Seite 3 von 73
Neoliberalismus als einzig gangbaren Weg akzeptiert haben. Er mag nicht vollkommen sein,ist jedoch das einzig praktikable Wirtschaftssystem.In den dreissiger Jahren wurde der Faschismus bisweilen als
»
Kapitalismus ohne Maske
«
bezeichnet, d. h. als reiner Kapitalismus ohne demokratische Rechte und Organisationen. Wirwissen, dass diese Definition zu einfach ist, aber auf den Neoliberalismus trifft sie zu: Er isttats
ä
chlich ein
»
Kapitalismus ohne Maske
«
, repr
ä
sentiert er doch eine Epoche, in der dieWirtschaftsm
ä
chte st
ä
rker und aggressiver sind und auf weniger organisierten Widerstandtreffen als je zuvor. Beg
ü
nstigt durch das politische Klima sind sie dabei, ihren Einflussbereich an allen Fronten zu erweitern, wodurch sie immer unangreifbarer werden, w
ä
hrenddemokratischen und nichtkommerziellen Kr
ä
ften das
Ü
berleben fast unm
ö
glich gemacht wird.Gerade in der Unterdr
ü
ckung solcher Kr
ä
fte zeigt sich, dass und wie der Neoliberalismusnicht nur als
ö
konomisches, sondern auch als politisches und kulturelles System operiert. Hierf
ä
llt der Unterschied zum Faschismus am deutlichsten ins Auge. Der Faschismus istrassistisch und nationalistisch, verachtet die formelle Demokratie ebenso wie die hochorganisierten sozialen Bewegungen. Der Neoliberalismus dagegen funktioniert am besten ineiner formellen parlamentarischen Demokratie, in der die Bev
ö
lkerung zugleich systematischdavon abgehalten wird, sich an Entscheidungsprozessen sinnvoll beteiligen zu k
ö
nnen. Inseinem
Buch Kapitalismus und Freiheit
behauptet Milton Friedman,
10
Noam Chomsky
der Guru der Neoliberalen, dass das Gewinnstreben zum Wesen der Demokratie geh
ö
re,weshalb jede Regierung, die nicht vorbehaltlos auf Marktstrategien setze, antidemokratisch sei,auch wenn sie die Unterst
ü
tzung einer gut
in
formierten
Ö
ffentlichkeit geniesse. Infolgedessenwerde die Funktion der Regierung am besten auf den Schutz des Privateigentums und dieGeltendmachung vertraglicher Rechte, und die politische Diskussion auf Nebenthemenbeschr
ä
nkt, w
ä
hrend die Produktion und Distribution von Ressourcen und diegesellschaftlichen Institutionen durch Marktmechanismen reguliert werden.Dank dieser pervertierten Auffassung von Demokratie waren Neoliberale wie Friedman nichtvon Skrupeln geplagt, als 1973 in Chile die demokratisch gew
ä
hlte Regierung Allende durcheinen Milit
ä
rputsch gest
ü
rzt wurde, weil sie den Wirtschaftsm
ä
chten im Weg stand. Nachf
ü
nfzehn Jahren brutaler Diktatur - im Namen des demokratischen, freien Marktes wurde 1989mit der R
ü
ckkehr zur formellen Demokratie eine Verfassung verabschiedet, die es den B
ü
rgernnoch schwerer, wenn nicht unm
ö
glich macht, sich der Vorherrschaft von Wirtschaft undMilit
ä
r in der chilenischen Gesellschaft zu widersetzen. Das ist neoliberale Demokratie innuce: Ein paar Parteien, die, ungeachtet formeller Unterschiede und Wahlkampfgeschrei, diegleiche prokapitalistische Wirtschaftspolitik betreiben, f
ü
hren triviale Diskussionen
ü
berNebensachen. Demokratie ist zul
ä
ssig, solange die Wirtschaft von demokratischenEntscheidungsprozessen verschont bleibt, d.h., solange die Demokratie keine ist.Daher hat das neoliberale System ein wichtiges und notwendiges Nebenprodukt - einentpolltisiertes, von Apathie und Zynismus befallenes Staatsb
ü
rgertum. Wenn dieparlamentarische Demokratie so wenig in das gesellschaftliche
Einleitung 11
Leben hineinwirkt, ist es offenbar sinnlos, ihr grosse Aufmerksamkeit zu widmen;
in
den
USA,
dem N
ä
hrboden neoliberaler Demokratie, fiel die Beteiligung an den Kongresswahlen von1998 auf ein Rekordtief: Nur ein Drittel der Wahlberechtigten fand sich an den Urnen ein.
Leave a Comment
good food 4 brain