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Journalismus Anchorman

Journalismus Anchorman

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KULTUR
1
"Mein Chef ist das Publikum"
VON
Fritz Wolf
|
09. August 1996 - 14:00 Uhr
Diesen Satz hat Robert Hochner schon öfter gesagt: "Fernsehen ist keine Kanzel. Leutemit Sendungsbewußtsein gehören in die Sendetechnik." Solche pointierten Wendungenliebt er. Und immerhin ist das auch eine Aussage über sich selbst und seinen Beruf: RobertHochner ist Moderator der "Zeit im Bild 2", der halbstündigen Nachrichtensendung desÖsterreichischen Fernsehens, in Deutschland über 3Sat zu sehen - der derzeit souveränsteTV-Moderator und Nachrichtenmann im deutschsprachigen Raum.Hochner versteht sich selbst als "Anchorman", wie er sich überhaupt am angelsächsischenJournalismus orientiert, den er sich bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in den USA näherangesehen hat. So gut wie Peter Jenning von ABC sei er leider nicht, bedauert er, aber derhätte jene Qualitäten, die er selbst schätzt: leicht ironische Distanz, ohne oberflächlich zusein."Gespielte Betroffenheit, das ist für mich das ärgste." Moralisieren und Zensuren verteilen,wie man es in deutschen Fernsehnachrichten öfter erlebt, ist seine Sache nicht. Dann wählter lieber das Lakonische. Einen Beitrag über neue Ergebnisse der Hirnforschung, wonachdie Gehirnzellen von Männern im Alter dreimal so schnell absterben wie die von Frauen,kommentiert er lächelnd mit: "Schöne Aussichten."Mehrmals schon wurde der 51jährige mit dem jungenhaften Gesicht von einerWiener Tageszeitung zum beliebtesten Fernsehmoderator des Landes gekürt.Sendungsverantwortlicher für "ZIB 2" war er schon in den achtziger Jahren, dann gabes 1989 eine Krise. Er fühlte sich beim ORF rausgeekelt, ging als Chefredakteur zursozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung und scheiterte. Das Blatt war schon so gut wie totund wurde bald darauf eingestellt. Der damalige ORF-Generalintendant Bacher holte ihn1991 wieder zum Sender zurück.Seine Beliebtheit erklärt sich aus seiner Glaubwürdigkeit. Hochner wirkt stets gutinformiert, ohne es besser wissen zu wollen. Journalisten dürften sich nicht nur ausZeitungen informieren, sagt er, man brauche tieferen Hintergrund. Er liest viel, Außen-und Weltpolitik, Wissenschaft, Psychologie. Den kleinen Seitenhieb kann er sich nichtversagen: "Ich lese viel Bücher, im Unterschied zu anderen Kollegen, die Bücherschreiben." Daß er beim Publikum ankommt, erklärt er so: "Das innere Verstehen muß sichnonverbal dem Publikum mitteilen." Präsentation und Auftreten eines Moderators müßten"klar sichtbar machen, ob er selbst verstanden hat, wovon er spricht".Hochner setzt knappe, aber präzise Mittel und körpersprachliche Botschaften ein. Er wirktaufmerksam und konzentriert. Den Oberkörper beugt er leicht nach vorne, als wolle er
 
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seinem Publikum ein Stück entgegenkommen. Er spricht ziemlich schnell, und seine Sätzegeraten ihm manchmal zu lang. Aber er findet auch wieder aus ihnen heraus.Als Moderator sieht er sich als Verbündeter des Publikums - gegen das Fernsehen: "MeinChef ist das Publikum", sagt er und spricht vom "Mut zur einfachen Frage". Damit hat erschon manchen in Verlegenheit gebracht.Zum Thema, ob die Krankenkassen für Leute mit riskanter Lebensweise, etwaÜbergewichtige, höhere Beiträge erheben sollen, hat er einen Vertreter der Krankenkassenzugeschaltet. Die Krankenkassen sind dagegen, und der Interviewpartner ist sichtbarübergewichtig. Der Fernsehmann spricht aus, was jeder denkt: "Wenn man Sie sieht,wundert man sich nicht, daß Sie dagegen sind." Harald Juhnke wird mit den Worten imStudio begrüßt, wenn man ihn einlade, wisse man ja nie, ob nicht die Witwe oder derTestamentsvollstrecker käme. Der stofflige Herbert Grönemeyer wird mit der Frage aus derReserve gelockt, ob er denn bei seinem Konzert am Abend genauso nuscheln wolle wie auf der neuen CD. Doch wirkt diese Direktheit nie unverschämt und anmaßend."Ich bin ein Anhänger chinesischer Höflichkeit", sagt Hochner.Hart in der Sache, verbindlich im Auftreten. Interviews im Studio sind seine Stärke.Nun sind die österreichischen Verhältnisse ohnehin etwas übersichtlicher. Die Wegezwischen Sender und politischer Macht sind in jeder Hinsicht kurz. Minister kommen oftzu Interviews ins Fernsehstudio. Kanzler Vranitzky ist häufig da. Als Hochner ihn nachder Rückkehr von einer Chinareise fragte, ob es denn der österreichischen Wirtschaft soschlecht gehe, daß er Li Peng habe die Hand schütteln müssen, da sei Vranitzky "ernstlichböse" gewesen.Beim nächsten Interview zur zehnjährigen Kanzlerschaft war die Freundlichkeitwiederhergestellt. Hochner eröffnete die Runde mit der Bemerkung: "Die Rache derJournalisten an den Politikern ist bekanntlich das Archiv", und konfrontierte den Kanzlermit früheren Aussagen. Der nahm's gelassen und blieb es auch, als Hochner ihn mit derEinschätzung provozieren wollte, die SPÖ habe durch Ausgrenzungspolitik Jörg Haidererst zu Wählerstimmen verholfen und sei in ihrer Ausländerpolitik nicht mehr von denFreiheitlichen zu unterscheiden.In solchen Momenten ist zu spüren, warum der Nachrichtenmann als kompetenterGesprächspartner und nicht nur als Mikrophonhalter angesehen wird. Solchen Respekt mußman sich erst erarbeiten, besonders in Österreich . "Ich lege Wert darauf", sagt Hochner,"nicht mit Politikern befreundet zu sein." Vor allem die Innenpolitik ist für ihn ein Quell journalistischer Leiden: "Ein einziger Heuriger, unterbrochen durch Pressekonferenzen."Sein Interesse für Außenpolitik kommt auch daher, daß er sie als "Gegengewicht zureingebauten Provinzialität" braucht.
 
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An diesem Punkt sieht er auch den ORF an einer Scheidelinie angelangt.Anders als das Schweizer Fernsehen, das fast nur über die Schweiz berichtet, haltendie ORF-Informationssendungen noch einen gewissen weltläufigen Standard. Aber dieMittel sind knapp. "Es muß bald eine Entscheidung fallen, ob wir in der ersten Liga nochmitspielen.Oder wir müssen entscheiden, daß wir nicht mehr mithalten können.Man kann im Fernsehen nur bis zu einem gewissen Grad fehlende Mittel durchGehirnschmalz ausgleichen."Die Frage nach Höhepunkten seiner Bildschirmkarriere wehrt Hochner ab. Er willNachrichten nicht nach dem Event bewertet wissen.Eher schon nach Tiefe und Hintergrund der Information. Dann nennt er doch einigeBeispiele. Arafat im Studio, das sei spannend gewesen, mehr Sicherheitsleute als ORF-Angestellte im Newsroom. An die Nieren gegangen seien ihm die Telephongesprächein die Muslim-Enklaven in Bosnien . Zufrieden macht ihn, daß er eine scharfe Live-Konfrontation zwischen dem ehemaligen Wiener Bürgermeister Zilk und Innenministervon Einem gut über die Runden gebracht hat. Zilk, ein Medienprofi, hatte unerwartet seinevon einer Briefbombe verstümmelte Hand in die Kamera gehalten, um den Innenministeröffentlich in die Defensive zu bringen und zu einer Erweiterung der Fahndungsvollmachtender Polizei zu bewegen.Ein Star ist Robert Hochner dennoch nicht. Schon allein deshalb nicht, weil in Österreichohnehin schnell kleingerieben wird, wer seinen Kopf zu weit heraussteckt. Doch Hochnerrelativiert sich auch selbst: "Der Moderator ist nicht die Nachricht." Fernsehen sei einemotionales Medium, das zwinge zur Vorsicht. Es komme ihm auf den Subtext an, auf dieindirekte Mitteilung auch der Grenzen des Mediums. Der Zuschauer soll mit der Nachrichtauch eine Botschaft über die Nachricht mitbekommen: Nachrichten sind nach Stand derDinge und der Möglichkeiten vorläufig, schon morgen kann alles anders aussehen. Auf keinen Fall handle es sich um letzte Wahrheiten: "Die Welt ist viel zu kompliziert."Hochner weiß um die Gefahren des Geschäfts. Das gewisse Quentchen Distanz und dasMittel der Ironie können helfen, sie auch den Zuschauern bewußt zu machen: "Wärenwir eine Großbäckerei, wären die Semmeln an dem einen Tag steinhart und am nächstenmatschig."Ganz so groß ist das Unglück aber dann doch nicht. Hochner weiß schon, was er hat: "Ichhabe einen schönen Beruf, den viele andere gerne hätten."

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