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Hannoversche Allgemeine Zeitung 20110430

Hannoversche Allgemeine Zeitung 20110430

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05/18/2013

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Inlandausland
SPD will Burka-Verbot beraten
Wulff in LateinamerikaBundeswehr unterfinanziertHeftige Kämpfe in MisrataUN helfen Nordkorea
Wien verschärft Fremden
rechtViel Prominenz im Vatikan
Berlin:
DerSPD-Bundestagsfraktionsvize,Axel Schäfer, hat sich für ein Verbot vonBurkas in der Öffentlichkeit ausgespro-chen. „Die Burka ist kein religiöses Sym-bol, sondern ein Symbol der Unterdrü-ckung der Frauen“, sagte er am Freitag„SpiegelOnline“.„MiteinerfreiheitlichenDemokratie wie unserer ist ein Vollschlei-er nicht vereinbar.“ Schäfer ergänzte, erwerde ein mögliches Burka-Verbot in sei-ner Fraktion zum Thema machen. Er for-derte alle im Bundestag vertretenen Par-teienauf,darüberzudiskutieren. epd
Berlin:
Bundespräsident Christian Wulffreist heute zusammen mit seiner FrauBettina für acht Tage zu Staatsbesuchennach Mexiko, Costa Rica und Brasilien.Er will damit die langfristig angelegtePartnerschaft Deutschlands mit Latein-amerikaaufdenGebietenderWirtschaft,Wissenschaft und Kultur stärken. „DieLänder Lateinamerikas sind unverzicht-bare Partner bei der Bewältigung globa-ler Herausforderungen“, sagte Wulff vorder Abreise. dpa
Köln:
DerBundeswehrfehlenbis2014min-destens 4,5 Milliarden Euro für die ge-plante Reform. Zu diesem Schluss kommteine Untersuchung der Bundeswehr-Uni-versität in München. „Falls an der mittel-fristigen Finanzplanung festgehaltenwird,bleibtdieBundeswehrerheblichun-ternanziert“, heißt es in dem Papier desMilitärökonomie-Professors JürgenSchnell. Betroffen wären die Betriebsaus-gaben,vorallemaberdieAusgabenfürdieAusrüstung der Truppe mit einer geplan-tenStärkevon185000Soldaten. dpa
Misrata:
Rebellen und Regierungstrup-pen haben sich am Freitag heftige Ge-fechte um den Flughafen der libyschenRebellenhochburg Misrata geliefert. Seitden frühen Morgenstunden waren rundum den Airport Explosionen und heftigesMaschinengewehrfeuer zu hören. NachAngaben der Rebellen griffen Panzer dieseit zwei Monaten belagerte Stadt zeit-gleich von Osten, Süden und Westen an.Nach Krankenhausangaben gab es biszum Mittag mindestens fünf Tote und 16Verletzte. afp
Rom:
Das Welternährungsprogramm(WFP) hat eine Nothilfeaktion für Nord-korea gestartet. Dort benötigten rund 3,5MillionenMenschendringendNahrungs-mittelhilfe, teilte das WFP am Freitag inRom mit. Vor allem Frauen und Kinderseien auf zusätzliche Lebensmittel ange-wiesen. Der Gesundheitszustand vielerNordkoreaner, die ohnehin kaum genugzu essen hätten, habe sich aufgrund derNahrungsmittelknappheit extrem ver-schlechtert. Die Nothilfe ist für ein Jahrgeplant und soll umgerechnet rund 135Millionen Euro kosten. kna
Wien:
Das österreichische Parlament hatam Freitag nach monatelanger Debattemehrere umstrittene Änderungen imFremdenrechtbeschlossen.Währendeini-ge Regelungen den Zuzug von erwünsch-ten Arbeitskräften erleichtern, weht vorallem Asylbewerbern ein härterer Windentgegen. Einer der zentralen Punkte desneuen Fremdenrechts ist die Einführungeiner Rot-Weiß-Rot-Card, die über einPunktesystem erwünschte Zuwandererklassiziert. Kriterien zum Punktesam-meln sind noch im Heimatland erworbeneDeutschkenntnisse, ein junges Alter odereinespezielleBerufsausbildung. dpa
Rom:
Zur Seligsprechung von Papst Jo-hannes Paul II. am Sonntag in Rom wer-deninsgesamt87ausländischeDelegatio-nen erwartet. Darunter seien 16 Staats-und sechs Regierungschefs sowie Vertre-ter von fünf Königshäusern, teilte derVatikan am Freitag mit. Zu den Staats-chefs zählen unter anderen der polnischePräsident Bronislaw Komorowski, Mexi-kos Präsident Felipe Calderón sowie deritalienische Präsident Giorgio Napolita-no. Insgesamt sind 2300 Journalisten ausmehr als hundert Ländern für das Ereig-nis akkreditiert. afp
BlIckpunkt VerkehrssIcherheIt
Flensburger Punkte sollen leichter verjähren
Hannover.
Vor allem Vielfahrer dürftees freuen: Im Bundesverkehrsministeri-um wird derzeit an einer Reform derFlensburger Verkehrssünderdatei gear-beitet.„DasPunktesystemsolleinfacher,transparenter und verhältnismäßigerwerden“, sagte BundesverkehrsministerPeter Ramsauer (CSU). Die entscheiden-de Änderung, die Ramsauers Ministeri-um anstrebt: Man soll künftig seinePunkte schneller wieder loswerden kön-nen. Bislang verjähren Punkte in Flens-burg nur dann, wenn man mindestenszwei Jahre lang keinen einzigen neuenPunkt kassiert hat. Eine solche Ände-rungwürdedieFlensburgerKarteideut-lich entschärfen. Aber die angedachteReform, die im Grundsatz bereits im Ko-alitionsvertrag vereinbart worden war,gehtnochweiter.ImWesentlichenistFol-gendes angedacht:
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Die Punkte für einbestimmtes Vergehensollen grundsätzlichnach zwei (eventuellauch erst nach drei)Jahren verfallen, un-abhängig davon, obinnerhalb dieser ZeitweiterePunktedazu-gekommen sind.
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Die Grenze, bei derder Führerscheinentzogen wird, sollmöglicherweise von18 auf 20 Punkte an-gehoben werden.
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Die Liste der Vergehen, die mit Punk-ten bestraft werden, soll überarbeitetwerden. Vor allem soll sich diese Liste ander Verkehrssicherheit und nicht mehrallein an der Höhe der Geldstrafe orien-tieren. Bislang kassiert ein AutofahrerautomatischeinenPunkt,wenndieGeld-strafe mindestens 40 Euro beträgt. Die-sen Automatismus soll es künftig nichtmehr geben. So könnte beispielsweiseFahren in einer Umweltzone ohne ent-sprechende Plakette (bisher 40 Euro undein Punkt) künftig nur noch mit einerGeldstrafegeahndetwerden–weildiesesVergehenzwardieUmwelt,nichtaberdieVerkehrssicherheit gefährdet. Anderer-seits könnte das Telefonieren am Steuer(bisher ebenfalls 40 Euro und ein Punkt)künftig mit zwei Punkten bestraft wer-den.
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Autofahrer sollen ihren FlensburgerKontostandauchonlineabfragenkönnenvorausgesetzt, sie verfügen über denneuen Personalausweis im Scheckkar-tenformat und ein entsprechendes Lese-gerät. Bisher sind solche Abfragen nurperPostmiteinerbeglaubigtenKopiedesPersonalausweises möglich.Nach Auskunft des Verkehrsministeri-ums gilt dieser letzte Punkt ab sofort.AlleanderenÄnderungensindnochnichtbeschlossen,sondernsollenjetztmitLän-dern, Verkehrsexperten und Fachleutenaus der Praxis beraten werden. Ziel seies, die Verkehrssicherheit insgesamt zuerhöhenunddasPunktesystemnachvoll-ziehbarer zu machen, sagte ein Sprecherdes Bundesverkehrsministeriums. EinkonkretesDatumfürdieUmsetzunggibtesnochnicht,dieFachleuteinRamsauersMinisterium arbeiten aber bereits an ei-nem konkreten Gesetzentwurf. Bis zumSommersollendieEckpunktestehen,einGesetz soll im kommenden Jahr vorlie-gen.Aus den Reihen der Opposition regtesich gestern bereits Widerstand gegenRamsauers Pläne. „An der Schraubewürde ich nicht drehen“, sagte der Vor-sitzende des Bundestags-Verkehrsaus-schusses, Winfried Hermann (Grüne),der „Mitteldeutschen Zeitung“. AuchSPD-Verkehrsexperte Hans-JoachimHacker sprach von einem „verkehrtenSignal“gegenübernotorischenVerkehrs-sündern.
 
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TagdesZornsinSyrien
Kairo.
Trotz scharfer Warnungen desRegimes und massiver Militärpräsenzsind am Freitag in Syrien erneut Zehn-tausende Demonstranten auf die StraßengegangenundhabendenSturzvonPräsi-dent Baschar al-Assad gefordert. In Vor-orten von Damaskus sowie der Hafen-stadt Latakia feuerten Sicherheitskräftemit automatischen Waffen in die Menge –bei ähnlichen Massenkundgebungen voreinerWochehatteesmehrals120Totege-geben. Große Protestmärsche wurdenauchausHama,HomsundDeirez-Zorso-wie aus der kurdischen Metropole Qa-mishly und der Küstenstadt Banias ge-meldet.„Wir fordern den Sturz des Regimes“,skandierten die Menschen, „Allah, Sy-rien,Freiheitundsonstnichts“sowie„So-lidarität mit Daraa“. Zum ersten Mal seitBeginnderUnruhenschlosssichdieMus-limbruderschaft dem Aufruf zum „TagdesZorns“aufFacebookan.In der von der Armee belagerten StadtDaraa hinderten Soldaten die Bewohner,zum Freitagsgebet zu gehen. In Damas-kus blockierten die RepublikanischenGarden des Präsidenten bereits am frü-hen Morgen mit aufgepanzten Maschi-nengewehrenalleZufahrtsstraßen.Unterdessen mehren sich die Berichteüber Befehlsverweigerung und Meutereibei regulären Truppenteilen. Ein Augen-zeugeberichteteimTV-SenderAlDscha-sira, Soldaten der 5. Division, die über-wiegendausWehrpichtigenbesteht,hät-tensichvorderOmari-undderBilil-Mo-schee im Stadtzentrum stundenlangeFeuergefechtemitdenElitetruppender4.Division geliefert, die unter dem Kom-mandovonAssad-BruderMaheral-Assadstehen. Ein anderer Augenzeuge erklärte,er habe mindestens 20 Soldaten gesehen,diesichvonihrerEinheitabgesetztundineinWohnhausgeüchtethätten.Zweivonihnenseiendabeigetötetworden.NachAngabenderBewohnerausDaraagehen die Essensvorräte zur Neige. DasMilitär lasse keine Lebensmittel in dieStadt und habe alles verbliebene Mehlkonsziert. Strom-, Wasser- und Telefon-leitungen sind unterbrochen. Es fehlt anMedikamentenundVerbandszeug.EinigeFrauen und Kinder konnten offenbar zuFuß entkommen und sich über die grüneGrenze im wenige Kilometer entferntenJordanieninSicherheitbringen.Als Reaktion auf die Unruhen hat dasAuswärtige Amt gestern eine Reisewar-nung für Syrien herausgegeben. Deut-schen, die sich noch in Syrien aufhalten,empehlt das Ministerium die sofortigeAusreise mit kommerziellen Flügen, so-lange dies noch möglich und sicher ist.Unterdessen berieten die ständigen Bot-schafterbeiderEuropäischenUnion(EU)amFreitagübermöglicheSanktionenge-gen die syrische Führung. Zur Debattestehen Reisebeschränkungen für Verant-wortliche des Regimes. Außerdem könn-ten Finanzhilfen für das arabische Landeingefrorenwerden.
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Zehntausende ignorieren Demonstrationsverbot /AuswärtigesAmt warnt vor Reisen
Syrische Demonstranten – hier ein Ausschnitt aus einem Internetvideo – protestieren in Banias gegen das Regime Baschar al-Assads.
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Marokko will Reformen vorantreiben
Marrakesch/Berlin.
Marokkos Regie-rung willungeachtet desTerroranschla-ges auf das Touristencafé „Argana“ inMarrakesch an dem politischen Reform-prozess festhalten. „Wir werden unstrotz dieser Destabilisierungsversuchenicht davon abhalten lassen“, sicherteInformationsminister Jalid Naciri amFreitag zu. Hinter dem Blutbad vermu-ten die marokkanischen Sicherheits-kräftedennordafrikanischenAl-Qaida-Ableger AQMI.Bundeskanzlerin Angela Merkel ver-urteilte den Anschlag als „barbarisch“Sie übermittelte König Mohammed VI.in einem Kondolenzschreiben ihre An-teilnahme. „Mit Abscheu und Entsetzenhabe ich die Nachricht von dem schreck-lichen Terroranschlag in Marrakeschvernommen, dem viele Menschen zumOpfer gefallen sind“, schrieb sie.Der Monarch hatte unter dem Ein-druck der Proteste in arabischen Län-dern eine weitreichende Verfassungsän-derung angekündigt, die seine eigeneMacht einschränken und das Parlamentstärken soll. Zudem hatte er vor zweiWochen fast 200 Häftlinge begnadigt,darunter auch viele Islamisten.Bei dem Attentat auf dem berühmtenJamaa el-Fna-Platz waren am Donners-tag 16 Menschen getötet und 21 verletztworden, die meisten von ihnen ausländi-scheUrlauber.UnterdenTotensindnachInformationen aus Paris und Den Haagsechs Franzosen und ein Niederländer.Nach Angaben der örtlichen Behördenstarben zudem zwei Kanadier und vierMarokkaner. Unbestätigten Berichtenzufolge wurden auch eine hochschwan-gere Israelin und ihr aus Marokko stam-mender Ehemann getötet.Erst vergangene Woche hatten mut-maßliche marokkanische Mitglieder derTerrororganisation„AlQaidaimislami-schen Maghreb“ (AQMI) im Internet mitAnschlägeninMarokkogedroht.AlsBe-gründung nannten sie die jahrelangeUnterdrückung von Islamisten in demLand.Nach den Ermittlungen der Polizeiwar der Sprengsatz mit Nägeln gespickt,um seine tödliche Wirkung zu verstär-ken. Ob tatsächlich ein Selbstmordat-tentäter das Massaker anrichtete, warunklar.Auf den Straßen um Marrakesch undam Flughafen gab es starke Polizeikon-trollen.IndenHotelswurdendieSicher-heitsvorkehrungen verschärft.Die großen deutschen Reiseveranstal-ter behielten trotz des Anschlages Mar-rakesch im Programm. Das AuswärtigeAmt rate lediglich zu erhöhter Aufmerk-samkeitinMarokko,hießeszurBegrün-dung.
Recht auf Mitgliedschaft
Homburger vor Ablösung
Hannover
(mko). Im Verfahren derSPD gegen Thilo Sarrazin ist nach An-sicht der langjährigen niedersächsi-schen SPD-Politikerin Inge Wettig-Da-nielmeier „vieles falsch gelaufen“.Sarrazin, ehemals sozialde-mokratischer Finanzsenatorin Berlin und später Vor-standsmitglied der Bundes-bank, hatte den Integrations-willen und die Integrationsfä-higkeit großer Teile der Zu-wanderer in Zweifel gezogen.Alserdiesnochmitbesondersstrittigen Aussagen über dieVererbung von Intelligenzverbunden hatte, war gegenihn ein Parteiausschlussver-fahren in Gang gesetzt wor-den.DasAusschlussverfahrenwurde jedoch am Gründon-nerstag überraschend wieder gestoppt,nachdem Sarrazin von Missverständ-nissen gesprochen hatte.„Die SPD muss sich mit solchen Mei-nungen auseinandersetzen, hart ausei-nandersetzen“, erklärte Wettig-Daniel-meier am Freitag gegenüber der Han-noverschen Allgemeinen Zeitung. Der„voreilige Ausschlussantrag“ habe die-se Debatte verhindert. Glücklicherwei-se hätten die Vorsitzende der BerlinerSchiedskommission, Sybille Uken, undGeneralsekretärin AndreaNahles dies wieder korri-giert.Wettig-Danielmeier,dievon1972 bis 2005 als Abgeordnetezuerst dem niedersächsischenLandtag und später dem Bun-destagangehörteundbis2007als Schatzmeisterin im SPD-Präsidium saß, verwies aufdieGeschichteihrerPartei.Inden sechziger Jahren habe esmit Blick auf den Sozialisti-schen Deutschen Studenten-bund (SDS) zunächst „ver-fehlte Parteiausschlüsse undSofortmaßnahmengegeben. Dochdann habe die SPD stärker auf Mei-nungsfreiheit gesetzt und bewusst eineSatzung geschaffen, die das Recht aufMitgliedschaft umfassend schütze „auch gegen Parteivorstände, selbst ge-gen Parteitage“.
Berlin
(afp/dpa).ZweiWochenvordemParteitag in Rostock ist die Debatte umdie künftige Führungsspitze der FDPneu entbrannt. Fraktionsvize JürgenKoppelinsprachsichineinemPositions-papier dafür aus, die Wahl derFraktionsspitze um die um-strittene Vorsitzende BirgitHomburger vorzuziehen.„Wenn es richtig ist, dass dieFDPsichinhaltlichundperso-nell erneuern soll oder will,dann kann die Bundestags-fraktion davon nicht ausge-nommen sein“, schreibt Kop-pelin in dem Papier. Zudemforderte er eine Neuorientie-rungderLiberalenbeiderum-strittenen Hotelsteuer undbeim Thema Mindestlohn.Homburger erwägt nun dieVertrauensfrage zu stellen, reagierte an-sonsten aber gelassen. Sie selbst habebereits über Neuwahlen nachgedachtund wolle nun in Ruhe über den Vorstoßihres Stellvertreters diskutieren, hieß esgestern aus ihrem Umfeld.DieFDPwillsichangesichtsmehrererWahlschlappen sowie schwacher Um-fragewerte personell und inhaltlich neuausrichten. Auf dem vom 13. bis 15. Maistattndenden Parteitag sollen hierzudie Weichen gestellt werden. Der lang-jährige Parteichef Guido Wes-terwelle hatte Anfang Aprilseinen Rückzug angekündigt.DereinzigeKandidatfürseineNachfolge, Gesundheitsminis-terPhilippRösler,sollaufdemParteitag gewählt werden.Über weitere mögliche perso-nelle Neuerungen im Präsidi-um will die FDP-Spitze amMontag beraten. Im Zuge derparteiinternen Debatte warHomburger, der Kritiker einfarbloses und unentschlosse-nes Agieren an der Fraktions-spitze vorwarfen, unter Druckgeraten. Koppelin hob jedoch hervor,sein Positionspapier sei nicht als Angriffauf die Fraktionschen zu verstehen.Eine inhaltliche und personelle Neue-rung müsse aber „natürlich“ auch dieFraktionsspitze miteinbeziehen, der erselbst schließlich auch angehöre.
 
 Wettig-Danielmeier rügtVerfahren gegen Sarrazin FDP-Fraktionschen wird von Stellvertreter bedrängt
spd-wahlkampf
In der Grauzone
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iedersachsens neuer SPD-Chef OlafLies hat sein Interesse betont, dieVorwürfe zum Komplex Schröder-Masch-meyer-Steinmeier aufzuklären, und hin-zugefügt: „Uns ist aber nicht bekannt,dass Unterlagen dazu bei der SPD Nieder-sachsen vorliegen.“ Da hat er ein wohlwahres Wort gelassen ausgesprochen:In der Tat gingen ja auch die 150000Mark, von denen die Rede ist, an der Par-teivorbei.SchondeshalbwirdesamEndeschwierig sein, die Vorgänge juristischklar einordnen oder gar sanktionieren zuwollen. Das Problem ist komplizierter,und es siedelt woanders: in jener Grauzo-ne der Politik, wo sich Regierungshan-deln und Wahlkampf überlappen.Keinem Regierenden sind die Versu-chungen, die an dieser Stelle entstehen,fremd. Natürlich gebietet die Verfassungeine Trennung: Staatsapparate werdenbezahlt,damitdieGewähltenihreAufga-ben im Sinne aller Bürger erfüllen kön-nen; der Apparat darf nicht genutzt wer-den, um die Opposition von heute kleinzu halten in ihrem Bemühen, die Regie-rung von morgen zu werden. Dass dieseAbgrenzung im Einzelfall schwerfällt,liegt auf der Hand; sie ist schon Schwar-zen wie Roten misslungen.Die Demokratie verlangt es aber, hierein feines Gespür zu bewahren. Deshalbmuss geklärt werden: War es die Staats-kanzlei, die damals dazu beitrug, einenKreis von Mittelständlern zusammenzu-bringen, der dann seinerseits für Schrö-der warb? War es die Staatskanzlei, dieauch noch half, dass die beteiligten klei-neren Firmen dabei durch einen großenanonymen Geldgeber eine Finanzopti-mierung erfuhren? Wenn ja, wäre es einLehrstückdafür,wiemanesnichtmachendarf.
Olaf Lies und die gesamte heutige Op-positioninNiedersachsenmüsseneinesol-che Debatte nicht fürchten. Im Gegenteil:Je mehr Licht in die Grauzone fällt, umsostärker werden sich die heutigen Mächti-gen zurückhalten.
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worte der woche
„Man kann nicht einfach jemandenrauswerfen, auch wenn er sich noch sokontrovers verhält.“
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles zumgescheiterten Parteiausschlussverfahrengegen Thilo Sarrazin.
„Ich habe beschlossen,meine Mitgliedschaft in derSozialdemokratischen Parteizu beenden.“
Sergey Lagodinsky, Gründer desArbeitskreises JüdischerSozialdemokraten, zum selben Thema.
„Weniger Autos sind natürlichbesser als mehr.“
Winfried Kretschmann (Grüne),designierter baden-württembergischerMinisterpräsident, über Ökologieund Automobilindustrie.
„Mit grüner Planwirtschaft wirdDeutschland die Zukunftnicht gewinnen.“
Bayerns MinisterpräsidentHorst Seehofer (CSU) in einer Reaktion aufKretschmanns Aussagen.
„Eine zu kurze Brücke ist eine sinnloseBrücke.“
e.on-Vorstandschef Johannes Teyssen inder Sitzung der Ethikkommission zu denFolgen eines Atomausstiegs. DieBundesregierung bezeichnet die Kernkraftals „Brückentechnologie“.
„Als Mitarbeiter eines Kernkraftwerkskommt man sich zurzeit im eigenenLand vor, als säße man auf derAnklagebank.“
Reinhold Gispert, Betriebsratschef desRWE-Meilers Biblis.
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Unter Druck: FDP-Fraktionsvorsit-zende Homburger.Regeln entschärft:VerkehrsministerRamsauer.
dpa
„Vieles falsch ge-laufen“: Wettig-Danielmeier.
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Politik
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HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG SONNABEND,30.APRIL2011·NR.100
 
 AuchNiedersachsenistrZuwandererbereit
Hannover.
Es ist erst ein paar Jahreher,dawardieZuwanderungvonmittel-und osteuropäischen Arbeitnehmern einAufregerthema. Vor allem die Österrei-cher und die Deutschen fürchteten, ihreArbeitsmärkte könnten von Arbeitneh-mernausMittel-undOsteuropanachde-ren EU-Beitritt am 1. Mai 2004 „über-schwemmt“ werden. Jetzt, sieben Jahredanach, läuft die Übergangsfrist für diesogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeitaus–nurRumänenundBulgarenmüssennoch bis 2013 warten, ehe sie ihre vollenRechte im europäischen Binnenmarktwahrnehmen können.DieAufregungaberhatsichlängstge-legt. Vor allem die Entwicklung am Ar-beitsmarkt in den vergangenen Jahrenmacht es Politik und Unternehmenleicht, die erwartete Zuwanderung vonbis zu 130000 Arbeitnehmern aus Ost-europa nicht mehr zu problematisieren.Und sogar die Gewerkschaften, allenvoran der DGB, haben alle düsteren Un-tertöne beiseite geschoben – und fordernstattdessen nunmehr, politisch die Vo-raussetzungen dafür zu schaffen, dasses nicht als Folge der Zuwanderung zuLohn- und Sozialdumping in der Bun-desrepublik kommt.„Die Voraussetzungen für die Öffnungdes Arbeitsmarktes waren nie besser alsheute“, sagt der Hauptgeschäftsführerder Niedersächsischen Unternehmerver-bände, Volker Müller. Er ver-weistdarauf,dassesinZukunfteher zu wenig als zu viele Ar-beitnehmer geben werde. InNiedersachsen, sagt Müller,würden bis 2030 wegen der de-mograschen Entwicklungrund 650000 Stellen unbesetztbleiben. Um den Mangel anFachkräften auszugleichen,müsstenjährlich20000gutaus-gebildete Arbeitnehmer hinzu-kommen, unterstreicht Müller,der freilich nur 5000 bis 10000Arbeitsmigranten aus Osteuro-pa in Niedersachsen erwartet.„Ich glaube, Lohndumpingwird es nicht geben“, sagt Mül-ler, „es sind zu wenige Arbeit-nehmer, die dazu bereit sind –und es gibt ein zu großes Ange-bot von Stellen, die vernünftigbezahlt werden.Ein Fehlersollesichnichtwiederholen:„Inder Vergangenheit haben wirdie Chance für die Integrationder Zuwanderer vertan. Ich n-de, Politik und Wirtschaft inNiedersachsen sollten einschlüssiges Konzept aufstellen,wie wir heute die Zuwandererintegrieren und ausbilden kön-nen.“Die Arbeitnehmerfreizügig-keit in der EU ist Teil der vierGrundfreiheiten für Personen,für Waren und Dienstleis-tungen sowie den Kapital-undZahlungsverkehr.Jahre-lang hatten die Osteuropäerbeklagt, dass sie nicht gleichbehandelt werden – das istjetzt vorbei. Offen bleibt in-des, ob die Deutschen imWettbewerb um die bestenKöpfe im Vergleich zu Groß-britannien oder Irland, dieihre Arbeitsmärkte schon2004 öffneten, ins Hinter-treffen geraten sind.Für Bernd Lange, SPD-Europaabgeordneter ausBurgdorf bei Hannover, istdas nicht nur eine Frage desZeitpunktes, sondern auchder Voraussetzungen, die füreine Öffnung des Arbeits-marktes notwendig seien.„Im Prinzip“, sagt Lange,der auch jahrelang für denDGB gearbeitet hat, „ist dieneueFreizügigkeiteineStär-kung unseres Arbeitsmark-tes und deswegen positiv.“Aber Lange bemängelt, dassdie Lohn- und Sozialstruk-turen in Deutschland bisheute nicht hinreichend an-gepasst seien. In Schwedenetwa gebe es eine 100-pro-zentigeTarifabdeckungoderin Großbritannien einen ge-setzlichen Mindestlohn. „In Schwedenbekommen zum Beispiel die Kranken-schwestern, auch aus Polen, alle dengleichen Tariohn.“DavonallerdingsseiDeutschlandweitentfernt,weilversäumtwordensei,beimMindestlohn und bei den Tarifen dierechtlichen Grundlagen für die Zuwan-derung zu schaffen. Insofern sei dieÜbergangsfrist,dieDeutschlandaufeu-ropäischer Ebene eingeräumt wordensei, nicht genutzt worden, unterstreichtder Sozialdemokrat. Schlupöcher wiedie Scheinselbstständigkeit oder dieLeiharbeit zu Dumpinglöhnen müsstengeschlossen werden.Im Handwerk sieht man Chancen undRisiken. Die Öffnung des Arbeitsmark-tes sei grundsätzlich zu begrüßen, sagtder Hauptgeschäftsführer der Landes-vertretung der HandwerkskammernNiedersachsen, Michael Koch, doch be-reite sie auch Sorgen. Das Lohngefällezu osteuropäischen Staaten sei immernoch groß, und dies könnte zu Lohn-dumping und Wettbewerbsverzerrun-gen durch entsandte Arbeitnehmer füh-ren. Auch ausländische Betriebe seienverpichtet, ihren Beschäftigten die ta-riichen Mindestlöhne zu zahlen, Ur-laubsregelungen einzuhalten und Bei-träge an die Sozialkassen abzuführen.„Notwendig sind jedoch effektive Kon-trollen, um sicherzustellen, dass dieseVereinbarungen nicht unterlaufen wer-den“, betont Koch.
 
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EU-Länder mit voller Freizügigkeitvolle Freizügigkeit ab 01.Mai 2011Einschränkungen bis Ende 2013
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DeutschlandsletzteSchrankenfallen
Berlin.
Wenn es gilt, Nacht für Nacht200Kilometerzufressen,wachsenmancheGedanken ganz von alleine. Vom polni-schen Slubice nach Berlin-Tempelhof, für7,50 Euro die Stunde Schuhe für „Zalan-do“ verpacken, von Berlin-Tempelhof wie-der zurück nach Slubice – jahrelang habensich Krystyna D. und ihre drei polnischenKollegen mit den Widrigkeiten des Pend-lerjobs bei der deutschen Verpackungsr-maarrangiert.WeilsichdievierdieFahrt-kosten teilten, reicht der Lohn gerade zumLeben. Doch das ist dem Quartett nichtmehr genug. Jetzt hat die 39-jährige Krys-tyna D. ihrem Chef höich, aber bestimmtgeschrieben: „So geht es nicht weiter.“Er habe sicher gehört, heißt es in demBrief,dasssichdie„EinstellungpolnischerArbeitnehmer zum 1. Mai erheblich er-leichtern“ werde. Beide Seiten seien nichtmehr auf einen Vermittler angewiesen, derden doppelten Stundenlohn für sie vomUnternehmen erhalte und satte 50 Prozentfür sich einstecke. Die Polinnen wollenihre neue Freiheit nutzen, direkt mit derFirma ins Geschäft kommen, „endlich so-zialversichert“werden.EineAntwortstehtnoch aus.An diesem Sonntag, sieben Jahre nachdem EU-Beitritt von Po-len, Ungarn, Tschechien,Slowenien, der Slowakeiund den drei baltischenRepubliken sind auchDeutschland und Öster-reich als letzte westlicheEU-Staaten bereit, sichihren Nachbarn ohne Ein-schränkungen zu öffnen.Am 1. Mai tritt für alleBürger der acht osteuro-päischen Länder die EU-Arbeitnehmerfreizügig-keit in Kraft. Die Tore öff-nen sich für Hunderttau-sende potenzielleZuwanderer, sie brauchenkeine Arbeitserlaubnismehr, um hierzulande einAuskommenzusuchen.UndjeneHundert-tausende, die bereits durch HintertürenZugang zum deutschen Arbeitsmarkt ge-funden haben, treten aus dem Schatten.Slubice war bis vor 65 Jahren die östlichdes Flusses gelegene „Dammvorstadt“ vonFrankfurt/Oder. Eine 250 Meter langeStadtbrücke verbindet die jahrzehntelanggetrenntenundnunwiederzueinandern-denden Zwillingsstädte. Am westlichenUfer der Oder, in Frankfurt, unterhält Ag-nieszka Zdziabek ihre „deutsch-polnischeUnternehmensberatung“ – eine Mischungaus Stadtbibliothek, Reisebüro und Café.Sie biete, beschreibt die lebhafte 40-jähri-ge Diplom-Psychologin ihr Geschäftsfeld,„Lotsendienste für Migranten“ an.„EsgibteineganzeReiheLeute,diejetztin den Startlöchern sitzen, um legal inDeutschlandFußzufassen“,sagtAgniesz-ka Zdziabek. Dabei habe sich noch garnicht richtig herumgesprochen, welcheMöglichkeiten der deutsche Sozialstaatbiete. Nur das Kindergeld sei den meistenschon ein Begriff.Diejenigen, die das große Glück in derweiten Welt suchten, seien sowieso schonvor Jahren nach Großbritannien, Schwe-den oder Irland ausgewandert. Jetzt kä-men die zum Zuge, die den Kontakt zurHeimat behalten wollten, aber sich denkleinen Schritt über die deutsche Grenzezutrauten, glaubt Zdziabek.Menschen wie Marek P. zum Beispiel,der Autoteilehändler, der glänzende Ge-schäfte mit der Abwrackprämie gemachthat. Er wollte schon länger seinen deut-schen Kunden entgegenziehen. Nun werdees möglich, da er ja jetzt seine polnischenSpezialisten mitnehmen darf. Oder die 30arbeitslosen Schlosser, die sich aus Kü-strin bei der Beraterin gemeldet haben.Bauunternehmen für den neuen Berlin-Flughafen sind an ihnen interessiert. Kon-kret wird es aber jetzt erst, auf neuerRechtsgrundlage.Auch der Bauunternehmer Jan Z. gehörtzu den Optimistischen: Für 80000 Eurowill er eine alte Villa in Frankfurt/Odererwerben, „eine hübsche Bruchbude“, diesich für eine halbe Million restaurierenlasse. Da ihm ein großer Auftrag aus demRuhrgebiet bereits sicher scheint, hofft er,bald auch bei deutschen Banken kredit-würdig zu sein.Es sind längst nicht nur die Kleinen, diesich hier in der deutsch-polnischen Grenz-region auf die neue Offenheit einstellen.Die Filiale der Deutschen Bank in Frank-furt hat bereits einen polnisch sprechen-den Sachbearbeiter. Bei der FrankfurterAOK verfügt der Regionalleiter über ent-sprechende Sprachkenntnisse. Und dieörtliche IHK, Gewerkschaftsbund undStadtverwaltung sehen in der „zügigenSchaffung eines integrierten Arbeits-marktes“ eine „Chance für Ostbranden-burg“. Politik und Verbände hoffen, demdemograschenWandeldurchAnwerbungjunger Menschen die Spitze zu nehmen.Deutsche Ausbildungsstätten werben aufpolnischen Bildungsmessen um Fachkräf-tenachwuchs.„Es muss uns gelingen, die Grenze aus-zuradieren“, sagt die mit einem Deutschenverheiratete Agnieszka Zdziabek. Ihr Fin-ger fährt dabei auf einer Landkarte dieFlüsse Oder und Neiße entlang. Es gehedarum, „das ganze Gebiet als gemeinsameRegion zu begreifen. Gewinnen werdenamEndebeideSeiten.“Dasdeutsch-polni-sche Zusammenwachsenist ihr Lebensthema.chterner klingenähnliche Gedanken ausdem Munde von JürgenPolzehl, Bürgermeister inSchwedt an der Oder. Inden sechziger Jahrenwuchs hier eine Retorten-stadt um eine Raffinerieherum,damalsdiejüngsteStadt in der DDR. Heuteist die Stadt „regionalesWachstumszentrum“, wieder Kommunalpolitikerbetont aber sieschrumpft. 52000 Ein-wohner hatte die Stadtzur Wendezeit, derzeitliegt sie bei 33000, 2030werden es 25000 sein. „Nach UN-Krite-rien sind wir hier unbewohntes Gebiet“,meint der 58-Jährige mit Blick auf dasUmland. Aber er sieht eine Chance: wennnämlich das polnische Stettin mit seinemgroßem Hafen und das Wirtschaftszen-trum Berlin zu einer Achse zusammen-wachsen. Dann werde der Sog Schwedtmitziehen.Polzehl hat einmal das niedersächsischeNordhorn besucht, eine Stadt vergleichba-rer Größenordnung unweit der niederlän-dischenGrenze.GemessenanderEinwoh-nerzahl habe Nordhorn 300 mittelständi-scheFirmenmehralsSchwedt.„Dieliegengenauso an einer Grenze wie wir. Aberunsere Unternehmen müssen aus einemHalbkreis wirtschaften, während die Fir-men in Nordhorn aus dem vollen Kreisschöpfen können.“ Im Westen hätten dieGrenzen den trennenden Charakter verlo-ren. Das stehe im Osten noch bevor, sagtPolzehl. Er fügt aber auch hinzu: „Annä-herung lässt sich nicht verordnen.“Wie weit der Weg mitunter ist, lässt sich20 Kilometer weiter nördlich erleben. Hierliegt Gartz an der Oder, ein eigentlichschmuckesmittelalterlichesStädtchen,ge-zeichnet vom Niedergang. Die Jungen, Be-weglichen sind weggezogen. „Wir habenhier seit 1990 immer Wirtschaftskrise“,sagt der örtliche Bestatter und SteinmetzThomas Busch. Sein Metier immerhin istkrisenfest. Die Gefahr einer Billiglohn-konkurrenz halte sich in Grenzen, meinter. Ohnehin seien die Einkommen linksund rechts der Oder fast gleich niedrig. Imkleinen Gartz gebe es bereits sechs Ser-vice-Gesellschaften, die die Hausmeister-stunde mit 25,50 Euro berechneten. „Wiesollen die von Polen unterboten werden?“Gutes entdeckt auch der 44-Jährige andenPolen.16FamilienhättensichinGartzangesiedelt. „Sie arbeiten in Stettin, kau-fen hier die Schrottimmobilien, die sonstkeiner will, und restaurieren sie.“ Da sieKinder mitbrächten, sei der Bestand desKindergartens vor Ort gesichert. Das neuedeutsch-polnische Zusammenleben hathier schon seine Zukunft gefunden.
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Ein Gewinn,eine Sorge?Ab Sonntag haben EU-Bürger aus acht osteuropäischen Ländern freien Zugang zumArbeitsmarkt
Gleiche Arbeit, gleiche Rechte: Polnische Arbeiter brauchen ab sofort keine Arbeitsgenehmigung mehr, wenn sie sich um einen Job in Deutsch-land bewerben.
dpa
Neue ChancenfürOsteuropäer
Deutschland und Österreich sind Nach-zügler in allen anderen EU-Länderndurften Bürger aus den acht osteuropäi-schen Beitrittsländern von 2004 sofort ar-beiten. Wer wird nun kommen? Und werhat kein Interesse?
Polnische Fachkräfte bleiben zu Hause:
Warschau rechnet nicht mit einer nen-nenswerten Auswanderungswelle nachDeutschland. Rund 600000 der 38 Millio-nen Polen arbeiten bereits in Großbritan-nien und Irland. Nach Deutschland könn-tenSchätzungenzufolgehöchstens500000Polen zum Arbeiten kommen. Für Pege-kräfte,Mediziner,abervorallemfürnied-rig qualizierte Arbeitskräfte ist dasNachbarland wegen seiner Nähe und derhöheren Löhne attraktiv. Die erhofftenFachkräfte werden wohl ausbleiben.Deutschland hatte sich 2007 für Ingenieu-re aus Osteuropa geöffnet, ohne Erfolg.
Litauer reißen sich um Deutschkurse:
We-gen der hohen Arbeitslosigkeit ist bei den3,6 Millionen Litauern das Interesse anArbeit im Ausland groß. Seit der Unab-hängigkeit 1991 haben 500000 Menschendas Land verlassen, die meisten RichtungIrland, Großbritannien und Norwegen.Sprachschulen bieten neuerdings ver-stärktDeutschkursean.VorallemjüngereMenschenbis35Jahredrängenhinein.Je-der dritte Jugendliche will dauerhaft inein anderes EU-Land auswandern. Fürdie nächsten acht Jahre hat die Regierungein Investitionsprogramm beschlossen,um junge Arbeitskräfte zu halten.
Krise zwingt Letten zur Auswanderung:
Seit dem Beitritt zur EU haben bereitsmehr als 100000 der 2,3 Millionen Lettenihr Land Richtung Irland und Großbri-tannienverlassen.Grundistdieanhalten-de Wirtschaftskrise. Lettland hängt amTropfdesInternationalenWährungsfondsund der EU und muss drastisch sparen.Gehälter von Lehrern und Beamten wur-den gekürzt, Schulen und Krankenhäusergeschlossen. Die Arbeitslosenquote liegtbei mehr als 14 Prozent. Ärzte und Pegerbesuchen Deutschkurse, aber auch Sai-sonarbeitskräfte, Servicepersonal sowieIngenieure wollen ihr Glück in Deutsch-land versuchen. Ein Fachkräftemangeldroht.
Estland belohnt Rückkehrer:
Das Heimat-land des Internet-Telefonanbieters Skypesteht wegen seiner Ausrichtung auf Com-putertechnologie wirtschaftlich gut da.Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit mit überzehn Prozent recht hoch. Die ÖffnungDeutschlands spielt für die 1,3 MillionenEsten keine Rolle, sie gehen zum ArbeitenlieberinsbenachbarteFinnlandodernachSchweden. Esten, die länger als zehn Jah-re im Ausland waren, bietet der Staat eineRückkehrhilfe von 2000 Euro an. Indus-trie und Regierung versuchen über ge-meinsame Programme, Ausreisewilligemit lukrativen Jobs zu halten.
Viele Slowaken sind schon gegangen:
Der1. Mai ist für viele der gut fünf MillionenSlowaken interessant. Das Land hat mitgut 14 Prozent eine der höchsten Arbeits-losenraten in Osteuropa. Wegen ihresniedrigen Gehalts von 500 Euro arbeitenLehrerinnen oder Rentnerinnen schonheute als Pegekräfte in Deutschland undÖsterreich,auchetlicheÄrztewollennachDeutschland kommen. Ebenso könntenunterbezahlte Forscher und IT-ExpertenDeutschland als Zielland wählen. Vor al-lem Slowaken aus dem strukturschwa-chenOstenarbeitenbereitsheuteinGroß-britannien.
Tschechische Ärzte wollen nach Deutsch-land:
Rund 14000 der zehn MillionenTschechen arbeiten bereits in Deutsch-land, vor allem im Bau- und Gesundheits-wesen, Tourismus, Handel, in der Land-wirtschaft und der Verwaltung. In diesenBranchen besteht auch nach dem 1. MaiInteresse am deutschen Arbeitsmarkt.EndeMärz2011wareninTschechienrundeine halbe Million Menschen arbeitslos,das entspricht einer Quote von mehr alsneun Prozent. Mit 15 Prozent ist die Ar-beitslosigkeit an der Grenze zu Sachsenam höchsten. Das Durchschnittsgehaltvon 1050 Euro liegt immer noch deutlichunter dem deutschen.
Slowenen blicken nach Österreich:
6000 bis7000derzweiMillionenSlowenenarbeitenim benachbarten Österreich. Die meistenim Bauwesen, in der Metallindustrie oderals Pegekräfte. Das Arbeitsministeriumin Ljubljana rechnet nicht mit einer Aus-wanderungswellezum1.Mai,obwohlauchÖsterreich seinen Arbeitsmarkt dann öff-net. Trotz einer Arbeitslosigkeit von zwölfProzent seien die wenigsten mobil genug,viele hoch qualizierte Kräfte haben dasLandbereitsverlassen.
Ungarn sind sesshaft:
Ungarn hat mit 11,5Prozent hinter der Slowakei die höchsteArbeitslosenrate in Ostmitteleuropa. Un-garische Arbeitsmigranten sind vor allemim Tourismus- und Dienstleistungssektorsowie in der Bauindustrie zu erwarten.Das Außenministerium in Budapest rech-net trotzdem nicht mit einer Auswande-rungswelle ab dem 1. Mai. Denn die Ma-gyaren hinken bei ihren Sprachkenntnis-sen anderen europäischen Nationen hin-terher. Zudem gelten die Ungarn als nichtbesonders mobil. Schon innerhalb desLandes ziehen die wenigsten für einenneuen Job um.
 
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ohannsMeier
StaatprotiertvonMindestlohnfüralle
Berlin.
Aus Sicht der Gewerkschafthat die Bundesregierung im Vorfeld derArbeitsmarktöffnung zu wenig gegenLohndumping getan. So gibt es inDeutschland im Gegensatz zu den meis-ten EU-Ländern noch keine verbindli-che Lohnuntergrenze, immerhin aberverschiedene Branchen-Mindestlöhne,nach denen auch die neuen Zuwandererbezahlt werden müssen.JetztkönnendieBefürwortereinesge-setzlichen Mindestlohns noch einmalmitneuenattraktivenZahlennachlegen:Laut einer Prognos-Studie beschert eineLohnuntergrenze von 8,50 Euro in derStunde dem Staat jährliche Mehrein-nahmen von mehr als sieben MilliardenEuro. Nach Ansicht der Grünen ist da-mit belegt, dass vom Mindestlohn alleprotierten.DieSPDsiehtsichbestätigt,dassesbeiderKonsolidierungderHaus-halte sozial gerecht zugehen kann. DieUntersuchung, die gestern in Berlin vor-gestellt wurde, ist von der SPD-nahenFriedrich-Ebert-StiftunginAuftragge-geben worden.Die Prognos-Wissenschaftler habenerstmals die Auswirkungen eines Min-destlohns auf Haushalte und Sozialkas-senerrechnet.ZusätzlichesEinkommensorge für eine höhere Einkommensteu-er,mehrKonsumundentlastedenStaatbei den Transferleistungen, sagte derAutor der Studie, Oliver Ehrentraut.Würde eine gesetzliche Lohnuntergren-ze von 8,50 Euro eingeführt, stiegen fürfünf Millionen Erwerbstätige die Ein-kommen um etwa 14,5 Milliarden Euro.Bei Einkommensteuer und Sozialbei-trägen gäbe es ein Plus von jeweils 2,7Milliarden Euro, während die Ausga-ben für staatliche Hilfen wie Arbeitslo-sengeld II, Sozialhilfe, Wohngeld oderKindergeldzuschlag um 1,7 MilliardenEuro schrumpften. Da ein besserer Ver-dienst auch zum höheren Konsum ver-führt, kämen knapp 700 Millionen Euromehr an Verbrauchssteuern in die Kas-se.MöglichenegativeBeschäftigungswir-kungen wie Entlassungen wurden nichtuntersucht.EineseriöseSimulationwäreinderKürzederBearbeitungszeitwedermöglich noch sinnvoll gewesen, heißt es.StudienautorEhrentrautzeigtesichaberüberzeugt, dass der Staat selbst bei ne-gativen Effekten noch vom Mindestlohnprotieren würde.
 
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„Lotsendienste für Migranten“bietet Agnieszka Zdziabek.
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Blick in die Zeit
NR.100·SONNABEND,30.APRIL2011
3
HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

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