkandidatenGerhardSchröder,Frank-WalterStein-meier, im Bundestagswahlkampf 1998von der Verschleierung einer SpendeKenntnis hatte. Das teilte ein Spre-cher der Bundestagsverwaltung amFreitag dieser Zeitung mit. Das ARD-Magazin „Panorama“ hatte berichtet,dass der heutige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion davon gewussthabe, dass Carsten Maschmeyer, derGründer des Finanzdienstleisters AWD, über einen Mittelsmann150 000 Mark für drei ganzseitige An-zeigen der Wählerinitiative „Hand-werk und Mittelstand für GerhardSchröder“ gespendet habe, die auch indieser Zeitung gedruckt wurden.Maschmeyer selbst habe der ARD mit-geteilt, berichtet die „Panorama“-Re-daktion, er könne sich an einen sol-chen Vorgang nicht erinnern.
(Fortset-zung Seite 2; Kommentar Seite 10.)
Syrer trotzen dem Demonstrationsverbot
TotebeineuenMassenprotesten / Amerika: Gaddafi-RegimelässtFrauen vergewaltigen
Eine Nation vergewissert sich
Von JohannesLeithäuser
F.A.Z.FRANKFURT,29.April.AbSonn-tag,den 1. Maiwird der deutscheArbeits-markt auch für Bürger aus Polen, Tsche-chien, der Slowakei, Slowenien, Ungarn,Lettland, Litauen und Estland geöffnetsein.Bürgeraus diesenEU-Staaten benö-tigen dann keine Arbeitserlaubnis mehr.Um Verwerfungen am Arbeitsmarkt zuverhindern, hatte Deutschland die Frei-zügigkeit für Arbeitnehmer aus diesenBeitrittsländern bisher eingeschränkt.
(Siehe Wirtschaft, Seiten 10 und 12.)
DreimutmaßlicheAl-Qaida-Mitglieder inNordrhein-Westfalenfestgenommen
Deutsche marokkanischerHerkunft / BKA:GrößererAnschlag in Deutschlandgeplant
Bundestag klärt Vorwürfe gegenSteinmeier 
 Am 1. Mai wird der  Arbeitsmarkt geöffnet
 Weiterhin geht in derältesten Demokratie der Welt alle Staatsgewaltvom Monarchen aus.
Vollendet
Von Klaus-Dieter Frankenberger
4<BUACUQ=eaccaa>:r;V;l;m;x
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH; Abonnenten-Service: 0180 - 2 34 46 77 (6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz, aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro Minute). Briefe an die Herausgeber: leserbriefe@faz.de
Belgien 3,10€ / Dänemark 24dkr / Finnland, Frankreich, Griechenland 3,10€ / Großbritannien 2,70£ / Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande 3,10€ / Norwegen 29nkr / Österreich 3,10€ / Portugal (Cont.) 3,10€ / Schweden 30skr / Schweiz 5,00sfrs / Slowenien 3,10€ / Spanien, Kanaren 3,10€ / Ungarn 820Ft
 
SEITE 2
·
SAMSTAG, 30. APRIL 2011
·
NR. 100
F P M FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Politik
Der neue Verteidigungsminister deMaizière hat sich über seine Vorstel-lungen zum Bundeswehrumbaubisher bedeckt gehalten. Für kom-mende Woche wird Konkretereserwartet.
Politik, Seite 4
Ein vom stellvertretenden SPD-Frak-tionsvorsitzenden im SchwerinerLandtag herausgegebenes Buchsorgt im politischen Nordosten für Aufwallungen – insbesondere beider Linkspartei.
Politik, Seite 4
Obwohl sich Belgien in einer tiefenKrise befindet, hat das Abgeordne-tenhaus abermals ein Burka-Verbotbeschlossen. Das wurde als Beweispolitischer Handlungsfähigkeitgewertet.
Politik, Seite 7
Slawomir Oder hat das Verfahrenzur Seligsprechung Papst JohannesPauls II. geleitet – vor allem aberhat er es vorangetrieben. Mit demErgebnis ist der Monsignore sehrzufrieden.
Zeitgeschehen, Seite 10
Ein Korrespondent zieht Bilanz:Europa spricht oft und gern überseine weltpolitische Verantwortung. Aber die Realität, zuletzt inLibyen, offenbart Ernüchterndes.
Zeitgeschehen, Seite 10
 Aus Anlass des „Tages der Arbeit“treten der SPD-Vorsitzende Gabrielund DGB-Chef Sommer dafür ein,der Arbeit den auch in Euro zubeziffernden Wert zuzumessen, densie verdient.
Zeitgeschehen, Seite 10
A
m18.Dezember2013wirdderGe-burtstag von Willy Brandt genaueinJahrhundertzurückliegen. Geborenwurde Brandt in Lübeck als HerbertErnst Karl Frahm. In seiner Heimat-stadt würdigt seit Dezember 2007 das Willy-Brandt-Haus den früheren SPD- Vorsitzenden und Bundeskanzler. Be-trieben wird das Haus von der Bundes-kanzler-Willy-Brandt-Stiftung mit Sitzin Berlin. Das Haus in Lübeck liegt ander Königstraße, einem der repräsenta-tivenOrteinderHansestadt.EshatmitBrandts Geburtshaus allerdings nichtszu tun. Brandt stammte aus einfachen Verhältnissen, wo man sich ein solchesHaus nicht leisten konnte.Im rechten Winkel zum Haus an derKönigstraße liegt mit gemeinsamemHofdasGünter-Grass-Haus.Überhauptatmet die Stadt bis heute viel Sozialde-mokratie. Auch Bürgermeister BerndSaxe ist Sozialdemokrat. Seit 2000 ist erimAmt,vorkurzemwurdeerwiederge-wählt. Saxe hat nun mit Blick auf dasgroße Jubiläum angeregt, Brandt, dernatürlichauchEhrenbürgerLübecksist,ein Denkmal zu setzen. Einen Standorthat Saxe auch schon bei der Hand –nahe dem Holstentor: „Das ist auch einFotomotiv für Tausende von Touristenin Lübeck.“ Brandt sei eine „hoch ge-schätzte und bei den Bürgern beliebtePersönlichkeit“. Allerdings findet Saxekeineswegs nur Zustimmung für seineIdee.Voneinem„sozialdemokratischenBismarck“ war schon die Rede. BesserseidieGestaltungeines Brandt-Wortes,etwa des Klassikers „Mehr Demokratiewagen“. AndereKritiker verwei-sen auf die „gro-ße Herausforde-rung“, ein sol-ches Denkmalzeitgemäß zuge-stalten. Die be-kannte Brandt-Skulptur vonRainer Fetting,die in der SPD-Parteizentrale inBerlin steht, sei „nicht wiederholbar“.DasneueKunstwerksolle„keinezweiteSkulpturwerden“,sagtauchJürgenLill-teicher, der Leiter des Willy-Brandt-Hauses. Er hat 2005 am Holocaust-Mahnmal in Berlin mitgewirkt undwäre bereit, in einer Kommission fürein Brandt-Denkmal mitzuwirken.DieHansestadtzählt mehrals25Er-innerungs- und Denkmale. Für seinedrei Nobelpreisträger – Brandt, Grassund Thomas Mann – gibt es jeweils einMuseum. Auch für den Bürgermeisterist freilich klar, dass das Brandt-Denk-mal eine „zeitgenössische Ausdrucks-form“ brauche.
FRANKPERGANDE
Frischer Wind in Palästina?
 Die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt zur Einigung  zwischen den Palästinenser-Organisationen Fatahund Hamas:
„Die in Israel betriebene pauschale Verdammung derHamas ist nicht länger glaubwürdig. In Ägypten erwei-sen sich die Muslimbrüder (die Paten der Hamas), diedas Verhältnis weder zu Israel noch zu den VereinigtenStaaten grundsätzlichinFragestellen,bisjetztalstragfä-higeSäuleeinernachrevolutionärenOrdnung.ObdieHa-mas ebenso den Pfad des Pragmatismus wählt, ist offen.Für die EU gilt sie seit 2004 als terroristische Organisati-on. Der unter amerikanischem Druck gefällte Entscheidgilt in wichtigen EU-Ländern inzwischen als Fehler. Eskann nicht sein, dass europäische Steuerzahler den Auf-bau eines Staates Palästina finanzieren, ohne dass des-sen wichtigste politische Kräfte einbezogen werden.“
Tragische Schatten über dem arabischen Frühling
 Die Pariser Tageszeitung „Libération“ äußert zu demblutigen Terroranschlag in Marrakesch:
„DieseBombeistexplodiertwie dietragische Erinne-rung an ein Zeitalter, das der arabische Frühling ver-bannt zu haben schien. Diese Völker kämpfen seit Mo-naten, sie haben alternde Autokraten abserviert, denamtierenden Regimes Reformen abgerungen und habengleichzeitig Terrorgruppen disqualifiziert, diese Apostelblinder Gewalt . . . Kein einziger Schlachtruf der Terro-risten kam bei den Kundgebungen in Tunis, Kairo oderCasablanca auf. Zu keinem Zeitpunkt haben diese Völ-ker Terror ins Spiel gebracht. Der Anschlag in Marra-kesch galt Touristen und dem arabischen Frühling.“
Ein neues Zeitalter für die britische Monarchie
In der Londoner Tageszeitung „The Times“ lesen wir  zur Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton:
„Das Paar hat sich in einer Erklärung erfreut und be-rührt überdieöffentliche Zuneigung geäußert.Das soll-ten Prinz Williamund seineFrauauch sein. Es gab Stra-ßenpartys im ganzen Land, und Familien hatten in Zel-tenübernachtet,umeinenBlick aufdasBrautpaarzu er-haschen . . . Die Geschichte kann die Bedeutung einerköniglichen Hochzeit oft klarer einschätzen als die di-rekten Beobachter des Ereignisses. Noch ist völlig un-klar, wie die Geschichte die Hochzeit von Prinz Wil-liam und Catherine Middleton bewerten wird. Das Er-eignisdürfte jedoch als erste bürgerliche undvolksnahekönigliche Hochzeit in die Geschichte eingehen undnichtalsHochzeit einesPaares exotischeroder hochvor-nehmer Abstammung.“
Symbol eines getrösteten Landes
 Die Tageszeitung „Le Midi Libre“ (Montpellier)meint zu dem Ereignis:
„Ein glamouröses Ereignis in einer brutalen Welt . . . Dieses Märchen des 21. Jahrhunderts muss un-ter drei Blickpunkten betrachtet werden. Zuerst wirt-schaftlich. Diese Hochzeit kurbelt die Geschäfte einesruinierten Landes an . . . Dann politisch. Es gibt nichtsSchöneres als eine schöne Hochzeit, um zu entfliehen.Durch die Finanzkrise erschüttert, kehrt das Land durchdas Fernsehen auf das internationale Parkett zu-rück . . . Schließlich das Symbol. Das eines Landes, dassich getröstet um seine Souveräne versammelt. Das einerMonarchie, die Farbe und Popularität wiederfindet.“
Die englische Krankheit
 Zum gesellschaftlichen Zustand Großbritanniensheißt es in der Wiener Tageszeitung „Der Standard“:
„Kate Middletons Aufstieg zur Prinzessin zeigt, dassdie Barrieren zwischen der oberen Mittelklasse – zu derdie grob geschätzten sieben Prozent aller Briten zählen,diewiesieauchPrivatschulenbesuchten–unddergesell-schaftlichenSpitze abgetragen wurden.Das weit größereProblem ist nicht dort an der Spitze zu suchen, sondernin den miserablen Aussichten auf einen sozialen Auf-stieg jener Mehrheit, welche die schlechten staatlichenSchulen besucht. Das ist die Tatsache, die Großbritan-nien, speziell England, von anderen modernen europäi-schen Monarchien trennt wie zum Beispiel Schweden,wo offene egalitäre Gesellschaften fröhlich nebeneinan-der existieren. Das ist die wahre englische Krankheit.“
Dieses grün-rote Projekt ist ein Kampf 
 Die Tageszeitung „Le Monde“ (Paris) befasst sich mit der grün-roten Einigung in Baden-Württemberg:
„Es ist ein historischer Augenblick: Erstmals wird einGrüner Ministerpräsident eines Bundeslands werden.Das ist eine ziemlich große Herausforderung. Baden- Württemberg ist eines der wohlhabendsten Länder derRepublik und wurde in den letzten 58 Jahren von denKonservativen regiert. SPD und Grüne haben sich nundarum bemüht, den Wechsel zu symbolisieren, ohne diekonservativen Wähler zu verschrecken. Trotz ihrer Eini-gungbleibteinegroßeMeinungsverschiedenheit:dieZu-kunft des gigantischen Projekts der Umwandlung desStuttgarter Bahnhofs. Die Grünen sind strikt dagegen,die SPD ist dafür. Diese Union ist ein Kampf.“
Kanzlerin Merkels Strategie in der Europa-Politik 
 Das „Handelsblatt“ (Düsseldorf) stellt sich Fragen zur  Europa-Politik Bundeskanzlerin Merkels:
„MöglicherweisewirdAngela Merkel in den nächsten Wochen ein paar Zugeständnisse Frankreichs bei ande-ren Themen wie dem künftigen Europäischen Rettungs-fonds ESM erreichen. Doch insgesamt ist die StrategiederKanzlerin,trotzgutersachlicherArgumentedemita-lienischen Notenbankchef die Zustimmung zu versagen,nicht aufgegangen. Merkels Zögern bei Draghi erinnertan die anfängliche Weigerung Deutschlands, für Grie-chenland ein Hilfspaket zu schnüren oder einen Euro-Rettungsfonds zu schaffen. Am Ende stimmte die Bun-desregierung beiden Projekten zu, ohne ihren Mei-nungswechsel überzeugend erklären zu können.“
Ethik ist immer gut
 Das „Badische Tagblatt“ (Baden-Baden) beschäftigt  sich mit der ersten öffentlichen Anhörung der „Ethik-kommission sichere Energieversorgung“:
„Ethik hört sich immer gut an, und seit Hartz, Rürupund Süssmuth scheint es Ausdruck modernen Regierenszu sein, Experten zu Rate zu ziehen. Gleichwohl sagt die jüngste Anhörung mehr über die Inszenierung von Poli-tikausalsüberderenGehalt.Sofunktioniert Politikheu-te: die Öffentlichkeit beschäftigen. Das ergibt im Zwei- Wochen-Turnuseinenschönen Termin, an dem man Be-richte und Stellungnahmen in die Kameras haltenkann. Garniert wird die Show mit dem Geißler-Touchder Live-Übertragung, der Bürgernähe verspricht. Daskommt gut an, weil die Verpackung stimmt. Mal sehen,was bleibt, wenn man im Juni die Hülle wegnimmt.“
       F     o      t     o       J       ö     r     g       S     a     r       b     a     c       h
EndederEinarbeitungEinbisschenextremistischBurka-Verbot,zumZweitenDerFürsprecherDie„StundeEuropas“?VomWertderArbeit
Den Vorwurf der Spendenverschleierungerhebt die damalige Mittelstandsbeauf-tragtederStaatskanzleiinHannover,Bet-tina Raddatz. Sie bezichtigt auch sichselbst, an der Aktion beteiligt gewesenzu sein. Die heutige Referatsleiterin inder Staatskanzlei unter Ministerpräsi-dentDavid McAllister(CDU) hatteinei-nem Vermerk aus dem Sommer 1998Matthias Machnig, dem damaligen Lei-terderSPD-Wahlkampfzentraleundheu-tigen Wirtschaftsminister in Thüringen,über die Spende, die ausschließlich fürdie Anzeigenkampagne verwendet wer-den sollte, berichtet und diesen um Ant-wortgebeten,nachdemeinerstesSchrei-benanihnunbeantwortetgebliebenwar.In dem Vermerk, der auch dem Chef derStaatskanzleizugeleitetwurde,batsiezu-dem Steinmeier, er möge sicherstellen,dass auch Schröder wisse, dass der Spen-der „unbedingt anonym“ bleiben wolle.Der Vermerk, über den die ARD berich-tet, wurde mit dem Kürzel „FWS“ abge-zeichnet, das Steinmeier üblicherweisebenutzt.Steinmeier, der sich am Freitag nichtzudem Vorgang äußern wollte, hatte der ARD schriftlich bestätigt, ihm sei be-kannt gewesen, dass es eine solche Wäh-lerinitiative im Bundestagswahlkampf gegebenhabe.Zudemgeheerdavon aus,dass die Mittelstandsinitiative auch Kon-takt zum Mittelstandsreferat der Staats-kanzlei gesucht habe. „Wenn von dortaus Aktivitäten erfolgt sind, die in dieNähe zur Wahlkampfunterstützung ge-rückt werden, dann war selbstverständ-lich vorauszusetzen, dass solche politi-schenAktivitätenaußerhalbderdienstli-chen Verantwortung dieser Mitarbeitererfolgten“, schreibt Steinmeier. „Obüberhaupt, von wem und an welchenEmpfänger Geld überwiesen wurde“,entziehe sich seiner Kenntnis. Weiterschreibt Steinmeier: „Mir war damalsauch nicht bekannt, dass sich HerrMaschmeyer hinter der (...) Unterstüt-zungsaktion verbarg.“Mit seinem Verweis darauf, dass die Aktivitäten seiner Mitarbeiter „außer-halbderdienstlichenVerantwortung“er-folgten,weistSteinmeierdenVorwurfzu-rück,öffentlicheundparteipolitischeBe-lange miteinander vermischt zu haben.Zudem steht der Vorwurf eines Versto-ßes gegen das damals geltende Parteien-rechtimRaum.Juristischstrittigistzwei-erlei:ZumeinenmussdieBundestagsver-waltung prüfen, ob es sich bei den150 000 Mark um eine verdeckte Partei-spende handelt beziehungsweise umeine Spende, die durch die Partei gebil-ligt wurde, was der an Machnig gerichte-te Vermerk nahelegt. Dann hätte der ei-gentliche Spendername der Bundestags-verwaltung gemeldet werden müssen.Im Falle von Spenden für eine Wähler-initiative greift indes das Parteiengesetznicht, folglich gibt es keine Verpflich-tung zur Offenlegung der Spenderna-men. Der Mittelsmann soll laut ARD-In-formationen der Chefredakteur einesFachmagazins sein, der Frau Raddatzschriftlich mitgeteilt habe, „als Clearing-stelle“ für Maschmeyer aufzutreten.Zum anderen ist juristisch relevant,dass der Vorgang 13 Jahre zurückliegt.Nach dem 1998 geltenden Parteienrechtgibt es keine Verjährungsfrist für Verstö-ße gegen das Parteiengesetz. 2002 führteder Bundestag aber eine Verjährungnach zehn Jahren ein. Die Bundestags-verwaltung ist der Auffassung, dass der VorganganderdamalsgeltendenRechts-lage zu messen sei. Die „Klärung einesSachverhaltes“ ist der erste formaleSchritt, den die Bundestagsverwaltungim Falle konkreter Hinweise unterneh-men muss.Bislang war lediglich nachträglich be-kanntgeworden, dass Maschmeyer imFrühjahr 1998 im niedersächsischenLandtagswahlkampf eine Anzeige mitdemTitel„DernächsteKanzlermusseinNiedersachse sein“ finanzierte. Da die Wahl als Vorentscheidung für die SPD-Kanzlerkandidaturgalt,habeMaschmey-er, wie er später mitteilte, sicherstellenwollen, dass Schröder und nicht OskarLafontaine im Herbst des gleichen Jah-res gegen Helmut Kohl antreten würde.MADRID, 29. April. Die Toten von Mar-rakesch sind aus der Sicht der islamisti-schen Terroristenin Marokkound seinemSahara-Umland nur ein „Kollateralscha-den“.DieeigentlicheZielscheibedesmut-maßlichen Selbstmordattentäters warennicht die Franzosen, Kanadier, Holländerund einheimischen Angestellten des Ca-fés Argana, die ihr Leben oder ihre Ge-sundheit verloren. Im Visier standen viel-mehr der „Reformkönig“ Mohammed VI.undderwestlicheTourismusschlechthin. Von den ägyptischen Pyramiden bis zuder Synagoge von Djerba schlugen schon Attentäter zu, um die „Ungläubigen“ vonden Stränden und Sehenswürdigkeiten zuvertreiben. Nun traf es Marokkos „Perledes Südens“, und damit eine Hauptein-nahmequelle des Landes, ins Herz. Zu-sammen mit den Trümmern von Marra-keschwurdenamFreitaginMarokkoauchdie Illusionen beseitigt, dass das inmittender „Arabellion“ noch auffallend friedli-cheundstabilealawitischeKönigreichun-gestört seinen eigenen Weg zu mehr De-mokratie, Freiheit und politischer wiewirtschaftlicher Modernisierung gehenkönne. Die Identität des Mannes, der an-geblichimCaféeinenOrangensaftbestell-te, einen Rucksack abstellte und entwederunbemerkt flüchtete oder sich Minutenspäter selbst in die Luft sprengte, konntenoch nicht festgestellt werden; auch stehtdie Frage im Raum, ob er ein Einzelgän-gerodereineMarionettederOrganisation„Al Qaida im islamischen Maghreb“ war.Doch eines steht schon fest: Mit den jun-gen Leuten, die inder„Bewegung 20.Feb-ruar“ seit zwei Monaten Kundgebungenorganisieren und mehr Arbeit und Mei-nungsfreiheitverlangen,hattederAttentä-ter nichts gemein – im Gegenteil.Der marokkanische Wirtschafts- undFinanzminister Salahedine Mezuar, deram Tag des Verbrechens in Madrid vonKönigJuanCarlosempfangenwurde,hat-te wohl recht, wenn er sagte: „Die Terro-risten wollten einfach Blut sehen und denReformprozess stören.“ Das sah KönigMohammed VI., der am gleichen Tag inFes eine Kabinettssitzung leitete, den An-gehörigen der Opfer sein Beileid aus-drückte und versprach, für die Kosten derBeerdigungen und der Transfers aufzu-kommen, nicht anders. Er hat sich unterdem Druck der Straße und mit Blick auf die abschreckenden Beispiele tyranni-scher Nachbarn zwischen Nordafrika undNahostmitseineram9.Märzangekündig-ten Verfassungsreform auf prekäres Ge-lände begeben. Manchem Berater im Pa-last gehen die geplanten Veränderungen,die eine Selbstbeschneidung der Machtdes Monarchen einschließen sollen,schon zu weit. Den Islamisten missfällthingegen grundsätzlich die ganze Rich-tung, die der König seit seiner Thronbe-steigung im Jahr 1999 eingeschlagen hat,vor allem zur Stärkung der Frauenrechte.Und der unzufriedenen, gut ausgebilde-ten jungen Generation mit dürftigenChancengehtderbisweilenstockendeRe-formprozess viel zu langsam.Es ist nicht wahrscheinlich, dass das Verbrechen von Marrakesch den westlichorientierten König von seinem Kurs hinzu mehr demokratischem Wandel abbrin-gen wird. Sein Informationsminister JalidNaciri bestritt solche Befürchtungen amFreitag auch mit Nachdruck. Mehr Vor-sicht ist aber angezeigt, und das Tempomagsichnichtgeradebeschleunigen.Dar-aufsetzendiereaktionären„Traditionalis-ten“,dieMarokkoamliebstenineinenre-publikanischen „Gottesstaat“ verwan-deln und auf den König als höchste reli-giöse Autorität ganz verzichten würden.DienordafrikanischenTurbulenzenha-ben inzwischen auch Marokkos Touris-mus mit einem Rückgang von geschätz-ten zwanzig Prozent im ersten Quartaldieses Jahres schon beträchtlich gescha-det. Marrakesch, das mit seinen hundertHotels über rund ein Fünftel der Touris-tenbetten des Landes verfügt, ist nunebenfallsmarkiert.DieausländischenRei-senden sind Marokkos zweitgrößte Devi-sen-Einnahmequelle, nach den Überwei-sungenderAuswandererundvorallenEx-porten. Hier könnte die Regierung, dieseit dem 20. Februar kostspielige Konzes-sionen Subventionen, Lohnerhöhun-gen,Rentenzulagen–gemachthat,beioh-nehin schon stattlichem Haushaltsdefizitzusätzlich in Bedrängnis geraten.Es ist nicht ausgemacht, ob die Draht-zieher des Attentats tatsächlich, wie vomInformationsminister angedeutet, in derim Jahr 2007 gegründeten Organisation„AlQaidaimislamischenMaghrebzusu-chen sind. Dieser nordafrikanische Able-ger von Bin Ladins Terrorbande, der inderSahelzoneerratischundoffenbarweit-gehend autonom agiert, beschäftigt sichals „Unternehmen“ vor allem mit lukrati-ven Entführungen sowie Waffen- undRauschgifthandel. Religion und Ideologiescheinen eher zweitrangig zu sein. DasNetz, das zum Teil in einem nur schwer zukontrollierenden Wüsten-Niemandslandoperiert, destabilisiert indes in der gesam-tenRegionschwacheStaatenmitgeringenRessourcen.DassdiewegendesWestsaha-ra-Konflikts und anderen Rivalitäten ver-feindeten Nachbarn Marokko und Alge-riennichtbesserimKampfgegendenTer-rorismus kooperieren, verschafft diesemzusätzlichen Spielraum.DerAnschlag vonMarrakesch,beidemmindestens 16 Menschen getötet und 21weitere verletzt wurden, lenkt indes denBlick abermals auf das einheimische Ter-roristen-Biotop.Eswarenzwölfmarokka-nische Selbstmordattentäter, keine infil-trierten „heiligen Krieger“ von anderswo,die im Mai 2003 in Casablanca bei einer Attentatsserie 33 Menschen und sichselbst umbrachten. Ein Jahr später, als inMadrid Islamisten angeblich „wegen desIraks“Vorortzügesprengtenundeinnochgrößeres Massaker anrichteten, warendie meisten Täter ebenfalls Marokkaner. Wiederum in Casablanca kam es im Jahr2007 zu gleich drei ähnlichen Zwischen-fällen: Im März verletzte ein Selbstmord-attentäter, der kurz davor aus dem Ge-fängnis entlassen worden war, zweiLandsleute in einem Café und brachtesich um; im April wurden zunächst vierTerroristen getötet, als sie von der Polizeigestellt wurden, und wenig später zweiweitere, die ihre Sprengstoffgürtel bei ei-nerVerfolgungsjagddurchdieSicherheits-behörden zur Explosion brachten.Die Wirtschaftsmetropole des Landesmit ihren trostlosen Armenvierteln hatsich als ein wichtiger Nährboden für jun-ge Marokkaner erwiesen, die von lokalenImamenaufgehetztundvon„AlQaidaimislamischen Maghreb“ zumindest punktu-ell mit Waffen, Geld und Indoktrinie-rungsmaterial versorgt werden. Manchevon ihnen endeten inzwischen als „Got-teskrieger“ auch in Kabul und Bagdadoder sind als „Schläfer“ in westeuropäi-schen Al-Qaida-Zellen untergetaucht.Die marokkanische Regierung und dieSicherheitsbehördenwolltensichamFrei-tag trotz erster Verdachtsmomente nochnicht zu vorschnellen Schlüssen über Ur-heber und Hintergründe des Verbrechensvon Marrakesch hinreißen lassen. Ge-prüft wurde unter anderem, ob der Tätermöglicherweise zu den vom König am 14. April begnadigten und aus dem Gefäng-nis entlassenen Islamisten gehörte. Diemeistensaßenin Zusammenhang mitden Attentaten von Casablanca im Jahr 2003in Haft. Damals hatte Mohammed VI.,der sich mit versöhnlichen Gesten einge-führt und dem Treiben der Islamisteneine Weile geduldig zugesehen hatte, das„Ende der Laxheit“ angekündigt. Mehre-re tausend suspekte Radikale wurden ein-gesperrt. Es mag sein, dass er nun denSatz seiner damaligen Rede an die Nationwiederholen muss, der da lautete: „Esmüssen alle diejenigen unschädlich ge-machtwerden,diedieDemokratieausnut-zen, um die Autorität des Staates zu ge-fährden, und Ideen verbreiten, um Zwie-tracht und Fanatismus zu säen.“
Heute
STIMMEN DER ANDEREN
STREIFZÜGE
mas. BERLIN, 29. April. Bundesver-kehrsminister Ramsauer (CSU) will dasFlensburgerPunkteregisterfürVerkehrs-sünder reformieren. „Das Punktesystemsolleinfacher,transparenterundverhält-nismäßigerwerden“,sagtederCSU-Poli-tiker. Die Einstufung von Verkehrsdelik-ten solle praxisnah überprüft werden.DieDetailsderimKoalitionsvertragver-abredeten Reform stehen allerdingsnoch nicht fest. Gründlichkeit gehe vorSchnelligkeit, sagte Ramsauers Spre-cher. Die Neuregelung solle noch in die-ser Legislaturperiode verwirklicht wer-den.ErwidersprachVermutungen, nachdenen die Grenze für den Verlust desFührerscheinsvonheute18 auf20Punk-te erhöht werde.Überlegt wird offenbar, die Punktefür Verstöße getrennt zu erfassen undfür sich verjähren zu lassen. Bisher füh-ren neue Punkte dazu, dass das Punkte-konto nicht auf null zurückfällt. Ohneneue Verstöße werden die Punkte jenach Vergehen nach zwei bis zehn Jah-ren gelöscht. „Es gibt viele Stellschrau-ben, an denen man drehen kann“, sagteder Sprecher des Verkehrsministeriumsausweichend. Der CSU-RechtspolitikerNorbert Geis äußerte gegenüber der„Bild“-Zeitung Zweifel, ob das Fahrenin einer Umweltzone ohne entsprechen-de Plakette mit einem Punkt bestraftwerden sollte. „Bei der Ahndung vonOrdnungswidrigkeiten sollte der Aspektder Verkehrssicherheit im Vordergrundstehen“, äußerte Geis. Nachvollziehba-rer wäre es, unfallträchtige Vergehenwie das Telefonieren mit dem Handywährend der Fahrt härter zu bestrafen –mit drei statt bisher zwei Punkten. WiedasVerkehrsministeriumamFrei-tag mitteilte, können Verkehrssünder absofort ihren aktuellen Punktestand mitdem neuen Personalausweis im Scheck-kartenformat und einem entsprechen-den Lesegerät „online“ beim Kraftfahrt-Bundesamt abfragen. Bisher musste je-der Antrag schriftlich ausgefüllt und zu-sammen mit einer beglaubigten KopiedesPersonalausweises mit der PostnachFlensburg geschickt werden. Das Amtverschickt jedoch die Auskunft aus Da-tenschutzgründenzunächstweiterinPa-pierform. Mittelfristig soll dasAmt auchüber das Internet antworten.
Lübeck 
1998:
Schröder und Steinmeier 
Foto dpa
FortsetzungvonSeite1
 Vorwürfe gegen Steinmeier 
 Für ein Brandtmal 
Gegen„ReformkönigundTourismus
Ramsauer will Punkteregister in Flensburg reformieren
„Einfacher,transparenter“ / ÄnderungenbeiVerjährung?
 In Berlin
Noch steht nicht fest, wer das Attentat von Marrakesch vomDonnerstag verübt hat. Dochklar ist, dass damit der Druckauf Mohammed VI. wächst.
Von Leo Wieland
Am Freitag in Marrakesch:
Polizisten vor dem zerstörten Café Argana
Foto dapd
 
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG SAMSTAG, 30. APRIL 2011
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NR. 100
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SEITE 3
Politik
D
ie Ehe wurde mit einemLiebeskuss besiegelt. Derzärtliche Moment krönteden glücklichsten allerTage. Die Zeremonie warhimmlisch. Und es wurdeeinemächtigeLiebe, anderdie ganzeNa-tion Anteil nimmt – diese Zitate aus derenglischen Boulevardpresse aus demJahr 1981 beweisen, dass auch bei Prin-zenhochzeiten das Ja nicht das letzte Wort ist. Das einzige, was halbwegs wahrwurde an den vorschnellen Urteilen überdie Ehe von Prinz Charles und Lady Dia-na, ist das: Die ganze Nation und die gan-ze Welt nahmen Anteil an dieser Ehe,vor allem an ihrem Scheitern.Geschichte wiederholt sich nicht. Wieum diesem Lehrsatz unter die Arme zugreifen, wählten Prinz William und KateMiddleton für den Freitag nicht die StPaul’s CathedralalsHochzeitskirche,son-dern Westminster Abbey. Das böseOmen einer Ehe, die unter öffentlicher Anteilnahme auf ganzer Linie scheitert,ist damit freilich nicht abgewendet. Weram Freitag die Hunderttausenden an denStraßen von London sah, die Kamera-kaskaden am Queen-Victoria-Denkmal,die wild gewordenen Fotografen vor der Westminster-Abtei, den könnte ein mul-miges Gefühl beschleichen angesichtsder Wucht, mit der ein eigentlich priva-tes Ereignis zu einem öffentlichen Eventvon globaler Dimension vergrößert undvergröbert wird.Da passt es gut, dass der Prinz, der ver-mutlich nicht so lang auf den Thron wirdwarten müssen wie sein Vater, sein Ja-worteinerBürgerlichengibt. Sohaterge-wissermaßen dasPublikumgleich mitge-heiratet, dem vom wichtigsten Königs-haus der Welt noch nie ein so schönesIdentifikationsangebot unterbreitet wur-de. Catherine Middleton, die aus zu Geldgekommenen einfachen Verhältnissenstammt, repräsentiert mit ihrem pragma-tischen Aufstiegswillen nicht nur eineGeneration. Mit ihrer provinziellen Tat-kraft, der es an Meinungsfreude mangelt,könnte sie sogar für junge Frauen zu ei-ner Symbolfigur eines postideologischenZeitalters werden.DenKönigshäuserninDänemark, Nor-wegen, Spanien, Schweden und den Nie-derlanden, die im vergangenen Jahr-zehntHochzeitenmitBürgerstöchterner-lebten, haben die „Ehen zur linkenHand“ nicht geschadet. Im Gegenteil,auch die kontinentaleuropäischen könig-lichen Hochzeiten haben schon gezeigt,dass das Interesse der Öffentlichkeit vonEhen mit Nichtebenbürtigen angesta-chelt wird. Die Legitimität einer Monar-chie muss beim Volk auch dann nichtschwinden, wenn die Monarchen das Volk umarmen. Am Freitag zeigte sich das in allerPracht,diedasEmpirevoneinstaufzubie-tenimstandeist.London erlebteGefühls-wallungen wie seit dem Tod PrinzessinDianas nicht mehr. Auf Nauru, Kiribati, Vanuatu und Tuvalu war eigens für Fern-sehempfang gesorgt worden. Die Baha-masfeierten eineRoyalWeddingTeaPar-ty. In englischen Vorgärten wehten Wim-pel. Glanz und Gloria schienen noch indie letzte Hütte des versunkenen Welt-reichs, auch wenn die Inszenierungdurchschaubar war. Wäre Frankreichnicht,das Mutterland bürgerlicherSelbst-behauptung, wo antibritisches Ressenti-ment zur Folklore gehört – man hätteglauben können, dieser Prinz hätte dieganze Welt umarmt. WirDeutschenwollenunsdanichtaus-nehmen. Mindestens vier Sender berich-teten am Freitag stundenlang live. VieleFrauen nahmen sich frei, um zu Hauseoder beim „Public Viewing“ ihren Ar-beitsalltag hinter sich zu lassen. Sogarheiratsmüde Männer sollen sich verein-zelt dazu gesetzt haben. Der Prinz unddie Prinzessin scheinen in unseremLand, das lange seinen alten Kaiser Wil-helm wiederhaben wollte, erhört zu wer-den. Eine Emnid-Umfrage fand heraus,dass sich jeder zehnte Deutsche einenMonarchen wie in Britannien wünscht.Die trotzige Verehrung für Karl-Theo-dor zu Guttenberg, die sich nach seinemRücktritt noch steigerte, offenbarte ge-rade erst einen verblüffenden Respektvor den Namensbestandteilen „von“ und„zu“. Die Bürger erkennen wohl, dass der Adel keine wirtschaftlich, politisch oderkulturell herausgehobene Bedeutungmehr hat. Aber die gesellschaftliche Stel-lung hebt viele vermeintliche Randfigu-renüberdas Tagesgeschehen.Wenndazunoch Gestus, Habitus, Besitz, eine schö-ne Frau und eine glückliche Familie tre-ten – dann kann sich auch eine bürgerli-che Gesellschaft nicht freisprechen vongroßen Gefühlen. Die Politikverdrossen-heitscheintnichtnurdenDrangdesWut-bürgers zur direkten Demokratie zu ver-stärken – sondern auch die Begeisterungzumindest seiner Frau für höhere Stände.Die Anteilnahme in aller Welt an demFesttag lässt sich jedenfalls nicht nur auf den Kleinmädchentraum zurückführen,miteinemZauberwort ausdemgewöhnli-chen Leben herausgehoben zu werden. Vielmehr scheint die schwache Ahnungvon absoluter Herrschaft, der zarte Reizdes Vordemokratischen, in rundum ver-walteter Zeit magisch zu wirken. Loyali-tät, Traditionalität und Patriotismus ver-schränken sich an einem solchen Tag wiedie Union-Jack-Flaggen an der Mall. InZeiten, in denen die Optionenvielfaltdauernd „Gelegenheitsfenster“ öffnet,ist es unzeitgemäß, dass hier ein jungerPrinz das Fenster zum Balkon des Buck-ingham Palace aufstößt, um der Welt zuzeigen, dass sich mit diesem Auftritt alleanderen Fenster für ihn schließen. Sohilft Prinz William, der in viel jüngerem Alter heiratet als sein Vater, nämlich mit28 statt mit reifen 42 Jahren, mit seinempersönlichenBekenntnisdergesellschaft-lichen Bindungskraft der Monarchie.In Zeiten des Bindungsverlusts ist dasoffenbar schon eine Leistung, die diesemTag eine staatspolitische Note verleiht.Dass Kirchen,Gewerkschaften,Parteien, Verbände an Anziehungskraft verlieren,dass diebritischeRegierung mitSparpro-grammen das Volk gegen sich aufbringt,dass auch Katastrophen wie in Fukushi-ma Unsicherheiten hervorrufen – das al-les verlangt geradezu nach einem ruhen-den Zentrum, nach einer Autorität, wiesie Königin Elisabeth II. auch am Freitagin ihrer stoischen Unerschütterlichkeitausstrahlte.An diealtenSittenundRitua-le, das ist die Botschaft dieses Tages,kann man sich noch immer halten. Undder großzügig mitgelieferte Pomp ersetztder vom Glauben abgefallenen westli-chen Welt den schönsten Gottesdienst. Auch die königliche Familie hat ihreSchwierigkeiten. Dass man Prinz An-drews ehemalige Frau Fergie nicht zurHochzeit eingeladen hatte, war dafür amFreitag der anekdotische Beweis. Aber dieinnerfamiliäre Tradierung, die strengenRangordnungen, die festgefügte Thronfol-ge mit ellenlangen Namenslisten bietenein Gegenbild zu den Patchworkfamiliender westlichen Welt. Prinz William selbstlitt unter den Brüchen seiner Biographie,der Trennung der Eltern, dem Tod derMutter. Die Hochzeit markiert auch dieÜberwindungdieses Lebensabschnitts. Somachte es die Monarchie am Freitag denNormalsterblichen noch leichter zu glau-ben, dass die zärtlichen Momente, diehimmlische Zeremonie, die mächtige Lie-be auch ihnen galten.
WimpelimletztenWinkel
Am Buckingham-Palast:
Zuschauer und Reporter recken Fähnchen, Kameras und Mikrofone in die Luft.
Foto Getty
In der Bundespressekonferenz in Berlin:
Regierungssprecher Steffen Seibert verfolgt, gespiegelt rechts im Bild, die Übertragung der königlichenHochzeit – das Herz verborgen hinter Akten.
Foto dapd
In London:
Zwei falsche Bräute sind gerüstet fürs Zuwinken und Zuprosten.
Foto AFP
Nicht die Himmelsmachtder Liebe, sondern der zarteReiz des Vordemokratischenhat die Welt in den Banndes britischen Königshausesgezogen. Die Medien habennachgeholfen.
Von Alfons Kaiser 
Auf dem Campus von St. Andrews:
WoPrinzWilliamundKatein Schottland studierten, feiert Jung mit Alt.
Foto AFP
Am Parliament Square, London:
Ein Burger-Monarch feiert durch.
Foto Reuters
In Tunbridge Wells, Südostengland:
Eine Straße feiert sich und die Royals.
Foto AFP

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