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Meinungsfreiheit ist der „Luxus“ der Ukrainer Die ukrainischen Bürger sind von den endlosen Machtkämpfen und dem Chaosihrer Politiker müde oder apathisch geworden. Nach der Orangen Revolution imHerbst 2004 haben Präsident Juschtschenko, Premierministerin Tymoschenko unddas Parlament jeglichen Vertrauenskredit verspielt. Der einzige “Luxus” der Ukrainer sind die Freiheit und Unabhängigkeit, die damals Hunderttausende auf der Strasse verteidigten.
Von Anna Schor-Tschudnowskaja / maiak.infoDie Ukraine steckt in der Krise. Das Tauziehen zwischen Präsident Wiktor Juschtschenko, Premierministerin Julija Tymoschenko und dem Parlament –beziehungsweise der dort dominierenden oppositionellen Partei der Regionen von Wiktor Janukowytsch – nimmt kein Ende.Die Hauptakteure der Orangen Revolution im Herbst 2004 haben sich hoffnungsloszerstritten und den damals bei der Bevölkerung aufgenommenen Vertrauenskredit mitscheinbar endlosen Machtkämpfen und dem daraus resultierenden politischen Chaosverspielt.
Die Freiheit der “anderen Meinung” ist geblieben
Als ich im März 2009 in Kiew mit meinen ukrainischen Freunden die politische Lageerörterte, konnte ich ihre traurige Bilanz nicht ganz teilen. So geniesst die ukrainischePresse eine Freiheit, die in keinem anderen Nachfolgestaat der Sowjetunion anzutreffenist; einige Zeitungen, wie z.B. “Дзеркало тижня” * “Wochenspiegel” weisen einbeträchtliches Niveau an analytischer Tiefenschärfe auf.Die breite Palette an kritischen Meinungen und unangenehme Tatsachen beim Namennennenden Berichten erinnerte mich an die sowjetische Medienlandschaft am Ende der 1980er Jahre, die von Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika regen Gebrauchmachte. Die in der heutigen Ukraine übliche freie, unzensierte journalistische Arbeiterlauben sich in Russland heute aber nur noch einzelne oppositionelle Blätter; diemeisten anderen hat der Kreml längst gleichgeschaltet.Meine ukrainischen Bekannten hatten sich so sehr an die Freiheit der “anderen Meinung”gewöhnt, dass sie diese für selbstverständlich hielten. Als ich ihnen mehr von Russlandberichtete, wurde ihnen besser bewusst, wie kostbar solche “Selbstverständlichkeitendoch sind und wie leicht sie wieder verloren gehen können. Mir wurde dagegen erneut klar,wie weit sich die Ukraine in wenigen Jahren von Russland entfernt hat.
Die Distanz der Ukraine zu Russland
 
Und wenn man heute mit Besorgnis die immer neuen Zerwürfnisse in der politischenKlasse der Ukraine betrachtet, so geht es doch auch und gerade darum, ob das Land diein der politischen Kultur gewonnene Distanz zu Russland behalten wird können.Dabei wird die Ukraine nicht nur in Russland allzu gern als unmittelbares Einflussgebietoder sogar “quasi russisches Territorium” wahrgenommen, sondern auch im übrigenEuropa. Dort sind die ukrainische Kultur, ja selbst die ukrainische Sprache kaum bekannt.Ebenfalls wird “postsowjetisch” oft pauschal gebraucht und nicht genügend zwischen ganzverschiedenen Pfaden der postsowjetischen Entwicklung differenziert.Zweifelsohne ähneln viele Züge des ukrainischen Homo post-sovieticus seinemrussischen (wie auch weissrussischen, georgischen, moldauischen etc.) Pendant, dochsind auch grosse Unterschiede evident.
Der ukrainische Homo post-sovieticus
Ein Unterschied betrifft die Erinnerung an die Perestroika, ihren offenen Stil und die vielenHoffnungen, die sie in den der langen Stagnation der Breschnew-Ära in müdenSowjetbürgern weckte.In der Bevölkerung und politischen Elite des postsowjetischen Russlands ist es längstüblich, sich voller Verachtung über diese unangenehme und peinliche “Schwächeperiode”zu äussern, die 1991 zum Zerfall der UdSSR geführt habe. In der gesellschaftlichenErinnerung der meisten Einwohner der Ukraine überwiegen dagegen Erleichterung undDankbarkeit für die Etablierung der nationalen (staatlichen) Unabhängigkeit und dieBefreiung vom sowjetischen Regime.Der russische Homo post-sovieticus weist immer noch eine signifikante nostalgischeAffinität zum politischen Stil der sowjetischen Epoche auf. Die Ukraine hat dagegen dievon der Perestroika erweckten und teilweise umgesetzten Hoffnungen nicht vergessenund auch nicht aufgehört zu schätzen. 2004 standen sie auch auf den Fahnen der Orangen Revolution und wurden auf spektakuläre Art und Weise verteidigt. Und sieprägen bis jetzt die politische Streitkultur im Land.
Die Freiheit hat viele Schattierungen
Der Unterschied in der Anzahl der Freiheitsgrade in Kiew und in Moskau scheint der  jetzigen ukrainischen Führung noch bewusst und wertvoll zu sein.Im Gegensatz zu Russland propagiert die ukrainische Führung weder “eigene Prioritätender Menschenrechte” (bei denen das “Recht des Staates” stets über dem “Recht desBürgers” steht) noch eine “souveräne Demokratie” (was nur ein autoritäres Regimebemänteln soll), sondern orientiert sich an den Werten der demokratischen StaatenEuropas und Nordamerikas.
 
Angesichts der aktuellen politischen und ökonomischen Krise muss man sich aber fragen,ob die Ukraine willens und imstande sein wird, diese Ausrichtung zu behalten. DieWeltwirtschaftskrise ist eine harte Prüfung und die Ukraine balanciert hart amStaatsbankrott. Eine weitere Verarmung würden vor allem die sehr nach Russlandorientierten östlichen Teile des Landes nicht mehr verkraften.Moskau könnte Kiew weitere Kredite gewähren, würde sie aber mit harten politischenBedingungen - so etwa einem Verbleib der russischen Schwarzmeerflotte auf der ukrainischen Krim-Halbinsel über das vereinbarte Jahr 2017 hinaus oder einer “gemeinsamen Verwaltung” des ukrainischen Netzes von Gaspipelines - verbinden.
Der Ukraine fehlen neue Köpfe
Zudem nähert sich die Ukraine innenpolitischen Kraftproben in der Gestalt vonPräsidentenwahlen am 25. Oktober 2009 respektive am 17. Januar 2010, nachdem dasVerfassungsgericht den ersten Termin für nicht verfassungskonform erklärte.Die Geschichte lehrt, dass erfolgreiche Revolutionsführer rechtzeitig die Bühne der Machtverlassen sollten, damit die erkämpften Veränderungen nicht missbraucht oder ininternen Machtkämpfen verspielt werden. Präsident Wiktor Juschtschenko möchte sichaber wiederwählen lassen, obwohl seine Chancen und die seiner Partei Unsere Ukrainesehr gering sind.Auch die anderen seit Jahren bekannten Akteure, die wieder kandidieren, werden denVertrauensverlust der Wähler politisch kaum überleben. Es fehlen aber neue Köpfe, diemit einem Mandat ausgestattet sind, welches mit dem der ersten Orangen Koalition (ab2005) vergleichbar wäre. Man kann nur hoffen, dass die Ukraine die demokratischenSpielregeln so lange behalten kann, bis eine neue Orange Generation die öffentliche Bühnebetritt.
Über die Autorin:Anna Schor-Tschudnowskaja
(1974) ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin undProjektleiterin für Osteuropa an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.
Schor-Tschudnowskaja
ist in Kiew geboren und in Sankt Petersburg aufgewachsen. Die Diplom-Psychologin und Soziologin lebt seit 1992 in Deutschland und ist aktives Mitglied der MenschenrechtsorganisationMemorial. Von 2003 bis 2007 war 
Schor-Tschudnowskaja
ander Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung HSFK in Frankfurt tätig, seitApril 2007 an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. IhreForschungsschwerpunkte sind gesellschaftliche und politische Deutungsmuster in der Sowjetunion und dem postsowjetischen Russland sowie Theorien der Öffentlichkeit,Zivilgesellschaft und Menschenrechte. Zuletzt erschienen:"Europa im

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