Ach, meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer,haben wir’s also wieder einmal geschat: Es ist wiederSommer in der Stadt. Die Flora blüht los, was das Zeughält, und auch die Fauna erreut sich regen Treibensund Balzens. Doch mal ehrlich – Enten und Schwäne auder Isar beobachten ist doch ein bisserl passé. Wo dochdie Wärme wesentlich interessantere Exemplare her-vorlockt. Gleich bei den Enten gegenüber am Flaucherndet man den possierlichen Einsamen Poser. Mit vol-ler Urlaubsbräune schon im Januar gesegnet, trumpter am Beginn der Tuntengrill-Saison im risch geöltemSixpacklook und Leoparden-Aussi-Bum-Slip au. Immergünstig im Licht steht er mit gespannten Muskeln, ge-duldig wartend au Beute.Der EinsamePoser istleider vomAussterbenbedroht, ge-nau wie sei-ne lesbischeKollegin, dieMountain-bike-solistin.Trotz all demdekorativenSchmutz amRahmen –„war nur akloane Tour,grad maldie Kampen-wand“ – älltihnen diePartnersuche immer schwerer. Ihr Jagdrevier wird im-mer kleiner – und ausgeräuchert von den Schwärmender Party-Nomaden.Diese bunte Spezies kommt mit Cabrios und innerstäd-tisch dringend benötigten Geländewagen teils von weither, manche sogar aus Schwabing, magisch angezogenvom Rauch qualmender Grille und euchter Lagereu-er. Nach stundenlanger Parkplatzsuche in Münchensletzten lizenzreien Ecken geht der Erholungsstresserst richtig los. Mit Fahrradanhängern, Schubkarren, inriesigen Säcken und Taschen transportieren diese Ge-sellInnen allabendlich ihren halben Hausstand an dieIsar. Dann durchstreien sie die Gehölze, getrieben vomDrang, stinkende Feuer machen zu müssen, obwohl siegenug Holzkohle dabei haben, um zwei Ochsen zu gril-len. Wissenschatlern ist noch nicht klar, ob dieses Ritu-al zum Anlocken weiterer Nomaden oder zur Abwehrder jüngsten Sommerspezies dient – des Bierfaschen-läuers.Die Schwärme dieser von Grünfäche zu Grünfächeziehenden Vergnügungssuchenden wurden anäng-lich älschlicherweise als Subspezies der Nomadeneingestut. Tatsächlich jedoch handelt es sich um eineneue Form: Ohne erkennbares estes Ziel, nur zusam-mengehalten von Handy und Alkohol, durchstreiensie die Stadt. Zwar scheint es, als sei ihr bevorzugterRastplatz der Gärtnerplatz, doch wurden ähnliche Phä-nomene auch aus weit enternten Regionen der Stadtberichtet. Ungeheuer mobil nutzen sie auch die öent-lichen Verkehrsmittel, um möglichst große Flächen zumarkieren. Denn im Gegensatz zu den Nomaden, derenRuheplätze in den Isarauen nach Verlassen aussehenwie ein Wertstoho nach einem Tornado, bevorzugendie Bierfaschenläuer eher die großfächige Streuung.Wer ihre Spur aus Pommestüten, Dönerservietten undScherbenhauen zu lesen versteht, kann ihren geheim-nisvollen Wegen durch die Stadt leicht olgen. Voraus-setzung ür die Beobachtung ist neben esten Schuh-werk auch ein guter Magen, schließlich müssen Alk undFastood ja hin und wieder schnell entsorgt werden, amBesten gleich vor Ort.Doch hier gleich den Verbotshammer auspacken? Wa-rum? Nur weil ein paar Saubären ihren Müll nicht beisich behal-ten können?Wie ot hatman dennim Lebendie Gele-genheit, beider Entste-hung einervöllig neuenurbanenKultur zu-zusehen?MüssenStraßen undPlätze dennnur Raumohne Inhalt,schnellstenszu überque-ren sein?Oder passiert gerade das, was sich Stadtplaner immerals hehres Ziel gesetzt hatten: die Eroberung und Nut-zung des urbanen Raumes. Nein, hier muss nicht ein-gegrien werden. Hier kann München einmal beweisen,wie liberal es wirklich ist – und uns Bürgerinnen undBürger den Raum einnehmen lassen, der uns zusteht.Denn schließlich ist das unsere Stadt.Ich nde es toll, während einer Magic-Bar-Tour durchdie Straßen zu ziehen – inmitten von Gruppen verschie-denster Couleur. Und wenn das Rauchverbot außer ri-scher Lut in manchen Läden wirklich etwas gebrachthat, dann die Ausweitung der Kneipe nach außen. DerGärtnerplatz voller Menschen mitten in der Nacht –einach so, ohne CSD oder Fußballweltmeisterschat …manchmal habe ich das Geühl, irgendwer hat unsererStadt gesagt, dass sie eine Großstadt ist. Und sie begin-nt selber daran zu glauben. Szenekneipen trauen sichin den Norden, Schwabing beginnt wieder mit und ohneRegenbogen zu pulsieren.Wenn ich so an einem dieser lauen Tage zwischen Früh- jahr und Sommer die Ludwigstraße runtergehe, michan die Studentenmärkte erinnere, die mich als Kind hiermagisch angezogen haben mit Gerüchen, Musik undbunten Farben, spüre ich ein Leben in dieser Stadt, dasich lange vermisst habe.
Ich bin Sarah Jäckel und hoe, dass dieses LeuchtenMünchens einen lebendigen Sommer ankündigt. Denwünsche ich auch Ihnen. Viel Spaß au den Festenund Straßen und wo immer sie ihn sonst fnden!
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