hinnerk
06/092828
kultur
Mit seinen Modeaufnahmen, seinen Bildern desTrümmer-Berlins, und Starporträts war Herbert To-bias zu einem der bemerkenswertesten Fotografender 50er Jahre geworden. Seine Männeraufnahmeninszenierte der 1982 verstorbene Tobias mit selbstbe-wusster Homoerotik. In den Deichtorhallen ist nundie erste Retrospektive seines vielfältigen Gesamt-werkes mit über 200 Exponaten zu sehen.
Ingo Taubhorn, Sie haben diese Ausstellunggemeinsam mit einem Kollegen von der Berli-nischen Galerie kuratiert. Was macht HerbertTobias ein Vierteljahrhundert nach seinem Todwieder so spannend?
Gerade weil Tobias‘ Bilder nicht nach angesagtenZeitströmungen schielten und sich nicht um Stilisti-sches kümmerten, gerade weil sie so entwaffnendintim und persönlich sind, haben diese Aufnahmenüber die Jahrzehnte nichts von ihrer Unmittelbar-keit eingebüßt.
Welchen Platz nimmt er heute in derdeutschen Fotografiegeschichte ein?
So sehr man ihn auch gerne mit Zeitgenossen odereiner neuen Fotogeneration vergleichen will, HerbertTobias ist und bleibt ein Solitär in der Fotografie. Den-noch sind viele seiner Bilder zu Ikonen der deutschenFotogeschichte geworden: das Porträt von AndreasBaader vor seiner RAF-Zeit, das Doppelporträt vonKlaus Kinski und Thomas Harlan, Andy Warhols spä-tere Muse Nico, die Tobias entdeckt hat. Oder das fan-tastische Modebild „...und neues Leben protzt aus denRuinen…“ von 1954.All seinen Fotos, die sich stilistisch in die Zeit einfü-gen, verleiht Tobias eine persönliche und politischeAussage und macht sie dadurch unverwechselbar. SeinWerk ist vergleichsweise schmal, seine produktivsteSchaffensperiode kurz, aber die Nachhaltigkeit seinerBilder wird den einen oder anderen populären Foto-grafen seiner Zeit in Vergessenheit bringen.
Die Ausstellung trägt nicht von ungefährden Titel „Blicke und Begehren“. Wie hat sichdas schwule Begehren in Tobias‘ Arbeit nieder-geschlagen?
Seit seinen Russlandbildern, in dem er als jungerMann seine Empfindungen und Erlebnisse mit politi-schem Inhalt umsetzt, folgt er immer seiner sexuellenOrientierung und macht sie oft und gerne zum zentra-len Thema seiner fotografischen Auseinandersetzung.Ob in Selbstporträts, auch mit seinen Liebhabern,oder mit seinem direkten Blick auf Männer, der eroti-sche Moment schwingt immer offen mit. Insofern sinddie frühen Zeugnisse auch ein politischen Statement,weil Tobias nie versteckt mit seinem Schwulsein um-gegangen ist.Aus Paris ist er wegen seiner Sexualität Anfang der50er Jahre ausgewiesen worden. Sexualität ist fürTobias von derartiger Wichtigkeit gewesen, dass erfür ein Sex-Abenteuer selbst Aufträge für die Mode-industrie in den Wind geschlagen hat und bald we-gen seiner Unzuverlässigkeit nicht mehr engagiertwurde.
Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachteTobias in Hamburg, hier ist er auch begraben.Wurde er noch zu einem Sohn Hamburgs oderblieb er nicht eher Weltbürger ohne Heimat?
Dazu vielleicht eine Anekdote, die nicht nur etwas mitder besonderen Persönlichkeit von Herbert Tobias zutun hat: Tobias kam 1969 nach Hamburg – vielleichtwegen seines Freundes und Förderers Pali Meller Mar-covicz, vielleicht, weil er dem ausschweifenden Lebenin Berlin eine „geordnete Welt“ entgegensetzen wollte.Jedenfalls bezog er in der Arnoldstraße Nr. 63 einziemlich großes Ladenlokal mit einem Hof, den Tobiasin einen Garten verwandelte. Er brauchte wirklich nurden Daumen in die Erde zu stecken und es wucherte.Das hatte natürlich auch den Nachteil, dass ihm dasHaschisch so fabelhaft geriet. Zudem teilte er mit sei-ner unmittelbaren Umwelt sein intimes Leben bei of-fenem Fenster, so dass die ganze Straße an seinemLiebensleben teilnahm. Irgendwann beschwerte sicheine Mitbewohnerin des Hauses und Tobias erwidertein seiner charmanten Schamlosigkeit nur: Wenn sie,die Hausbewohnerin, beim Ficken ein bisschen mehrschreien würde und größere Lust empfände, dannhätte sie auch nicht mehr diesen verdrossenen Ge-sichtsausdruck.Das fand die Frau nicht so toll und zeigte ihn beimRauschgiftdezernat an. Und als Tobias gerade beimErnten seines Cannabis war, standen die Herren plötz-lich im Hof. Es kam zum Prozess, Tobias wurde verur-teilt. Aber hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende.Tobias wohnte unweit des Altonaer Rathauses, undvor dem Rathaus ist eine sehr große Blumenanlage.Tobias pflanzte heimlich zwischen Tulpen und Stief-mütterchen Cannabispflanzen. Als sie im besten Grünstanden, erstattete er Anzeige gegen den Hausherrndes Terrains: gegen den Bürgermeister von Altona.I
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Bilder der Sehnsucht
Das Hamburger Haus der Photografie widmet dem Fotografen Herbert Tobias eine umfangreiche Werkschau.Ein Gespräch mit Kurator Ingo Taubhorn über die Retrospektive „Blicke und Begehren“
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-Leser führt Kurator IngoTaubhorn am Donnerstag, den 25. Juni, um19 Uhr durch die Ausstellung. Treffpunkt:Haus der Photographie/Südhalle. Eine Vor-anmeldung ist nicht erforderlich.
Die Ausstellung im Haus der Photografie in den Deichtorhallen ist noch bis 16. August zu sehen.Di-So 11-18 Uhr,www.deichtorhallen.de
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