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Hirnforschung Neurowissenschaft Welt in Den Kopf

Hirnforschung Neurowissenschaft Welt in Den Kopf

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WISSEN
1
Wie kommt die Welt in den Kopf?
VON
Andreas Sentker
|
08. Dezember 1995 - 13:00 Uhr
Christof Koch liebt es aufzufallen. Mit breitkrempigem Hut und roten Cowboystiefelnstapft der Hirnforscher durch die Gassen der Tübinger Altstadt. Hier, in der Stadtvon Hegel und Hölderlin, fühlt sich der Wahlamerikaner wohl. Koch arbeitet amCalifornia Institute of Technology in Pasadena und repräsentiert die jüngste Generationder Hirnforscher. Sein selbstbewußtes Auftreten ist symptomatisch für die neueAufbruchstimmung unter den Neurowissenschaftlern: "Wir werden Bewußtsein erklärenkönnen", davon ist der Deutsche überzeugt.Mit vereinten Kräften mühen sich Neurobiologen und Mediziner, Computerexpertenund Psychologen, das Bewußtsein zu ergründen. Wie gerät die Welt in den Kopf, was istKreativität, was Geist? Doch die Zunft der Hirnforscher ist zerstritten. Schon am Begriff des "Bewußtseins" scheiden sich die Geister. Daß die Wissenschaftler ihn anstelle deraltmodischen "Seele" einführten, hat die Diskussion keineswegs erleichtert.Für den Psychologen Ernst Pöppel ist das Leib-Seele-Problem eher ein Fall fürdie Linguistik als für die Hirnforschung: "Durch die Abtrennung des Begriffs vomgesprochenen Wort und durch seine schriftliche Fixierung wird uns vorgegaukelt, daß esBewußtsein im eigentlichen Sinne des Wortes gäbe." Und der Oxforder NeurophysiologeColin Blakemore jammert: "Je mehr wir über das Gehirn wissen, um so bedeutungsloserwird es - ein Phänomen, das sich gleichsam verflüchtigt."So ähneln die Neurowissenschaftler jenen Slapstick-Komödianten, die sich nach ihremherabgefallenen Hut bücken und ihm dabei einen Tritt versetzen, um ihm gleich darauf wieder nachzueilen. Ein scheinbar hoffnungsloses Unterfangen, das Zusehen aber bereitetdennoch Vergnügen. Man muß nur die Regeln des Spiels kennen: Wie in kaum eineranderen Disziplin jonglieren die Forscher mit Modebegriffen. Ein "Paradigma" jagtdas andere, die "Revolutionen" sind kaum noch zu zählen. "Chaos" und "Komplexität","Evolution" und "Selbstorganisation" - die wissenschaftlichen Reizwörter der neunzigerJahre beherrschen die Debatte und lassen sich in nahezu jeder Hirntheorie nachlesen.Da fällt es selbst Experten oftmals schwer, hinter dem immer gleichen Jargon die feinenUnterschiede in den theoretischen Ansätzen auszumachen. Nur mit Mühe haben sich dieWissenschaftler bisher auf eines einigen können: Geistige Phänomene sind ein Produkt dermateriellen, der von physikalischen Gesetzen bestimmten Welt. Das immerhin verdientdie Bezeichnung "Revolution". Denn das westliche Denken war traditionell immer zutiefstdualistisch, Körper und Geist wurden säuberlich getrennt. Der wohl bekannteste Dualistbegründete die Philosophie der Neuzeit: René Descartes. "Cogito ergo sum", ich denke,also bin ich. Auf diese Weise faßte Descartes, jedenfalls nach landläufiger Meinung, seinBekenntnis zusammen.
 
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Während die Philosophen lange Zeit das Bewußtsein mit einer metaphysischen Erfahrungdes "Ich" und seiner Geschichte verknüpfen, versuchen die Hirnforscher heute den Geistsozusagen aus der Materie heraus zu erklären."Sum ergo cogito", ich denke, weil ich bin: So verkehrt Gerald Edelman folgerichtigdas Diktum des Descartes in sein Gegenteil. Der 66jährige Medizin-Nobelpreisträgerversucht als einer der wenigen, ein umfassendes Theoriengebäude zu errichten. Wieein moderner Prediger reist er unermüdlich von Vortragstermin zu Vortragstermin. Mitbewundernswerter Rhetorik, die mühelos vom lockeren Plauderton auf propagandistischeEindringlichkeit umschaltet, verkündet er seine Botschaft: Nur die Biologie ist derSchlüssel zum Gehirn. Wer menschliches Denken und Bewußtsein verstehen will, muß sichanschauen, wie das Gehirn entstanden ist, muß seine Geschichte und Struktur erforschen."Es muß Wege geben, den Geist zur Natur zurückkehren zu lassen, die denen entsprechen,auf denen er in sie hineingekommen ist", sagt Edelman und meint damit: Evolution stattgöttlicher Eingebung.Sein Schlagwort lautet "Darwinismus", das Vokabular des 19. Jahrhunderts bestimmtsein wissenschaftliches Weltbild. 1969 war es ihm erstmals gelungen, den chemischenAufbau eines Antikörpermoleküls vollständig zu entziffern; heute glaubt er, den Schlüsselzum Bewußtsein gefunden zu haben. Sein jüngstes populärwissenschaftliches Werkhat er "Göttliche Luft, vernichtendes Feuer" überschrieben. Damit sieht sich Edelmanals Nachfolger des griechischen Philosophen Empedokles, von dem das Zitat stammt.Dieser hatte versucht, die Elemente, die Aristoteles zuvor so säuberlich getrennt hatte,wieder zu vereinen. Genauso will Edelman die modernen Ergebnisse und Theorien derNeurowissenschaften bündeln.Über weite Strecken entspricht sein Werk einem Kompendium wissenschaftlicherMehrheitsmeinung: Gene und Umwelt prägen das Geschehen im Kopf. Nervenzellenwandern, lassen sich an ihrem angestammten Platz nieder, bilden Kontakte aus. Derdarwinistische Kampf ums neuronale Überleben findet im Kortex, der Großhirnrinde,statt. Die Reize der Außenwelt lassen die Zahl der Verbindungen und ihre Stärkewachsen. Die Zellen schließen sich zu Gruppen zusammen, lösen sich wieder, um erneutzueinanderzufinden. "Dynamik" lautet ein Schlagwort für diesen immerwährenden Wandelim Kopf. Das Muster der Verbindungen und hektischen Aktivitäten im Gehirn repräsentiertdie Außenwelt.Christof Koch vergleicht das neuronale Theater mit den Lichtern an einemWeihnachtsbaum. Dann und wann blinken einige Kerzen im Gleichtakt, ein Musterentsteht. Im Gehirn ist dieses Muster etwa der Code für "Christstollen" oder "Krippe". Diehektisch flackernden Lichter aber verbreiten in Kochs Szenario keine besinnliche Ruhe.Marzipanduft und Mandelsplitter, Kinderchor und Kirche - sie alle existieren, glaubt mandem Neurobiologen, nur als wirres Trommelfeuer der Neuronen im Gehirn, als Chaos imKopf.
 
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Doch wie lauten die Regeln hinter dem chaotischen Geschehen, und vor allem: Wo istim Gewirr der Signale das Bewußtsein verborgen? Für Christof Koch, der zusammen mitdem DNA-Entdecker Francis Crick an einer Bewußtseinstheorie werkelt, steckt es in demraumzeitlichen Muster der neuronalen Aktivitäten. Die Seele sei nichts anderes als diebewußte Wahrnehmung des Ich und seiner Umwelt.Gerald Edelmans Überlegungen zielen in eine ähnliche Richtung. Andere Forscher habendagegen ihre Probleme damit, etwas so Unvorhersehbares wie den Geist in einer Welt zuentdecken, die von feststehenden physikalischen Gesetzen beherrscht wird. Sie greifenauf den Bereich der Physik zurück, der die Unschärfe und Unbestimmbarkeit zur Regelerhoben hat: die Quantenmechanik.Der englische Mathematiker Roger Penrose glaubt, quantenmechanische Phänomene in denMikrotubuli, den Skelettmolekülen der Zelle, entdeckt zu haben. Begeistert unterstützt wirder dabei von dem Anästhesisten Stuart Hameroff. Schließlich müsse auch das Verhalteneines Einzellers gesteuert werden, der weder Nervenzellen noch ein Gehirn besitze,argumentiert der amerikanische Forscher. So postuliert er ein quantenmechanischesRechennetzwerk innerhalb des neuronalen Netzes.Auch der Australier John Eccles, neben Crick und Edelman der dritte Nobelpreisträger, dersich um eine Erklärung des Geistes müht, glaubt an solche Phänomene im Gehirn. Er abermeint, sie an den chemischen Schaltstellen der Nerven, den Synapsen, zu erkennen. Dochnicht die Quantenmechanik selbst ist für Eccles das Bewußtsein, er hält die physikalischeErscheinung lediglich für die Schaltstelle zwischen Gehirn und Geist. Eccles kehrt mitseiner Theorie einer Trennung der materiellen Welt vom Universum der Gedanken wiederzu Descartes zurück. Der hielt die Zirbeldrüse für die Schaltstelle zwischen greifbaren undunbegreifbaren Dingen. Während John Eccles mit seiner dualistischen Theorie einsam auf weiter Flur steht, nähern sich die Theorien anderer Wissenschaftler einander immer weiteran. Doch obwohl die Forscher gemeinsame Ziele verfolgen, vielleicht auch gerade deshalb,beherrschen heftige Grabenkämpfe die Expertenszene.Im kalifornischen La Jolla etwa arbeitet Gerald Edelman im Scripps Research Institute anseiner "Theorie des neuronalen Darwinismus". Gleich gegenüber, auf der anderen Seiteder North Pines Road, sinniert Francis Crick im Salk Institute über den Geist nach. Mit derNachbarschaft der beiden Wissenschaftler schienen zunächst die besten Voraussetzungenfür eine fruchtbare Zusammenarbeit gegeben zu sein. Doch weit gefehlt. "Kooperation?"fragt Crick-Mitarbeiter Christof Koch ungläubig. "Die gibt es nicht." Auch der DNA-Entdecker selbst geizt nicht mit Seitenhieben auf seinen Nachbarn im Scripps Institute:"Man sollte seine Theorie neuronalen Edelmanismus nennen", schimpft Crick. Mit Darwinhabe Edelmans Gedankenwelt überhaupt nichts zu tun. - "Eine gute Theorie macht esmöglich, neue Fragen zu stellen, Experimente zu ersinnen, die Antworten versprechen",erklärt Christof Koch. "Edelmans Theorie ist an vielen Stellen so diffus, daß sie sich wederwiderlegen noch bestätigen läßt."

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