ALS ELEANOR ROOSE-VELT, die Witwe des US-Prä-sidenten Franklin D. Roose-velt an einem Sonntag im Jahre 1947zum Tee lädt, steht ihr nicht der Sinnnach Komplimenten ür ihre Cookies,sondern nach einer Veränderung derWelt: Roosevelt ist Vorsitzende einerUN-Kommission, die an einer Erklä-rung der Menschenrechte arbeitet.Nach den Schrecken des ZweitenWeltkriegs soll es endlich einen Leit-aden geben, der das Handelnder Völker bestimmt.Den ersten Schritt zu einersolchen Erklärung hatten am14. August 1941 die USA undGroßbritannien unternommen,als sie in der sogenannten»Atlantic Charta« beteuerten,sich ür Menschenrechte ein-setzen zu wollen. US-PräsidentRoosevelt nannte als Grund-rechte die Freiheit von Notund Furcht, den Zutritt zumHandel und bessere Arbeits-bedingungen.Nach dem Zweiten Welt-krieg beschließen die noch jun-gen Vereinten Nationen, ihreMenschenrechtskommissionmit der Formulierung einer weltweitgültigen »Bill o Rights« zu beautra-gen. Die Kommission besteht aus 18Mitgliedern, darunter Eleanor Roo-sevelt, der Diplomat und PhilosophPeng-chun Chang und der libanesi-sche UN-Mitarbeiter Charles Malik.Weil es aber bei der Formulierung derCharta Dierenzen zwischen Malikund Chang gibt, beschließen sie beimTeetrinken in Roosevelts New YorkerApartment am Washington Square,einen gewissen John P. Humphreymit einem ersten Entwur zu beau-tragen. Der kanadische Jurist Hum-phrey ist von 1946 bis 1966 Direktorder UN-Menschenrechtsabteilung.Nachdem er den Autrag erhaltenhat, macht er sich soort an die Ar-beit und zieht sich ür eine Woche inein Hotel zurück, um zu schreiben.Er orientiert sich an rüheren Ent-würen, vor allem an dem des Ameri-can Law Institutes. Doch er hat auchandere Inspirationsquellen: Juristenund Geistliche haben sich schon vorihm an der Formulierung der Men-schenrechte versucht. Sogar derSchritsteller und Pionier der Science-Fiction-Literatur H. G. Wells schriebseine Ideen dazu au. Es ist ein Sto,der die Welt bewegt.Humphrey sind vor allem sozialeund wirtschatliche Rechte wichtig.In einer Rede bezeichnet er das Pro-jekt als »revolutionär«, was ihm dieKritik von konservativer Seite ein-bringt – das UN-Menschenrechtspro-gramm wolle Sozialismus oder garKommunismus etablieren, heißt es.Humphrey selbst sagt später in einemInterview: »1948 wurden wirtschat-liche und soziale Rechte als purer So-zialismus angesehen.« Am 15. März1947 hat er seine Arbeit endlich voll-endet. In insgesamt 48 Artikeln fndensich die wichtigsten Menschenrechte.Doch auch bei einer Menschrechtsde-klaration kann Unrecht geschehen: John P. Humphrey soll später nichtdie ihm zustehende Anerkennung ürseine Arbeit bekommen, seine Leistungwird verschwiegen.Dem Kommitee erscheint Hum-pheys Wur zu unlogisch strukturiert.Als man sich im Juni 1947 zum ers-ten Mal ofziell trit, bittetman den ranzösischen Juris-ten und Diplomaten René Cas-sin, um eine Überarbeitung.Als Cassin drei Tage später sei-ne Arbeit vorlegt, besteht erdarau, Urheber des ersten Ent-wures einer Menschenrechts-erklärung zu sein, obwohl dreiViertel seines Textes dem vonHumphrey gleichen. Derschweigt – ür die Sache.Als Cassin aber 1968 denFriedensnobelpreis bekommt,vor allem ür seine Leistung alsVerasser der Menschenrechts-erklärung, meldet sich Hum-phrey zu Wort und löst damitdiplomatische Verwicklungenzwischen Frankreich und Kanadaaus. Humphrey erhält sogarDrohanrue.Nach insgesamt eineinhalb JahrenArbeit an der Erklärung wird endlicham 10. Dezember 1948 in Paris die30 Artikel umassende »UniversalDeclaration o Human Rights« von48 Staaten verabschiedet. Acht Nati-onen enthalten sich, es gibt keineGegenstimme.In Eleanor Roosevelts Memoirenvon 1959 wird Humphrey als Autordes ersten Entwures der Menschen-rechtserklärung erwähnt, ofziellbleibt Cassin der Verasser.
Herr Prantl, müssen Sie als Jurist und früherer Staats-anwalt nicht Mitleid mit den Institutionen haben, die fürdie Einhaltung der Menschenrechtsdeklaration kämp-fen? Schließlich gibt es kaum rechtliche Verbindlich-keiten und Sanktionen für die Nichtbeachtung.
Mitleid? Eigentlich möchte man ja verzweieln. Esgibt keine Exekutive, die Menschenrechte so schützt,wie sie geschützt gehörten; es gibt keine staatlicheoder überstaatliche Gewalt, die sie konsequent vertei-digt. Aber andererseits stellt man est, dass sie trotz-dem Autorität haben, dass eine Akzeptanz ür dieMenschenrechte gewachsen ist, die man sich so vor60 Jahren nicht hätte vorstellen können. Die Papier-orm der Menschenrechte ist vorzüglich. Und eineZeit lang, zwischen dem Ende des Kalten Krieges unddem Anschlag au die Twin Towers im Jahr 2001,wuchs sogar ein Pänzchen der Honung aus den Jahresberichten von amnesty international. Das istvorbei: Der amnesty-Jahresbericht von 2008 liest sichwie eine Ode der Resignation. Im »Kamp gegen denTerror« leiden die Menschenrechte ganz urchtbar.Aber es gibt auch Honung: Vielleicht kann man esja schon als Erolg werten, dass China im Voreld derOlympischen Spiele nicht gesagt hat: »die Menschen-rechte akzeptieren wir nicht.« China hat ja eher umVerständnis geworben, dass das Land noch nicht »soweit« ist. Das weckt die kleine Honung, dass sichdie Menschenrechte nicht einach in der Unverbind-lichkeit auösen, sondern dass sie eine innere Krathaben. Eine innere Krat, die so groß ist, auch Länderzu ergreien, die lange abseitsstanden.
Sie sehen die Entwicklung der Menschenrechte alsodurchaus als Erfolgsgeschichte.
Sie werden in Serie verletzt. Aber: Sie sind der Maß-stab, an dem Regierungen gemessen werden, ob sienun die Menschenrechte im Munde ühren oder nicht.Und diesen Maßstab haben nicht nur NGOs wieamnesty in der Hand, dieser Maßstab liegt mittler-weile auch au dem Tisch von Richtern, die dasVerhalten von Regierungsches, von Ministern undMilitärs daran messen – reilich immer nur dann,wenn deren Regime zusammengebrochen ist. DenkenSie an die Gründung des Weltstragerichtshos in DenHaag, denken Sie an die internationalen Tribunale,welche die Verbrechen des Jugoslawienkriegs und denVölkermord in Ruanda untersuchen und bestraen.Sicher: Strae kommt immer zu spät. Aber solche Stra-en können vielleicht abschreckend wirken und alsovorbeugende Krat haben. Bisher war es so: Wenneiner einen Menschen ermordet hat, kam er ins Ge-ängnis. Wenn einer Tausende von Menschen ermor-dete, wurden ihm die Türen zu den internationalenKonerenzsälen geönet. Einen solchen verrücktenAutomatismus gibt es jetzt nicht mehr.
Obwohl selbst die Staaten, die das Vertragswerk desGerichtshofes unterschrieben haben, schon Urteileignoriert haben.
Auch Staaten sind Pharisäer: Sie sehen den Balkennur im Auge der anderen. Das werden die sich lang-ristig aber nicht leisten können. Es geht nicht, dassdas Gericht nur den Halbmächtigen und den Exmäch-tigen au die Finger schaut, das wird sich sicherlichentwickeln. So wie sich aus dem Nürnberger Kriegs-verbrechertribunal nun allmählich das Weltgerichtentwickelt.
Ist dieses Tribunal ein Vorbild für ein Weltgericht?
Ja. Das Nürnberger Gericht wurde von den Siegerndes zweiten Weltkriegs eingesetzt. Darum wurde otder Vorwur erhoben, hier agiere eine Siegerjustiz,hier bestrae man Dinge, ür die die Rechtsregeln erstnachträglich geschaen wurden. Dieser Vorwur galtschon damals nicht, und heute gilt er erst recht nichtmehr. Es ist ja nicht so, dass die Menschenrechte vor60 Jahren au einmal vom Himmel geallen sind.Menschenrechte waren schon vor der AllgemeinenErklärung der Menschenrechte da. Lesen wir nach beiFriedrich Schiller, hören wir den FreiheitsheldenWilhelm Tell: »Es gibt die ewigen Rechte, die hängenirgendwo da oben. Und wenn ich nirgendwo andersRecht fnde, dann fnde ich die bei den ewigen unver-äußerlichen Rechten …«
Das klingt sehr optimistisch. Gelten diese ewigenRechte nicht nur bis zum nächsten Notfall?
Die ewigen Rechte Schillers – die haben sich materia-lisiert in diesen allgemeinen Menschenrechten des Jahres 1948. Es gibt so was wie die normative Kratdes Normativen. Da sind Regeln, die erst Mal daste-hen, aber im Laue der Zeit prägen sie das Bewusst-sein, weil über sie immer und immer wieder geredetund debattiert wird.
so d o 60 J di Mdkio
text: sUsanne KlInGner
BESUCH BEI EINER DAME
Ein großer Schritt für die Menschheit:Eleanor Roosevelt, die Witwe des US-PräsidentenFranklin D. Roosevelt, mit der Deklaration
»Ein Mord ist ein Mord – ob in Ruandaoder hier«
Der Rechtsexperte und Journalist HeribertPrantl über die juristische Durchsetzbar-keit der Menschenrechte, deren Relativierungin Deutschland und die Möglichkeiten ür jeden Einzelnen, sie zu stärken.
4 — luterThema: Menschenrechte — 5
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