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hinnerk 
05/09
 
hinnerk 
05/099
 Verbotene
Liebe
Ein neues Buch und eine Ausstellung im Rathaus dokumentiereneindrucksvoll die Verfolgung Homosexueller in Hamburg
Bis vor 30 Jahren war Schwulsein in Deutschlandkriminell: Einvernehmliche homosexuelle Handlun-gen standen unter Strafe. Die Nationalsozialisten hat-ten 1935 den Strafrechtsparagraphen 175 soweit ver-schärft, dass schon ein kecker Blick zur Verhaftungführen konnte. Dieses Sonderrecht blieb auch in derBundesrepublik 20 Jahre lang unangetastet. Die Ver-folgung, die damit einher ging, zeigt eine traurigeKontinuität von 1933 bis 1969. Allein in den erstenzehn Jahren der neuen Bundesrepublik wurde ge-gen rund 100 000 Schwule ermittelt, in etwa derHälfte der Fälle kam es zu Verurteilungen.„Wie in der NS-Zeit gehörten Denunziation undErpressung für Homosexuelle zum Alltag“, schreibendie Autoren des Buches „Homosexuellenverfolgungin Hamburg 1919 bis 1969“, das gerade erschienenist. Ulf Bollman, Gottfried Lorenz und Bernhard Ro-senkranz legen damit ihr zweites Geschichtslese-buch vor. Parallel dazu ist ab 7. Mai ihre große Aus-stellung im Hamburger Rathaus zu sehen.Wie bereits der erste Band „Hamburg auf ande-ren Wegen“ leistet das neue Buch eine in Deutsch-land einmalige Dokumentation schwuler Geschichte.Mehr noch: Auch die Situation lesbischer Frauen inHamburg wird aufgearbeitet, hinzu kommen die Bio-graphien all jener homosexuellen NS-Opfer, für diein Hamburg bisher Stolpersteine gelegt wurden. Soentsteht ein eindrucksvolles Gesamtbild der Homo-sexuellenverfolgung in Hamburg.Faktenreich und mit zahlreichen Abbildungen ver-sehen zeichnen die Autoren ein dunkles Kapitel derStadtgeschichte nach. Ein Schwerpunkt liegt dabeiauf der Zeit nach 1945. Zu den großen Leistungender Autoren gehört es, nicht nur aktenkundigeSchicksale recherchiert zu haben, sondern viele nochlebende Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. De-ren Biographien sind durch ihre lange Zeit verbote-ne Liebe bis heute geprägt.Die Kontinuität der Verfolgung funktionierte nichtnur, weil die zuständigen Beamten oft nahtlos ihreNS-Karrieren fortsetzten. Es gab auch einen breitengesellschaftlichen Konsens. Beispielhaft ist eine ArtRandnotiz des Buches, mit der die damals vorherr-schende Stimmung auf den Punkt gebracht wird. Ineinem Leserbrief an die Illustrierte „Quick“ schreibtein schwuler Mann: „Silvester 1964/65 war ich mitmeinem Freund bei einem Ehepaar eingeladen. Eswar dort sehr nett, wir fuhren in bestem Einverneh-men wieder fort. Fünf Wochen später wurde ich frühum sechs Uhr aus dem Bett geklingelt. Die Frau un-seres Gastgebers zu Silvester hatte uns angezeigt.[…] Bei der Verhandlung im vergangenen Herbst be-kam ich eineinhalb Jahre Gefängnis.“
SM
Bernhard Rosenkranz, Ulf Bollmann, Gottfried Lorenz: „Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919 - 1969“.316 Seiten mit ca. 270 Abbildungen, Lambda Edition,24,80 Euro. www.lambda-edition.de 
Das Foto entstandi m Gustav-Mahler-Park am Dammtor, bis heute ein beliebtes Cruisinggelände. 2007 wurde beschlossen, den Weg durch den Park nach Hans Grahl zu benennen; der Heldentenor ist eines der prominentesten homosexuellen NS-Opfer aus Hamburg 
   F  o   t  o  :   S   t  e  p   h  a  n   P   f   l  u  g
 
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hinnerk 
05/0910
 Abgetanzt 
Verbote und Verfolgung: Rolf Micco Kaletta erinnert sich an das schwule Leben vor 1969
„Heute kommt der Bus aus Hamburg. Wir begrüßendie Hamburger, seid alle pünktlich“. So euphorischwurden im „Wielandseck“ in Hannover anfang der60er-Jahre die Gäste aus der Hansestadt erwartet.„Gegen 20 Uhr kam der Reisebus um die Ecke unddie hannoverschen Tunten begrüßten die Hambur-ger Tunten, sogar mit Rosen“, erinnert sich Rolf MiccoKaletta, damals Anfang 20. „Es wurde getanzt undgefeiert, bis der Bus am nächsten Tag nur noch halb-voll nach Hamburg zurück fuhr.“Seit November 1960 war es in Hamburg verboten,dass Männer mit Männern tanzten. So mussten dieSchwulen in die umliegenden Großstädte auswei-chen, nach Hannover oder nach Bremen. Das Ham-burger Wirtschafts- und Ordnungsamt verwies aufParagraph 175 und teilte betroffenen Wirten mit: „DerTanz unter Männern stellt in Ihrem Lokal eine Gefahrfür die Sittlichkeit dar.“ Davor müssten die Gäste ge-schützt werden.Rolf Mico Kaletta, der damals Stammgast im„Bohème“ am Valentinskamp war, erinnert sich: „DasTanzen war für mich eine gute Möglichkeit, mit Män-nern Kontakt aufzunehmen.“ Das Verbot traf ihnsehr: „Dass man uns dieses Vergnügen von heuteauf morgen genommen hatte, war meine größte Ent-täuschung, die ich überhaupt an Verboten oder Re-glementierungen erfahren habe.“Es war nichtdie einzige Maß-nahme, mit dersich eine Neben- justiz in der Han-sestadt etablier-te. Selbst, wennsie nicht vor Ge-richt standen,drohte schwu-len Männern exis-tenzielle Gefahr,etwa auf öffent-lichen Toiletten. Ab 1961 wurde deren Überwachungin Hamburg intensiviert. Wer dort wegen „zweckwi-drigen Verhaltens“ erwischt wurde, bekam Hausver-bot erteilt. Die Behörden registrierten die Daten inFahndungskarteien (Rosa Listen), verschickten einenToilettenverbotsschein und schreckten auch nichtdavor zurück, Arbeitgebern Meldung zu machen. RolfMicco Kaletta wollte Beamter werden. Während sei-ner Ausbildung in Lüneburg erhielt er Einsicht in diePersonalakten von Lehrern, die in 175er-Verfahrenverwickelt waren. „Häufig wurden Existenzen zer-stört. Da wurde mir bewusst, dass ich mich ver-stecken musste“, erinnert er sich. Aus Angst, ent-deckt zu werden, verlagerte er sein Privatleben insanonyme Hamburg.1965 lernte Kaletta den Zollbeamten Rolf Frischkennen, der bis zu dessen Tod im Jahr 1996 sein Le-bens- und Geschäftspartner war. Im Laufe der Zeitwurde der psychische Druck, von Vorgesetzten ent-deckt zu werden, so groß, dass die beiden sich ent-
Rolf Micco Kaletta heute im Deutschen Schau- spielhaus. Hier spielte der 67Jährige zuletzt in dem Dokumentarstück „Die Kümmerer“ 
   F  o   t  o  :   S   t  e  p   h  a  n   P   f   l  u  g
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