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hinnerk
05/0910
Abgetanzt
Verbote und Verfolgung: Rolf Micco Kaletta erinnert sich an das schwule Leben vor 1969
„Heute kommt der Bus aus Hamburg. Wir begrüßendie Hamburger, seid alle pünktlich“. So euphorischwurden im „Wielandseck“ in Hannover anfang der60er-Jahre die Gäste aus der Hansestadt erwartet.„Gegen 20 Uhr kam der Reisebus um die Ecke unddie hannoverschen Tunten begrüßten die Hambur-ger Tunten, sogar mit Rosen“, erinnert sich Rolf MiccoKaletta, damals Anfang 20. „Es wurde getanzt undgefeiert, bis der Bus am nächsten Tag nur noch halb-voll nach Hamburg zurück fuhr.“Seit November 1960 war es in Hamburg verboten,dass Männer mit Männern tanzten. So mussten dieSchwulen in die umliegenden Großstädte auswei-chen, nach Hannover oder nach Bremen. Das Ham-burger Wirtschafts- und Ordnungsamt verwies aufParagraph 175 und teilte betroffenen Wirten mit: „DerTanz unter Männern stellt in Ihrem Lokal eine Gefahrfür die Sittlichkeit dar.“ Davor müssten die Gäste ge-schützt werden.Rolf Mico Kaletta, der damals Stammgast im„Bohème“ am Valentinskamp war, erinnert sich: „DasTanzen war für mich eine gute Möglichkeit, mit Män-nern Kontakt aufzunehmen.“ Das Verbot traf ihnsehr: „Dass man uns dieses Vergnügen von heuteauf morgen genommen hatte, war meine größte Ent-täuschung, die ich überhaupt an Verboten oder Re-glementierungen erfahren habe.“Es war nichtdie einzige Maß-nahme, mit dersich eine Neben- justiz in der Han-sestadt etablier-te. Selbst, wennsie nicht vor Ge-richt standen,drohte schwu-len Männern exis-tenzielle Gefahr,etwa auf öffent-lichen Toiletten. Ab 1961 wurde deren Überwachungin Hamburg intensiviert. Wer dort wegen „zweckwi-drigen Verhaltens“ erwischt wurde, bekam Hausver-bot erteilt. Die Behörden registrierten die Daten inFahndungskarteien (Rosa Listen), verschickten einenToilettenverbotsschein und schreckten auch nichtdavor zurück, Arbeitgebern Meldung zu machen. RolfMicco Kaletta wollte Beamter werden. Während sei-ner Ausbildung in Lüneburg erhielt er Einsicht in diePersonalakten von Lehrern, die in 175er-Verfahrenverwickelt waren. „Häufig wurden Existenzen zer-stört. Da wurde mir bewusst, dass ich mich ver-stecken musste“, erinnert er sich. Aus Angst, ent-deckt zu werden, verlagerte er sein Privatleben insanonyme Hamburg.1965 lernte Kaletta den Zollbeamten Rolf Frischkennen, der bis zu dessen Tod im Jahr 1996 sein Le-bens- und Geschäftspartner war. Im Laufe der Zeitwurde der psychische Druck, von Vorgesetzten ent-deckt zu werden, so groß, dass die beiden sich ent-
Rolf Micco Kaletta heute im Deutschen Schau- spielhaus. Hier spielte der 67- Jährige zuletzt in dem Dokumentarstück „Die Kümmerer“
F o t o : S t e p h a n P f l u g
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