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Inhaltlicher_Bericht_WWU_Sport_und_Staat.pdf

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08/27/2013

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Bericht über das Münsteraner Teilprojekt zurDopinggeschichte in Deutschland
Der Bericht über das im Folgenden beschriebene Teilprojekt der MünsteranerArbeitsgruppe zur Dopinggeschichte in Deutschland gliedert sich in drei Abschnitte.Abschnitt A behandelt den Beginn des Behandlungszeitraums in den 1950er und1960er Jahren, Abschnitt B die 1970er und 1980er Jahre, und Abschnitt C dieEntwicklung seit der Wiedervereinigung 1989/90 bis zum Jahr 2007.Der Forschungsbericht ist chronologisch aufgebaut und orientiert sich in seinerGliederung an der im Forschungsantrag, im Schnittstellenkonzept und auf den dreiTagungen, auf denen über den Stand des Projekts berichtet wurde, immer wiedererläuterten Fragestellung. Sie lautet, ob und in welcher Weise sich dieDopingproblematik auf das Verhältnis von Sport und Staat in Deutschlandausgewirkt, bzw. ob dieses Verhältnis wiederum zur Förderung und/ oderBekämpfung von Doping beigetragen habe.Die Chronologie entspricht der prozesshaft veränderten sozialen Figuration, in dersich Doping und Anti-Doping entwickelt haben. Diese Figuration, wie einleitendunter Bezug auf die Prozess- und Figurationssoziologie von Norbert Elias erläutertwurde, wird von verschiedenen Akteuren gebildet, die zu einer spezifischenDynamik des Doping- und Anti-Doping-Geschehens beigetragen haben und esimmer noch tun. Zu ihr gehören zunächst die Sportler oder Athleten selbst,einschließlich Eltern und Angehöriger, auch wenn diese in der Regel eher imHintergrund des Geschehens bleiben, aber auch Trainer und Betreuer, schließlichÄrzte und Wissenschaftler. Alle Beteiligten stehen ihrerseits wiederum in derTradition von sozialen Prozessen, die lange vor dem Zeitraum, der hier zubehandeln ist, eingesetzt haben. Diese Figurationen unterscheiden sich auch inAbhängigkeit von spezifischen Sportarten. Zu dieser sozialen Basisfiguration, die imWesentlichen noch die Sportentwicklung in der frühen Bundesrepublikkennzeichnet, kommen schließlich als weitere wesentliche Akteure Medien undJournalisten, aber auch staatliche Beamte und Politiker hinzu, die aus ihremArbeits- und Interessengebiet heraus das soziale Konstrukt Sport und Doping sowiedie Kommunikation darüber prägen (siehe das Münsteraner Teilprojekt zurRezeptionsgeschichte des Dopings). Die Olympischen Spiele von München 1972sowie überhaupt die Teilnahme deutscher Athleten bei Olympischen Spielen undWeltmeisterschaften machte die Veränderung der Doping-Figuration(en) besondersdeutlich. Sie war nun längst nicht mehr national begrenzt, sondern internationaleAkteure in den verschiedenen Sportarten, in der Olympischen Bewegung sowieeuropäische und internationale Institutionen traten nun mehr und mehr in denVordergrund. Von entscheidender Bedeutung war der Kalte Krieg zwischen denStaaten und Gesellschaften des Ostblocks und dem Westen, dessen „Schlachtfeld“vor allem in Deutschland lag. Mit dessen Ende bzw. mit der deutschenWiedervereinigung 1989/90 und einer völlig neuen Lage von internationaler Politikund (Welt-)Gesellschaft erfuhr auch die Doping- und Anti-Doping Politik wieder eine
 
Wendung, die unter den alten Bedingungen noch undenkbar und unmöglichgewesen wäre.
A Von der Praxis zum Verbot der Beginn von Doping undAnti-Doping im Sport der 1950er- und 1960er-Jahre
1 Einleitung
Doping ist ein Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn derGebrauch von „klassischen“ leistungssteigernden Mitteln wie Alkohol, Kokain,Strychnin oder Koffein bereits weit vor dem Zweiten Weltkrieg verbreitet war – undsomit den Glauben eines „sauberen“ Sports vor der Verbreitung anaboler Steroidead absurdum führt (vgl. Hoberman, 2005, S. 179) –, gelten in der Forschungallgemein die 1950er-Jahre als die prägenden Jahre einer ersten Welle desEinsatzes von neuartigen und wirksameren Dopingmitteln im Sport. Seit den1960er-Jahren setzte sich diese Entwicklung mit dem verstärkten Einsatz vonSexualhormonen im Zuge einer „Doping-Spirale“ bis heute unter ständigerqualitativer und quantitativer Zunahme fort. In gleichem Maße wird sowohl derAspekt einer grundsätzlichen Diskussion über Doping im Sport als auch dieEntstehung einer Abwehrhaltung im Sinne eines „Anti-Dopings“ in den Zeitraum abder Mitte des 20. Jahrhunderts gelegt (vgl. Waddington & Smith, 2009, S. 64;Dimeo, 2007, S. 103). Insbesondere die Mitte der 1960er-Jahre wird in derinternationalen Forschungsliteratur in Bezug auf Anti-Doping als eine ArtEpochengrenze gesehen. War Doping zuvor eher ein theoretischesDefinitionsproblem der Sportmedizin gewesen, wurde es nun zu einem praktischenBewältigungsproblem, das weit über den sportmedizinischen Bereich hinausging.Neue Akteure auf internationaler, nationaler und verbandlicher Ebene traten inErscheinung, darunter zunehmend auch die Staatsregierungen.
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 Die wahrgenommene Präsenz des Dopings vor allem im Hochleistungssport unddie damit einhergehende Herausbildung von Anti-Dopingaktivitäten wirkten sich inden 1960er-Jahren auch auf das Verhältnis von Staat und organisiertem Sport inder Bundesrepublik Deutschland aus. Waren die 1950er-Jahre das Jahrzehnt, indem sich Sport und Staat in gegenseitigem Einverständnis auf ein Miteinanderverständigten, das durch die Maximen „Autonomie“ und „Subsidiarität“gekennzeichnet war, wurde spätestens ab der Mitte der 1960er-Jahre, nicht zuletzt
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Vgl. zu dieser Periodisierung in internationaler Perspektive Hoberman, 1994; 2005; Beamish & Ritchie,2006; Laure, 2006; Dimeo, 2007; Waddington & Smith, 2009. Für den Radsport Rabenstein, 1997. FürFrankreich Brissoneau & Depiesse, 2006; für Großbritannien Waddington, 2005; für das IOC Wrynn,2004; Henne, 2009.
 
3unter dem Einfluss internationaler Entwicklungen im Doping wie auch im Anti-Doping, diese Sport-Staat-Beziehung vor neue Herausforderungen gestellt. Sienötigten sowohl die Sportverbände mit dem DSB an der Spitze als auch die jeweiligen Bundesregierungen zu Reaktionen und damit auch zu Neujustierungenihres Verhältnisses. Dieser Prozess der Anpassung an den jeweiligen Status quovon Sport und Politik prägte die folgenden Jahrzehnte und ist bis heute nichtbeendet.
2 Zur Forschungs- und Quellenlage
Doping und Anti-Doping sind soziale Konstrukte. Sie stellen keine Phänomene dar,die losgelöst von sportimmanenten und äußeren Einflussfaktoren erklärbar sind. DieDarlegung dieser den Sport selbst transzendierenden sozialen und politischenFigurationen wurde in der bisherigen deutschsprachigen Dopinghistoriografievernachlässigt. So wurde vielfach die Rolle einzelner Sportmediziner alsDopingakteure akzentuiert, dagegen die Beteiligung der nationalen wieinternationalen Sportmedizin an der Genese des Anti-Dopings kaum diskutiert.Länderübergreifende Einflüsse auf den Sport wie die Politisierung, Ökonomisierung,Mediatisierung und nationale Instrumentalisierung des globalen Spitzensports aufdie Entwicklung von Doping, aber eben auch auf Anti-Doping durchsportmedizinische Kongresse oder erste Ansätze politischer Lösungsversuchewurden höchstens pauschal angedeutet, aber kaum in ihren einzelnen, auchzeitbezogenen Verästelungen und Interdependenzen untersucht. In unserenUntersuchungen hat sich über den gesamten Untersuchungszeitraum gezeigt, inwelch hohem Maße die Anti-Dopingpolitik der deutschen Bundesregierungen, aberauch der Spitzenverbände des Sports von derartigen internationalen Einflüssengeprägt und oftmals erst motiviert war.Über die Positionierung der Sportmedizin wie des DSB und der Sportverbände inFragen von Doping und Anti-Doping, aber auch über das Verhältnis von Sport undStaat in der Bundesrepublik geben vor allem zeitgenössische VeröffentlichungenAuskunft. So stellen insbesondere Verbandsprotokolle eine wichtige Quellengattungdar, welche den innerverbandlichen Umgang am besten sichtbar werden lassen.Zugang zu unveröffentlichten Quellen erlauben die Archive des DOSB sowieeinzelner Sportverbände. Hinzu kommen veröffentlichte Quellen in Form offiziellerVerlautbarungen sowie verbandlicher Regularien von Sportverbänden.Herangezogen werden zudem Artikel und Aufsätze aus Jahrbüchern undDokumentationen des DSB sowie aus Sportzeitschriften wie „Leibeserziehung“,„Olympisches Feuer“, „Radsport“ etc. Ergänzend liefern einschlägigezeitgenössische Fachliteratur, etwa der Sportmedizin, und Presseartikel wichtigeHintergrundinformationen. Ab der Mitte, spätestens seit dem Ende der 1960er-Jahre gerät der Sport zunehmend auf die politisch-parlamentarische Agenda. Diese

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