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Beilage zur Wochenzeitung25. Oktober 2004
Aus Politikund Zeitgeschichte
3Paul Virilio
Essay 
Die çberbelichtete Stadt5Eckart WerthebachDeutsche Sicherheitsstrukturen im21. Jahrhundert14Christoph GusyGeheimdienstliche Aufklårung undGrundrechtsschutz21Jan WehrheimStådte im Blickpunkt Innerer Sicherheit28Wolfgang HetzerEuropåische Strategien gegen Geldwåscheund Terror33Wolf DombrowskyTerrorismus und die Verteidigung des Zivilen
B 44/2004
 
Herausgegeben vonder Bundeszentralefçr politische BildungAdenauerallee 8653113 Bonn.
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Editorial
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Der Terroranschlag von Madridim Mårz dieses Jahres hat die Dis-kussion çber Konsequenzen ausder verånderten Sicherheitslageverschårft. Benætigt Deutschlandeine neue ¹Sicherheitsarchitek-turª? Bislang konkurrieren diefæderal organisierten Verfassungs-schutz- und Kriminalåmter mitein-ander und blockieren sich nicht sel-ten gegenseitig. Die Innenministervon Bund und Låndern haben des-halb im Juli 2004 beschlossen, einegemeinsame Antiterrordatei desBundesnachrichtendienstes, derVerfassungsschutzbehærden undder Polizei einzurichten.
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Die Grenzen zwischen Polizei-und Geheimdienstarbeit sindbereits als Folge der Anschlågevom 11. September 2001 in denUSA durchlåssiger geworden. ZweiAntiterrorpakete wurden verab-schiedet, mit denen die Vorfeldbe-fugnisse der Behærden erheblichausgeweitet wurden. Die Geheim-dienste dçrfen bei Anbietern vonTelekommunikationsleistungen, beiFluggesellschaften und Kreditinsti-tuten personenbezogene Datenabfragen. Mit Inkrafttreten desZuwanderungsgesetzes im Januarnåchsten Jahres werden Abschie-bungen Verdåchtiger erleichtert.Bis Ende 2005 wollen die EU-Innenminister neue, biometrischdurch Fingerbilder, Netzhautscanoder Gesichtserfassung abgesi-cherte Ausweispapiere einfçhren.In den USA wird bereits jetzt vonEinreisenden die Hinterlegung bio-metrischer Kennzeichen verlangt;Fingerabdrçcke und Digitalfotoswerden mit Daten mutmaûlicherTerroristen abgeglichen.
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Datenschçtzer warnen indes vordem ¹glåsernen Bçrgerª. Der Ziel-konflikt zwischen Freiheit und Inne-rer Sicherheit ist nicht neu. Bereitsin der ¹bleiernen Zeitª der altenBundesrepublik in den siebzigerJahren kam es angesichts des RAF-Terrors zu Rasterfahndungen, unddas Delikt ¹Bildung einer terroristi-schen Vereinigunwurde insStrafgesetzbuch eingefçgt. Heuteverleihen Globalisierung und Digi-talisierung der Debatte eine neueQualitåt. Die sich rasch entwi-ckelnde RFID-Technologie (RadioFrequency Identification) etwaeræffnet neue Mæglichkeiten zurIdentifizierung und Kontrolle vonVerdåchtigen. Die automatisierteErfassung von Kærpermerkmalenund ihre digitale Verarbeitungerlauben den raschen Zugriff aufeine Fçlle von Informationen.
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Viele Bçrgerinnen und Bçrgerscheinen in Zeiten terroristischerBedrohungsångste Einschrånkun-gen der bçrgerlichen Freiheitenbereitwillig in Kauf zu nehmen. Inbritischen Stådten hat sich dieAnzahl der Videoçberwachungska-meras vervierfacht; nach einer EU-Studie befçrworten 90 Prozent derBriten solche Kameras an æffentli-chen Plåtzen. Nach einer Allens-bach-Erhebung vom April 2004meinen 44 Prozent der Deutschen,dass die Sicherheitsvorkehrungengegen Terroranschlåge nicht ausrei-chen, und çber 60 Prozent wçn-schen, dass die Bundeswehr imInnern Polizei- und Grenzschutz-aufgaben çbernimmt.
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Absolute Sicherheit kann es inhoch entwickelten Gemeinwesennicht geben. Die komplexe Ver-kehrs- und Kommunikationsinfra-struktur bietet Terroristen eine Fçllevon ¹weichen Zielenª. Mæglicher-weise hilft gegen die terroristischeBedrohung ± und gegen die ver-breiteten Ohnmachtsgefçhle ± nuraktiver Bçrgersinn: wachsameGelassenheit, sowie das Vorlebender Werte und die WahrnehmungderGrundrechte,gegendieislamis-tischeundandereTerroristenzuFelde ziehen und die in einem¹Gottesstaatª niemals gewåhrtwerden wçrden. Dazu gehært dasSelbstbewusstsein, auch Veråch-tern der Freiheit die Mæglichkeitennicht zu versagen, die der Rechts-staat bietet. Denn Freiheitsbe-schrånkungen ohne Humanitåtund Legalitåt, die pauschale Ver-dåchtigung von Minderheiten oderMaûnahmen innerer Militarisierungsind geeignet, die rechtsstaatlicheDemokratie zu schwåchen.
Hans-Georg Golz 
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Paul Virilio
Die überbelichtete Stadt
Nach dem Kalten Krieg und seiner erschrecken-den Vernichtungsdrohung gegen die Städte scheintes so, dass nun die Zeit der Kalten Panik voreinem Massenterror angebrochen ist, der das glei-che Unheil anzurichten vermag wie die alten inter-nationalen Konflikte.
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Der postmoderne Krieg hat sich gewissermaßenhyperkonzentriert von den milirischenSchlachtfeldern früherer Zeiten zu einer gegen dieStädte gerichteten Strategie. Wie „die Welt derWirtschaft“ ist er zu einem Monopol geworden, indem die frühere Geopolitik der Größe der Natio-nen unerwartet einer Metro-Politik heimischenTerrors Platz gemacht hat, eine permanenteBedrohung, welche die unbewaffnete Bevölkerungunterschiedslos trifft.De facto hat die geostrategische Ausdehnung ihreBedeutung für militärische Aktionen verloren,und zwar zugunsten einer metro-strategischenKonzentration, in der die Unterscheidung zwi-schen zivil und militärisch zu schwinden beginnt –wie diejenige zwischen privat und öffentlich.Daher rührt das Auftreten eines dritten Typus vonKonflikten: Nach dem „Bürgerkriegund dem„internationalen Krieg“ folgt nun der Krieg gegendie Zivilisten. Darin liegt auch die wichtige politi-sche Bedeutung des Unterschiedes zwischen denKonsequenzen eines Katastrophenfalls (ob natürli-chen Ursprungs oder durch die Industrie verur-sacht) und eines „massiven Attentats(für dasVerantwortung übernommen oder das anonymverübt wird).Wir wohnen teilnahmslos dem Niedergang desNationalstaates bei, dem Ende des Monopols deröffentlichen Gewalt, die durch den Staat ausgeübtwird, zugunsten eines nach innen gerichteten Ter-rors, der nicht nur die Demokratie in hohem Maßebedroht, sondern auch die Republik und ihrenRechtsstaat. Das erweiterte Europa wird dieseFragen nicht lange unbeachtet lassen können. Siesind nicht mehr nur eindimensional politisch, son-dern „metro-politisch“, da die demographischeKonzentration der Bevölkerungen in den Mega-Polen die althergebrachten Kriegsschauplätzebereits im Laufe des 20. Jahrhunderts schrittweiseverdrängt hat: vom Schlachtfeld in die Stadt, mitvernichtenden Luftangriffen, die das „massiveAttentat“, die größtmögliche Katastrophe gegendie städtischen Ballungsräume zu Beginn des 21.Jahrhunderts, bereits ahnen ließen.Daher verändert sich auch der Begriff der Verteidi-gung auf radikale Weise. Nach der militärischenVerteidigung der Länder und der zivilen Verteidi-gung der Bevölkerung steht nun, so scheint es, eineneue Frage im Vordergrund: Neben die nationaleSicherheit, die im Wesentlichen auf bewaffnetenStreitkräften unddersozialen Sicherheit derBürge-rinnen und Bürger beruht – und die dort, wo sienoch existiert, bedroht und obendrein in einerReihe von Rechtsstaaten unterentwickelt ist –, trittdieentscheidendeFragederSicherheit derMensch-heit, welche die bisherige Bedeutung des Begriffs„Gemeinwohl“,dasderStaatgarantiert,erweitert.Kürzlich hat es die frühere Hochkommissarin derVereinten Nationen r Flüchtlinge, SadakoOgata, angedeutet: „Der 11. September hat bewie-sen, dass kein Staat – sei er militärisch auch nochso stark – seine Bürger zu schützen vermag, selbstinnerhalb der eigenen Grenzen nicht.“
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Angesichtsdieser alarmierenden Feststellung, die nicht nurdie Versuchung eines Nihilismus der Verteidigungeinführt – wie er in manchen nordischen Ländernvor dem Zweiten Weltkrieg bestand –, sondernauch einen Nihilismus des öffentlichen Raums, indem die Stadt das Epizentrum darstellen könnte,ist es hilfreich, sich die historische Entwicklungder Streitkräfte vor Augen zu führen. WurdenKonflikte in der Zeit von Obstruktionswaffen(Festungsmauern und -bauten jeder Art) zunächstin Form von Stellungskriegen ausgetragen, führtedie weitere Entwicklung zum Bewegungskrieg undam Ende zum Blitzkrieg, in dem Vernichtungswaf-fen die städtischen Befestigungsanlagen verdräng-ten. Das Aufkommen der Abschreckungsstrategiehat unter der (relativen) Trägheit des Gleichge-wichts des Schreckens mit der Verhinderung vonSchlachten nicht nur den Rüstungswettlauf unddie Proliferation gefördert, sondern vor allem die
Übersetzung aus dem Französischen von Nicole Maschler,Berlin. Der Titel des Originals lautet „La Ville Surexposée“.
1 Vgl. Paul Virilio, Ville panique. Ailleurs commence ici,Paris 2004.2 Zit. nach Philippe Pons, Das Plädoyer von Sadako Ogatafür die humanitäre Sicherheit, in: Le Monde vom 6. 1. 2004.
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Aus Politik und Zeitgeschichte B 44/2004

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