Juschtschenko in dramatischen Situationen schon mal in seinem Büro eingeschlossenund das Telefon abgeschaltet. Die Vorsehung oder sein Vize sollten die nötigenEntscheidungen treffen.
“Aufstehen, Wiktor, es ist Revolution!”
Nach seiner Entlassung als Premierminister im Mai 2001 zögerte Juschtschenko jahrelang, sich an die Spitze der Opposition zu setzen. Erst allmählich entwickelte er sich,angetrieben von der radikalen MitstreiterinJulija Tymoschenko, vom Mann des Systemszum oppositionellen Kämpfer. Eine Rolle spielte dabei der rätselhafteVergiftungsversuchmit einer Dioxin-Chemikalie, die ihn im September 2004 schwer erkranken liess und seinGesicht entstellte. Der eitle und zum eleganten Auftritt neigende Juschtschenko littbesonders schwer darunter. Der Anschlag auf sein Leben lehrte ihn Härte.Treibende Kraft aber blieb Tymoschenko, die früher bereits für ein Gemälde alsBarrikadenstürmerin posiert hatte. “Tymoschenko klopft vermutlich jeden Morgen anJuschtschenkos Zimmertür und ruft: ‘Aufstehen, Wiktor, es ist Revolution!’”, scherzte einwestlicher Diplomat während der orangefarbenen Protestwochen. Juschtschenkos malbedachte, mal lahme Art mag ein Blutvergiessen verhindert haben, was in einemkonfliktscheuen Land wie der Ukraine bedeutsam ist. Aber als neu gewählter Präsidentfehlte dem Zauderer die nötige Entschlossenheit zur Veränderung.
Juschtschenko ist ein Harmonisierer
Der Revolutionär wider Willen konnte sich von falschen Freunden nicht trennen undverschreckte zugleich Wohlmeinende. Er verzettelte sich, statt die Dynamik desSiegesmoments zu nutzen. Schon im grössten Triumph auf dem Unabhängigkeitsplatzhatte er verhalten gewirkt. Während mancher seiner Mitstreiter mit napoleonischer Körperhaltung über die Bühne stolzierte, feierte er die orangefarbene Revolution als stiller Geniesser.Das Reden liegt ihm mehr im kleinen Kreise, wo er reserviert, zuweilen einnehmend, aber auch gerne zu lange spricht. Auf der Bühne machte er wie eine personifizierteDeeskalation ungeschickte Redepausen, und viele im Publikum mussten sich anstrengen,um zu begreifen, wann sie lauschen, klatschen oder jubeln sollten. Als er am Schluss mitbeiden Händen Victory-Zeichen formen wollte, winkte er mehr, als dass er sich als Sieger produzierte.Juschtschenko ist ein Harmonisierer und Familienmensch. Politisches und Persönlichesvermischt er zur chaotischen Beziehungskiste. Er ist Taufvater der Zwillingstöchter seinesengen Vertrauten und FinanziersPetro Poroschenko, der nach der orangefarbenenRevolution von Skandal zu Skandal eilte. Sogar dem befreundeten georgischenPräsidenten Michail Saakaschwili bot er seine Patendienste an.
Für Familie und Freunde opfert Juschtschenko seine Prinzipien
Die Familie, die Juschtschenko als Kern der Nation versteht, liegt ihm besonders amHerzen. Deshalb reagierte er heftig, als Journalisten berichteten, dass sein Sohn, einStudent im sechsten Semester, ein 130.000 Dollar teures Auto fahre und im Nachtklub“Dekadenz” hohe Rechnungen hinterlasse. Juschtschenko verteidigte das Heiligtumseiner Familie, als er einen Journalisten des “Auftragsmords mit Informationen”bezichtigte.
Add a Comment