Ach, meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer,wenn ich so aus dem Redaktionsfenster schaue, einherrlich sonniger Sonntag im Viertel sich langsam Rich-tung lauer Abend verabschiedet, da sind die diversenKrisen weiter weg als die Berge Afghanistans. Was aller-dings auf unserer globalisiert-durchgeknallten kleinenKugel nicht recht viel weiter als der Goetheplatz ist.Aber mal ehrlich: hängt ihnen die medial durchgewur-stelte Dauerkrisenberichterstattung nicht auch zumHals raus? Kaum istmal kein größerer Kriegirgendwo, der selbst-ernannte Experten fürdie jeweilige Regionim allgemeinen unddas Leben als solchesim speziellen aus ih-ren Löchern kriechen,fluten jetzt die Wirt-schafts-Spezialisten dieBildschirme und zele-brieren ihre Ahnungslo-sigkeit. Dazu feiern dieIdeologen aller Couleurfröhliche Urstände.Hätte es nicht schongelangt, an jedem Eckund End mit Weltan-schauungsunterrichttraktiert zu werden?Nein, jetzt haben sie wieder Hochkonjunktur, die Markt-schreier der Ideen, die zwar noch nie gut waren, dafüraber schön einfach klingen. Steuern von oben nach un-ten verteilen, nicht vorhandenes Geld von rechts nachlinks und von Ost nach West und von hier nach Nirvanaverschieben, das scheinen die opportunen Rezepte zusein. Ob sich irgendwer dieser Second-Hand-Prophetenschon einmal die Mühe gemacht hat, ein Geschichts-buch, sagen wir mal Realschule 10. Klasse, in die Handzu nehmen?Aber das geschichtlich belegte Vollversagen von Kon-zepten scheint geradezu eine Herausforderung zu sein,den selben Käse noch einmal zu probieren. Ob Abwrack-prämie, Sozialismus oder Manchester-Liberalismus– war alles schon mal da. Genau so wie die Meinung,Homosexualität sei eine Geistesstörung, die es wegzu therapieren gilt. Was vor hundert Jahren mit kaltenGüssen, Prügeln und Wegsperren in die feuchten Kellerder kaiserlichen Psychatrien schon ganz hervorragendgewirkt hat, scheint in etwas modifizierter Form aufpsychologischen Fachkongressen wieder gesellschafts-fähig zu werden. Die umtriebigen Homoheiler von Wü-stenstrom und Co. finden auf jeden Fall immer wiedereine Plattform, um ihren kruden, moralinsauren, ideo-logieverpesteten Mist unters Fachpublikum zu bringen.Ach ja, die Ideologien. Was waren das für Zeiten, sodamals in den 90ern, als man kurzzeitig das Gefühlhaben durfte, mit dem Ende von Sowjetunion und Re-agan käme die Welt mal in etwas rationelleres Fahr-wasser. Weit gefehlt. Die Branche der Weltverbessererhat offenbar nur mal eben kurz durchgeschnauft, um jetzt wieder richtig Gas zu geben. Wobei, das muss manihnen lassen, sie sich mittlerweile besser tarnen. Aberdie Wahnvorstellung, der Bürger als solcher sei ein Voll-depp, dem man am Besten das Denken und jede Mög-lichkeit zum eigenständigen Handeln – natürlich nur zuseinem Besten! – aus der Hand nehmen muss, einigtsie über jede politische Grenze hinweg. Zum liebstenZiel derer, die uns mal wieder vor uns selbst schützenwollen, ist scheinbar das Internet geworden. Ist aberauch ein übles Medium. Jeder kann da einfach mal soseine Meinung äußern, unkontrolliert, unzensiert undfrei. Dass so etwas für die Schäubles dieser Welt nichthinnehmbahr ist – wen wundert‘s. Dummer weise habenwir noch ein Grundgesetz, dessen Abschaffung zwarschon in Arbeit ist. Aber so lange da noch so ein Unsinnwie Presse- und Mei-nungsfreiheit vorgese-hen und selbige auchnoch unter besonde-rem Schutz stehen,muss der Ordnungs-liebhaber da andersreingrätschen. Und waswäre da besser geeig-net als das EkelthemaKinderporno. Niemandhat wirklich ein Inte-resse daran, dass Kramdieser Art verbreitetund gehandelt wird.Und nach dem diesausschließlich über dasInternet geschieht - vor1997 gab es offenbarkeine Kinderpornogra-phie - kann man dasProblem ja auch ganz einfach beenden. Einfach die to-tale Kontrolle im Netz, und schon lösen sich die Pädosin Wohlgefallen auf. Wie hervorragend das funktioniert,zeigen reichlich Beispiele. Seit dem sie verboten sind,wachsen keine psychotropen Pilze mehr auf Kuhfladen.Da die Breitbandverkabelung Afghanistans gestopptwurde, ist die Taliban am Ende, denn wie sonst könntensich auch technik-affine Analphabeten am hinteren Hin-dukusch verständigen? Ach ja, und in Nordkorea habendie Jungs das auch gut unter Kontrolle: einfach keineLeitung nach draussen, und schon folgt das Volk.Für uns Lesben und Schwule hat das auch immenseVorteile: das Outing wird immer unkomplizierter. Trautman sich selber nicht – keine Angst, Schäuble hilft. Oderder Arbeitgeber scannt abends mal freundlicherweiseunsere Mails und Festplatten, damit er – natürlich nurin unserem Interesse - die Verbindungsdaten gleich andie innerbetriebliche Gleichstellungs- und Kündigungs-abteilung weiterreichen kann. Verheiratet und Gay?Mal schnell anonym bei Gay Romeo oder Lesarion rein-schauen? Spätestens bei der Scheidung wird das eben-so zum Bumerang wie der Besuch auf der Aids-Hilfe-Seite beim Antrag auf eine Lebensversicherung.Wenn sie jetzt meinen, die Alte sieht Gespenster, dannhaben sie recht. Sie sind aus Fleisch und Blut, und wirnur noch einen Wimpernschlag weg von der totalenÜberwachung. Aber vielleicht dieses Drohszenario jaauch sein Gutes: wenn wir eh’ gläsern sind, können wirauch so leben – schließlich müssen wir nichts mehr ver-bergen. Also nehmen wir uns die Freiheit, zeigen denenunseren Mittelfinger - und lassen uns nicht den Spaßverderben. Und genau davon wünsche Ihnen mehr alses ordentlich ist.Ich bin Sarah Jäckel, lasse mir weder Mund noch Tastenverbieten und tanze in den Mai
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